Archiv für März 2017

Wien vor der Nacht

Dokumentarfilm – 73 min., D/F/A 2016
Ein Film von Robert Bober

Wenn ich nach Wien gekommen bin, so nicht nur, um das Grab meines Urgroßvaters wiederzufinden, sondern auch, weil die Vergangenheit, vor allem diese Vergangenheit, unsere Erinnerung braucht… und die Toten unsere Treue.“ (Robert Bober)

Wien als ein verlorengegangener Sehnsuchtsort: Vor dem umjubelten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 kultureller Hotspot und eine der größten jüdischen Gemeinden der Welt, sucht der französische Filmemacher Robert Bober im Wien der Gegenwart über die großen jüdischen, meist ins Exil getriebenen Literaten Österreichs die Annäherung an den unbekannten Urgroßvater Wolf Leib Fränkel, streift dabei durch den Wiener Prater, die Kaffeehäuser und mit Stadttempel und Zentralfriedhof die wenigen Überreste der jüdischen Kultur. Den deutlich kritischen Akzenten, die Bober auf den fanatischen Antisemitismus, die überproportional große Beteiligung der Österreicher am Massenmord sowie die nachträgliche Verlogenheit und Verdrängung der Geschichte legt, steht dabei jedoch sein teilweise etwas romantisch-verklärender Blick auf das „Ostjudentum“ seines Urgroßvaters, die polnischen Schtetl und die jüdischen Lebensverhältnisse abseits der Wiener Hochkultur entgegen. Und leider fehlt in „Wien vor der Nacht“ – wenn nicht allein die „Toten unsere Treue“ verdienen sollen, sondern genauso die Lebenden – auch die Perspektive auf die Gegen- und Widerwärtigkeit des in den letzten Jahren immer wieder aufkeimenden Antisemitismus in Österreich. Für eine erste persönliche wie literarische Annäherung und Anklage an den österreichischen Ungeist scheint der Film dennoch gelungen und uns hier eine Empfehlung wert.

Holland in Not – Wer ist Geert Wilders?

WDR-Dokumentation – 44 minus 4 min., D 2017
Film von Joost van der Valk und Mags Gavan

Was auch im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen nicht gewöhnlich ist, ist die offen rassistische antijüdische Hetze, die in diesem WDR-Film betrieben wird: Die sich durch den ganzen Film ziehende Botschaft, dass Juden in aller Welt gemeinsam und organisiert hinter den Kulissen die Fäden zu ziehen. Es ist im deutschen Fernsehen wohl bislang nicht vorgekommen, dass jemand, der vorgibt, über einen europäischen Politiker zu berichten, im Geiste der Nürnberger Rassegesetze dessen „jüdische Großmutter“ ermittelt; dass er wissen möchte, ob die betreffende Person Geld von amerikanischen Juden erhält und dass er nach Israel reist, um dort diejenigen aufzusuchen, die den fraglichen Politiker vor über 30 Jahren im Stile einer Gehirnwäsche politisch auf den von ihnen erwünschten Kurs gebracht haben sollen.“

(Stefan Frank auf mena-watch)

Wer aktuell „Die Story“ über den niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders vom 08.03.2017 auf der ARD-Mediathek abruft, wird einige der von Stefan Frank ausführlichst auf mena-watch dokumentierten Passagen, auf denen die oben zitierte Einschätzung gründet, nicht mehr finden: Der WDR hat zwar den Vorwurf, mit „Holland in Not“ antisemitische Ressentiments zu schüren, zurückgewiesen, aber dennoch einige der „Fakten“, die einen „missverständlichen Eindruck“ machen könnten, herausgeschnitten und den Film um satte 4 Minuten gekürzt. Die Botschaft an das verehrte Publikum wurde also nachträglich etwas entschärft, funktioniert aber, wenn auch subtil und holprig, immer noch ganz gut: Wilders hat nun keinen jüdischen Familienhintergrund mehr, steht aber weiterhin unter dem geheimnisumwobenen Einfluss Israels, erledigt das Geschäft jüdischer Geldgeber von der „Ostküste“ und erhält im In- und Ausland Unterstützung von jüdischen Extremisten und Terroristen – während die Muslime in den Niederlanden sich schon wie die Juden in den 40er Jahren fühlen. Bei diesem Versuch also, gegen den Rechtsruck die antisemitische Karte zu spielen und dann wieder etwas zurückzurudern, könnte man sich fragen, ob der WDR bei dem gesamten Vorgang sich nicht auch ein wenig von der Deutschen Presse-Agentur hat inspirieren lassen? Auf jeden Fall sagen wir für dieses Lehrstück mal wieder: „Danke WDR“!

Wahnsinnig investigativ: „Wenn man Geert Wilders und Israel im
Internet sucht, ergibt das über eine halbe Million Einträge.“ | © WDR

Mullah-Diktatur Iran: Stolz wie Oscar

Bei der diesjährigen Oscar-Preisverleihung für den besten fremdsprachigen Film an „The Salesman“ hat Regisseur Asghar Farhadi dem modernen iranischen Kino einen Bärendienst erwiesen. Farhadi nahm die Einreisebeschränkungen der Trump-Administration zum Anlass, die Veranstaltung zu boykottieren und bei der stellvertretenden Entgegennahme des Preises eine an die Adresse Trumps gerichtete Protestnote verlesen zu lassen. Wie Kazem Moussavi auf seinem Iran Appeasement Monitor ausführt, habe es der als „regimekritisch“ gelabelte Regisseur Farhadi bei aller berechtigten Kritik an Trump jedoch versäumt, „umso deutlicher die Schicksale der Millionen Iraner, der Minderheiten, der oppositionellen Filmemacher und der kritischen Schauspielerinnen sowie der LSTB an(zu)klagen, die vom antisemitischen Regime inhaftiert, gefoltert oder ermordet wurden oder aus dem Land fliehen mussten und noch im Ausland vom Regime bedroht und terrorisiert werden“. Dementsprechend nahm das Mullah-Regime, dessen staatlich kontrollierte Medien über die Oscar-Preisverleihung (selbstverständlich in zensierter Form) ausführlich berichteten, Farhadis Film sowie seine Botschaft gegen den „Extremismus und fanatisches Verhalten“ der Trump-Regierung mit Wohlwollen und Freude zur Kenntnis.
Dabei wäre spätestens seit dem preisgekröntem Film „Taxi Teheran“ von Jafar Panhahi eine kritische internationale Öffentlichkeit für die Repression gegen iranische Filmschaffende und die restriktiven iranischen Produktionsbedingungen schon einigermaßen sensibilisiert gewesen. Schweigen zu den Verhältnissen im Iran kann für die Betroffenen sehr gefährlich werden. Wahrscheinlich wird auch der bereits mit Berufs- und Ausreiseverbot belegte Jafar Panahi nur noch wegen seines internationalen Bekanntheitsgrades vor dem direkten Zugriff islamistischer Tugendwächter geschützt. Weniger, nicht über ein Fachpublikum hinaus bekannte KünstlerInnen waren und sind dagegen ganz direkt von Gefängnis und Folter betroffen. Stellvertretend für viele weitere verfolgte KünstlerInnen im Iran sei an den Regisseur Keywan Karimi erinnert, der seit November 2016 wegen seines Films „Writing on the City“ zu 1 Jahr Gefängnis sowie 223 Peitschenhieben verurteilt worden ist. Ein ähnliches Schicksal dürfte bei Rückkehr in den Iran wohl auch die beiden Musiker erwarten, die in dem illegal produzierten Dokumentarfilm „Raving Iran“ die Hauptrolle spielten und dabei glücklicherweise Zuflucht in der Schweiz gefunden haben. Die Liste ließe sich fortsetzen. Mit seinem sehr einseitigen Protest hat Asghar Farhadi all diesen Menschen nicht nur keinen Dienst erwiesen. Er hat mit seinem Filmerfolg auch zur Aufwertung des islamistischen Massenmörder-Regimes beigetragen und durch seinen Boykott dem iranischen Antiamerikanismus Vorschub geleistet. Da Farhadi seine persönlichen künstlerischen Freiheiten im Iran offenbar ausreichend verwirklicht sieht, könnte die Schlussfolgerung an dieser Stelle also auch lauten: Boykottiert „The Salesman“!

Einen tieferen Einblick in den Themenkomplex „Iranisches Kino“ bietet Tobias Ebbrecht-Hartmann mit seinem bei extrablatt erschienenen Text „Europäische Sehnsucht und iranischer Kulturexport“ sowie sein Beitrag „Faszinierende Ambivalenz – Die Liebe zum iranischen Kino und die kulturelle Bedeutung des Appeasements“, der in dem Buch „Iran im Weltsystem“ erschienen ist.