Die 6. Armee – Der Weg nach Stalingrad

Dokumentation – 75 min., D 2015
Film von Heinrich Billstein

„Eine Armee wie andere auch innerhalb des Krieges gegen die Sowjetunion“, kommentiert der Historiker Dieter Pohl in dieser Dokumentation, die angetreten ist, die zum Teil bis heute überdauernden Mythen über die 6. Armee auseinander zu nehmen, was ihr auch im Großen und Ganzen gelingt, leider jedoch nicht ohne dabei eine irritierend-verkürzende Darstellung von Täterschaft innerhalb der Wehrmacht zu liefern.
Bereits durch das Einsatzgebiet der 6. Armee – auf ihrem Weg nach Osten lagen Kiew und Charkiw – war von Beginn an klar, dass ihre Soldaten mit dem verachteten „Großstadtgesindel“ in Berührung kommen würden. Der ebenfalls ausführlich zu Wort kommende Historiker Johannes Hürter muss nun diesen Zusammenhang von Antisemitismus und Großstadtfeindschaft als „Ideologie Hitlers“ bezeichnen, ganz so als ob der ‚gemeine Landser‘ davon eh nichts verstanden hätte und deshalb frei von Ideologie zur Untat geschritten wäre. Zwar wird die ‚effektive‘ Arbeitsteilung zwischen 6. Armee, SS-Sonderkommando 4A und dem Bremer Polizeibatallion 303 insbesondere beim Massaker von Babyn Jar – dem größten Massaker unter Verantwortung der Wehrmacht während des deutschen Vernichtungsfeldzugs – erwähnt, gleichzeitig bekommt man jedoch den Eindruck, als ob die mordenden Wehrmachtssoldaten nur ‚blind‘ Befehle des kommandierenden „überzeugten Nationalsozialisten“ Walter von Reichenau ausführten. „Der Eroberer Reichenau und seine Armee“ lautet dann auch der O-Ton. Auch wenn die Kameraden der 6. Armee im rückwärtigen Heeresgebiet mitgemordet hätten, „an der Front“, so der auch an anderer Stelle eine merkwürdige Differenzierung vertretende Hürter, „ging es einfach nur um das tägliche Überleben“. Die Doku nimmt sich den bereits arg in Mitleidenschaft gezogenen Mythos einer „sauberen“ Wehrmacht vor, schreibt dabei jedoch implizit denjenigen der Trennung zwischen vermeintlich normaler Kriegsführung und Verbrechen im Rücken der Front fort – und das zwanzig Jahre nach der Wehrmachtsausstellung. Da überrascht es auch wenig, dass dem mit leuchtenden Augen vom „schneidigen Hund“ Reichenau sabbernden Wehrmachtsopa so viel Platz in der Doku eingeräumt wird und er schuldabwehrend sagen darf, dass sie die sowjetischen Kriegsgefangenen „ja nicht versorgen konnten“. Zwar wird die zentrale Rolle der Wehrmacht bei der systematischen Aushungerung der „slawischen Untermenschen“ später in den Blick genommen, jedoch eben verkürzend einer ‚verbrecherischen Führungsebene‘ angelastet. Ein leider nur kurz zu Wort kommender ebenfalls Beteiligter bringt den überlegenen deutschen Blick auf die hungerleidende Zivilbevölkerung hingegen treffend auf den Punkt: „So verkommen sind wir da hinmarschiert“.

Die offensichtliche Armut der russischen und ukrainischen Zeit-
zeugen ist vor allem im Kontrast zu den wohlstandsgesättigten
Wehrmachtsopas immer wieder beschämend | © WDR


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