Ist der deutsche Rap antisemitisch?


„Deutschrap ist ein Scherz über den man mal gelacht hat / bis man festgestellt hat, dass er ernst gemeint war.“

(Edgar Wasser und Fatoni)


„Kontra Peace, Kontra Tel Aviv / Pro Freiheit, Kontra Politik/ … / Kontra Parasit, Kontra USA und Drogenkrieg“

(Snaga und Fard)

Dass Arte derzeit knallharte Programmpolitik betreibt, wurde hier erst kürzlich festgestellt. Da überrascht es nur auf den ersten Blick, dass der deutsch-französische Sender in seiner als arte journal bekannten Nachrichtensendung sich dem Thema Antisemitismus im deutschen Rap widmet. Warum dieser genau jetzt gesendet wird, darüber lässt sich nur spekulieren. Sollen jene Stimmen besänftigt werden, die zurecht die Zensur einer abendfüllenden Dokumentation über Antisemitismus in Europa kritisieren? Mit einem zweiminütigen Clip dürfte das nur schwer gelingen.
Es lassen sich – das Thema ist leider kein neues – noch wesentlich krassere Texte als die von Snaga und Fard finden. Lizas Welt berichtete bereits 2008 über offenen Antisemitismus nicht weniger Deutschrapgrößen, auch über die Verharmlosung seitens des Feuilletons. Selbst der Satiriker Jan Böhmermann versagt bei diesem Thema völlig. Erst rappte der in einem Pullover einer palästinensischen Entwicklungshilfeorganisation auftretende Prinz Pi in seiner Sendung folgende Zeilen:

„Ich hab ein Mikroskop, gib mir dein Telefon/ Wie Ahmadinedschad mach ich eine Kernfusion.“

Dann lud er den selbsternannten „Boss“ Kollegah, mit bürgerlichem Namen Felix Antoine Blume, in seine Sendung ein, um mit ihm laut Teaser über die Antisemitismusvorwürfe, die zur seiner Ausladung vom diesjährigen Hessentag geführt hatten, zu sprechen, brachte jedoch kein einziges kritisches Wort heraus. Im von Böhmermann angeregten Gespräch zwischen dem nach eigener Auskunft „deutschesten Juden der Welt“ Shahak Shapira und der russisch-jüdischen Autorin Kat Kaufmann zeigte der Jura-Student Kollegah dann erneut, wie notwendig es ist, ihm nicht auch noch eine Bühne zu geben.
Dazu müsste man jedoch wohl leider das Internet abschalten. Marius Mocker nimmt in seinem hörenswerten Vortrag über Antisemitismus im deutschen Rap die Produktionsbedingungen desselbigen in den Blick. Plattformen wie Youtube machten neuere Produktionen immer und überall verfügbar. In jeder dritten Veröffentlichung findet sich ihm zufolge Antisemitismus, amalgamiert mit anti-westlichem Furor und Sexismus. Halbherzigen und moralisierenden Interventionen wie die eines Markus Staiger setzt er eine ideologiekritische Reflexion entgegen, die die gesellschaftlichen Bedingungen, auf denen Deutschrap gedeiht, in den Blick bekommt. Der im arte journal zu Wort kommende jüdische Rapper Ben Salomo hält den Zusammenhang, dass sich ein antisemitisches Publikum mit seinem antisemitischen Idol vergemeinschaftet, ebenso fest.
Rapper wie Edgar Wasser und Fatoni zeigen, dass auf deutsch zu rappen nicht gleichbedeutend mit Deutschrap sein muss. Dass der so notwendige, wenn auch nicht mit Ideologiekritik zu verwechselnde Diss des antisemitischen und verschwörungsideologischen Deutschraps leider (fast) immer mit behindertenfeindlichem Vokabular erfolgt, zeigt erneut die Notwendigkeit auf, sich mit den gesellschaftlichen Produktionsbedingungen der Ware Rap zu beschäftigen.

Hat es leider nicht in den Kurzbeitrag von Arte geschafft: „Boss“ Kollegah
noch vor dem Bundespräsidenten am Grab des Friedensnobelpreis deko-
rierten Judenmörders Jassir Arafat
in Ramallah | © streetcinema 2016


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