Bildersturm (Tatort 388)

Spielfilm – 88 min, D 1998
Buch: Robert Schwentke, Jan Hinter/ Regie: Nikolaus Stein

Es ist eine Schuld, die durch nichts getilgt werden kann.“

(Trailer zum Film)

Aus Anlass der aktuellen Diskussion um Neonazis und Wehrmachtsgedenken in der Bundeswehr und den zweifelhaften Aktionismus der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sei hier wieder an eine geschichtspolitische Debatte erinnert, die damals mit einer Verspätung von gut 50 Jahren endlich den Mythos der „sauberen Wehrmacht“ ins Wanken brachte: Die Ausstellung, die ab 1995 mit dem Titel „Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1944″ durch dutzende Städte in Deutschland und Österreich tourte, provozierte in der breiten Öffentlichkeit heftige Reaktionen. Im Verein mit vor allem christlich-konservativen Politikern empörten sich ehemalige deutsche und österreichische Wehrmachtsveteranen lauthals und konnten dabei auf enormen Zuspruch bauen. Entgegen der historischen Faktenlage leugneten sie mit Verweis auf einen angeblichen „Befehlsnotstand“ oder die „Unseriosität“ der Ausstellung ihre Beteiligung bzw. die Verbrechen rundweg – ihre Kinder und Enkel inszenierten derweil über Jahre hinweg ein wahres Schuldabwehrspektakel und organisierten zahlreiche Aufmärsche unter dem Motto „Opa war kein Nazi“.
Die Debatte um die Wehrmachtsausstellung hatte 1998 auch der Tatort-Krimi „Bildersturm“ aufgegriffen. Dabei ging es um eine fiktive Fotoausstellung mit dem Titel „Verbrannte Erde“, die ebenfalls Verbrechen der deutschen Wehrmacht behandelt und starken öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt ist. Die Filmemacher fanden jedoch nicht nur einen geeigneten Dreh, um im Film das Täter-Opfer-Verhältnis umzukehren und zu relativieren. Auch das Original der Ausstellung selbst wurde thematisch aufgeweicht, indem der durch die Kommissare identifizierte Ort eines Wehrmachtsmassakers nicht in der Sowjetunion lokalisiert, sondern in die belgische Kleinstadt St. Vith verlegt wurde. Dabei könnte man die Wahl dieses Ortes durchaus auch als einen den Krieg rechtfertigenden Hinweis auf den Versailler „Schandvertrag“ lesen, wurde doch das vormals reichsdeutsche St.Vith im Jahr 1920 dem belgischen Staat angegliedert. (Oder gar als einen Hinweis auf das, was Alt- und Neonazis allgemein als „alliierten Bombenterror“ erinnern? – die Stadt wurde Weihnachten 1944 in Abwehr der deutschen Ardennen-Offensive durch amerikanische Bomber fast vollständig zerstört.) Jedenfalls spielen Hoheitsrechte und Landesgrenzen bei den Ermittlungen offenbar keine Rolle.
Die polizeiliche Aufklärungsarbeit der Tatort-Kommissare führt zwar auch zur Aufklärung jenes fiktiven Kriegsverbrechens der deutschen Wehrmacht, an dem der Onkel des Kommissars Schenk nach langem Schweigen schließlich doch beteiligt gewesen sein will. Doch im diesem Tatort scheint der Mord des Onkel Richard einfach zu verjähren: Die Strafverfolgung gilt jenem Täter, der durch die Identifizierung der Wehrmachsangehörigen auf den Fotos der Ausstellung in Eigenregie mörderische Selbstjustiz übt – und es damit den deutschen Mördern seiner Familie irgendwie gleichtut. Wenn Kommissar Schenks Tochter dem Wehrmachts-Onkel im Wissen um seine Taten Blumen ans Krankenbett bringt und Schenk am Ende des Films dem reumütig heulenden Onkel wieder näherkommt, so geht hier letztendlich nicht nur die deutsche Familienbande wieder gestärkt hervor.
Seit die Krokodilstränen der 2. und 3. Tätergeneration die ideologischen Motive der Mörder verwässert und weggespült haben, die Taten der Deutschen eingemeindet sowie die „deutschen Opfer“ des Krieges gewürdigt werden, darf spätestens seit 1998 auch mit einer rot-grünen Koalition das deutsche Kollektiv als geläutertes Ganzes wieder zusammenrücken und am neuen deutschen Gedenkwesen wieder die Welt genesen. Demonstriert hatte das alsbald schon die Bundeswehr im Kosovo: Bald nachdem das Kabinett Schröder-Scharping-Fischer im Jahr 1999 in Priština ein KZ sowie „serbische SS“ halluzinierte und „wegen Ausschwitz“ wider aller Tatsachen mit deutscher Waffengewalt einen Völkermord verhindern wollte, erstrahlte dann ab 2001 auf dem Schreibtisch von Kanzler Gerhard Schröders Amtssitz ein Foto seines Vaters in Schwarzweiß. Beziehungsweise in Feldgrau mit Reichadler und Hakenkreuz. Aber er war ja schließlich kein SS-Mann, der Papa – nur als deutscher Landser in der Sowjetunion im Einsatz. Und wenn in aktueller Debatte nicht nur deutschnationale Politiker, sondern auch Sozialdemokraten wie der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping die Beanstandung einer Fotografie des ehemaligen Vernichtungskriegers und sozialdemokratischen Bundeskanzlers Helmut Schmidt in einer Einrichtung der Bundeswehr als „bilderstürmerische Aktion“ geißeln, dann bleibt mit Alexander Nabert in Jungle World 21/2017 schlicht festzustellen, dass selbst „72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs […] die Abgrenzung von der Armee, die den Vernichtungskrieg führte, den Holocaust ermöglichte und sich daran beteiligte, keine Selbstverständlichkeit“ zu sein scheint. Und dazu haben eben auch solche Filme wie „Bildersturm“ aus der Tatort-Reihe ihren kleinen Beitrag geleistet.

(Hier sei auch auf die Filme „Jenseits des Krieges“ und „Der unbekannte Soldat“ verwiesen, die sich beide aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Wehrmachtsausstellung befasst haben.)

Strafvereitelung im Amt beim Tatort „Bildersturm“ | © WDR 1998


0 Antworten auf „Bildersturm (Tatort 388)“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


× sieben = vierzehn