Archiv für Juni 2017

Ungarns Ultrarechte – Der Traum von der Volksgemeinschaft

ZDF auslandsjournal vom 28.06.2017

Unsere Mütter, unsere Väter

TV-Spielfilm, 3 × 90 min., D 2013
Regie: Philipp Kadelbach / Drehbuch: Stefan Kolditz

Auszug einer Filmbesprechung aus „The Aftermath of the Allied Victory Over Germany“ (Eine Broschüre der antifaschistischen 70YEARS-Kampagne):

„Fünf Stunden Selbstmitleid für die Jugend des Dritten Reichs“ – so lautete eine der wenigen treffenden Kritiken des ZDF-Spektakels. Doch die kam natürlich nicht aus Deutschland. Die US-amerikanische Unterhaltungsseite „A.V. Club“ fasst die Botschaft des TV-Events des Jahres 2013 weiterhin folgendermaßen zusammen: „Ja, eure Großeltern mögen Nazis gewesen sein. Aber vielleicht waren sie auch so nett wie die Leute in dem Film.“ Die New York Times ging sogar noch weiter und verglich das Kriegsdrama mit einem NS-Propagandafilm. Die deutschen Kritiken sahen hingegen ganz anders aus. In Feuilletons und Talkshows war man sich weitgehend einig: Der Film wurde als Tabubruch und großartiges Historienepos mit Aufklärungscharakter gehandelt. Das ZDF empfahl ihn für den Geschichtsunterricht; Historiker, Antisemitismusexperten, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung und Gedenkstättenleiter gaben dem Film insgesamt Bestnoten. Endlich würde man die ganze Wahrheit über den schrecklichen Krieg erfahren, die Grausamkeit würde schonungslos dargestellt und sollte Pflichtprogramm für die deutsche Familie werden. Die schaute brav zu: Der Dreiteiler erreichte im Schnitt sieben Millionen Zuschauer und hatte einen Marktanteil von 20 bis 25 Prozent. Begleitet wurde der Film von einem regelrechten Medienhype. Zwar wurde hier und da kontrovers diskutiert, aber grundsätzlich kam „Unsere Mütter, unsere Väter“ in Deutschland gut an. Der Spiegel verklärte den dreiteiligen Spielfilm zum „neuen Meilenstein deutscher Erinnerungskultur“.
Dies konstatierte [bereits] der Publizist Eike Geisel 1993 zur Erinnerungspolitik des vereinten Deutschland. Anlässlich der Einweihung der Neuen Wache, die „Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ die der Krieg von Helden sein soll, beschrieb er die „Rückkehr zur Normalität“ für das Land der Täter: „Bei Nacht, sagt man, sind alle Katzen grau, und so soll es nun Helden verwandelt auch den Toten gehen, die hinter der Losung ‚Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft‘ in einem Nebel standardisierter Trauer verschwinden.“ Irgendwie waren doch alle Opfer – ja, auch die Deutschen. Opfer der Verhältnisse, Opfer des Krieges und zuletzt natürlich Opfer des alliierten Bombenhagels. Neu aufgelegt und in Blockbuster-Format wird diese deutsche Opfertümelei in „Unsere Mütter, unsere Väter“ präsentiert, in dem es um das Schicksal fünf naiver, deutscher Freunde geht, die der Krieg von Helden in Schweine und wieder in Helden verwandelt; mit denen man fünf Stunden lang mitfiebern und mitfühlen soll, von denen man zwar angeekelt ist, aber zugleich gar nicht anders kann, als Verständnis für ihr Handeln aufzubringen.
Das Hauptmotiv des Films schallt als Mantra fortwährend aus dem Off: „Der Krieg wird das Schlechteste in uns hervorbringen.“ In dem Satz schwingen Widerstand und Ohnmacht mit. Man wollte eigentlich gar nicht, aber man musste, und machte sich ganz unfreiwillig schuldig. Doch von Schuld will man heute (wie damals) nicht sprechen. Schließlich habe der grausame Krieg, den doch niemand wollte, vor allem nicht die Protagonisten des Films, auch genug Opfer auf deutscher Seite gebracht. Arnulf Baring, deutscher Historiker mit einer Position rechtsaußen, sprach es bei „Markus Lanz“ ganz offen aus: „Ganz großartig ist ja in dem Film, dass man sieht, dass die ganze Teilung, von der wir seit Jahrzehnten reden, nämlich zwischen Opfern und Tätern, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer.“
Auch in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“, in der man im Jahr 2015 anlässlich des 70. Jahrestages der deutschen Niederlage über „Das Erbe von 1945: Deutsche Schuld, deutsche Opfer“ diskutierte, wurden Täter und Opfer stets als eins gedacht. In der Sendung ging es dann hauptsächlich um deutsche Opfer. Sandra Maischberger und der Großteil ihrer Studiogäste waren davon überzeugt, dass es an der Zeit sei, endlich über diese zu reden. Nico Hofmann, der Regisseur (eigentlich der Produzent; Anm. d. R.) von „Unsere Mütter, unsere Väter“, hatte das mit seinem Film geschafft. Nach eigener Aussage wollte er mit der „unglaublichen Schuld-Sühne-Pädagogik“ – als ob es so etwas je gegeben hätte – Schluss machen und zeigen, wie „fehlgeleitet unsere historische Aufklärungsarbeit gewirkt hat. Eine Kollektivschuld gäbe es schließlich nicht, und so versucht der Film dann auch, diese durch seinen Fokus auf individuelle deutsche Schicksale zu dekonstruieren. „Schicksal“ meint hier tatsächlich: von jeglicher Handlungsmöglichkeit befreite Protagonistinnen und Protagonisten. So zumindest stellt es der Film dar. Der Unterton, der latent mitschwingt, ist, dass die Deutschen anders gehandelt hätten, wenn sie nur gekonnt hätten. Doch die Verhältnisse, der Krieg, haben sie zu unmenschlichen Taten gezwungen. Passend dazu schrieb Bild: „Ein Entrinnen aus der Hölle dieses Krieges gab es für die deutschen Soldaten nicht.“ Der deutsche Soldat wird hier nicht nur zum Opfer der äußeren, als unveränderlich dargestellten Verhältnisse, er wird so auch nachträglich von jeder Schuld freigesprochen. Zwar werden auch die fünf Freunde im Laufe des Dramas zu grausamen Arschlöchern. Doch es gibt immer eine trennende Linie zwischen ihnen, die stets von Gewissensbissen geplagt sind und selbst am meisten unter ihrem unmenschlichen Verhalten leiden, und jenem sadistischen SS-Offizier, der das kleine jüdische Mädchen skrupellos und mordlüstern abknallt, oder den durch und durch antisemitischen polnischen Partisanen. Letztere sind im Übrigen neben einer einfältigen Deutschen die einzigen, die als explizit antisemitisch dargestellt werden…“

Deutsches Volksmärchen: „Einer meiner besten Freunde ist Jude.“
| © ZDF 2013

Vom Jordan bis zum Mittelmeer: Der Hass auf „Wonder Woman“

Spielfilm – 141 min., USA 2017
Regie: Patty Jenkins / Drehbuch: Jason Fuchs, William M. Marston

Die Comicverfilmung „Wonder Woman“ wird in einigen arabischen Staaten boykottiert. Nicht nur die Parteinahme der Hauptdarstellerin für Israel, auch die feministische Perspektive sowie die historischen Querverweise des Plots könnten ein Grund für diese Haltung sein.

Die Comicverfilmung „Wonder Woman“ feiert derzeit weltweit Erfolge. Kurz nach dem Kinostart Anfang Juni stand bereits fest, dass die Einspielergebnisse die Erwartungen der Produzenten um ein Vielfaches übersteigen werden. Dies überrascht umso mehr, als dass es bisher nicht selbstverständlich war, weiblichen Superhelden einen eigenen Film zu widmen und darüber hinaus mit Patty Jenkins auch noch einer Frau die Regie anzutragen. Die Reaktionen auf „Wonder Woman“ zeigen, dass Hollywoods Traumfabrik ganz offensichtlich einen Nerv getroffen hat.
In einigen arabischen Staaten stieß der Film jedoch schon im Vorfeld auf Ablehnung und wurde mit einem Bann belegt. Ausschlaggebend hierfür war die Unterstützung der Hauptdarstellerin Gal Gadot für die israelischen Streitkräfte. Gal Gadot, gebürtige Israeli und Nachkomme eines Shoah-Überlebenden, hatte während des Libanon-Krieges 2006 ihren 2-jährigen Wehrdienst absolviert und war als Ausbilderin der Israel Defense Forces tätig. Als Skandal wertet die Boykottbewegung einen 2014 geposteten Facebook-Eintrag, in dem die Schauspielerin ihre Unterstützung für Israel während der „Operation Protective Edge“ und ihre Abneigung gegen die Kriegsführung der Hamas zum Ausdruck brachte.
Während Gadot in sozialen Medien unablässig beschimpft und diffamiert wird, setzten sich von Algier bis Beirut staatliche Stellen, Boykott-Aktivisten und private Akteure bereits erfolgreich für ein Verbot des Films ein. In Algier wurde die „Wonder Woman“-Premiere während des Fastenmonats Ramadan vom Filmfestival „Nuits du cinéma“ verbannt. Nach einer Online-Petition «Non! Pas en Algérie», die unterstellt, Gal Gadot würde Phosphorbomben gutheißen, hatte man sich auf „administrative Zwänge“ berufen und zunächst einmal Verwertungsrechte klären wollen. Zuvor regte offenbar die Organisation „Campaign to Boycott Supporters of Israel-Lebanon“ die libanesischen Behörden dazu an, ein staatliches Verbot zu verfügen. Im Libanon sind Kontakte zwischen Libanesen und Israelis sowie der Handel mit israelischen Waren seit jeher verboten. Das Wirtschafts- und Handelsministerium soll diesen Boykott durchsetzen und „jeden Versuch des Feindes, unsere Märkte zu infiltrieren“, verhindern. Im arabisch-frühlingshaften Tunesien, einem Staat mit implizit antisemitischer Verfassung, waren mit einer Rechtsanwaltsvereinigung, politischen Parteien und staatlichen Stellen unterschiedliche Akteure am Vorführungsverbot beteiligt. „Es muss mobil gemacht werden in dieser Angelegenheit, sowie bezüglich allem, was zur Normalisierung mit der zionistischen Entität beiträgt“ ließ auch die linke „Front Populaire“ verlautbaren. In Ramallah, Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde, wurden die Kinobetreiber des Palestine Towers Cinema von sich aus aktiv und nahmen den Film gar nicht erst ins Programm. Auch in Jordanien prüften zuständige Stellen ein Verbot. Anzunehmen, dass den Beispielen weitere Staaten folgen werden. Jedenfalls sprechen schon die offiziellen Release Dates für Afrika und den Mittleren Osten eine deutliche Sprache.
Doch mit dem vordergründig Israel-feindlichen Verbot könnten noch weitere Motive verwoben sein, die in der bisherigen Berichterstattung noch keine Erwähnung fanden. So dürfte Gegnern und Zensoren des Film vermutlich auch die feministische Perspektive nicht allzu genehm gewesen sein. In den patriarchalen Gesellschaften jener arabischen Staaten werden wehrhafte und angriffslustige Superfrauen wie „Wonder Woman“ auch kaum auf eine Willkommenskultur treffen. Als Verkörperung individueller, sexueller und politischer Autonomie würde „Wonder Woman“ dort ganz augenscheinlich auch ohne Gal Gadot schon eine Provokation darstellen. Zugleich wird den Boykotteuren und Tugendwächtern der Film aber nicht nur als aggressiver Einbruch des „Westens“ in ihre patriarchale Ordnung erscheinen. Denn dass die Hauptrolle eben nicht einfach nur irgendeine Frau, sondern eine Israeli übernimmt, dürfte wiederum jenes antisemitische Ressentiment vom kulturzersetzenden Juden bestärken, welches sich auch in der Rede von Israel als „Fremdkörper“, als“ Gebilde“, als „Krebsgeschwür“ oder als „Brückenkopf des US-Imperialismus“ nicht nur im Nahen Osten Luft macht. Von aufklärenden Debatten und öffentlichen Auseinandersetzungen wie die um die CinemaxX-“Männerabende“ in Deutschland, die Diätwerbung und Putzschwämmchen in den Präsenttütchen belgischer Kinos oder die „Women only“-Vorführungen in den USA sind oben genannte Boykott-Staaten also meilenweit entfernt. Für das heimische Publikum holt man sich lieber von US-amerikanischen BDS-Aktivistinnen praktische Haushaltstipps, wie man mit antisemitischen Drecklappen die Normalität sexistischer Gewalt sauberwaschen kann. Diejenigen tunesischen Frauen beispielsweise, die nach ihrer Vergewaltigung mit ihrem Peiniger verheiratet wurden, damit der Täter straffrei ausgehen kann, werden sich für die Kritik an „Wonder Womans imperialen Feminismus“ bei Leuten wie Susan Abulhawa ganz bestimmt herzlichst bedanken.

Analogie zur Shoah: WK1-General Erich Ludendorff an der Schwelle
zur Gaskammer | © Warner Bros. Entertainment Inc. 2017

Des Weiteren könnte beim Verbot auch noch die geschichtspolitische Dimension des Plots hinzukommen. Neben der Personalie Gadot reizen einige Rezensenten anscheinend schon die Anordnung der Hauptfiguren und die historischen Konstellationen im Film bis aufs Blut. Bei Al Jazeera phantasieren antisemitische Paradiesvögel wie Hamid Dabashi in das mythische Amazonen-Eiland Themyscira sogleich den Staat Israel hinein. Dass „Wonder Woman“ dann auch noch mit einem US-amerikanischen Agenten in den Ersten Weltkrieg zieht, ist für den Professor der Columbia-University bestimmt auch nur die Bestätigung für die „United States of Israel“. Mehr noch: Da „Wonder Woman“ später an der Seite der Briten in die Schlacht zieht, lassen bei Antisemiten sicher schon bald Baron Rothschild und Lord Balfour grüßen. Schließlich schreiben wir das Jahr 2017 und somit 100 Jahre Balfour-Declaration. Dürften die ehemals Kolonisierten „Wonder Woman“ zu sehen bekommen, sie würden sich deshalb auch wohl eher auf der gegnerischen Seite der Front verorten: Im Film wird die Allianz zwischen dem Osmanischen Reich und dem Deutschen Kaiserreich schon recht frühzeitig ins Bild gesetzt. Und der kundige Zuschauer weiß, dass nach dem Sieg der Briten über die Osmanen an der Palästinafront auch die Neuordnung des Nahen Ostens folgte.
Aber was treiben eigentlich die Deutschen so im Film? Verdienterweise kriegen sie von „Wonder Woman“ und den Briten gehörig auf den Sack! Im Film tun die Stahlhelm-Deutschen eben genau das, was sie auch in der Geschichte bisher am weitesten trieben: Pardon wird nicht gegeben! In der Person des Generals Erich Ludendorff beschreiten sie den deutschen Sonderweg, deportieren Zwangsarbeiter und perfektionieren die Vernichtung durch Gas. Dass dabei die Shoah auch die Vernichtungsphantasien postnazistischer Antisemiten anregt, dürfte seit dem Jahr 2014 auch hierzulande hinlänglich bekannt sein. Dass sie schon im Film auf der Verliererseite stehen würden, das mochten wohl auch die Zensoren dem Publikum nicht zumuten.
Insofern ist der Boykott „Wonder Womans“ also vor allem eines: Eine Synthese aus radikalem Antifeminismus und Antisemitismus. Vor dem Hintergrund brutaler Unterdrückung von Frauen und eines mörderischen Hasses auf Israel und die Juden kann deshalb „Wonder Womans“ finaler Versöhnungskitsch auch leider nur verpuffen. Denn anders als in den Phantasien dieses Film wird ein erfolgversprechender Kampf um Humanität (oder wie sagt man hier immer so schön: „ums Ganze“?) derzeit nur selten geführt. Kurz: In der Realität hat Liebe offenbar ihre Grenzen. Die Verantwortung dafür, die tragen Antisemiten allerdings immer noch selbst.

Dokus à la cArte – Auserwählt und ausgegrenzt

Dokumentation – 90 min., D 2016
Ein Film von Joachim Schroeder und Sophie Hafner

Verhindert der deutsch-französische TV-Sender Arte die Aufklärung über Antisemitismus? Nach Meinung einiger namhafter Experten schon. Doch nicht nur die ablehnende Haltung gegenüber einer Dokumentation zum Thema Antisemitismus in Europa, auch die Programmgestaltung des Senders sprechen eine klare Sprache.
In der aktuellen Auseinandersetzung um die verhinderte Ausstrahlung des Dokumentarfilms „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ haben zwar die Filmemacher Joachim Schroeder und Sophie Hafner einige Fürsprecher gewinnen können: Die Historiker Götz Aly und Michael Wolffsohn ebenso wie die FilmemacherInnen Esther Schapira, Ahmad Mansour und Georg M. Hafner lobten den Film nach Sichtung und äußerten ihr Unverständnis über das Verhalten von Arte nachdrücklich. Auch die Berliner Zeitung, die BILD, Jüdische Rundschau und FAZ berichteten bereits kritisch. Der Deutschlandfunk sendete jüngst ein aufschlussreiches Interview mit dem Regisseur. Arte jedoch scheint das Problem einfach aussitzen zu wollen und versteckt sich hinter Regularien.
Aber nicht nur das: Seit der Negativbescheid des Senders Anfang Mai öffentlich geworden ist, hat Arte eine ganze Reihe von Dokumentarfilmen gezeigt, die offenbar machen, welch Geistes Kind die Verantwortlichen sind. Allein seit den letzten fünf Wochen ergießt sich auf die Arte-Zuschauer ein unablässiges anti-israelisches Trommelfeuer: „Re: Breaking the Silence“, „Algier – Mekka der Revolutionäre“, „Ben Gurions Vermächtnis“, „Das andere Jerusalem“, „Grenzfahrer“, „18 Kühe zwischen zwei Fronten“, „Waltz with Bashir“, „Töte zuerst! – Der israelische Geheimdienst Schin Beth“, „Zensierte Stimmen“ sowie ganz exklusiv die Webdokumentation „Die Grüne Linie“. Ein wahrer Augenschmaus also für „Israelkritiker“ – wie auch für Gourmets der antisemitischen Gerüchteküche! Bei diesem offensichtlichen Mangel an Objektivität und Ausgewogenheit im Arte-Programm verwundert es daher schon sehr, wenn die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“ mit der Begründung abgelehnt wird, sie sei nicht „ergebnisoffen“ oder „multiperspektivisch“ genug und gieße „Öl ins Feuer“.
Wie man vor der historischen Erfahrung allerdings das Thema Antisemitismus „ergebnisoffen“ diskutieren soll, müssten die Verantwortlichen bei Arte noch näher erläutern. Der deutsch-französische Kultursender, der es zu keinem Holocaust-Gedenktag versäumt, sein Programm jenen toten Juden zu widmen, die die Deutschen arbeitsteilig mit Unterstützung ihrer Kollaborateure millionenfach ausplünderten und ermordeten, verpasst kaum eine Gelegenheit, den lebenden Juden in Israel ihre angeblichen Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen vorzuhalten. Allein auf die Idee, dass im Nahost-Konflikt neben Israel auch noch andere Akteure bedeutsam sein könnten, kommt der Sender nicht. Palästinenser werden fast ausschließlich als passive Opfer der Israelis gezeigt. Dass der antizionistische Antisemitismus seit Anbeginn der Kitt der palästinensischen Gesellschaft ist, Judenmörder als Märtyrer gefeiert und großzügig alimentiert werden, dass die Maximalforderungen der palästinensischen „Verhandlungspartner“ gleichermaßen auf die Zerstörung Israels ausgerichtet sind wie die Rhetorik des Holocaustleugners Mahmoud Abbas auf ein judenreines Palästina und dass dabei „das palästinensische Volk“ trotz all dessen auch noch von sogenannten „Menschenrechtsorganisationen“ und europäischen Staaten moralischen Rückhalt und mannigfaltige Unterstützung erfährt, ist Arte keinen „Themenabend“ wert. Hätte der Sender ein diesbezügliches Motto, so könnte man es zynisch zuspitzen: Die Vergangenheit gehört den Juden, die Zukunft den Palästinensern!
Die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ dagegen wollte den Fokus auch auf ebenjene aktuelle Erscheinungsform des Antisemitismus richten, der laut aktuellem Antisemitismusbericht der Bundesregierung allein in Deutschland satte 40% anhängen: dem Israel-bezogenen Antisemitismus. Die Zahlen verdeutlichen, dass der Antisemitismus nicht allein ein Problem sogenannter extremistischer Ränder sowie der muslimischen Community ist. Auch jenes Milieu des liberalen Bildungsbürgertums, welches Arte vornehmlich anzusprechen versucht, ist davon betroffen. Die Produktionsfirma der nun beanstandeten Doku hatte dies bereits im Jahr 2013 durch den Film „Antisemitismus heute – Wie judenfeindlich ist Deutschland?“ herausarbeiten lassen.
Die Programmkonferenz des „europäischen Kulturkanals“ und ihr Vorsitzender, Arte-Programmdirektor Alain Le Diberder, täten daher gut daran, sich einmal eingehender mit der Arbeitsdefinition ‚Antisemitismus‘ der Europäischen Union auseinanderzusetzen. Israel-bezogener Antisemitismus beinhaltet demnach u.a. „Das Abstreiten des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung, z.B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen“ oder die „Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet und verlangt wird.“ Das unverhältnismäßig häufige Aburteilen der israelischen Politik bei Arte führt beim Zuschauer nicht nur fast ganz zwangsläufig zum Befund: „Israel ist an allem schuld!“ – die Dauerpräsenz „Israel-kritischer“ Tele-Visionen bezeugen einen zwangsneurotischen Charakter, wie er schon für den klassischen Antisemitismus festzustellen war.
Vor dem hier geschilderten Hintergrund ist es somit auch blauäugig, anzunehmen, dass Arte mit der Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“, wie Regisseur Joachim Schroeder in einem Radio Corax-Interview wohlwollend meint, kein inhaltliches Problem hätte. Die Frage des Films, ob der „Antisemitismus ein unzivilisiertes Herzstück europäischer Kultur“ sei, könnte man sich auch für den sogenannten Antizionismus der „Israelkritiker“ stellen. Allein beschränkt auf den Fall des Kultursenders Arte müsste man diese Frage jetzt wohl schon eindeutig mit Ja beantworten.

+++ Update 08.06.2017 +++ Nachdem sich nun auch der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland Josef Schuster zu Wort gemeldet hat, reagierte Arte-Programmdirektor Alain le Diberder seinerseits mit einem offenen Brief. Darin behauptet er ernsthaft, dass sich „Arte wie kaum ein anderer Sender in Europa dem Kampf gegen Antisemitismus und [Bitte lachen Sie… Jetzt!] Antizionismus [!] verschrieben“ habe.

(Bitte zum Abspielen des Trailers auf die Stirn von Frau Groth tippen. Vielleicht macht es bei ihr dann wenigstens auch einmal ‚Click‘!)

MdB Annette Groth (dieLINKE), Beauftragte für die Lösung der Israel-
frage, hat unzweifelhaft Vergiftungserscheinungen | © Arte, WDR 2016

Bildersturm (Tatort 388)

Spielfilm – 88 min, D 1998
Buch: Robert Schwentke, Jan Hinter/ Regie: Nikolaus Stein

Es ist eine Schuld, die durch nichts getilgt werden kann.“

(Trailer zum Film)

Aus Anlass der aktuellen Diskussion um Neonazis und Wehrmachtsgedenken in der Bundeswehr und den zweifelhaften Aktionismus der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sei hier wieder an eine geschichtspolitische Debatte erinnert, die damals mit einer Verspätung von gut 50 Jahren endlich den Mythos der „sauberen Wehrmacht“ ins Wanken brachte: Die Ausstellung, die ab 1995 mit dem Titel „Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1944″ durch dutzende Städte in Deutschland und Österreich tourte, provozierte in der breiten Öffentlichkeit heftige Reaktionen. Im Verein mit vor allem christlich-konservativen Politikern empörten sich ehemalige deutsche und österreichische Wehrmachtsveteranen lauthals und konnten dabei auf enormen Zuspruch bauen. Entgegen der historischen Faktenlage leugneten sie mit Verweis auf einen angeblichen „Befehlsnotstand“ oder die „Unseriosität“ der Ausstellung ihre Beteiligung bzw. die Verbrechen rundweg – ihre Kinder und Enkel inszenierten derweil über Jahre hinweg ein wahres Schuldabwehrspektakel und organisierten zahlreiche Aufmärsche unter dem Motto „Opa war kein Nazi“.
Die Debatte um die Wehrmachtsausstellung hatte 1998 auch der Tatort-Krimi „Bildersturm“ aufgegriffen. Dabei ging es um eine fiktive Fotoausstellung mit dem Titel „Verbrannte Erde“, die ebenfalls Verbrechen der deutschen Wehrmacht behandelt und starken öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt ist. Die Filmemacher fanden jedoch nicht nur einen geeigneten Dreh, um im Film das Täter-Opfer-Verhältnis umzukehren und zu relativieren. Auch das Original der Ausstellung selbst wurde thematisch aufgeweicht, indem der durch die Kommissare identifizierte Ort eines Wehrmachtsmassakers nicht in der Sowjetunion lokalisiert, sondern in die belgische Kleinstadt St. Vith verlegt wurde. Dabei könnte man die Wahl dieses Ortes durchaus auch als einen den Krieg rechtfertigenden Hinweis auf den Versailler „Schandvertrag“ lesen, wurde doch das vormals reichsdeutsche St.Vith im Jahr 1920 dem belgischen Staat angegliedert. (Oder gar als einen Hinweis auf das, was Alt- und Neonazis allgemein als „alliierten Bombenterror“ erinnern? – die Stadt wurde Weihnachten 1944 in Abwehr der deutschen Ardennen-Offensive durch amerikanische Bomber fast vollständig zerstört.) Jedenfalls spielen Hoheitsrechte und Landesgrenzen bei den Ermittlungen offenbar keine Rolle.
Die polizeiliche Aufklärungsarbeit der Tatort-Kommissare führt zwar auch zur Aufklärung jenes fiktiven Kriegsverbrechens der deutschen Wehrmacht, an dem der Onkel des Kommissars Schenk nach langem Schweigen schließlich doch beteiligt gewesen sein will. Doch im diesem Tatort scheint der Mord des Onkel Richard einfach zu verjähren: Die Strafverfolgung gilt jenem Täter, der durch die Identifizierung der Wehrmachsangehörigen auf den Fotos der Ausstellung in Eigenregie mörderische Selbstjustiz übt – und es damit den deutschen Mördern seiner Familie irgendwie gleichtut. Wenn Kommissar Schenks Tochter dem Wehrmachts-Onkel im Wissen um seine Taten Blumen ans Krankenbett bringt und Schenk am Ende des Films dem reumütig heulenden Onkel wieder näherkommt, so geht hier letztendlich nicht nur die deutsche Familienbande wieder gestärkt hervor.
Seit die Krokodilstränen der 2. und 3. Tätergeneration die ideologischen Motive der Mörder verwässert und weggespült haben, die Taten der Deutschen eingemeindet sowie die „deutschen Opfer“ des Krieges gewürdigt werden, darf spätestens seit 1998 auch mit einer rot-grünen Koalition das deutsche Kollektiv als geläutertes Ganzes wieder zusammenrücken und am neuen deutschen Gedenkwesen wieder die Welt genesen. Demonstriert hatte das alsbald schon die Bundeswehr im Kosovo: Bald nachdem das Kabinett Schröder-Scharping-Fischer im Jahr 1999 in Priština ein KZ sowie „serbische SS“ halluzinierte und „wegen Ausschwitz“ wider aller Tatsachen mit deutscher Waffengewalt einen Völkermord verhindern wollte, erstrahlte dann ab 2001 auf dem Schreibtisch von Kanzler Gerhard Schröders Amtssitz ein Foto seines Vaters in Schwarzweiß. Beziehungsweise in Feldgrau mit Reichadler und Hakenkreuz. Aber er war ja schließlich kein SS-Mann, der Papa – nur als deutscher Landser in der Sowjetunion im Einsatz. Und wenn in aktueller Debatte nicht nur deutschnationale Politiker, sondern auch Sozialdemokraten wie der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping die Beanstandung einer Fotografie des ehemaligen Vernichtungskriegers und sozialdemokratischen Bundeskanzlers Helmut Schmidt in einer Einrichtung der Bundeswehr als „bilderstürmerische Aktion“ geißeln, dann bleibt mit Alexander Nabert in Jungle World 21/2017 schlicht festzustellen, dass selbst „72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs […] die Abgrenzung von der Armee, die den Vernichtungskrieg führte, den Holocaust ermöglichte und sich daran beteiligte, keine Selbstverständlichkeit“ zu sein scheint. Und dazu haben eben auch solche Filme wie „Bildersturm“ aus der Tatort-Reihe ihren kleinen Beitrag geleistet.

(Hier sei auch auf die Filme „Jenseits des Krieges“ und „Der unbekannte Soldat“ verwiesen, die sich beide aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Wehrmachtsausstellung befasst haben.)

Strafvereitelung im Amt beim Tatort „Bildersturm“ | © WDR 1998

Deportation Class – Protokoll einer Abschiebung

Dokumentation – 45/88 min., D 2017
Ein Film von Carsten Rau und Hauke Wendler

Über den titelgebenden Begriff „Deportation“, den man im deutschen Sprachraum ja auch vor allem mit der Vernichtung des europäischen Judentums während des Nationalsozialismus verbunden wissen sollte, kann man sich streiten. Dennoch: „Rückführungsmanagement, Sammelcharter- und aufenthaltsbeendende Maßnahmen – Bürokraten haben viele Worte kreiert, um den Charakter der Abschiebung von Asylbewerbern zu verschleiern. Die Beamten, die solche Begriffe in diesem Dokumentarfilm benutzen oder als Schriftzug auf Westen tragen, werden wohl nie auf die Idee kommen, dass sie die Brutalität noch unterstreichen.
Die einprägsamsten Szenen entstehen nachts in einer Unterkunft in Mecklenburg-Vorpommern: Der Albaner Gezim J. steht um 2.30 Uhr in Unterwäsche im Flur, um ihn herum Polizisten, die ihm deutlich machen, dass seine Familie sofort ihre Sachen zu packen habe. Auch Lorenz Caffier, der Innenminister, ist vor Ort. Wenn sich J. schnell füge, sei das »doch für alle Beteiligten viel einfacher, auch für meine Mitarbeiter«, sagt der Mann von der christlichen Partei. Offenbar glaubt er, die Zuschauer hätten vor allem Mitleid mit den Staatsdienern, die Nachtschicht schieben müssen.
»Deportation Class« entstand während des Landtagswahlkampfs 2016, eine 45minütige Fassung (»Protokoll einer Abschiebung«) lief zunächst im NDR. Der Minister lässt den Dreh nicht nur genehmigen, er mischt auch mit, weil er glaubt, dass es ihm nützlich sein kann. Der joviale – für einen Schnack mit den Beamten bleibt stets Zeit – und empathiefreie Caffier agiert nach dem Motto: Was die AfD kann, können wir besser. […]“ (René Martens in konkret 6/2017)

(Auf Radio Corax ist ein Interview zum Dokumentarfilm mit dem Filmemacher Hauke Wendler nachzuhören)