Der Tramp und der Diktator – Chaplins Abrechnung mit Hitler

Dokumentarfilm – 43 min., D 2002
Ein Film von Michael Kloft

Es sollte sein erfolgreichster Film werden: im Oktober 1940 feierte The Great Dictator seine Premiere, nicht in Berlin wie Charlie Chaplin bei Beginn der Dreharbeiten augenzwinkernd angekündigt hatte, sondern in New York. Es war jedoch auch sein umstrittenster und so musste die Premiere unter Polizeischutz abgehalten werden. Als er genau zwei Jahre zuvor, während der Westen sich noch in Appeasement übte, angekündigt hatte, The Great Dictator zu drehen, protestierte der deutsche Konsul in den USA und die britische Regierung verkündete, ihn zu verbieten. Politische Themen waren verpönt in Hollywood. Chaplin’s Film wurde gar als Kriegspropaganda bezeichnet. Es hätte also durchaus sein können, dass der Film nach Fertigstellung kassiert werden würde. Erst als Roosevelt seinen Berater Harry Hopkins zu Chaplin schickte mit der Botschaft, dass der Präsident voll und ganz hinter dem Projekt stehe, war der Ausgang einigermaßen gewiss. Jan Karski war 1942 weniger erfolgreich, den amerikanischen Präsidenten zu überzeugen, nun von der dringenden Notwendigkeit gegen die Vernichtung der Juden in Polen militärisch zu intervenieren.
Michael Kloft zeigt in seiner Doku noch nie verwendetes Farbfilmmaterial, aufgenommen von Chaplins Halbbruder Sydney am Set in Hollywood. Er hat unter anderem festgehalten, wie unzufrieden Chaplin mit der ursprünglich geplanten Schlussszene war. Die deutschen Soldaten sollten in ihr am Ende die Waffen wegwerfen und tanzen. Stattdessen entschied er sich, als er selbst, als Charlie Chaplin, eine Schlussrede zu halten, einen Appell an Frieden und Menschlichkeit, der aus heutiger Perspektive unglaublich naiv erscheint. Chaplin sagte später, wenn er über die deutschen Verbrechen eher Bescheid gewusst hätte, hätte er den Film so nicht gedreht. Mit dem deutschen Antisemitismus hatte er jedoch bereits 1931 bei einem Besuch in Berlin Bekanntschaft gemacht. Die nationalsozialistischen Presse verfemte ihn als „jüdischen Filmaugust“, in der von Johann von Leers herausgegebenen antisemitischen Broschüre „Juden sehen dich an“ wurde er als „widerwärtiger kleiner Zappeljude“ bezeichnet. Dass Kloft den ehemaligen SS-Hauptsturmführer und persönlichen Referenten Joachim von Ribbentrops Reinhard Spitzy unkommentiert zu Wort kommen lässt („wir wussten, dass er ein Jude war, na klar das wussten wir und dass das für uns natürlich nicht das war, was wir wollten“) irritiert, entlarvt ihn jedoch zugleich, denn: Chaplin war kein Jude.
Was in der bisherigen Auseinandersetzung mit Chaplin und seinem ersten Tonfilm völlig unter zu gehen scheint, ist die Rolle des Kommandeurs Schultz (gespielt von Reginald Gardiner), der sein Leben dem Tramp (die berühmte von Chaplin geschaffene Rolle, die in The Great Dictator zum letzten Mal zu sehen sein sollte) verdankt und ihn deshalb vor der SA beschützt, später mit ihm zusammen in den Widerstand geht und ihn gar schlussendlich zur bereits erwähnten Schlussrede animiert. Chaplin erschafft hier überhaupt erst die Figur des ‚ideologiefreien guten Deutschen‘, die Spielberg ein halbes Jahrhundert später mit Oskar Schindler perfektionieren sollte.

Liberty? Schtonk! Chaplin als Hitlerparodie Anton Hynkel am Set von
The Great Dictator beim Abdrehen der Schlussszene | © ZDF


0 Antworten auf „Der Tramp und der Diktator – Chaplins Abrechnung mit Hitler“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


eins + = neun