Schatten auf der Völkerfreundschaft

Dokumentation – 45 min, D 2017
Ein Film von Christian Bergmann und Tom Fugmann

Die Dokumentation thematisiert rassistische Gewalt in der DDR, die in mehreren Morden gipfelte. Unter der Einparteienherrschaft der SED wurde sie unter Verschluss gehalten. Ein Magazinbeitrag im MDR-Format Exakt über einen Mordfall in Merseburg, der eine vorab gesendete kürzere Version der Doku darstellt, löste staatsanwaltliche Vorermittlungen aus, die mittlerweile zu dem skandalösen Ergebnis gekommen sind, dass „kein Anfangsverdacht“ bestehe.

Am 12. August 1979 kam es in Merseburg zu einer Schlägerei, in deren Verlauf zwei kubanische Vertragsarbeiter aus Todesangst in die Saale sprangen, in der sie vom umstehenden Mob noch mit Flaschen und Steinen beworfen wurden. Julio Garcia Oliveras und Raul Garcia Paret kamen zu Tode. Ermittlungen wurden nicht angestellt, die Angehörigen über die wahren Todesursache getäuscht, Überlebende nach Kuba abgeschoben – ein gängiges Muster zu DDR-Zeiten. Rechtsradikale Gewalt durfte es im „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ nicht geben, der vom Selbstverständnis her ja strikt antifaschistisch war. Dass dieser verordnete Antifaschismus leider zu weiten Teilen ein Mythos geblieben ist, zeigt die brutale Gewalt, die sich in der DDR immer wieder gegen „Fremde“ richtete. In einem Interview spricht der Historiker Harry Waibel von „über 200 Pogrome[n] und pogromartige[n] Angriffe[n] in der DDR, bei denen tausende Personen aus über 30 Ländern verletzt und mehr als zehn Personen getötet wurden.“ Seine akribischen Recherchen bilden die Grundlage für diesen Film.

Angesichts der millionenfachen „Republikflucht“ von wertvollen Arbeitskräften sah sich die DDR-Führung widerwillig gezwungen, sogenannte „VertragsarbeiterInnen“ vor allem aus den sozialistischen Bruderstaaten Vietnam, Mosambik, Algerien und Kuba in die DDR zu holen. Nur als temporäre Arbeitskräfte gewollt, wurden diese von der Bevölkerung ferngehalten und mussten nach einer bestimmten Zeit wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Im Falle einer Schwangerschaft wurden Vertragsarbeiterinnen gar zur einer Abtreibung gezwungen oder mussten die DDR vorzeitig verlassen. Zudem wurde der Lohn, wie im Falle der mosambikanischen VertragsarbeiterInnen, direkt nach Mosambik überwiesen, später gar, als sich Mosambik bei der DDR verschuldete, einfach einbehalten – die in Mosambik als Madgermanes bezeichneten mosambikanischen VertragsarbeiterInnen bekamen ihn nie zu Gesicht. Andere kamen im Rahmen der Kaderausbildung aus den sozialistischen Bruderstaaten in die DDR.

Das eisige Schweigen über die rassistische Gewalt gegen diese wurde erst gegen Ende der DDR von dem Filmemacher und Oppositionellen Konrad Weiss gebrochen. In der Untergrund-Zeitschrift Kontraste wies er 1989 auf rechte Umtriebe in der DDR hin. Sowohl Weiss als auch Waibel benennen deutlich die zu schnell abgebrochene Entnazifizierung als Ursache für den Rassismus in der DDR. Weiss: „Viele, die Hitler 1933 zugejubelt haben oder die als schweigende Mehrheit den Krieg und die faschistischen Verbrechen mitgetragen haben, sind 1945 nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches nicht wirklich umgekehrt.“ Weiterhin wurde der latente und manifeste Antisemitismus in der DDR durch die Ideologie des Antizionismus verschleiert. Dass der ostzonale Gemeinschafts(un)geist mit der DDR nicht untergegangen ist, davon künden nicht zuletzt die Morde des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“.

Nach dem der der Doku vorausgehende Magazin-Beitrag gesendet worden war, sah sich die Staatsanwaltschaft Halle genötigt, den Fall der beiden ermordeten Kubaner in Merseburg erneut zu prüfen, gleichwohl ohne neue Zeugenaussagen einzuholen. Auf Grundlage des Ermittlungsmaterials aus DDR-Zeiten kam sie trotz der Hinweise auf einen Mordverdacht zu dem Schluss, dass „kein Anfangsverdacht“ bestehen würde.

+++ In seinem jetzt erschienen Buch „Die braune Saat. Neonazismus und Antisemitismus in der DDR“ schlüsselt Harry Waibel 7000 neonazistische Propaganda- und Gewaltstraftaten nach DDR-Bezirken geordnet, chronologisch und alphabetisch auf. +++

Erdrückende Gesten: Im NS-Nachfolgestaat DDR bekamen aus-
ländische Vertragsarbeiter die „Zärtlichkeit der Völker“ noch auf
ganz andere Art zu spüren | © MDR 2017


0 Antworten auf „Schatten auf der Völkerfreundschaft“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


× sechs = vierundfünzig