Archiv für Juni 2015

München 1970

Dokumentation – 90 min., D 2012
Ein Film von Georg M. Hafner

Der Beitrag behandelt den antisemitischen Terror palästinensischer „Befreiungskämpfer“ um das Jahr 1970, die Kollaboration deutscher Antiimperialisten im Kampf gegen „den Zionismus“ als auch den mangelnden Verfolgungswillen bundesrepublikanischer Behörden. Und auch wenn die Beteiligung der deutschen Linken speziell im Fall des Brandanschlags auf das jüdische Altenheim in München noch spekulativ erscheint, gibt es auf praktischer wie theoretischer Ebene genügend Anlässe, die weitere Beschäftigung mit einem Antisemitismus von links als dringend geboten zu erachten. Direkt daran anknüpfend ein aktueller Vortrag von Olaf Kistenmacher vom Juni 2015.

13. Februar 1970: Beim Brandanschlag auf das Altenheim der Isra-
elitischen Kultusgemeinde in München sterben 7 Menschen | © ARD

Satanische Verse – Die Affäre Rushdie

Dokumentation – 90 min., BBC 2008
Film von Janice Sutherland

Dokumentation zur Wirkung von Salman Rushdie’s Die Satanischen Verse. Die vom iranischen Revolutionsführer Ayatollah Chomeini 1989 verfügte und bis heute gültige Todesfatwa gegen Salman Rushdie und andere Beteiligte gilt als Auftakt des weltweiten Kampfes gegen Presse- und Meinungsfreiheit. Nach den blutigen Kampagnen gegen Theo van Gogh 2004 und die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen im Jahr darauf, zeigt der Hass auf „westliche Werte“ mit den Anschlägen in Paris und Kopenhagen im Jahr 2015 nun auch offen seine antisemitische Qualität.

„We will kill Salman Rushdie“ : 2016 erhöhten iranische Medienor-
ganisationen das Kopfgeld auf insgesamt 4 Mio. US-Dollar | © BBC

Die Mörder sind unter uns

Spielfilm – 91 min., DEFA 1946
Buch/Regie: Wolfgang Staudte

Der erste und bis heute populärste deutsche Nachkriegsfilm. Geschildert wird die Begegnung und Abrechnung des traumatisierten Ex-Landsers Mertens mit seinem ehemaligen Befehlshaber und Verantwortlichen einer Massenerschießung. Der hier vorgeführte Vergeltungswunsch könnte nicht nur im Fall von Mertens (Burschenschafter, Arztkarriere im NS, Wehrmachtssoldat) als Schuldabwehr verstanden werden. Auch der Regisseur Wolfgang Staudte, der an zahlreichen NS-Propagandafilmen (u.a. als Nebendarsteller in „Jud Süß“) mitwirkte, scheint sich mit diesem Film einen Persilschein ausgestellt zu haben. Obendrein wirkt somit auch die Liebesbeziehung zwischen Mertens und einer KZ-Überlebenden (gespielt von Hildegard Knef) wie eine dreiste Nötigung zur Versöhnung. Es ist zudem Staudtes Verdienst, den Mythos vom völlig zerstörten Deutschland als auch der Trümmerfrauen mitbegründet zu haben. Ein wahrhaft deutscher Film.

Ja, wenn nur der Krieg nicht gewesen wär: Vormalige Volksge-
nossen vor deutscher Kulissenlandschaft | © DEFA-Stiftung

Israel – Blut für Wasser

Dokumentation – 45 min., D 1998
Film von Rolf Pflücke

Diese deutsche Produktion toppt viele weitere Dokumentationen zum angeblichen palästinensischen Leiden unter den Israelis. Der Autor versteht es nicht nur, seinen Film mit Assoziationen zum Motiv des jüdischen Brunnenvergifters zu umrahmen, seine biblischen Verweise arten am Ende noch in unverhohlene apokalyptische Vernichtungsdrohungen aus. Und die gehässige Bebilderung einer „jüdisch-westlichen Dekadenz“ kommt dabei mindestens einer modernen Adaption des lutherischen Antijudaismus gleich, nur dass jene deutsche Mission sich heutzutage ganz weltlich als „Israelkritik“ versteht. Als Contra bieten wir vorerst einen Artikel zur israelischen Wasserpolitik als auch eine allgemeine Kritik des Hilfsbusiness, speziell in Palästina.

Predigt vom Wassertank: Israel ist an allem Schuld | © ZDF

Germania anno zero

Spielfilm – 78 min., I 1948
Film von Roberto Rossellini

Herbe Darstellung einer sich ins Suizidale steigernden deutschen Opfermentalität, der Verdrängung von Mitwisser- und Mittäterschaft über die Generationen hinweg und dem ungebrochenen Weitertreiben der Ideologie des Lebenskampfes. Der unempathische Trümmerfilm im Stil des Neorealismus veranlasste den Publizisten Hans Habe zu dem Urteil: „Rossellini pflückt in diesem Film nicht Blumen vom Grab einer Nation, er erbricht sich in den Sarg.“ Sowohl zum Regisseur als auch zum Mythos um deutsche Trümmer ( 1 2 ) oder dem anklingenden Begriff der Stunde Null gäbe es allerdings noch einiges Kritisches anzumerken.

Der Verlorene

Spielfilm – 98 min., D 1951
Ein Film von und mit Peter Lorre

Im Stil des Film Noir setzt sich Lorre’s beeindruckendes Regiedebut mit Schuld und Verdrängung in der deutschen Nachkriegsgesellschaft auseinander. Selbstverständlich fand der Film beim deutschen Kinopublikum nur geringes Interesse. Den Hinweis auf Peter Lorre verdanken wir einem Jungle World-Beitrag der Gruppe kittkritik. Als Begleitprogramm empfiehlt sich die ebenfalls sehenswerte Dokumentation „Displaced Person – Peter Lorre und sein Film Der Verlorene sowie ein zusammenfassender Text von Ulrike Ottinger.

1951 waren die Spuren der Vergangenheit noch frisch: Für Dr.
Rothe gibt es kein Entkommen | © Kinowelt Home Entertainment

Verbotene Filme – Das Erbe des Nazi-Kinos

Dokumentation – 52 min., D 2013
Ein Film von Felix Moeller

Die Dokumentation beschäftigt sich mit der Frage, wie sinnvoll die strenge Reglementierung des Zugangs zu sogenannten „Vorbehaltsfilmen“ ist. Beispielhaft werden Ausschnitte einzelner Filme kommentiert, sowie öffentliche Aufführungen und anschließende Diskussionen mit dem Publikum in Frankreich, Deutschland und Israel begleitet.

Wirkmächtiger Topos: „Die Rothschilds“ geistern auch heute noch ganz
ohne Vorbehalt in den Köpfen der Antisemiten | © Blueprint Film GmbH

Vous avez dit antisémite? – Befremdet im eigenen Land

Dokumentation – F 2003
Ein Film von Daniel Leconte und Barbara Necek

Facettenreiche Dokumentation über den erstarkenden Antisemitismus in Frankreich nach 9/11, der Antirassismus-Konferenz in Durban und dem Irakkrieg. Insbesondere Finkielkraut’s Bemerkungen zum „notorischen Verbrechen der Kapitalisten“ und zur strukturell antisemitischen Kritik linker Globalisierungsgegner sind doch recht erfrischend. In der Haltung zu Israel bleibt der Film jedoch sehr ambivalent. Seit Fertigstellung 2003 haben sich die Verhältnisse bis zum Jahr 2015 weiter verschärft.