Archiv für Oktober 2017

Schatten auf der Völkerfreundschaft

Dokumentation – 45 min, D 2017
Ein Film von Christian Bergmann und Tom Fugmann

Die Dokumentation thematisiert rassistische Gewalt in der DDR, die in mehreren Morden gipfelte. Unter der Einparteienherrschaft der SED wurde sie unter Verschluss gehalten. Ein Magazinbeitrag im MDR-Format Exakt über einen Mordfall in Merseburg, der eine vorab gesendete kürzere Version der Doku darstellt, löste staatsanwaltliche Vorermittlungen aus, die mittlerweile zu dem skandalösen Ergebnis gekommen sind, dass „kein Anfangsverdacht“ bestehe.

Am 12. August 1979 kam es in Merseburg zu einer Schlägerei, in deren Verlauf zwei kubanische Vertragsarbeiter aus Todesangst in die Saale sprangen, in der sie vom umstehenden Mob noch mit Flaschen und Steinen beworfen wurden. Julio Garcia Oliveras und Raul Garcia Paret kamen zu Tode. Ermittlungen wurden nicht angestellt, die Angehörigen über die wahren Todesursache getäuscht, Überlebende nach Kuba abgeschoben – ein gängiges Muster zu DDR-Zeiten. Rechtsradikale Gewalt durfte es im „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ nicht geben, der vom Selbstverständnis her ja strikt antifaschistisch war. Dass dieser verordnete Antifaschismus leider zu weiten Teilen ein Mythos geblieben ist, zeigt die brutale Gewalt, die sich in der DDR immer wieder gegen „Fremde“ richtete. In einem Interview spricht der Historiker Harry Waibel von „über 200 Pogrome[n] und pogromartige[n] Angriffe[n] in der DDR, bei denen tausende Personen aus über 30 Ländern verletzt und mehr als zehn Personen getötet wurden.“ Seine akribischen Recherchen bilden die Grundlage für diesen Film.

Angesichts der millionenfachen „Republikflucht“ von wertvollen Arbeitskräften sah sich die DDR-Führung widerwillig gezwungen, sogenannte „VertragsarbeiterInnen“ vor allem aus den sozialistischen Bruderstaaten Vietnam, Mosambik, Algerien und Kuba in die DDR zu holen. Nur als temporäre Arbeitskräfte gewollt, wurden diese von der Bevölkerung ferngehalten und mussten nach einer bestimmten Zeit wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Im Falle einer Schwangerschaft wurden Vertragsarbeiterinnen gar zur einer Abtreibung gezwungen oder mussten die DDR vorzeitig verlassen. Zudem wurde der Lohn, wie im Falle der mosambikanischen VertragsarbeiterInnen, direkt nach Mosambik überwiesen, später gar, als sich Mosambik bei der DDR verschuldete, einfach einbehalten – die in Mosambik als Madgermanes bezeichneten mosambikanischen VertragsarbeiterInnen bekamen ihn nie zu Gesicht. Andere kamen im Rahmen der Kaderausbildung aus den sozialistischen Bruderstaaten in die DDR.

Das eisige Schweigen über die rassistische Gewalt gegen diese wurde erst gegen Ende der DDR von dem Filmemacher und Oppositionellen Konrad Weiss gebrochen. In der Untergrund-Zeitschrift Kontraste wies er 1989 auf rechte Umtriebe in der DDR hin. Sowohl Weiss als auch Waibel benennen deutlich die zu schnell abgebrochene Entnazifizierung als Ursache für den Rassismus in der DDR. Weiss: „Viele, die Hitler 1933 zugejubelt haben oder die als schweigende Mehrheit den Krieg und die faschistischen Verbrechen mitgetragen haben, sind 1945 nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches nicht wirklich umgekehrt.“ Weiterhin wurde der latente und manifeste Antisemitismus in der DDR durch die Ideologie des Antizionismus verschleiert. Dass der ostzonale Gemeinschafts(un)geist mit der DDR nicht untergegangen ist, davon künden nicht zuletzt die Morde des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“.

Nach dem der der Doku vorausgehende Magazin-Beitrag gesendet worden war, sah sich die Staatsanwaltschaft Halle genötigt, den Fall der beiden ermordeten Kubaner in Merseburg erneut zu prüfen, gleichwohl ohne neue Zeugenaussagen einzuholen. Auf Grundlage des Ermittlungsmaterials aus DDR-Zeiten kam sie trotz der Hinweise auf einen Mordverdacht zu dem Schluss, dass „kein Anfangsverdacht“ bestehen würde.

+++ In seinem jetzt erschienen Buch „Die braune Saat. Neonazismus und Antisemitismus in der DDR“ schlüsselt Harry Waibel 7000 neonazistische Propaganda- und Gewaltstraftaten nach DDR-Bezirken geordnet, chronologisch und alphabetisch auf. +++

Erdrückende Gesten: Im NS-Nachfolgestaat DDR bekamen aus-
ländische Vertragsarbeiter die „Zärtlichkeit der Völker“ noch auf
ganz andere Art zu spüren | © MDR 2017

Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens

Stummfilm – 94 min., D 1922
Film von Friedrich Wilhelm Murnau

Friedrich Wilhelm Murnau’s „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ gilt gemeinhin als Klassiker des Weimarer Kinos sowie als Wegbereiter des Horrorfilm-Genres. Die hiesige Filmkritik lobt diesen sowie andere Filme „Made in Germany“ vor allem der Ästhetik und technischen Finesse wegen. Dass man jedoch Murnau’s Klassiker auch antisemitisch deuten kann, erscheint allenthalben als Randnotiz.

Schon bei Bram Stoker’s „Dracula“-Vorlage beschleicht einen das mulmige Gefühl antisemitischer Stereotypisierung. Doch folgt man der bereits im Jahr 1999 publizierten Studie „Der Vampir als Volksfeind“ von Jürgen Müller, kann man in „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ nicht nur die gängigen Bezüge zum 1.Weltkrieg entdecken, sondern auch handfeste antisemitische Konnotationen. Die Studie bescheinigt dem Film, Teil einer Kampagne gegen die ostjüdische Einwanderung gewesen zu sein, wobei der damalige Hass auf die „Ostjuden“ als Katalysator einer allgemeinen antisemitischen Organisation und Praxis diente. Dafür analysiert der Autor nicht nur die Bildsprache des Films sowie der begleitenden Werbekampagne, er untersucht ebenso das ursprüngliche, von Murnau schließlich entschärfte Drehbuch und ordnet den Film in den zeitgeschichtlichen Kontext der Weimarer Republik ein.

Antisemitische Gewalt, Judenhetze und Friedhofsschändungen standen auch schon in der Weimarer Republik auf der Tagesordnung. Die antisemitischen Morde an Vertretern der politischen Linken (Stichwort: „Novemberverbrecher“) oder an Liberalen wie Walther Rathenau (Stichwort: „Judenrepublik“) sprechen eine deutliche Sprache. Zudem richtete sich dieser Hass zunehmend gegen jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa. Die Politik ihrerseits reagierte auf die jüdische Zuwanderung mit entsprechenden Gesetzen und Initiativen wie Grenzschließungen oder der Einrichtung sogenannter „Konzentrationslager“ zur Durchführung zügiger Abschiebungen. Gleichzeitig wurden in mehrfacher Auflagenstärke nicht nur die verschwörungsideologischen „Protokolle der Weisen von Zion“ popularisiert. In völkischen Publikationen wurden bereits unverblümt und regelmäßig antisemitische Vernichtungsphantasien artikuliert. In diesem Klima feierte dann im Jahr 1922 in Berlin nicht nur der Film „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ Premiere, sondern ein Jahr später auch das erste Pogrom der jungen Weimarer Republik.

Auch wenn in Filmbesprechungen hier und da von einer ominöse „Gefahr aus dem Osten“ gesprochen wird: In den hiesigen filmpädagogischen Institutionen fand die antisemitische Lektüre des Films bisher keinen großen Nachhall. Bei der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, die als Sachwalterin deutschen Filmerbes – darunter auch die nationalsozialistischen Vorbehaltsfilme – auftritt, wird in Bezug auf „Nosferatu“ weiterhin nur vom „Einbruch des Dämonischen in die bürgerliche Idylle“ und einem düsteren „Spiegelbild kollektiver Ängste in der Weimarer Republik“ fabuliert. Es wäre ja auch mehr als peinlich, würde der Namensgeber der Stiftung in den Zusammenhang einer antisemitischen Kampagne gerückt. Mit besten Empfehlungen für den Schulunterricht zieht auch die Bundeszentrale für politische Bildung nur eine „gewisse Analogie zum Schrecken des Ersten Weltkriegs“. Vor allem aber feiert sie den Film als „Höhepunkt des expressionistischen Weimarer Kinos“, wofür „Nosferatu“ im hauseigenen BpB-Filmkanon dann auch an erster Stelle gelistet wird.

Anders als die um Kulturbeflissenheit bemühten Retrofilmfreunde der Gegenwart vermitteln, waren Filmproduktionen vor 1933 vielleicht technisch innovativ und künstlerisch anspruchsvoll, aber ideologisch unverdächtig waren sie dabei noch lange nicht. In dem Dokumentarfilm zu Siegfried Kracauers „Von Caligari zu Hitler“ allerdings wird immerhin die Frage nach „Nosferatus“ antisemitischen Gehalt gestellt – obgleich sie auch hier unbeantwortet bleibt. Den Schlüssel zum Verständnis dieser Ignoranz könnte der Film, wenn auch ungewollt, dennoch gleich mitgeliefert haben. Befragt zur deutschen Filmgeschichte äußerte sich nämlich Regisseur Volker Schlöndorf auch zu seinem ganz persönlichen Erweckungserlebnis: „Und erst in Paris habe ich überhaupt entdeckt, dass es so etwas gab wie den deutschen Stummfilm. Da habe ich zum ersten Mal Filme von Fritz Lang, von Murnau u.s.w. gesehen. Und war sofort Feuer und Flamme! Das heißt, nicht nur das, sondern: Endlich Väter, mit denen wir uns identifizieren konnten!“ Vielleicht ist es ja genau diese elende Sehnsucht nach einer ureigenen unbefleckten deutschen Kultur, die den kritischen Blick verstellt…

Ungeheuer plakativ: Landnahme deutschen Kleinstadtidylls durch
Blutsauger und Ratten aus dem Osten | © Prana Film