Archiv für Februar 2017

Rudolf Steiner und die Waldorfschulen

„Die weisse Rasse ist die zukünftige, ist die am Geist schaffende Rasse.“

(Rudolf Steiner; GA 349, S. 67)

„Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte, dessen Folgen nicht ausbleiben konnten.“

(Rudolf Steiner; GA 32, S. 152)

„Ja, ich bin meinerseits davon überzeugt, wenn wir noch eine Anzahl Negerromane kriegen und geben diese den schwangeren Frauen zu lesen, in der ersten Zeit der Schwangerschaft namentlich, wo sie heute ja gerade solche Gelüste manchmal entwickeln können – […] da entsteht durch rein geistiges Lesen von Negerromanen eine ganze Anzahl von Kindern in Europa, die ganz grau sind, Mulattenhaare haben, die mulattenähnlich aussehen werden.“

(Rudolf Steiner; GA 348, S. 185)

In leider viel zu großen Abständen von mehreren Jahren berichteten Politmagazine der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten über Rassismus und Antisemitismus oder über andere Missstände an deutschen Waldorfschulen. Nach den damals einsetzenden öffentlichen Debatten muss man heute feststellen: Geschadet hat es dem Ruf der Schulen offenbar nicht. Jährlich finden Neugründungen statt und weiterhin gelten Waldorfschulen als sanfte „Alternative“ zu staatlichen Regelschulen. Doch wer sich etwas eingehender mit Waldorfpädagogik und der ihr zugrunde liegenden Anthroposophie auseinandergesetzt hat, der weiß, dass obige Zitate keine Ausrutscher sind: Sie sind Ausdruck einer esoterischen Weltanschauung, in der höhere und niedere „Rassen“ und Kulturen – eingebettet in ein Konzept von Reinkarnation und Karma – ihren festen Platz einnehmen und, bevor sie als „dekadente Abzweigungen“ aussterben, ihre von Steiner festgelegten Missionen zu erfüllen haben. Ob und wieviele der Steiner’schen Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister im Unterricht herumspuken, ist schwer einzuschätzen – zumal der Einsatz von Schulbüchern stark eingeschränkt ist und die Lehrerschaft in ihrer Unterrichtsgestaltung sehr frei agieren kann. Klar dürfte aber sein, dass das Lehrpersonal in der Regel mehrjährig anthroposophisch geschult, in unteren Klassen ein großer Schwerpunkt auf Märchen, Sagen und Mythen gelegt und von Fakten nicht immer getrennt wird. Ebenso zu hinterfragen wäre nicht nur der zum Teil stumpfe Frontalunterricht, sondern auch, welche Abhängigkeiten sich ergeben, wenn Kinder bis zu 8 Schuljahren von einem einzigen Klassenlehrer unterrichtet werden sollen. Da könnte man in die sogenannten „Ätherleiber“ viel Unsinniges einpflanzen. Ob und inwieweit sich das Lehrpersonal der Temperamentenlehre bedient und die karmische Entwicklung der Kinder vorantreibt, wäre ebenfalls noch genauer in Erfahrung zu bringen. Das Spekulieren beispielsweise über die Lügenhaftigkeit geistig behinderter Kinder im vorangegangenen Leben, woraufhin diesen dann die „Wahrheiten“ geistigen Lebens zu vermitteln seien, kommt für Waldorfpädagogen jedenfalls durchaus in Betracht. Wer sich also als Eltern eines nicht-weißen oder nicht-christlichen Kindes bei der Schulwahl fragt, „Wie gut sind Waldorfschulen?“, der sollte sich darüber aufklären lassen, dass seinem Kind im Schulalltag vielleicht nicht unbedingt immer gleich ein Nazi begegnet, ihm dafür aber zumindest eine Art karmische Entwicklungshilfe geleistet werden könnte – wobei die anthroposophische „Erziehungskunst“, dem Anspruch auf Ganzheitlichkeit nachkommend, ihre Wirkung nicht nur auf seelische und geistige, sondern mit durchschlagendem Erfolg auch auf die körperliche Gesundheit zu entfalten vermag.

(Da dem Anthroposophie-Kritiker Ansgar Martins laut AnthroWiki wegen altersbedingt fehlender „Bewußtseinsseelenreife“ die Kritikfähigkeit abgesprochen wird, möchten wir an dieser Stelle gern auf den von ihm betriebenen waldorfblog hinweisen.
Als vertiefende Lektüre empfiehlt sich u.a. Peter Bierls im KONKRET LITERATUR VERLAG erschienenes Buch „Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister – Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik“)

Frontal21 vom 18. April 2006 | © ZDF

Die Stadt ohne Juden

Stummfilm – 80 min., A 1924
Ein Film von Hans Karl Breslauer nach einem Roman von Hugo Bettauer

Dass gerade ein Film wie „Stadt ohne Juden“ in Österreich, in Wien, gedreht wurde, ist ein Vermächtnis und eine ganz besondere Verantwortung. Es gibt weltweit keinen Film aus dieser Periode, der sich dieses Themas an sich so kompromisslos annimmt.“ (Film Archiv Austria, 2016)

Filme aus der Frühgeschichte des Kinos, die sich explizit mit Antisemitismus auseinandersetzen, sind rar gesät, werden heute nur noch selten gezeigt und sind dementsprechend auch nur wenigen Menschen bekannt. Stummfilme wie „Der gelbe Schein“ (1918) oder Carl Theodor Dreyers „Die Gezeichneten“ (1922) hatten dabei bereits nach ihren Premieren vor nun schon beinahe 100 Jahren nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit erregt – zumal der Antisemitismus in diesen Filmen nicht in der deutschen Gesellschaft verortet wurde. Für einige Aufwallungen dagegen sorgte Hans Karl Breslauers Verfilmung von Hugo Bettauers dystopischem Roman „Die Stadt ohne Juden“, der die Vertreibung der Juden aus einem „utopischen“ Staat beschreibt: Während die Kinoaufführungen wiederholt durch Nazis gestört oder von Kinobetreibern abgesagt wurden, fiel der Verfasser der Romanvorlage Hugo Bettauer 1925 in Wien gar dem Mordanschlag eines Nazis zum Opfer. Doch dass dies nicht unbedingt schon ein Qualitätsmerkmal für die kritische Analyse des Antisemitismus sein muss, deutet bereits der Klappentext der DVD-“Edition Der Standard“ an: Denn „tiefer noch als das Buch ist die Bearbeitung von H.K.Breslauer […] selbst vielen Annahmen verhaftet, aus denen sich das Ressentiment speist. Dass die Juden heimlich die Weltherrschaft anstreben oder schon innehaben, wird an der ganzen Konstruktion der Satire deutlich […]“. Oder wie es bereits Fritz Rosenfeld 1924 in der Arbeiter-Zeitung unumwunden ausdrückte: „Der antisemitelnde, gegen den Antisemitismus gerichtete Film ist auch rein filmmäßig miserabel. Die abgedroschendste Karikiererei wird herangezogen, die geschmacklosesten Mätzchen sind gut genug, um Lachen zu erzeugen.“ Mit der inhaltlichen Auseinandersetzung (z.B. der Dekonstruktion der „jüdischen Geldmacht“) ist es in der Tat nicht weit her – im Gegenteil besteht selbst bei wohlwollender Lesart des Films als Satire die Gefahr, mittels der ihr eigenen Übertreibungen den Wahn des Antisemiten nur noch zu bestätigen. Und der Film wird auch im Nachhinein nicht besser, nur weil er einige Bilder der Shoah „prophetisch“ vorwegzunehmen scheint. Man kann daher nur hoffen, dass der jüngst begonnenen Rekonstruktion des Originals eine kritische Edition nachfolgen wird, anstatt den Film als gelungenen, frühen Beitrag Österreichs im Kampf gegen (einen doch offensichtlich unverstandenen) Antisemitismus abzufeiern und dafür noch eine ebenso ominöse „Zivilgesellschaft“ beim Crowdfunding zu umwerben.

Siehe auch den Jungle World-Essay von Olaf Kistenmacher und Patricia Zhubi, der aus Anlass der Rekonstruktion des Films diesen und andere Versuche beschreibt, mit künstlerischen Mitteln gegen Judenfeindschaft zu kämpfen.

Cohen on the Bridge – The Entebbe Rescue

Animationsfilm – 21 min., USA 2012
Ein Film von Andrew Wainrib

Der semidokumentarische Animationsfilm „Cohen on the Bridge“ ist einer der jüngsten Beiträge in einer ganzen Reihe von Dokumentar- und Spielfilmen zur sogenannten „Operation Thunderbolt“: Am 27. Juni 1976 entführte ein gemeinsames Kommando aus je zwei Mitgliedern der PFLP und der deutschen Revolutionären Zellen (RZ) eine Air France-Maschine auf ihrem Flug von Tel Aviv nach Paris und leitet sie nach Entebbe in Uganda um. Ihr Ziel ist die Freipressung von inhaftierten Gesinnungsgenossen vor allem in Israel und Westeuropa. Dass dafür gerade die deutschen Geiselnehmer die vermeintlich jüdischen und israelischen, noch dazu einige Überlebende der Shoah, von den übrigen Passagieren trennten und ihnen mit Erschießungen drohten, weckte finsterste Erinnerungen an die deutsche Vergangenheit. Die spektakuläre und weitgehend erfolgreiche Befreiungsaktion des israelischen Militärs wird in der israelischen Gesellschaft bis heute als wichtiges, identitätsstiftendes Moment wahrgenommen.
Weiterführend ein jüngst in Jungle World (5/17) erschienener Artikel zur Diskussion der erinnerungspolitischen und popkulturellen Bedeutung des antiisraelischen Terrors der siebziger Jahre… und des linken Antisemitismus.

Des „terroristes“ à la retraite – Widerstandskämpfer im Ruhestand

Dokumentation – 70 min., F 1985
Ein Film von Mosco Leví Boucault

Ganz Polen ein riesiges Schlachthaus für Juden. Zu Zehntausenden werden Frauen und Kinder, Alte und Kranke umgebracht. 360000 Menschen im Warschauer Ghetto ermordet. […] Die Deutschen wenden alle Hinrichtungsmethoden an: Gaskammern, Vergiftungen, Erschießungen, Minenfelder, elektrischen Strom, etc. […]“

(J‘accuse! – Organe du MNCR/ FTP-MOI, 25.12.1942)


„Wenn es heute noch Nazis aus dem Weg zu räumen gäbe, würde ich es mit dem größten Vergnügen und absolut ohne Gewissensbisse tun: Die Nazis haben meinen Bruder, meine Mutter, meine beiden Schwestern, meine Großmutter, meine Tante, meinen Onkel und meinen kleinen, 3-jährigen Cousin deportiert und ermordet. Diesen Hass werde ich nie mehr los.“

(Raymond Kojitsky – FTP-MOI)

Der Film rekonstruiert die Aktivitäten, Organisation und Zerschlagung der jüdischen Abteilung der FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans – main d’œuvre immigrée), die vor allem in Paris massiven bewaffneten Widerstand gegen die deutschen Besatzer leistete und deren Mitglieder zunächst nur durch das berühmte Nazi-Propagandaplakat „Affiche rouge“ Namen und Gesicht bekamen. Als „Des ‚terroristes‘ à la retraite“ 1985 auf dem französischen Fernsehsender Antenne 2 ausgestrahlt wurde, provozierte er heftige Kontroversen. Dabei ging es in erster Linie nicht um die so lang vernebelte französische Kollaboration (hier hatte ja insbesondere Marcel Ophüls schon 1969 mit seinem Dokumentarfilm „Das Haus nebenan“ Vorarbeit geleistet), sondern um das Verhältnis der französischen Kommunisten zu ihren, meist zugewanderten, jüdischen Kampfgefährten: Der durch den Film geäußerte Verdacht allerdings, der PCF – die der FTP-MOI übergeordnete Kommunistische Partei Frankreichs – hätte die Gruppe im Verlauf des Jahres 1943 aus nationalistischen Motiven auflaufen lassen und damit ihren Verfolgern ausgeliefert, scheint heute, folgt man beispielsweise den Autoren von „L‘Affiche Rouge – Immigranten und Juden in der französischen Résistance“ (Verlag Schwarze Risse, 1994), weitgehend ausgeräumt. Dem neuesten Forschungsstand Rechnung tragend wurde der Film deshalb nachträglich durch Schnitte in seinen Aussagen etwas entschärft und um einige Minuten gekürzt. Was dann vom Film immerhin noch übrig bleibt, ist schlicht und ergreifend: eine Würdigung des jüdischen Widerstandes, die lange Zeit auf sich warten ließ.

Was die Erinnerung an den jüdischen Widerstand angeht, herrschte
anscheinend auch in Frankreich eisige Friedhofsruhe | © Zek 2014