Archiv für Mai 2016

The Legacy of Jedwabne

Dokumentation – 72 Min., PL 2005
Ein Film von Slavomir Grünberg

„Der Christus der Nationen“: So lautet das Selbstbild der polnischen Nation als Opfer. Dass wir es dabei mit einem Mythos zu tun haben, zeigt nicht zuletzt dieser Film, der die Ereignisse vom 10. Juli 1941 behandelt, als in der kleinen ostpolnischen Stadt Jedwabne, die erst kurz zuvor unter deutsche Besatzung geraten war, nahezu sämtliche jüdische Bewohner von ihren polnischen Nachbarn ermordet wurden. Jan Thomasz Gross löste mit seinem gleichlautenden Buch eine heftige Debatte über polnische Kollaboration und den polnischen Antisemitismus aus und wird bis heute von der polnischen Rechten massiv angefeindet. Mit dem Spielfilm Poklosie (dt. Nachlese) des Regisseurs Władysław Pasikowski ist die zwischenzeitlich zum Stillstand gekommene Debatte erneut angestoßen worden. Momentan gibt es gar Bestrebungen, Gross den 1996 verliehenen Verdienstorden der Republik Polen wieder abzuerkennen. Das IPN (Institut Pamieci Narodowy, Nationales Gedächtnisinstitut), das in dem hier verlinkten, um den 60. Jahrestag des Massakers entstandenen Film noch damit zitiert wird, dass Jedwabne „kein isoliertes Ereignis“ war, soll nach den Plänen der neuen polnischen Regierung in Zukunft ausschließlich die heroischen Seiten des polnischen Überlebenskampfes thematisieren. Nicht nur ihr gilt der in Grünbergs Film ausführlich zu Wort kommende ehemalige Bürgermeister Jedwabnes Krzysztof Godlewski als Nestbeschmutzer. Nach mehreren Todesdrohungen ist er bereits vor einer Weile in die USA ausgewandert, worüber der neue Bürgermeister froh sein dürfte. Er betrachte, laut der oben verlinkten Sendung NDR Forum Zeitgeschichte vom 2.4.2016, „den Fall Jedwabne als einen weiteren Versuch die Verantwortung für die Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges anderen Nationen anzulasten, insbesondere den Polen.“

Wie die berittene Gestapo jüdische Kommunisten jagte – ein Lehr-
stück des antisemitischen Mythos von der Judäo-Kommune, vor-
getragen vom Priester Jedwabnes | © LOGTV

Die ‚moderate‘ Fatah feiert ihren Märtyrer

Von Mena-Watch: „Am 8. März 2016 stach ein 22-jähriger palästinensischer Attentäter auf der Promenade von Jaffa mit einem Messer auf die Menschen ein, die das Pech hatten, ihm über den Weg zu laufen. Bei seinem Versuch, Juden zu töten, ermordete er einen amerikanischen Studenten. Die vermeintlich moderate Fatah von Mahmud Abbas feierte den Mörder als „heroischen Märtyrer“, im Sender der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) wurde die „komplexe Operation“ bejubelt, bei der – mitten im israelischen Kernland – „12 Siedler“ verletzt worden seien. Jetzt wurde der Attentäter, der erschossen werden konnte, bevor ihm noch weitere Menschen zum Opfer fielen, zu Grabe getragen und im PA-Fernsehen erneut als „Märtyrer“ gepriesen. Sein Begräbnis wurde als „große nationale Hochzeit“ mit den 72 Jungfrauen gefeiert, die ihn im „Paradies“ erwarteten.“

Metropolis

Stummfilm – 148 min., D 1927
Film von Fritz Lang und Thea von Harbou

„Metropolis“ ist der bekannteste deutsche Stummfilm. Die meisterhafte filmische Umsetzung eines architektonischen Zukunftsbildes der Stadt macht ihn zu einem einzigartigen Dokument des Menschheitserbes.“ ( Deutsche UNESCO-Kommission e.V.)

Wer erschuf unter dem okkulten Siegel des Satans und der Freimaurerei qua seines übermenschlichen Intellekts den „Moloch“ der modernen Großstadt – und hetzt gleichzeitig im Untergrund der Tiefbahn die ausgebeuteten Massen zur Revolution? Wem passt Hakennase und Einstein-Frise und wird das undurchdringlich Abstrakte und Unmenschliche der Wissenschaft ebenso zugeschrieben wie die Macht über das Kapital? Wer steht der Hölle näher als dem Leben, verkörpert Lüge, Rachsucht und Lüsternheit und trägt ursächlich die Verantwortung für Laster und sündigen Verfall? In welchem Hause, schrieb Thea von Harbou in ihrer Romanvorlage, hat man „das Gefühl, als hocke die Pest in jedem Winkel und spränge einem von hinten ins Genick“? Wer lenkt die Presse und steuert eine Unzahl von Zeitungen? Wessen perfide Geschöpfe gehören – mit Büchern angeheizt – auf Scheiterhaufen verbrannt? Wem wird die Kreuzigung und „Gottesmord“ unterstellt? Wer gehört also schlussendlich vom Dach der Kathedrale gestoßen, damit sich Arbeit und Kapital versöhnen und als Volksgemeinschaft vereinigen können?
Keine Frage: Mitte der 1920er Jahre, als Fritz Lang und Thea von Harbou ihr Science-Fiction-Machwerk „Metropolis“ ausheckten, hätte sich noch jeder Deutsche denken können, dass mit der Figur des Rotwang „der Jud“ gemeint war. Und so verwundert es schon, wie Wulf D. Hund in seiner Filmbesprechung unter dem Titel „Jüdische Weltverschwörung unter rotem Stern“ einleitend feststellt, dass „ganze Sammelbände zum Film erscheinen können, in denen noch nicht einmal das Wort ‚Antisemitismus‘ vorkommt“ – obgleich bereits schon Adolf Hitler über den Regisseur gesagt haben soll: „Das ist der Mann, der uns den nationalsozialistischen Film schenken wird.“ Und Hund pflichtet weiter Siegfried Kracauers Einschätzung bei, dass die volksgemeinschaftliche Versöhnung am Ende des Films „ohne weiteres von Goebbels“ hätte stammen können.
Laut nachdenken wollen die ach so geläuterten Deutschen darüber heute natürlich nicht mehr. Viel lieber wollen sie sich gemeinsam – wie beispielsweise 2010 im eiskalten Berlin vor nationaler Schicksalskulisse – endlich wieder unbeschwert für deutsches Kulturgut erwärmen dürfen ( und nebenbei gleich der benachbarten französischen Botschaft die deutsche Interpretation der Marseillaise zukommen lassen). Potsdam, die redlich treue Landeshauptstadt und Geburtsstätte des deutschen Films, gibt dem „Klassiker“ heute im Landtag die höchsten politischen Weihen und „stellt sich“ – in gleichem Hause gern mal der deutschen Verbrechen wegen in Sakko und Asche gehend – nun endlich auch seinem UNESCO-Weltdokumen­ten­erbe… das Zertifikat „Schwarz-Rot-Geil“ aus. Das Prädikat „Künstlerisch und staatspolitisch wertvoll“ hätte damals vielleicht schon die Filmprüfstelle verliehen, aber der Film war im Jahr 1927, anders als „Der Herrscher“ ( ebenfalls nach Harbou-Drehbuch), seiner Zeit noch um wenige Jahre voraus.
In unverbrüchlicher Nibelungentreue haben die Deutschen also auch über dieses antisemitische Meisterstück wieder zueinandergefunden. Wobei, wie der beiderseits nach dem Motto „Kotzen statt Kleckern“ geführte Arbeitskampf im Berliner Stummfilmkino „Babylon“ zeigte, der Wille zur betriebsgemeinschaftlichen Versöhnung sich nicht immer gleich zu erkennen gibt. Und auch wenn Goebbels und der Führer schon tot, die „12 dunklen Jahre“ lange vorbei sind und die Nazis ja auch und so… : Dem über jeden Verdacht erhabenen, großen deutschen Filmschaffenden, Exilanten und „Halbjuden“ Fritz Lang und seiner „Herzensbotschaft“ dürfen und können sie problemlos folgen. Fritz bleibt Fritz! Lang leben die Deutschen! Und die deutsche Sozialpartnerschaft! Und deutsches Werk und Schaffen!

Heil Mittler!

Nachtrag: Den Anstoß zu diesem Beitrag gab uns Klaus Thörner mit seinem Vortrag „Arbeit macht frei – Über den Zusammenhang zwischen deutschem Arbeitswahn und Antisemitismus“.

Flimmern statt Fackeln: Zur 60. Berlinale 2010 durfte am deutschen
Filmwesen wieder die Welt genesen | © Sean Gallup, Getty Images

Werdet Märtyrer! – ein Kinderfest im Gazastreifen

Einige Tage bevor nicht nur in Berlin-Neukölln Antisemiten jeglicher Couleur den sogenannten Nakba-Tag begingen, fand in Chan Yunis im südlichen Gazastreifen ein Kinderfest statt, auf dem bereits die Kleinsten auf ihr Märtyrer-Dasein und eine „Messer-Revolution“ vorbereitet werden. Wir danken Memri für die Übersetzung.

Kinderwiderstand Gaza | © Memri TV

Al Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser

Dokumentation – 45 min., D 2008
Film von Richard C. Schneider

Eine vordergründig facettenreiche und krampfhaft um Differenziertheit bemühte Dokumentation, die ihre Scheinobjektivität ob der überrepräsentierten palästinensischen Narrative und der subtilen Unterstützung eines Rechts auf Rückkehr aber kaum zu verhüllen vermag. Die unkommentierten und unhinterfragten Widersprüche, Halbwahrheiten, Beiläufigkeiten und Auslassungen im Film hätten hier eine umfangreichere Besprechung verdient – wäre da nicht der von uns sehr geschätzte Alex Feuerherdt mit seinem Vortrag zum Mythos „Nakba“. Ebenso unverständlich bleibt das Ausblenden des „Rückkehrrechts“ als Politikum, sprich der unnachgiebigen Haltung arabischer Führer bei „Nahost-Friedensgesprächen“, deren Maximalforderungen gleichsam auf die Zerstörung des Staates Israel zielen wie die Shahids auf das Leben der Juden. Dass es nach dem Abzug von Richard C. Schneider aus dem ARD-Studio Tel-Aviv im Jahr 2016 anscheinend noch einseitiger und manipulativer zugeht, zeigt Susanne Glass mit ihrem Beitrag „Nakba – Palästinenser gedenken der Katastrophe“ für den ARD-Videoblog „Nahost ganz nah“. Zur Durchdringung des israelisch-arabischen Verhältnisses empfiehlt sich der aktuell erschienene „Guide for the Perplexed“ sowie weiterhin „Israels Existenzkampf – Eine moralische Verteidung seiner Kriege“ von Yaakov Lozowick.

Unkommentierte Schlüsselszene: „Ich wünsche, dass Israel zer-
fällt. Mit Gottes Willen. Aber erst, wenn Amerika zerfällt.“ | © BR

Animal Farm – Aufstand der Tiere

Zeichentrickfilm – 72 min., GB 1954
Nach einer Fabel von George Orwell

Als Nachtrag zum „Tag der Arbeit“ möchten wir hier auf Stephan Grigats bereits 2013 gehaltenen Vortrag zur „Kritik der Arbeit“ hinweisen, der sich unter anderem am Beispiel der Verfilmung von George Orwells „Animal Farm“ mit dem Zusammenhang zwischen Arbeitsfetischismus und Antisemitismus beschäftigte. Die hier leicht gekürzten Ausführungen Grigats sollen sogleich als Einführung dienen: Der Film ignoriere „in seiner Stalinismus-Kritik nicht nur den Stellenwert des Antisemitismus in den realsozialistischen Ländern; ein Antisemitismus, der eines der Resultate von Produktivitätsideal, Arbeitsethos und einer proletarischen Moral war, die sich natürlich immer irgendwie gegen sie torpedierende, zersetzende Kräfte zur Wehr setzen musste. Sondern „Animal Farm“ bleibt über weite Strecken selbst einer Denkart verhaftet, die nie und nimmer etwas zu einer Emanzipation oder auch nur Aufklärung wird beitragen können. Es wird dort nicht einfach nur Herrschaft kritisiert, sondern es wird die Herrschaft der dekadenten, in Luxus schwelgenden, auch noch Alkohol trinkenden Führungselite kritisiert – und zwar im Namen des ehrlich arbeitenden, sich natürlich in Abstinenz übenden Volkes. Unterschwellig richtet sich die Kritik somit gegen Luxus und Reichtum selbst, gegen Luxus und Reichtum, der aber doch das ganze Ziel jeder ernsthaften emanzipativen Bestrebung sein müsste. Bei solch einer Denkfigur, welche also die stalinistische Vergötterung der „schaffenden Arbeit“ selbst noch in die Kritik am Stalinismus integriert, und also übernimmt, da ist es überhaupt kein Wunder, dass auch antisemitische Stereotypen in der Verfilmung von „Animal Farm“ nicht fehlen dürfen. Man denke nur an die Figur des Wempel, ein völlig auf das Geld fixierter, sich nicht um die Allgemeinheit scherender Händler, der mit einer schlafwandlerischen Sicherheit mit einer Physiognomie ausgestattet wurde, wie Antisemiten sie für Juden reserviert haben.“

Lauernd, raffend und wurzellos: Händler Wempel beim Geldzählen
| © Halas and Batchelor Production

Antisemitismus auf revolutionärem 1. Mai

Nachdem es bereits schon im Vorfeld zum Austritt der Ökologischen Linken aus dem revolutionären 1. Mai-Bündnis gekommen war, weil mit F.O.R. Palestine und BDS antisemitische Positionen mehrheitsfähig wurden, kam es am 1. Mai 2016 aus der Demonstration heraus zu einem Angriff auf israelsolidarische Menschen. Den Soundtrack für diese ekelhafte Aktion lieferte 2015 die Polit-Rapperin Thawra, die im Hintergrund mit einem ihrer neuesten nekrophilen Ergüsse zu hören ist.

L‘Affaire Dreyfus

Stummfilm – 11 min., F 1899
Film von Georges Méliès

Bereits in den frühesten Anfängen der Filmgeschichte wurde deutlich, dass das Kino nicht nur Unterhaltungswert, sondern auch politische Dimension besitzt – und deshalb schon immer auch umkämpftes Terrain war. Der französische Filmpionier Georges Méliès ergriff 1899 als sogenannter „Dreyfusard“ mit seinen Aktualitätenfilmen „L‘Affaire Dreyfus“ eindeutig Partei für den 1894 zu Unrecht wegen Geheimnisverrats verurteilten jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus. Die Affäre löste nicht nur eine über Jahre andauernde Staatskrise in Frankreich aus, sie war darüber hinaus für den demokratischen Prozess in Europa ebenso von Bedeutung wie für die Entstehung des Zionismus als Reaktion auf den modernen Antisemitismus. Und damit wirkt sie, wiewohl es keine Dreyfusards mehr gibt, bis in die Gegenwart. Da Méliès‘ heute nicht mehr vollständig erhaltene Filmreihe anscheinend auch gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Dreyfusards und republikfeindlich gesinnten antisemitischen Schlägern provozierte, nutzte die Pariser Polizeibehörde die Gelegenheit für ein Verbot des Films.

Trotz Folter und Isolation: Alfred Dreyfus wird „Das Bagne“ – Frank-
reichs Strafkolonie
– 1899 lebend verlassen | © British Film Institute