Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens

Stummfilm – 94 min., D 1922
Film von Friedrich Wilhelm Murnau

Friedrich Wilhelm Murnau’s „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ gilt gemeinhin als Klassiker des Weimarer Kinos sowie als Wegbereiter des Horrorfilm-Genres. Die hiesige Filmkritik lobt diesen sowie andere Filme „Made in Germany“ vor allem der Ästhetik und technischen Finesse wegen. Dass man jedoch Murnau’s Klassiker auch antisemitisch deuten kann, erscheint allenthalben als Randnotiz.

Schon bei Bram Stoker’s „Dracula“-Vorlage beschleicht einen das mulmige Gefühl antisemitischer Stereotypisierung. Doch folgt man der bereits im Jahr 1999 publizierten Studie „Der Vampir als Volksfeind“ von Jürgen Müller, kann man in „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ nicht nur die gängigen Bezüge zum 1.Weltkrieg entdecken, sondern auch handfeste antisemitische Konnotationen. Die Studie bescheinigt dem Film, Teil einer Kampagne gegen die ostjüdische Einwanderung gewesen zu sein, wobei der damalige Hass auf die „Ostjuden“ als Katalysator einer allgemeinen antisemitischen Organisation und Praxis diente. Dafür analysiert der Autor nicht nur die Bildsprache des Films sowie der begleitenden Werbekampagne, er untersucht ebenso das ursprüngliche, von Murnau schließlich entschärfte Drehbuch und ordnet den Film in den zeitgeschichtlichen Kontext der Weimarer Republik ein.

Antisemitische Gewalt, Judenhetze und Friedhofsschändungen standen auch schon in der Weimarer Republik auf der Tagesordnung. Die antisemitischen Morde an Vertretern der politischen Linken (Stichwort: „Novemberverbrecher“) oder an Liberalen wie Walther Rathenau (Stichwort: „Judenrepublik“) sprechen eine deutliche Sprache. Zudem richtete sich dieser Hass zunehmend gegen jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa. Die Politik ihrerseits reagierte auf die jüdische Zuwanderung mit entsprechenden Gesetzen und Initiativen wie Grenzschließungen oder der Einrichtung sogenannter „Konzentrationslager“ zur Durchführung zügiger Abschiebungen. Gleichzeitig wurden in mehrfacher Auflagenstärke nicht nur die verschwörungsideologischen „Protokolle der Weisen von Zion“ popularisiert. In völkischen Publikationen wurden bereits unverblümt und regelmäßig antisemitische Vernichtungsphantasien artikuliert. In diesem Klima feierte dann im Jahr 1922 in Berlin nicht nur der Film „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ Premiere, sondern ein Jahr später auch das erste Pogrom der jungen Weimarer Republik.

Auch wenn in Filmbesprechungen hier und da von einer ominöse „Gefahr aus dem Osten“ gesprochen wird: In den hiesigen filmpädagogischen Institutionen fand die antisemitische Lektüre des Films bisher keinen großen Nachhall. Bei der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, die als Sachwalterin deutschen Filmerbes – darunter auch die nationalsozialistischen Vorbehaltsfilme – auftritt, wird in Bezug auf „Nosferatu“ weiterhin nur vom „Einbruch des Dämonischen in die bürgerliche Idylle“ und einem düsteren „Spiegelbild kollektiver Ängste in der Weimarer Republik“ fabuliert. Es wäre ja auch mehr als peinlich, würde der Namensgeber der Stiftung in den Zusammenhang einer antisemitischen Kampagne gerückt. Mit besten Empfehlungen für den Schulunterricht zieht auch die Bundeszentrale für politische Bildung nur eine „gewisse Analogie zum Schrecken des Ersten Weltkriegs“. Vor allem aber feiert sie den Film als „Höhepunkt des expressionistischen Weimarer Kinos“, wofür „Nosferatu“ im hauseigenen BpB-Filmkanon dann auch an erster Stelle gelistet wird.

Anders als die um Kulturbeflissenheit bemühten Retrofilmfreunde der Gegenwart vermitteln, waren Filmproduktionen vor 1933 vielleicht technisch innovativ und künstlerisch anspruchsvoll, aber ideologisch unverdächtig waren sie dabei noch lange nicht. In dem Dokumentarfilm zu Siegfried Kracauers „Von Caligari zu Hitler“ allerdings wird immerhin die Frage nach „Nosferatus“ antisemitischen Gehalt gestellt – obgleich sie auch hier unbeantwortet bleibt. Den Schlüssel zum Verständnis dieser Ignoranz könnte der Film, wenn auch ungewollt, dennoch gleich mitgeliefert haben. Befragt zur deutschen Filmgeschichte äußerte sich nämlich Regisseur Volker Schlöndorf auch zu seinem ganz persönlichen Erweckungserlebnis: „Und erst in Paris habe ich überhaupt entdeckt, dass es so etwas gab wie den deutschen Stummfilm. Da habe ich zum ersten Mal Filme von Fritz Lang, von Murnau u.s.w. gesehen. Und war sofort Feuer und Flamme! Das heißt, nicht nur das, sondern: Endlich Väter, mit denen wir uns identifizieren konnten!“ Vielleicht ist es ja genau diese elende Sehnsucht nach einer ureigenen unbefleckten deutschen Kultur, die den kritischen Blick verstellt…

Ungeheuer plakativ: Landnahme deutschen Kleinstadtidylls durch
Blutsauger und Ratten aus dem Osten | © Prana Film


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