Vom Jordan bis zum Mittelmeer: Der Hass auf „Wonder Woman“

Spielfilm – 141 min., USA 2017
Regie: Patty Jenkins / Drehbuch: Jason Fuchs, William M. Marston

Die Comicverfilmung „Wonder Woman“ wird in einigen arabischen Staaten boykottiert. Nicht nur die Parteinahme der Hauptdarstellerin für Israel, auch die feministische Perspektive sowie die historischen Querverweise des Plots könnten ein Grund für diese Haltung sein.

Die Comicverfilmung „Wonder Woman“ feiert derzeit weltweit Erfolge. Kurz nach dem Kinostart Anfang Juni stand bereits fest, dass die Einspielergebnisse die Erwartungen der Produzenten um ein Vielfaches übersteigen werden. Dies überrascht umso mehr, als dass es bisher nicht selbstverständlich war, weiblichen Superhelden einen eigenen Film zu widmen und darüber hinaus mit Patty Jenkins auch noch einer Frau die Regie anzutragen. Die Reaktionen auf „Wonder Woman“ zeigen, dass Hollywoods Traumfabrik ganz offensichtlich einen Nerv getroffen hat.
In einigen arabischen Staaten stieß der Film jedoch schon im Vorfeld auf Ablehnung und wurde mit einem Bann belegt. Ausschlaggebend hierfür war die Unterstützung der Hauptdarstellerin Gal Gadot für die israelischen Streitkräfte. Gal Gadot, gebürtige Israeli und Nachkomme eines Shoah-Überlebenden, hatte während des Libanon-Krieges 2006 ihren 2-jährigen Wehrdienst absolviert und war als Ausbilderin der Israel Defense Forces tätig. Als Skandal wertet die Boykottbewegung einen 2014 geposteten Facebook-Eintrag, in dem die Schauspielerin ihre Unterstützung für Israel während der „Operation Protective Edge“ und ihre Abneigung gegen die Kriegsführung der Hamas zum Ausdruck brachte.
Während Gadot in sozialen Medien unablässig beschimpft und diffamiert wird, setzten sich von Algier bis Beirut staatliche Stellen, Boykott-Aktivisten und private Akteure bereits erfolgreich für ein Verbot des Films ein. In Algier wurde die „Wonder Woman“-Premiere während des Fastenmonats Ramadan vom Filmfestival „Nuits du cinéma“ verbannt. Nach einer Online-Petition «Non! Pas en Algérie», die unterstellt, Gal Gadot würde Phosphorbomben gutheißen, hatte man sich auf „administrative Zwänge“ berufen und zunächst einmal Verwertungsrechte klären wollen. Zuvor regte offenbar die Organisation „Campaign to Boycott Supporters of Israel-Lebanon“ die libanesischen Behörden dazu an, ein staatliches Verbot zu verfügen. Im Libanon sind Kontakte zwischen Libanesen und Israelis sowie der Handel mit israelischen Waren seit jeher verboten. Das Wirtschafts- und Handelsministerium soll diesen Boykott durchsetzen und „jeden Versuch des Feindes, unsere Märkte zu infiltrieren“, verhindern. Im arabisch-frühlingshaften Tunesien, einem Staat mit implizit antisemitischer Verfassung, waren mit einer Rechtsanwaltsvereinigung, politischen Parteien und staatlichen Stellen unterschiedliche Akteure am Vorführungsverbot beteiligt. „Es muss mobil gemacht werden in dieser Angelegenheit, sowie bezüglich allem, was zur Normalisierung mit der zionistischen Entität beiträgt“ ließ auch die linke „Front Populaire“ verlautbaren. In Ramallah, Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde, wurden die Kinobetreiber des Palestine Towers Cinema von sich aus aktiv und nahmen den Film gar nicht erst ins Programm. Auch in Jordanien prüften zuständige Stellen ein Verbot. Anzunehmen, dass den Beispielen weitere Staaten folgen werden. Jedenfalls sprechen schon die offiziellen Release Dates für Afrika und den Mittleren Osten eine deutliche Sprache.
Doch mit dem vordergründig Israel-feindlichen Verbot könnten noch weitere Motive verwoben sein, die in der bisherigen Berichterstattung noch keine Erwähnung fanden. So dürfte Gegnern und Zensoren des Film vermutlich auch die feministische Perspektive nicht allzu genehm gewesen sein. In den patriarchalen Gesellschaften jener arabischen Staaten werden wehrhafte und angriffslustige Superfrauen wie „Wonder Woman“ auch kaum auf eine Willkommenskultur treffen. Als Verkörperung individueller, sexueller und politischer Autonomie würde „Wonder Woman“ dort ganz augenscheinlich auch ohne Gal Gadot schon eine Provokation darstellen. Zugleich wird den Boykotteuren und Tugendwächtern der Film aber nicht nur als aggressiver Einbruch des „Westens“ in ihre patriarchale Ordnung erscheinen. Denn dass die Hauptrolle eben nicht einfach nur irgendeine Frau, sondern eine Israeli übernimmt, dürfte wiederum jenes antisemitische Ressentiment vom kulturzersetzenden Juden bestärken, welches sich auch in der Rede von Israel als „Fremdkörper“, als“ Gebilde“, als „Krebsgeschwür“ oder als „Brückenkopf des US-Imperialismus“ nicht nur im Nahen Osten Luft macht. Von aufklärenden Debatten und öffentlichen Auseinandersetzungen wie die um die CinemaxX-“Männerabende“ in Deutschland, die Diätwerbung und Putzschwämmchen in den Präsenttütchen belgischer Kinos oder die „Women only“-Vorführungen in den USA sind oben genannte Boykott-Staaten also meilenweit entfernt. Für das heimische Publikum holt man sich lieber von US-amerikanischen BDS-Aktivistinnen praktische Haushaltstipps, wie man mit antisemitischen Drecklappen die Normalität sexistischer Gewalt sauberwaschen kann. Diejenigen tunesischen Frauen beispielsweise, die nach ihrer Vergewaltigung mit ihrem Peiniger verheiratet wurden, damit der Täter straffrei ausgehen kann, werden sich für die Kritik an „Wonder Womans imperialen Feminismus“ bei Leuten wie Susan Abulhawa ganz bestimmt herzlichst bedanken.

Analogie zur Shoah: WK1-General Erich Ludendorff an der Schwelle
zur Gaskammer | © Warner Bros. Entertainment Inc. 2017

Des Weiteren könnte beim Verbot auch noch die geschichtspolitische Dimension des Plots hinzukommen. Neben der Personalie Gadot reizen einige Rezensenten anscheinend schon die Anordnung der Hauptfiguren und die historischen Konstellationen im Film bis aufs Blut. Bei Al Jazeera phantasieren antisemitische Paradiesvögel wie Hamid Dabashi in das mythische Amazonen-Eiland Themyscira sogleich den Staat Israel hinein. Dass „Wonder Woman“ dann auch noch mit einem US-amerikanischen Agenten in den Ersten Weltkrieg zieht, ist für den Professor der Columbia-University bestimmt auch nur die Bestätigung für die „United States of Israel“. Mehr noch: Da „Wonder Woman“ später an der Seite der Briten in die Schlacht zieht, lassen bei Antisemiten sicher schon bald Baron Rothschild und Lord Balfour grüßen. Schließlich schreiben wir das Jahr 2017 und somit 100 Jahre Balfour-Declaration. Dürften die ehemals Kolonisierten „Wonder Woman“ zu sehen bekommen, sie würden sich deshalb auch wohl eher auf der gegnerischen Seite der Front verorten: Im Film wird die Allianz zwischen dem Osmanischen Reich und dem Deutschen Kaiserreich schon recht frühzeitig ins Bild gesetzt. Und der kundige Zuschauer weiß, dass nach dem Sieg der Briten über die Osmanen an der Palästinafront auch die Neuordnung des Nahen Ostens folgte.
Aber was treiben eigentlich die Deutschen so im Film? Verdienterweise kriegen sie von „Wonder Woman“ und den Briten gehörig auf den Sack! Im Film tun die Stahlhelm-Deutschen eben genau das, was sie auch in der Geschichte bisher am weitesten trieben: Pardon wird nicht gegeben! In der Person des Generals Erich Ludendorff beschreiten sie den deutschen Sonderweg, deportieren Zwangsarbeiter und perfektionieren die Vernichtung durch Gas. Dass dabei die Shoah auch die Vernichtungsphantasien postnazistischer Antisemiten anregt, dürfte seit dem Jahr 2014 auch hierzulande hinlänglich bekannt sein. Dass sie schon im Film auf der Verliererseite stehen würden, das mochten wohl auch die Zensoren dem Publikum nicht zumuten.
Insofern ist der Boykott „Wonder Womans“ also vor allem eines: Eine Synthese aus radikalem Antifeminismus und Antisemitismus. Vor dem Hintergrund brutaler Unterdrückung von Frauen und eines mörderischen Hasses auf Israel und die Juden kann deshalb „Wonder Womans“ finaler Versöhnungskitsch auch leider nur verpuffen. Denn anders als in den Phantasien dieses Film wird ein erfolgversprechender Kampf um Humanität (oder wie sagt man hier immer so schön: „ums Ganze“?) derzeit nur selten geführt. Kurz: In der Realität hat Liebe offenbar ihre Grenzen. Die Verantwortung dafür, die tragen Antisemiten allerdings immer noch selbst.


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