Holocaust

TV-Mini-Serie – 475 Min., USA 1978
Regie: Marvin J. Chomsky, Drehbuch: Gerald Green

Miniserie, deren Ausstrahlung 1978 in den USA und ein Jahr später in der Bundesrepublik gemeinhin den Anfang der Auseinandersetzung mit dem (von nun an so bezeichneten) Holocaust markiert – wenngleich auf unterschiedliche Art und Weise: Laut Tjark Kunstreich entwickelte sich in den USA in der Folge von Holocaust ein Gedenken, dass sich an den Erinnerungen der Überlebenden orientiert und trotz der kulturindustriellen Darstellungsweise der individuellen Biografie einen großen Respekt erweist. Denn:

„In den USA kann eine Geschichte nur am Individuum erzählt werden, sie vermittelt sich über die Handlungen des Protagonisten. Die Totalität der Vernichtung ist dazu das absolute Gegenteil, […]. An der Vernichtung scheitert dieses Unterfangen, und es dennoch zu versuchen, spricht für die sympathische Hartnäckigkeit der amerikanischen Illusion vom Einzelnen, der jederzeit in der Lage ist, sein Glück selbst zu machen.“

Das Scheitern zeigte sich dann auch in der harschen Kritik von Shoah-Überlebenden. So warnte Elie Wiesel davor, dass die Erfahrungen dieser trivialisiert würden. In Deutschland wiederum machte man sich aus anderen Gründen Sorgen, nämlich dass Holocaust zu emotional und zu kommerziell sei. Von der FAZ bis zu den K-Gruppen war man sich daher zunächst in der Ablehnung von Holocaust einig. So hieß es in einem Artikel des Roten Morgen, dem Zentralorgan der ehemaligen KPD/ML:

„Mit diesem niveaulosen Fernsehschund, dieser Soße aus Gewalt und Geld wollen sie unser fortschrittliches deutsches Kulturerbe abtöten und alle geistigen Ansprüche ersticken. Diese amerikanischen Propagandafilme sollen uns zu kritiklosen Nachäffern der amerikanischen Primitivkultur machen, sie sollen uns vom Kampf gegen die amerikanischen Besatzer und gegen das Vorherrschaftsstreben dieser Supermacht ablenken. Es ist das Ziel dieser Sendungen, uns moralisch und kulturell vom amerikanischen Imperialismus abhängig zu machen.“

Das sah das deutsche Fernsehpublikum jedoch anders. Angesichts der wohlwollenden Zuschauerreaktionen in der Folge der Ausstrahlung, dem Drang zu reden, der kollektiven Betroffenheit, die die deutsche Auseinandersetzung mit dem Holocaust bis heute bestimmt, sieht Kunstreich mit der Ausstrahlung von Holocaust den Beginn der spezifisch deutschen Aufarbeitung. Das Zitat aus dem Roten Morgen zeigt jedoch auch: Die maßgeblichen Akteure des neuen deutschen Selbstbewusstseins, darunter der spätere Bundesaußenminister Fischer, der in den Neunzigern Auschwitz im Kosovo befreien wollte, waren Ende der Siebziger noch nicht auf der Höhe der Zeit.
Holocaust erzählt in vier Episoden die Geschichte der assimilierten jüdischen Familie Weiss und jene der arischen Dorfs, Karrierist Eric, der es bis zum Adjutanten Heydrichs bringt und seiner Frau. Judenboykott, Berufsverbote, Nürnberger Gesetze, Arisierung, Novemberpogrom, Ausweisung der polnischen Juden, Buchenwald, Euthanasie, Warschauer Ghetto, Massaker von Babij Yar (den Einsatzgruppenmassakern wird generell viel Raum gewidmet, hier war Holocaust der Geschichtsschreibung voraus), Wannsee-Konferenz, Erfindung der Gaskammern, Zyklon B, Auschwitz, Theresienstadt, Warschauer Ghettoaufstand, jüdischer Partisanenkampf, der Aufstand von Sobibor – all das wird in den vier Episoden thematisiert, was zum Teil arg konstruiert wirkt, da es die Weiss‘ sind, die all das erleben und Eric Dorf, der irgendwie bei jeder Station des deutschen Vernichtungsprojekts seine Hände im Spiel hat.
Wir haben hier die amerikanische Version verlinkt, in der Rudi Weiss, der als Partisan in den Wäldern überlebt hatte, am Ende nach Israel geht. Dieses Ende hatte der WDR vor der deutschen Ausstrahlung kurzerhand kassiert.

Eine Erklärung, wer dort abgebildet ist, brauchte es offensichtlich nicht,
da eh alle Holocaust gesehen hatten: Spiegel-Titelcover nach der Aus-
strahlung in Deutschland, SS-Mann Eric Dorf, im Hintergrund das Ehe-
paar Weiss | © Spiegel


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