Archiv für Januar 2016

Von Verwunderung zur Bewunderung

Rede von Ruth Klüger zur Gedenkstunde für die Opfer des NS im Bundestag am 27.Januar 2016 – 27 Min.

[D]ieses Land, das vor achtzig Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Groβherzigkeit, mit der Sie die Flut von syrischen und anderen Flüchtlingen aufgenommen haben und noch aufnehmen. Ich bin eine von den vielen Auβenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind. Das war der Hauptgrund, warum ich mit groβer Freude Ihre Einladung angenommen und die Gelegenheit wahrgenommen habe, in diesem Rahmen, in Ihrer Hauptstadt, über die früheren Untaten sprechen zu dürfen, hier, wo ein gegensätzliches Vorbild entstanden ist und entsteht, mit dem bescheiden anmutendem und dabei heroischem Wahlwort: Wir schaffen das.

Mit diesen Worten beendet die Shoah-Überlebende Ruth Klüger ihre aus Anlass des 71. Jahrestages der Auschwitz-Befreiung im Bundestag gehaltene Rede. Kurz nach dem sie vom „Beifall der Welt“ spricht, brandet selbiger im Plenarsaal auf. Man spendet sich ihn selbst, denn es ist einfach zu schön dieses Geschenk – zumal überbracht von einer Jüdin. Das staatsoffizielle „Refugees Welcome“ hat sich mehr als ausgezahlt. Auschwitz ist abgegolten, und das weit vor der Aufnahme des sechsmillionsten Syrers. Zu der es, spätestens die Reaktion auf die Kölner Silvesternacht hat es gezeigt, höchstwahrscheinlich eh nicht kommen wird. Das in das Parlament des postnazistischen Deutschlands transferierte Bahnhofsklatschen zeigt die Verlogenheit dieser Veranstaltung so deutlich, dass man dafür dankbar sein muss. Auschwitz hat bewiesen, „erstens, dass man [es] veranstalten kann, und zweitens, dass ein derartiges Verbrechen langfristig gut ausgeht und sich nicht nur in Exportquoten, sondern auch in Ausstellungen und Kultur auszahlt“ (Eike Geisel). Und in Ansehen für etwas, für das niemand sonst Applaus bekommt, geschweige denn ihn sich selbst gibt.

[Wie erinnern?] Kein Friede den Frevlern

Dokumentation – 40 Min., D 2011
Ein Film von Mikko Linnemann

Irgendwo in mir war immer noch der unverwüstliche Glaube, dass bei der Abrechnung, wenn die Frevler zu Kreuze kriechen und um Gnade betteln würden, diese Beobachtungen mit in die Waagschale geworfen werden könnten.“

Diese Hoffnung Leon Szalets, die er kurze Zeit, nachdem er seinem beschlossenen Tod im KZ Sachsenhausen entronnen war, formulierte, ist im Wesentlichen uneingelöst geblieben. Die Sprache, in der er seinen noch frischen Erinnerungen Gestalt verleiht, ist dicht. Wie dem Geschilderten erinnern? Mikko Linnemann entschloss sich den Ort des Geschehens, 70 Jahre nachdem Leon Szalet und all die anderen dort mit einer Bestialität gequält wurden, die sich der sprachlichen Vermittlung entzieht, aufzusuchen und zu filmen. Zu filmen und das Gefilmte mit den Schilderungen Szalets zu unterlegen. Wir sehen eine friedliche, sommerliche Kleinstadt im Norden Berlins, ungetrübt von der Vergangenheit: frisch renovierte Fassaden, tadelloser Asphalt. Tadellos auch der „authentische Ort“ der KZ-Gedenkstätte, Maler am Werk, Rekonstruktionen. Das „schönste KZ Deutschlands“ (so der Architekt) hat schon damals nicht mit Ordnung und Fehlerlosigkeit gespart: Blumenbeete soweit das Auge reichte, eine damals wie heute idyllische und ordentliche SS-Siedlung nebenan. Beim Filmen des nach wie vor von der Bauindustrie genutzten Klinkerwerks, fährt ein weißes Boot, mit tadellosen, in hellem Lichte scheinenden Menschen durch das Bild. Deutschland, 70 Jahre danach.

Sachsenhausen
© Gegenfeuer Produktionen

L‘humour à mort – Je suis Charlie

Dokumentation – 90 min., F 2015
Ein Film von Emmanuel und Daniel Leconte

Zum Jahrestag der Anschläge vom Januar 2015 in Paris kam in Deutschland der Dokumentarfilm „Je suis Charlie“ in die Kinos. Mit seiner einfühlsamen Hommage an Charlie Hebdo und seine Mitarbeiter bleibt Regisseur Daniel Leconte sehr nah bei den Opfern und Hinterbliebenen des Massakers und verzichtet deshalb weitgehend auf Geschichte und politische Analysen des islamistischen Terrors. Da wir hier nicht gern wiederholen, was andere besser beschrieben haben, verlinken wir gern eine umfassendere Filmbesprechung der Wochenzeitung Jungle World. Verweisen möchten wir aber trotzdem auch auf den ARTE-Dokumentarfilm „2015 – Paris est une cible“, da hier der antisemitischen Motivation des Terrors der letzten Jahre mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird, so wie wir es schon mit unseren Beitrag zu „Satanische Verse. Die Affäre Rushdie“ oder dem Kommentar zu „Bataclan. Ein antisemitischer Anschlag.“ versucht hatten.

Es ist hart, von Idioten verehrt zu werden

Dokumentation – 100 min., F 2008
Ein Film von Daniel Leconte

Zum Kinostart des Dokumentarfilms „L‘humour à mort. Je suis Charlie“ 2016 wurde in den Filmbesprechungen öfter darauf hingewiesen, dass Regisseur Daniel Leconte schon während des Prozesses gegen Charlie Hebdo im Jahr 2006 wohlwollend mit der Kamera zugegen war, während die meisten Medien dem Blatt und seinem blasphemischen Programm bis zuletzt ihre Solidarität verweigerten. Die Satirezeitschrift hatte sich damals mit dem Abdruck der Mohammed-Karikaturen der dänischen Jyllands-Posten, sowie eigener Karikaturen, nicht der Selbstzensur unterworfen und sah sich in der Folge mit einer Klage des Rates der Muslime Frankreichs – nicht wegen Blasphemie, was in Frankreich keinen Straftatbestand darstellt – jedoch wegen Beleidigung konfrontiert. Aus heutiger Perspektive zeigt der Dokumentarfilm zu jenem Prozess die Vorgeschichte der Terroranschläge in Paris vom Januar 2015 und ist hier deshalb mit Hinweis auf die Opfer in einer aktualisierten Fassung zu sehen.

Die beanstandete Ausgabe vom 08.02.2006 | © Charlie Hebdo

Somehow in Between – The Life of the Journalist Karl Pfeifer

Dokumentation – 87 min., A 2011
Ein Film von Daniel Binder u.a.

Ich glaube auch bis heute nicht, dass ein Jude in Österreich leben kann und seine Menschenwürde wahren kann. Das ist ein Widerspruch.“ (Karl Pfeifer)

Dennoch lebt und arbeitet Karl Pfeifer, der als Journalist erst spät zu seinem Metier fand, seit den 1950er Jahren wieder in Österreich. Als „Jude“ 1938 zunächst nach Ungarn, dann 1943 wie durch ein Wunder mit einem der letzten Kindertransporte nach Palästina entkommen, verteidigte er die Staatsgründung Israels als Mitglied des Palmach, um dann über Umwege wieder in das Land zurückzukehren, dessen Vernichtungswahn er eben gerade noch entgangen war. Als bissiger und unnachgiebiger Kritiker, insbesondere des Antisemitismus, hatte Karl Pfeifer in der postnazisitischen Gesellschaft Österreichs keinen leichten Stand. Er ist auch in hohem Alter noch Autor, u.a. bei hagalil.com und Jungle World und Korrespondent des israelischen Radios. Seine Autobiographie „Einmal Palästina und zurück. Ein jüdischer Lebensweg.“ erschien im Jahr 2013. Wir wünschen Karl Pfeifer von ganzem Herzen ein langes, glückliches Leben und beim Lesen der Kronenzeitung einen festen Magen. Zur besseren Einordnung der Erfahrungen Karl Pfeifers in Österreich bietet sich ein Vortrag von Florian Markl und Stephan Grigat zu „Austrofaschismus, Nationalsozialismus und Postnazismus“ an.

Karl Pfeifer präsentiert die abgrundtiefe Niedertracht der Kronen-
zeitung | © Gesellschaft für kritische Antisemitismusforschung

haGalil und der Aufstand der Anständigen

monitor-beitrag aus dem Jahr 2005 zum Internetprojekt haGalil.com

Die Wohnung

Dokumentation – 97 min., ISR 2014
Ein Film von Arnon Goldfinger

…da sind so Rubriken, was er so beruflich gemacht hat, und so weit ich das im Kopf hab, steht da: Journalist. Also würde ich sagen: unbescholten … in dieser Richtung alles in Ordnung.“ (ein Freund der Familie von Mildenstein)

Beim Räumen der Tel Aviver Wohnung stößt der Filmemacher Arnon Golfinger im Nachlass seiner Großmutter auf Spuren einer ungeklärten Vergangenheit: Die Großeltern, während des NS noch rechtzeitig nach Palästina entkommen, waren auch nach 1945 weiter eng befreundet mit dem SS-Mann und Vorgänger Adolf Eichmanns im Judenreferat Baron von Mildenstein und seiner Frau. Bei den Recherchen wird deutlich: Zu Lebzeiten fand weder auf der Täter- noch auf der Opferseite eine innerfamiliäre Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Shoah statt. Im Gegensatz zum Nichtwissenwollen der Tochter Edda von Mildenstein, die die kompromitierenden Rechercheergebnisse mit der Frage „Sonst noch was?“ abwehrt, hätte man sich allerdings von dem im Film konsultierten Historiker Dr. Michael Wildt doch mehr erwartet: Denn Baron von Mildenstein arbeitete später nicht nur einfach als „Journalist“ für das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Er soll dort als Leiter der Nahostabteilung für proarabische Propaganda zuständig gewesen sein. Über Ausgestaltung und Wirkung dieser Tätigkeit hätten wir schon gern mehr erfahren.

Der „Antizionismus“ des Jean-Luc Godard

Als Jean-Luc Godard im Jahr 2010 der Ehrenoscar für sein Gesamtfilmwerk verliehen werden sollte, wurde eine Diskussion um dessen antisemitische Positionen laut. Godard hatte sich ab Ende der 60er Jahre mit der Groupe Dziga Vertov und deren Film „Jusqu‘à la victoire“ (1970) bzw. Ici et ailleurs“ (1975) dem „antiimperialistischen Befreiungskampf“ der Palästinenser verschrieben. Das Fragment eines ZDF-Beitrages wirft aber nicht nur ein Schlaglicht auf seine kruden Positionen, auch die Willfährigkeit des Kamerateams erstaunt. Wer mehr weiß und uns sagen kann, in welchem Zusammenhang dieser TV-Beitrag entstanden ist, schreibe bitte einen Kommentar.