Archiv für August 2017

The Forgotten Refugees

Dokumentation – 50 min., ISR 2005
Ein Film von Michael Grynszpan

„Flücht­lin­ge im Nahen Osten? Wer denkt dabei nicht an die Pa­läs­ti­nen­ser? Doch wäh­rend deren Schick­sal welt­weit be­klagt wird, gibt es auch an­de­re Flücht­lin­ge in der Re­gi­on, von denen die meis­ten noch nie etwas ge­hört haben: Seit jeher exis­tier­ten im Nahen Osten und in Nord­afri­ka jü­di­sche Ge­mein­den; etwa eine Mil­li­on Juden leb­ten noch in den 1940er Jah­ren in den ara­bi­schen Staa­ten. Heute sind es nur noch ein paar Tau­send, denn nach an­dau­ern­den Dis­kri­mi­nie­run­gen, Ent­eig­nun­gen, an­ti­se­mi­ti­scher Hetze und Po­gro­men im Zuge des auf­kom­men­den ara­bi­schen Na­tio­na­lis­mus waren die Juden in gro­ßer Zahl ge­zwun­gen, aus ihren ara­bi­schen Hei­mat­staa­ten zu flie­hen. Das Land, das die meis­ten die­ser Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men und in­te­griert hat, heißt Is­ra­el. Der Film »Die ver­ges­se­nen Flücht­lin­ge« von Micha­el Grynsz­pan zeigt Ge­schich­te, Kul­tur und er­zwun­ge­nen Aus­zug nah­öst­li­cher und nord­afri­ka­ni­scher jü­di­scher Ge­mein­den in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts. Jü­di­sche Flücht­lin­ge aus Ägyp­ten, dem Jemen, aus Li­by­en, dem Irak und aus Ma­rok­ko er­zäh­len ihre Ge­schich­ten. Diese wer­den durch Ar­chiv­ma­te­ri­al von Ret­tungs­ein­sät­zen, durch his­to­ri­sche Fotos von Aus­wan­de­rung und Wie­der­an­sie­de­lung sowie Ana­ly­sen von zeit­ge­nös­si­schen Wis­sen­schaft­lern er­gänzt.“ (Elisa Makowski / Tilman Tarach für Radio Dreyeckland)

+++ In der zweiten Septemberwoche 2017 wird der Film in verschiedenen niedersächsischen Städten gezeigt. Tilman Tarach wird den Film jeweils durch einen Vortrag ergänzen. +++

© The David Project and Isra TV

Zensierte Stimmen

Dokumentation – 84 min., D/ISR 2015
Film von Mor Loushy


Auszug aus „Censored Voices: Wer hat den Sechs-Tage-Krieg zensiert?“ von Martin Kramer:

Die Dokumentation „Censored Voices“ („Zensierte Stimmen“) verspricht, die israelische Militärzensur von Gräueltaten aufzudecken, die während des Krieges 1967 verübt worden seien. Doch das Einzige, was sie aufdeckt, ist die Agenda ihrer Macher. Vorliegender Artikel erschien ursprünglich 2015 auf Englisch im Mosaic Magazine. Da der deutsche Fernsehsender Arte die Dokumentation, auf die er sich bezieht, am 6. Juni 2017 anlässlich des 50. Jahrestags des Sechs-Tage-Krieges in sein Programm nahm, entschloss sich Mena Watch dazu, die Kritik von Martin Kramer auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.

Am 26. Januar [2015] brachte die New York Times an prominenter Stelle einen Artikel ihres Jerusalemkorrespondenten Jodi Rudoren, in dem es um einen neuen israelischen Dokumentarfilm ging, der auf dem „Sundance“ Film-Festival in Utah seine Premiere feierte. Laut Rudorens sehr ausführlichem Bericht handelt es sich bei dem Film, „Censored Voices“, um eine aufsehenheischende Enthüllungsgeschichte über den Arabisch-Israelischen Krieg vom Juni 1967 – auch bekannt als der Sechs-Tage-Krieg – wie er in Gesprächen, die direkt nach dem Krieg mit Soldaten geführt wurden, erzählt wird.
Seit seinem Debüt auf dem Sundance wurde die eine Million Dollar teure israelisch-deutsche Co-Produktion auch auf Festivals in Berlin, Florenz, Genf, Madrid, Toronto, Warschau und Zagreb gezeigt. Seine israelische Premierenparty fand auf dem „Docaviv“ Dokumentarfilmfestival in Tel Aviv statt (wo ich ihn gesehen habe), derzeit wird er in den israelischen Kinos gezeigt und in Rezensionen und Feuilletonartikeln in den großen Tageszeitungen besprochen. Ein israelischer Dokumentarfilmsender wird ihn im August ausstrahlen, Rechte wurden nach Kanada, Australien, Neuseeland und quer durch Kontinentaleuropa verkauft, und im Herbst wird der Verkaufsagent des Films ihn in Großbritannien an den Start bringen. Ein amerikanischer Verleih hat die US-Rechte gekauft und plant, ihn Ende des Jahres in die Kinos zu bringen.
„Censored Voices“ wird voraussichtlich ebenso große Wellen schlagen wie „The Gatekeepers“ (deutsch: „Töte zuerst“ [sic!]), die Dokumentation von 2012, in der sechs ehemalige Chefs von Israels Geheimdienst [Shin Bet] zu Wort kamen – wenn nicht sogar noch größere. Und zwar aus demselben Grund: Es werden Israelis gezeigt, die ihr eigenes Land dafür anklagen, bei der Kriegsführung hinter den hohen Standards zurückzubleiben. Und der Film regt zu dem Schluss an, dass die Behauptungen über Fehlverhalten wahr sein müssen, weil die israelischen Behörden die Originalinterviews zensiert hätten: volle 70 Prozent davon hätten sie bewusst dem Vergessen anheim gegeben.
Doch Zuschauer: Vorsicht…“
(Der vollständige Artikel von Martin Kramer erschien im Juni 2017 in deutscher Übersetzung auf Mena-Watch.)

+++ Die ARD wird den Film am 28.08.2017 um 23.45 Uhr erneut senden +++

Gentleman’s Agreement – Tabu der Gerechten

Spielfilm – 118 min., USA 1947
Buch/Regie: Moss Hart/Elia Kazan

In der Einleitung seines Romans „Focus“ erinnert sich der US-amerikanische Autor Arthur Miller an eine Begebenheit, die sich in den frühen 1980er Jahren zugetragen hatte: In einer Radiosendung des Lokalsenders von Connecticut rechtfertigte ein Hörer eine Anschlagsserie gegen Juden im Raum Hartford mit unverhohlenem Antisemitismus. Wie sich später herausstellte, war der Täter jedoch ein geistesverwirrter junger Jude. Eine nicht ganz unähnliche Situation Anfang 2017: Als der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump im Wahlkampf 2016 mit seiner Personalpolitik sowie seinem „Argument for America“ den latenten Antisemitismus befeuerte, wurden nach seiner Wahl mehrere jüdische Friedhöfe geschändet und dutzende jüdische Einrichtungen mit Anschlägen bedroht. Für die Bombendrohungen konnte wiederum ein jüdisch-israelischer Jugendlicher als mutmaßlicher Einzeltäter ermittelt werden. Das Thema scheint also wieder vom Tisch.
Der Antisemitismus in den Vereinigten Staaten ist allerdings weder harmlos noch neu. Er unterliegt historischen Kontinuitäten und Modifikationen und findet sich nicht nur in isolierten Gruppierungen wieder, sondern war und ist unabhängig von jeweiligen Milieus in allen Schichten der US-amerikanischen Gesellschaft als latente Gefahr vorhanden. Wie salonfähig der Antisemitismus insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war, lässt sich am weitverbreiteten Resort Antisemitism ebenso gut nachvollziehen wie am sogenannten Leo Frank-Case, dem publizistischen Engagement des Industriellen Henry Ford oder am Fall von Ethel und Julius Rosenberg.
Elia Kazans Gentleman’s Agreement aus dem Jahr 1947 gilt als erster Film aus Hollywood, der sich ausschließlich mit dem Antisemitismus im bürgerlichen Milieu der Vereinigten Staaten auseinandersetzt. Streckenweise fühlt man sich auch hier wieder an Arthur Miller’s „Focus“ erinnert, dessen Roman jedoch den Antisemitismus weitaus radikaler ins Visier nimmt als es der Film tut. Denn während der Judenhass unter den „Gentlemen“ Elia Kazans eher latent vorhanden und in einem versöhnlichen Ende aufgelöst wird, ist beim Lesen Arthur Millers die Gewaltförmigkeit des Antisemitismus auf eine unerträgliche Art und Weise fast schon körperlich spürbar. Ohne dem Film das Engagement absprechen zu wollen: Wie man kurz nach Kriegsende und Shoah ohne Verweis auf das eliminatorische Gewaltpotenzial einen Film gegen Antisemitismus produzieren kann, bleibt fragwürdig. Vielleicht wollte man das Publikum im Land der Sieger über Nazideutschland nicht vor den Kopf stossen? Apropos: Millers Roman jedenfalls bleibt auch in dieser Hinsicht eine empfehlenswerte Handreichung: Denn hier hat anscheinend auch der Baseballschläger Woody Allens sowie des „Bärenjuden“ Quentin Tarantinos seinen Ursprung.

„That one’s for Hitler!“ – Baer vs. Schmeling

Aufzeichnung – 24 min., USA 1933

Aufzeichnung des Kampfes „Max Baer vs. Max Schmeling“ in New York 1933. Während in Deutschland bereits der Ausschluss jüdischer Sportler aus den Verbänden betrieben wurde, zeigte Max Baer mit dem Davidstern auf der Hose eine einmalige solidarische Geste. In einem eindrucksvollen Kampf siegte Baer nach technischem KO in der 10. Runde und verpasste damit dem deutschen Sportwesen auf symbolischer Ebene eine verdiente Abreibung.
Max Baer, der einen jüdischen Großvater hatte, als US-amerikanischer Staatsbürger jedoch noch nicht unmittelbar von den Deutschen bedroht war, musste allerdings auf einem anderen Feld einen Tiefschlag hinnehmen. Denn neben dem Boxsport versuchte Baer auch im Filmbusiness zu punkten. Seinen ersten großen Auftritt als Hauptdarsteller hatte er 1933 in der US-amerikanischen Filmkomödie „The Prizefighter and the Lady“. Der Film sollte auch in Deutschland unter dem Titel „Männer um eine Frau“ im Kino gezeigt werden, wurde jedoch verboten. Den deutschen Sportsfreunden dürfte Max Baer als Sieger über Max Schmeling noch in schlechter Erinnerung geblieben sein, als sie dann bald jene Nachricht lasen, die der Völkische Beobachter am 29.4.1934 veröffentlichte. Unter der Überschrift „Bestätigtes Filmverbot“ stand dort zu lesen:

Berlin, 28.4. Gegen die Entscheidung der Prüfstelle, die dem Film „Männer um eine Frau“ wegen der Mitwirkung des amerikanischen Boxers Max Baer als Hauptdarsteller die Zulassung versagte, hatte die Metro Goldwyn Mayer-Film AG Beschwerde eingelegt. Die Oberprüfstelle hat in ihrer heutigen Sitzung diese Beschwerde zurückgewiesen und das Verbot aufrechterhalten. In Übereinstimmung mit der Prüfstelle und dem von dieser Stelle vernommenen Sachverständigen des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda hält die Oberprüfstelle daran fest, dass die Zensur nicht einfach an der Tatsache vorbeigehen könne, dass das deutsche Volk die Vorführung von Filmen mit jüdischen Hauptdarstellern als Provokation empfinde. An diese Art Filme müsse daher ein besonders strenger Maßstab gelegt werden. Vorwiegend sei es das Verhältnis des jüdischen Darstellers, der nach Ansicht der Oberprüfstelle obendrein ein durchaus negroider Typ sei, zu den in dem Film mitspielenden nichtjüdischen Frauen, das eine Verletzung des nationalsozialistischen Empfindens im Sinne des neuen Lichtspielgesetzes vom 16. Februar 1934 enthalte. Aus diesem gesetzlichen Verbotsgrunde sei die fernere Vorführung des Films, und zwar sowohl in der Originalfassung wie in der deutschen Fassung nicht mehr angängig.“

(aus Joseph Wulf: „Kultur im Dritten Reich“)

Max Baer ist heute nahezu vergessen. Max Schmeling dagegen avancierte trotz seiner Funktion als NS-Werbe-Ikone zu einer Art „Oskar Schindler des deutschen Boxsports“. Bestärkte er 1936 im WM-Ausscheidungskampf mit seinem Sieg über den afro-amerikanischen Boxer Joe Louis den deutschen Rassenwahn, so wurde sein Leben mit „Max Schmeling – Eine deutsche Legende“ posthum als nationales Feel-good-Movie verhunzt. Da war er also wieder: Der gute Deutsche! Die Ehre jedoch, der deutschen Volksseele frühzeitig nicht nur aufs Maul zu schauen, sondern auch zu geben, die gebührt ganz unzweifelhaft Max Baer.

„Hail Hitler!“: Baer siegt nach technischem KO in der 10. Runde
| © ACME Newspictures. Quelle: Archiv Buschbom.

Gefährliche Allianz: Grüne Esoterik und braune Philosophie?

Dokumentation – 45 min., D 2017
Film von Susanne Roser

Die Esoterikszene ist für manche vielleicht etwas verwunderlich: Sie glaubt an Übernatürliches, predigt Liebe und fordert die Rückbesinnung auf altes Wissen. Die meisten halten sie für unpolitisch. Aber ist sie das wirklich? Bei genauem Hinsehen findet man in dieser Szene auch politische Inhalte und immer öfter sogar extremes und antisemitisches Gedankengut.“

(Sendungsankündigung Bayerischer Rundfunk)

Nun könnte man ja oben genannte Einordnung der Esoterik auch für das Christentum vornehmen. Aber durch diese Dokumentation der ARD-Themenwoche „Woran glaubst Du?“ begleitet uns ein „Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche“. Er ist Fachmann für braune Esoterik. Und als ein moderner Teufelsaustreiber beobachtet er in Vollzeit, wie die zunehmend erfolgreichere Konkurrenz ihre Seelenheilprodukte mit Blut-und-Boden-Ideologie und antisemitischen Verschwörungstheorien anreichert. Ganz ungeachtet dessen, dass die Evangelische Kirche im Nationalsozialismus eine beeindruckende Anpassungsleistung vollbrachte, bietet sich hier eine famose Gelegenheit, sich als Teil des demokratischen Spektrums von extremistischen Auswüchsen abzugrenzen und als Hort der Freiheit und Vernunft darzustellen.
Aber im Kampf gegen die rechte Öko- und Esoterikszene braucht es Verbündete! Der Bund der Freien Waldorfschulen kriegt zwar hier und da immer noch Probleme mit den eigenen Lehrkräften, hat aber mittlerweile die Deutsch-Lektion auch schon gelernt: Nachdem auffällig gewordene Mitarbeiter widerwillig gekündigt wurden, präsentiert man an anderer Stelle pflichtschuldigst eine Aufklärungsbroschüre zum Thema „Reichsbürger“. Darin muss sich allerdings der Bund der Freien Waldorfschulen mit dem autoritären, rassistischen und antisemitischen Gedankengut der Anthroposophie Rudolf Steiners genauso wenig auseinandersetzen wie vor der Kamera. Das macht die konsultierte Mobile Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus schließlich auch nicht: Anstatt einer Mutter von Waldorfschülern zu raten, den Schulvertrag zu kündigen, reicht es scheinbar aus, über Infiltrationsstrategien von Nazis aufzuklären. Lancieren Reichsbürger ihre Ideen in unschuldigen kleinen Öko-Heftchen oder nutzen „alternative“ Räumlichkeiten für Zusammenkünfte eines neonazistischen „Polizei-Hilfswerks“, muss dann endlich auch mal der Verfassungsschutz in die Pflicht genommen werden. Der ist ja schließlich bekannt dafür, dem Naziproblem so richtig tief an die Wurzel zu gehen. Und der bayerische Rechtsaußen-Innenminister darf das Problem dann gern wieder etwas runterrechnen. Die altbewährte Rhetorik des Joachim Herrmann und seiner Parteikollegen von der CSU hat natürlich nichts mit dem bayerischen Dorf Bolsterlang zu tun, wo „besorgte Bürgervertreter“, die die Zwangsenteignung ihrer Ferienwohnungen zugunsten Geflüchteter phantasierten, sich lieber gleich der Reichsbürgerbewegung zuwandten. Ein Jahr später haben „die Bolsterlanger“ Haltung gewahrt und die erste Demonstration in Deutschland gegen Reichsbürger organisiert. Was für ein Erfolg! Demokratisches Bildungsfernsehen at its best!
Wir lernen: Der Nazi kommt immer aus der Fremde. Er zersetzt die deutsche Gemeinschaft und besetzt die deutsche Scholle. Er platziert seine Botschaften geschickt auf „harmlosen“ Esoterik-Messen oder in einem Seminarzentrum namens „Sonnenstrahl“. Er agitiert als Schamane auf „pazifistischen“ Anti-Nato-Protesten gegen die Kriegstreiberei der Amis oder infiltriert das „freie Geistesleben“ der Waldorfschulen. Er gründet nach Art der „Wedrussen“ ganzheitliche Familienlandsitze und pflanzt Kartoffeln auf dem „unbelasteten“ Boden deutscher Ökos. Oder er macht mit seinen verrückten „Reichsflugscheiben“ Zwischenlandung in bayerischen Dorfgemeinschaften. Dabei nutzt er für seine perfide Propaganda nicht nur Stammtische, sondern auch „alternative“ Medien! Aber kaum macht man eine Broschüre oder organisiert eine Demo, dann ist er auch schon wieder weg. Diese Nazis sind einfach nicht zu fassen! Das riecht nach Verschwörung! Aber Gott sei Dank gibt’s noch staatliches Fernsehen!


„Blut und Boden“ oder „Letztlich sind wir beide Verwandte!“: Ein
deutscher Bauer spricht mit braunem Klumpen Erde. | © BR 2017

Opfersehnsucht und Judenneid: „Die Blumen von gestern“ von Chris Kraus

Spielfilm – 126 Min, D 2017
Film von Chris Kraus


In „Die Blumen von gestern“ lässt der Regisseur Chris Kraus einen unter Impotenz leidenden Holocaustforscher auf eine neurotische französische Jüdin treffen, deren Oma vom Opa des Holocaustforschers umgebracht wurde – und die beiden verlieben sich ineinander. Diese kitschige Versöhnungsgeschichte hat auch mit der Familiengeschichte Kraus‘ und seinem Verhältnis zur deutschen Nation zu tun.

Chris Kraus ist ein deutscher Regisseur, ein Regisseur, der eine ganz genaue, unverkrampfte Vorstellung davon hat, was deutsch ist. In seinem Film „Die Blumen von gestern“ geht es um den Holocaustforscher Totila „Toto“ Blumen und sein Leiden. Dieser ist „traumatisiert“ (Kraus) davon, dass sein Opa SS-General in Riga war. Begleiterscheinungen dieses Traumas: Er schlägt seinen Chef, der ihn von der Organisation eines „Auschwitz-Kongress‘“ entbinden möchte, in einer völlig überzeichneten Szene am Anfang des Filmes brutal krankenhausreif, kommuniziert hauptsächlich in Vulgärsprache („Scheisse“, „Nutten“) und – Wie auch sonst männliches Leid möglichst ausdrucksstark symbolisieren? – kriegt keinen mehr hoch. Ihm zu Seite gestellt wird Zazie, eine neurotische französische Jüdin, deren Oma von Blumens Opa ermordet wurde. Sie verlieben sich ineinander und, man ahnt es schon, Blumen gerät wieder in den vollen Besitz seiner „Männlichkeit“. Laut Kraus in einem Interview zum Film war es:

„von Anfang an klar, dass es eine Versöhnungsgeschichte werden soll. Also eine Geschichte über die Chancen, die Menschen einer unmöglich erscheinenden Versöhnung einräumen. Diese absolute Trennung zwischen „Juden“ und „Deutschen“, die der Holocaust gezeitigt hatte, schien ja auf alle Zeiten das Verhältnis der Völker zueinander festgelegt zu haben. Vor diesem Hintergrund ist eine Liebesgeschichte zwischen einer Jüdin und einem Deutschen, dessen Großvater die Großmutter der Jüdin ins Gas geschickt hat, am denkbar weitesten weg von der Trennung, die die Nazis verbrochen haben. In dem damit verbundenen Wunsch nach Versöhnung liegt auch die Legitimation des Komödiantischen, des Leichten, wie ich finde.“

Dieser Wunsch ist zuvorderst ein deutscher, eingebettet in globale Konstellationen, in denen der Holocaust Chiffre für Menschenrechtsverletzungen jeder Art geworden ist (Kraus: „Es ist nicht vorbei. Im Augenblick erleben wir furchtbare Zeiten, in Syrien, in Libyen. Man hat fast den Eindruck, die halbe Welt brennt. Bestialität stirbt nicht aus, sie ist ein Teil unserer mentalen Ausstattung. An dieser Stelle wollte ich ansetzen.“) Kraus‘ Film zeigt ganz deutlich, an wen dieser Wunsch gerichtet ist: Es sind die Holocaust-Überlebenden und ihre Angehörigen, die die Deutschen mit ihrer Geschichte zu versöhnen haben. Dass der Patient längst geheilt ist, hat Katrin Antweiler dabei unlängst in der Jungle World festgestellt. Kraus‘ Wunsch nach Entkrampfung ist so neu, wie „Die Blumen von gestern“ lustig ist. Bereits 1946 hat Wolfgang Staudte in „Die Mörder sind unter uns“ der dreisten Nötigung nach Versöhnung vermittels der Liebesbeziehung zwischen einem Ex-Landser und einer Holocaustüberlebenden filmischen Ausdruck verliehen.
Muss Toto Blumen im Film erst noch geheilt werden, so ist Chris Kraus bereits unheilbar gesundet. Entgegen eines großen Teils der dritten Tätergeneration, die daran festhält, dass Opa kein Nazi war, bekennt er sich zu seiner Familiengeschichte: Sein Opa war Offizier der SS-Einsatzgruppe A. (Diesen in einen Widerstandskämpfer umzumünzen, dürfte aber auch ungleich schwerer fallen.) Die negative „Geschichtslast“ jedoch, so Kraus, sei mit der positiven Gegenwart unauflösbar zu einem großen Ganzen verschmolzen, zu einer „Kultur, die nicht zu verorten ist“. Denkt Kraus an Deutschland, dann denkt er an etwas, aus dem er „nicht entkommen kann.“ Deutschland als Schicksalszusammenhang? Der Gang der Geschichte wäre demnach vorbestimmt, nach individuellen Verantwortlichkeiten zu fragen, folglich sinnlos. Alle sind unterschiedslos Opfer des Krieges! Die deutsche Opfersehnsucht wird dann auch in einer Filmbesprechung der Welt ganz unverfroren ausgedrückt:

„Deutschland hat sich lange bequem in der Büßerrolle eingerichtet, man könnte auch sagen: in seinem Holocaust-Kult. Die Unfähigkeit, um die Toten vom Breitscheidplatz richtig zu trauern, hat auch damit zu tun, dass man sich in der Opferrolle gar nicht mehr vorstellen konnte.“

Der Autor Hanns-Georg Rodek hat die letzten Jahre offensichtlich in einem Erdloch ohne TV-Anschluss und Internetverbindung zugebracht. Wir empfehlen ihm aus der schieren Unzahl deutscher Filmproduktionen, die sich den deutschen Opfern widmen, „Wolfskinder“ (2014) von Nick Ostermann und damit ein besonders widerwärtiges Machwerk unverkrampfter neuer deutscher Filmgeschichte, in die Kraus mit „Blumen von gestern“ noch mehr Unverkrampftheit hineingeschrieben hat, falls das überhaupt möglich ist.

„Denke ich an Deutschland…“ – Wer dabei nicht wie Heinrich Heine um den Schlaf gebracht wird, den empfehlen wir zur nächtlichen Lektüre „Opfersehnsucht und Judenneid – ein Kommentar zur Nationalisierung der Erinnerung“ von Eike Geisel.