Archiv für Januar 2017

Der Tramp und der Diktator – Chaplins Abrechnung mit Hitler

Dokumentarfilm – 43 min., D 2002
Ein Film von Michael Kloft

Es sollte sein erfolgreichster Film werden: im Oktober 1940 feierte The Great Dictator seine Premiere, nicht in Berlin wie Charlie Chaplin bei Beginn der Dreharbeiten augenzwinkernd angekündigt hatte, sondern in New York. Es war jedoch auch sein umstrittenster und so musste die Premiere unter Polizeischutz abgehalten werden. Als er genau zwei Jahre zuvor, während der Westen sich noch in Appeasement übte, angekündigt hatte, The Great Dictator zu drehen, protestierte der deutsche Konsul in den USA und die britische Regierung verkündete, ihn zu verbieten. Politische Themen waren verpönt in Hollywood. Chaplin’s Film wurde gar als Kriegspropaganda bezeichnet. Es hätte also durchaus sein können, dass der Film nach Fertigstellung kassiert werden würde. Erst als Roosevelt seinen Berater Harry Hopkins zu Chaplin schickte mit der Botschaft, dass der Präsident voll und ganz hinter dem Projekt stehe, war der Ausgang einigermaßen gewiss. Jan Karski war 1942 weniger erfolgreich, den amerikanischen Präsidenten zu überzeugen, nun von der dringenden Notwendigkeit gegen die Vernichtung der Juden in Polen militärisch zu intervenieren.
Michael Kloft zeigt in seiner Doku noch nie verwendetes Farbfilmmaterial, aufgenommen von Chaplins Halbbruder Sydney am Set in Hollywood. Er hat unter anderem festgehalten, wie unzufrieden Chaplin mit der ursprünglich geplanten Schlussszene war. Die deutschen Soldaten sollten in ihr am Ende die Waffen wegwerfen und tanzen. Stattdessen entschied er sich, als er selbst, als Charlie Chaplin, eine Schlussrede zu halten, einen Appell an Frieden und Menschlichkeit, der aus heutiger Perspektive unglaublich naiv erscheint. Chaplin sagte später, wenn er über die deutschen Verbrechen eher Bescheid gewusst hätte, hätte er den Film so nicht gedreht. Mit dem deutschen Antisemitismus hatte er jedoch bereits 1931 bei einem Besuch in Berlin Bekanntschaft gemacht. Die nationalsozialistischen Presse verfemte ihn als „jüdischen Filmaugust“, in der von Johann von Leers herausgegebenen antisemitischen Broschüre „Juden sehen dich an“ wurde er als „widerwärtiger kleiner Zappeljude“ bezeichnet. Dass Kloft den ehemaligen SS-Hauptsturmführer und persönlichen Referenten Joachim von Ribbentrops Reinhard Spitzy unkommentiert zu Wort kommen lässt („wir wussten, dass er ein Jude war, na klar das wussten wir und dass das für uns natürlich nicht das war, was wir wollten“) irritiert, entlarvt ihn jedoch zugleich, denn: Chaplin war kein Jude.
Was in der bisherigen Auseinandersetzung mit Chaplin und seinem ersten Tonfilm völlig unter zu gehen scheint, ist die Rolle des Kommandeurs Schultz (gespielt von Reginald Gardiner), der sein Leben dem Tramp (die berühmte von Chaplin geschaffene Rolle, die in The Great Dictator zum letzten Mal zu sehen sein sollte) verdankt und ihn deshalb vor der SA beschützt, später mit ihm zusammen in den Widerstand geht und ihn gar schlussendlich zur bereits erwähnten Schlussrede animiert. Chaplin erschafft hier überhaupt erst die Figur des ‚ideologiefreien guten Deutschen‘, die Spielberg ein halbes Jahrhundert später mit Oskar Schindler perfektionieren sollte.

Liberty? Schtonk! Chaplin als Hitlerparodie Anton Hynkel am Set von
The Great Dictator beim Abdrehen der Schlussszene | © ZDF

Matzpen

Dokumentation – 54 Min., ISR 2003
Ein Film von Eran Torbiner

Matzpen (hebr. Kompass) war eine sozialistische, antizionistische Gruppierung in Israel in den sechziger und siebziger Jahren, die von ehemaligen Mitgliedern der Kommunistischen Partei Israels, Maki gegründet wurde und die sich eine zeitlang einer großen Beliebtheit bei verschiedenen linken europäischen Antizionisten erfreute. So hatten einige ihrer Kader intensiven Kontakt zu trotzkistischen Gruppen in London. Eran Torbiner lässt ehemalige Mitglieder von Matzpen und von Organisationen, mit denen sie zusammen gearbeitet haben wie der DFLP (Demokratische Front zur Befreiung Palästinas), ausführlich zu Wort kommen. Die DFLP, laut Stephan Grigat lange Zeit für einen gemäßigten Antizionismus stehend, war 1974 für eine gescheiterte Geiselnahme in der nordisraelischen Stadt Ma‘alot verantworlich, in deren Verlauf über zwanzig israelische Schüler getötet wurden. Der Teil, in dem es um die DFLP geht, ist dann auch der einzige in der Doku, in der überhaupt Zweifel an der eigenen politischen Ideologie und den sie teilenden Bündnispartnern geäußert werden. Für Nayef Hawatmeh, dem ehemaligen Generalssekretär der DFLP scheint die Tat jedoch kaum Anlass zur Selbstkritik zu geben. Die politische Führung einer Organisation könne nun mal nicht immer volle Kontrolle über ihre Kämpfer ausüben. Ansonsten gibt es das volle antizionistische Programm: Forderung nach einer Einstaatenlösung und nach einem unverhandelbaren Rückkehrrecht aller Palästinenser, Täter-Opfer-Umkehr etc. Daniel Cohn-Bendit kommt auch vor. Für ihn war noch 2003, also während die Zweite Intifada tobte, Matzpen „the honor of Israel“. So weit, so schlecht. Nun, Matzpen gibt es nicht mehr. Einige ihrer ehemaligen Kader machen jedoch weiterhin Politik. Und viele linke Antizionisten außerhalb Israels, die immer auf der Suche nach jüdischen Kronzeugen sind, halten Matzpen in ehrbarer Erinnerung.

Zur weiteren Lektüre empfehlen wir Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung von Grigat.

Bomben in einen Supermarkt werfen? Heißt Oded Pilavsky
nicht gut, ist für ihn jedoch „legitimer Widerstand“ | © Torbiner

Im märkischen Sand – Nella sabbia del Brandeburgo

Webdokumentation – 24 x ca. 6 Min., D 2016
Von Matthias Neumann, Nina Mair und Katalin Ambrus

Unmittelbar bei Kriegsende werden 131 italienische Zwangsarbeiter, sogenannte Militärinternierte, in eine Sandgrube bei Treuenbrietzen geführt und dort von Wehrmachtsangehörigen erschossen. Nur vier überleben, weil sie sich unter den Körpern ihrer ermordeten Kameraden verstecken können. Antonio Ceseri ist der letzte Überlebende dieses ungesühnt gebliebenen Endphaseverbrechens – wie die Verbrechen des sich kurz vor der Niederringung nochmals radikalisierenden deutschen Vernichtungskollektivs in der historischen Forschung mittlerweile bezeichnet werden.
Die drei Filmemacher Matthias Neumann, Nina Mair und Katalin Ambrus haben die Geschichte dieses Massaker recherchiert und sich entschlossen, aufgrund der Vielzahl von angesprochenen Themen – darunter das Leiden der Nachkommen, die (ausbleibende) Entschädigung, Erinnerungskonflikte – das Filmmaterial nicht am Stück zu zeigen, sondern in sechs Kapitel mit insgesamt 24 Einzelepisoden zu unterteilen und im Format einer Webdoku im Internet frei verfügbar zu machen. Zu den in den einzelnen Episoden porträtierten Personen gehören unter anderem Ceseri, die beiden Berliner Lehrer, die als erste anfingen, Nachforschungen zu dem Massaker anzustellen, die Töchter des Betriebsleiters der Firma Kopp und Co., für die die italienischen Militärinternierten Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion leisten mussten, sowie der Leiter des Treuenbrietzener Heimatmuseums, für den deutsche Täter auch nur Opfer des schicksalhaften Gesamtzusammenhangs Krieg sind, zumal in Treuenbrietzen, wo zeitgleich mit dem deutschen Massaker an den Italienern Rotarmisten bei einer Vergeltungsaktion eine nicht mehr rekonstruierbare Zahl an Treuenbrietzenern ermordete.
Ins Boot holten sich die Filmemacher den italienischen Zeichner Cosimo Miorello, der vor den Augen des Zuschauers die Ereignisse im märkischen Sand und u.a. die Episoden zu den geschichtlichen Hintergründen (1,2) zeichnerisch gestaltet – ästhetisch eine besonders gelungene Lösung, die zudem dem Dilemma entgeht, dass die allermeisten Fotos und Quellen aus der Zeit des Nationalsozialismus die Täterperspektive reflektieren.
Die italienischen Militärinternierten kamen lange Zeit in der italienischen Erinnerungskultur überhaupt nicht vor, im Fokus stand der Widerstand der Partisanen. Der 8. September 1943, als das Königreich Italien einen Waffenstillstand mit den Alliierten abschloss und über Nacht von einem Verbündeten zum Feind des nationalsozialistischen Deutschlands wurde, war eine Zäsur sowohl für die italienische Zivilbevölkerung als auch für die italienischen Soldaten, die von der deutschen Volksgemeinschaft nun als Verräter betrachtet wurden und massenhaft nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt wurden.

Falls ihr Freude am Wandern habt, ein Interesse an Italien im Zweiten Weltkrieg mitbringt und den bewegenden Berichten der letzten noch lebenden Zeitzeugen zuhören wollt, empfehlen wir euch das Geschichtsinstitut Istoreco, das zweimal im Jahr Wanderungen auf Partisanenwegen in der Region Emilia Reggio inkl. Treffen mit Zeitzeugen organisiert. Anmeldebeginn für die diesjährige Wanderung im September ist der 18. Januar. Die Plätze sind begrenzt und die Nachfrage in der Regel enorm.

© out of focus Filmproduktion