Hydra (Tatort 931)

Spielfilm – 90 min., D 2015
Buch/Regie: Jürgen Werner/Nicole Weegmann

Ja, wer ist hier gegen den Globalisierungswahn, hm? Wer findet es scheiße, wie Brüssel uns reglementiert, z.B.? Oder dass überall die kleinen Läden kaputtgehen, weil sich die globalen Ketten breitmachen? Oder dass es kaum noch bezahlbaren Wohnraum gibt? Wer ist für mehr Kitas, für mehr Schulen, hm? Ja wir sind alles kleine Nazis!“ (Kommissar Faber )

Dass sich ein Spiegel Online-Kulturredakteur daran stört, dass im vorliegenden Tatort-Krimi nicht eindeutig „die Bösen“ benannt werden, ist zwar auf dem Niveau von FSK 0, wird aber als Abwehrreaktion auf die Zuweisung im obigen Zitat leicht nachvollziehbar. Und dass es in einem Tatort, der sich mit Nazis beschäftigt, auch nicht immer so holzschnittartig und dumpfbackig zugehen muss, wie bei dem von jenem Redakteur gerühmten Titel „Odins Rache“, zeigt diese Folge aus dem letzten Jahr:
Der Tatort ist ein erloschener deutscher Hochofen der absteigenden Industriemetropole Dortmund. Wahrscheinlich gibt es hier dank globalisiertem Finanzkapital keinen guten, harten Kruppstahl mehr – neben wenigen „Aufrechten“ nur noch Arbeitslose und ’ne deutsche Leiche. Der Mordverdacht fällt bei Nazis wie auch bei den Ermittlern sofort auf „die Jüdin“. Denn, wie unserer pimpfiger Kommissar Kossik feststellt: „… sie hat ein Motiv, ein viel zu schwaches Alibi und die Fähigkeiten [als ehemalige Wehrpflichtige der IDF in Gaza!], einen derartigen Mord durchzuziehen. Aber als Jude, ja, ‚tschuldigung, Person jüdischen Glaubens, da hat man hierzulande so etwas wie einen diplomatischen Status. Da kannst du koksen, Zwangsprostituierte vögeln und bist in den Talkshows der Nation immer noch die moralische Instanz.“ Unser kommissarischer Nachwuchsantisemit wird aber ausgebremst, die Ermittlungen gehen bald in Richtung Nazimilieu. Eigentlich ist er auch nur angepisst, weil Kommissarin „Ex“ ihm kein Kind schenken wollte. Und bald wird er unter Druck gesetzt, weil sich seine eigene Sippschaft für die Nachbarschaft national-sozial engagiert. Fiese Sache, aber da ist man doch nicht gleich ein Nazi. Er will ja kein Mutterkreuz fürs geliebte Weib und findet noch nicht einmal „die Autobahn“ gut! Angepisst sind daneben auch andere Kommissare: Anstatt sich anspucken zu lassen und Steuergelder für therapiebedürftige „Ausländer“ zu opfern, würden sie ihre Fälle am liebsten gleich wie KKK-Pyromanen durch Einsatz eines „Flammenwerfers“ lösen. Und schließlich tappelt auf diesem ganzen nationalsozialistischen Untergrund im Präsidium auch noch eine „Ratte“ herum… Der ganz normale deutsche Wahnsinn eben! Unter passendem Titel!

Weg mit dem diplomatischen Status!: „Die Jüdin“ hat ein Motiv
und die Fähigkeit, einen derartigen Mord durchzuziehen | © ARD


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