Archiv für April 2017

X-Men: Magneto, der ewige Rächer

Spielfilmreihe – AUS/USA 2000-2017
Regie: Singer, Ratner, Mangold, u.a.

Ob Holocaust, Kalter Krieg, atomares Wettrüsten oder Nahostkonflikt – immer wieder eröffnet der Film Assoziationsspielräume, in denen das Gesehene ins Außerfilmische weitergedacht werden kann, ohne die Unterhaltung zu beschädigen.“

(Augsburger Allgemeine zu X-Men: Apocalypse)

Seit der äußerst erfolgreichen Verfilmung der X-Men-Comics gilt auch Magneto als einer der herausragenden Superhelden des Marvel-Universums. Im Gegensatz zu Spider-Man & Co. besteht bei Magneto allerdings eine Besonderheit: Magneto ist der klassische Antiheld… und er ist Jude. Dafür verantwortlich zeichnet X-Men-Autor Chris Claremont, der schon in den 80er Jahren aus dem einstigen Superschurken Magneto eine tragische Figur machte, die sich nach der Erfahrung von Auschwitz von der Menschheit abwendet und diese mittels (elektro-)magnetischer Superkräfte ebenso gnadenlos bekämpft wie all jene Mutanten, die auf friedliche Koexistenz mit den Menschen setzen. In der aktuellen Ausstellung „The Holocaust and comics“ im Pariser Mémorial de la Shoah wird ihm daher einiges an Raum und Bedeutung zugemessen. Zur Ausstellungseröffnung erläutert Chris Claremont im arte-journal kurz und prägnant, Magneto sei „nicht unbedingt [soll heißen: nicht grundlos; Anm.d.R.] ein böser Mensch. Er war durch seine Erfahrungen geprägt und kämpfte verzweifelt [soll heißen: affektiv, ohne Sinn und Verstand; Anm.d.R.] dafür, dass so etwas nie wieder passiert. Ähnlich wie David Ben-Gurion, Elie Wiesel oder Menachem Begin“.
Als Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz macht Magneto daher nicht einfach nur coole Antifa-Action gegen deutsche „Schweinebauern“ (was X-Men – First Class so etwas wie den Nimbus eines inoffiziellen Inglourious Basterds 2 eingebracht haben könnte), in klassischer Täter-Opfer-Umkehr hat er der gesamten Menschheit den Kampf angesagt und gründet dafür im Verlauf eine quasirassistische Bruderschaft der Mutanten. Dabei zeigt Magneto nicht nur eine kaum zu übertreffende Destruktivität, auch bei der Wahl der Waffen ist er nicht zimperlich. Er greift denn auch nicht beispielsweise zu einem US-amerikanischen Kulturgut, welches wahrscheinlich Woody Allen dem „Bärenjuden“ in Tarantinos Inglourious Basterds in die Hände legte: Neben dem charakteristischen Stahlhelm, den Magneto seinem ehemaligen KZ-Peiniger abgekupfert hat, setzt er im Extremfall als Mordwerkzeug lieber SS-Dolch, eine Pistole Marke „Walther“ oder auch die kleine 5-Reichsmark-Münze ein, die er als Andenken an Auschwitz mit sich herumträgt wie einen Talisman.
Dass Magneto letztlich nichts aus der Shoah gelernt hat, wird mit wuchtiger Unmissverständlichkeit treffend ins Bild gesetzt, wenn er vor dem apokalyptischen Vernichtungsfeldzug gegen die Menschheit die Überreste von Auschwitz, und damit symbolisch eben auch jede Erinnerung an die nazistische Barbarei zerstört. In der Szene der vereitelten Hinrichtung/Opferung Mystiques in Paris wiederum wird er vor Delacroix‘ berühmten Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ je nach Lesart entweder in die Tradition des revolutionären, des despotischen, oder vielleicht doch nur der Einfachheit halber in die eines irgendwie „totalitären“ Terrors gestellt. Selbstredend, dass auch Folter von Gefangenen bei Magneto auf dem Programm steht.
Dem unversöhnlichen Rache-Engel Magneto wird als Gegenspieler allerdings sein Freund Professor Xavier beigestellt, welcher das Gute, das Geistig-Moralische und die Hoffnung verkörpert und ihm in etlichen Dialogen die Werte der Menschenliebe zu vermitteln sucht. Neben seinen psionischen und telepathischen, Mensch wie Mutant erfassenden Superkräften ist er zudem zu extremer Empathie und Mitleid fähig. Der Vergleich Xaviers mit Christus liegt da nicht fern. Auch wenn Xavier durch Magnetos Eigenwilligkeit zwar nicht gleich ans Kreuz geschlagen, dafür aber in sein selbiges geschossen und seitdem an den Rollstuhl gefesselt wird. Die Mission, seinen Freund Magneto zu bekehren, wird Professor Charles Francis Xavier, wie er mit vollem Namen heißt, dennoch nicht aufgeben. (An dieser Stelle ist die Randbemerkung, dass der von Namenspatron Franz Xaver mitbegründete Jesuitenorden seine fast 400-jährige judenfeindliche Aufnahmepraxis im Jahr 1946 abgeschafft hat, für das Verhältnis Xavier/Magneto vielleicht gar nicht so unerheblich.) Denn auch wenn Magneto sich der mentalen Auf- und Eindringlichkeit Xaviers noch mittels seines Helms zu erwehren weiß: Zu guter Letzt kann dann schließlich doch ein finaler Appell an Magnetos Nächstenliebe die Menschheit vor der totalen Vernichtung retten.
Nimmt man Chris Claremonts Bezugnahme auf Ben-Gurion & Co ernst, dann verengt sich der Assoziationsspielraum aber auch in Filmszenen, die auf die Weltpolitik ganz direkt anspielen: Die besondere Herausstellung Israels auf einer internationalen Antirassismus-Konferenz beispielsweise sowie die Subsumierung Israels unter die Atom- und Supermächte des Jahres 1983 mögen noch so subtil daher kommen, zufällig sind solche Details in einem durchkomponierten Spielfilm nie. Die Verknüpfung des Rassismus und der Bedrohlichkeit Magnetos mit ähnlich lautenden Vorurteilen gegenüber Israel dürfte dem Publikum nicht sonderlich schwer fallen. Mit der Zuschreibung eines übermächtigen Potentials an Destruktivität, der Unverhältnismäßigkeit seiner Gewalt, der ewigen Unbelehrbarkeit wie einer stereotypen Vergeltungssucht bieten beide – Magneto wie Israel – eine für Antisemiten ideale Projektionsfläche.
Mit X-Men ist Hollywood und Marvel also nicht nur eine effektvolle Übertragung antizionistischer Diskurse auf die Leinwand gelungen, die Filmreihe zeigt auch mehr als deutlich, wie stark der Antizionismus dem antijüdischen wie antisemitischen Ressentiment verhaftet ist. Dabei den Zivilisationsbruch Auschwitz gegen Israel und die Juden in Stellung zu bringen, kleine Nazi-Vergleiche inklusive, gehört zwar auch schon länger zum Standardrepertoire sogenannter „Israelkritik“, in ihrer Bildgewaltigkeit bleibt die Inszenierung vom unverbesserlichen Juden(-staat) jedoch bisher unübertroffen. Dem Superhelden Magneto da auch noch Ausstellungfläche im Mémorial de la Shoah zur Verfügung zu stellen, könnte man daher eigentlich fast nur noch mit Kopfschütteln begegnen. Oder mit einem anderen Superhelden!

So würde man ihn gern sehen, den jüdischen Übermenschen von
heute: Wegen Ausschwitz zahlt Magneto mit gleicher Münze heim
| © 20th Century Fox

Gott hat den Größten

Irgendein, besser hier namenlos bleibender Unsympath hat irgendwann doch mal einen ganz guten Satz gesagt: „Religionen sind ein einziger feuchter Männertraum!“ Passend dazu ein Filmchen zu einem wahrlich blasphemischen Ereignis, das Ende März 2017 in einem kleinen Vorort der nordtürkischen Stadt Kastamonu stattfand und unter anderem bei mena-watch Erwähnung fand: Über die Lautsprecher einer Moschee rief die Tonspur eines Pornos zum Morgengebet! Wir hoffen auf weitere Nachahmer, besser noch auf guten, einvernehmlichen Live-Sex in jedem menschverlassenen Gotteshaus dieses Planeten.

Der Prozess

Dokumentation – 270 min., D 1984
Ein Film von Eberhard Fechner

Heute sitzen wir auch manchmal am Fernsehen […] und man sagt „Naja, was sollen wir machen?“. Aber der Unterschied ist kolossal groß. […] Kriegerische Handlungen ist ein Unterschied zu so einem Massenvernichtungsmord.“

(ein Überlebender und Zeuge im Majdanek-Verfahren)

3-teilige NDR-Dokumentation über das Majdanek-Verfahren, das von 1975 bis 1981 als bis dahin längstes Verfahren der bundesdeutschen Geschichte vor dem Düsseldorfer Landgericht verhandelt wurde. Das Verfahren, bei dem 15 Männer und Frauen des Lagerpersonals von Majdanek/Lublin angeklagt waren, endete trotz juristischer Spielräume mit skandalös milden Urteilen. Ebenso beschämend war auch der Umgang mit Eberhard Fechners Film, der 1984 wegen seiner angeblichen „künstlerischen Strenge“ erst in das Nachtprogramm, dann für Jahre ins Archiv verbannt wurde und somit wenig Aufmerksamkeit erfuhr. Mittlerweile haben sich die juristische und, durch neuerliche Ausstrahlung des Films 2016 sowie einer DVD-Veröffentlichung, auch die mediale Aufarbeitungspraxis etwas verändert. Dabei sollte allerdings nicht übersehen werden, dass, wie z.B. Holger Pauler in seiner Filmbesprechung „Die Brutalität der Befehlsempfänger“ anmerkt, Fechners Film auch einen Volkscharakter entlarvt, „der auch Jahrzehnte nach Auschwitz fortlebt – weil die Verhältnisse, unter denen dieser Charakter entstand, weiterexistieren“. Über diesen nach wie vor aktuellen Befund sollte man sich also weder mit einem gut gemeinten und allgemein anerkannten Resümee über die gescheiterte Nachkriegsjustiz, noch mit der späten, im Fall ‚Demjanjuk‘ und ‚Gröning‘ aber immerhin vollzogenen juristischen Neubewertung der Täterschaft und schon gar nicht mit einer der „Wiedergutwerdung der Deutschen“ dienenden erinnerungspolitischen Kehrtwende der Berliner Republik hinwegtäuschen lassen. Solange Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen weiterhin salonfähig, dabei aber unverstanden wie verleugnet bleibt und seine Bedingungen fortwirken, ändert sich an diesem Volkscharakter grundsätzlich nichts.

Eine vertiefende Analyse des Films bietet ein im Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien gehaltener Vortrag von Martina Thiele.

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