Metropolis

Stummfilm – 148 min., D 1927
Film von Fritz Lang und Thea von Harbou

„Metropolis“ ist der bekannteste deutsche Stummfilm. Die meisterhafte filmische Umsetzung eines architektonischen Zukunftsbildes der Stadt macht ihn zu einem einzigartigen Dokument des Menschheitserbes.“ ( Deutsche UNESCO-Kommission e.V.)

Wer erschuf unter dem okkulten Siegel des Satans und der Freimaurerei qua seines übermenschlichen Intellekts den „Moloch“ der modernen Großstadt – und hetzt gleichzeitig im Untergrund der Tiefbahn die ausgebeuteten Massen zur Revolution? Wem passt Hakennase und Einstein-Frise und wird das undurchdringlich Abstrakte und Unmenschliche der Wissenschaft ebenso zugeschrieben wie die Macht über das Kapital? Wer steht der Hölle näher als dem Leben, verkörpert Lüge, Rachsucht und Lüsternheit und trägt ursächlich die Verantwortung für Laster und sündigen Verfall? In welchem Hause, schrieb Thea von Harbou in ihrer Romanvorlage, hat man „das Gefühl, als hocke die Pest in jedem Winkel und spränge einem von hinten ins Genick“? Wer lenkt die Presse und steuert eine Unzahl von Zeitungen? Wessen perfide Geschöpfe gehören – mit Büchern angeheizt – auf Scheiterhaufen verbrannt? Wem wird die Kreuzigung und „Gottesmord“ unterstellt? Wer gehört also schlussendlich vom Dach der Kathedrale gestoßen, damit sich Arbeit und Kapital versöhnen und als Volksgemeinschaft vereinigen können?
Keine Frage: Mitte der 1920er Jahre, als Fritz Lang und Thea von Harbou ihr Science-Fiction-Machwerk „Metropolis“ ausheckten, hätte sich noch jeder Deutsche denken können, dass mit der Figur des Rotwang „der Jud“ gemeint war. Und so verwundert es schon, wie Wulf D. Hund in seiner Filmbesprechung unter dem Titel „Jüdische Weltverschwörung unter rotem Stern“ einleitend feststellt, dass „ganze Sammelbände zum Film erscheinen können, in denen noch nicht einmal das Wort ‚Antisemitismus‘ vorkommt“ – obgleich bereits schon Adolf Hitler über den Regisseur gesagt haben soll: „Das ist der Mann, der uns den nationalsozialistischen Film schenken wird.“ Und Hund pflichtet weiter Siegfried Kracauers Einschätzung bei, dass die volksgemeinschaftliche Versöhnung am Ende des Films „ohne weiteres von Goebbels“ hätte stammen können.
Laut nachdenken wollen die ach so geläuterten Deutschen darüber heute natürlich nicht mehr. Viel lieber wollen sie sich gemeinsam – wie beispielsweise 2010 im eiskalten Berlin vor nationaler Schicksalskulisse – endlich wieder unbeschwert für deutsches Kulturgut erwärmen dürfen ( und nebenbei gleich der benachbarten französischen Botschaft die deutsche Interpretation der Marseillaise zukommen lassen). Potsdam, die redlich treue Landeshauptstadt und Geburtsstätte des deutschen Films, gibt dem „Klassiker“ heute im Landtag die höchsten politischen Weihen und „stellt sich“ – in gleichem Hause gern mal der deutschen Verbrechen wegen in Sakko und Asche gehend – nun endlich auch seinem UNESCO-Weltdokumen­ten­erbe… das Zertifikat „Schwarz-Rot-Geil“ aus. Das Prädikat „Künstlerisch und staatspolitisch wertvoll“ hätte damals vielleicht schon die Filmprüfstelle verliehen, aber der Film war im Jahr 1927, anders als „Der Herrscher“ ( ebenfalls nach Harbou-Drehbuch), seiner Zeit noch um wenige Jahre voraus.
In unverbrüchlicher Nibelungentreue haben die Deutschen also auch über dieses antisemitische Meisterstück wieder zueinandergefunden. Wobei, wie der beiderseits nach dem Motto „Kotzen statt Kleckern“ geführte Arbeitskampf im Berliner Stummfilmkino „Babylon“ zeigte, der Wille zur betriebsgemeinschaftlichen Versöhnung sich nicht immer gleich zu erkennen gibt. Und auch wenn Goebbels und der Führer schon tot, die „12 dunklen Jahre“ lange vorbei sind und die Nazis ja auch und so… : Dem über jeden Verdacht erhabenen, großen deutschen Filmschaffenden, Exilanten und „Halbjuden“ Fritz Lang und seiner „Herzensbotschaft“ dürfen und können sie problemlos folgen. Fritz bleibt Fritz! Lang leben die Deutschen! Und die deutsche Sozialpartnerschaft! Und deutsches Werk und Schaffen!

Heil Mittler!

Nachtrag: Den Anstoß zu diesem Beitrag gab uns Klaus Thörner mit seinem Vortrag „Arbeit macht frei – Über den Zusammenhang zwischen deutschem Arbeitswahn und Antisemitismus“.

Flimmern statt Fackeln: Zur 60. Berlinale 2010 durfte am deutschen
Filmwesen wieder die Welt genesen | © Sean Gallup, Getty Images


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