Der Prozess

Dokumentation – 270 min., D 1984
Ein Film von Eberhard Fechner

Heute sitzen wir auch manchmal am Fernsehen […] und man sagt „Naja, was sollen wir machen?“. Aber der Unterschied ist kolossal groß. […] Kriegerische Handlungen ist ein Unterschied zu so einem Massenvernichtungsmord.“

(ein Überlebender und Zeuge im Majdanek-Verfahren)

3-teilige NDR-Dokumentation über das Majdanek-Verfahren, das von 1975 bis 1981 als bis dahin längstes Verfahren der bundesdeutschen Geschichte vor dem Düsseldorfer Landgericht verhandelt wurde. Das Verfahren, bei dem 15 Männer und Frauen des Lagerpersonals von Majdanek/Lublin angeklagt waren, endete trotz juristischer Spielräume mit skandalös milden Urteilen. Ebenso beschämend war auch der Umgang mit Eberhard Fechners Film, der 1984 wegen seiner angeblichen „künstlerischen Strenge“ erst in das Nachtprogramm, dann für Jahre ins Archiv verbannt wurde und somit wenig Aufmerksamkeit erfuhr. Mittlerweile haben sich die juristische und, durch neuerliche Ausstrahlung des Films 2016 sowie einer DVD-Veröffentlichung, auch die mediale Aufarbeitungspraxis etwas verändert. Dabei sollte allerdings nicht übersehen werden, dass, wie z.B. Holger Pauler in seiner Filmbesprechung „Die Brutalität der Befehlsempfänger“ anmerkt, Fechners Film auch einen Volkscharakter entlarvt, „der auch Jahrzehnte nach Auschwitz fortlebt – weil die Verhältnisse, unter denen dieser Charakter entstand, weiterexistieren“. Über diesen nach wie vor aktuellen Befund sollte man sich also weder mit einem gut gemeinten und allgemein anerkannten Resümee über die gescheiterte Nachkriegsjustiz, noch mit der späten, im Fall ‚Demjanjuk‘ und ‚Gröning‘ aber immerhin vollzogenen juristischen Neubewertung der Täterschaft und schon gar nicht mit einer der „Wiedergutwerdung der Deutschen“ dienenden erinnerungspolitischen Kehrtwende der Berliner Republik hinwegtäuschen lassen. Solange Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen weiterhin salonfähig, dabei aber unverstanden wie verleugnet bleibt und seine Bedingungen fortwirken, ändert sich an diesem Volkscharakter grundsätzlich nichts.

Eine vertiefende Analyse des Films bietet ein im Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien gehaltener Vortrag von Martina Thiele.

© absolut MEDIEN GmbH


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