Archiv für Februar 2018

Dibbuk – Eine Hochzeit in Polen

Spielfilm – 94 min., PL/ISR 2015
Ein Film von Marcin Wrona

Vor kurzem ist es zwischen Israel und Polen zu einem Eklat gekommen. Der Auslöser ist ein polnisches Gesetz, das es nicht nur unter Strafe stellt, von „polnischen Todeslagern“ zu sprechen, sondern auch – und hier wird es ja erst brisant – der „polnischen Nation oder dem polnischen Staat“ eine Mitveranwortung an den Verbrechen der Deutschen zuzusprechen. In Zukunft könnte also strafrechtlich belangt werden, wer über diejenigen Polen spricht, die zwischen 1939 und 1945 ihre jüdischen Nachbarn an die Deutschen verraten oder gleich in eine Scheune gesperrt und verbrannt haben. Währenddessen legte der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki in München einen Kranz für eine extrem-rechte polnische Partisaneneinheit, die mit den Deutschen kollaboriert hatte, nieder und spricht gar von jüdischen Tätern.

Dass Marcin Wrona für seinen Film öffentliche Filmförderung bekommen hat, zeigt, dass die Rechte in Polen (zumindest vor zwei Jahren noch) nicht die komplette Deutungsmacht über Polens jüngere Geschichte hat(te). Denn Wronas Film zeichnet ein düsteres Bild der polnischen Dorfgemeinschaft, die sich auf der Hochzeit von Piotr und Żaneta eingefunden hat. Von der dunklen Geschichte des Hauses (nebst Scheune), das die beiden von Żanetas Vater geschenkt bekommen haben, will sie nichts wissen, die brüchige Stimme des alten jüdischen Dorflehrers bleibt ungehört. Dass Piotr sich während der Hochzeit immer merkwürdiger verhält, lässt sich jedoch kaum verbergen: Ein Dibbuk, ein jüdischer Totengeist, hat von ihm Besitz ergriffen.

Das 1920 uraufgeführte Theaterstück „Der Dibbuk“ von Salomon An-Ski wurde 1937 von Michał Waszyński verfilmt und gilt nicht nur als Klassiker der jiddischen Literatur, sondern auch als das Schlüsselwerk jüdischer Kultur des vergangenen Jahrhunderts. Kann der Film von 1937 noch als Parabel über die nicht vorhandene jüdische Zukunft in Polen verstanden werden, ist Wronas Film eine über den polnischen Umgang mit dem Holocaust. Nach „Pokłosie“ (2012) und „Ida“ (2013) der dritte polnische Film, der sich diesem Thema in jüngerer Zeit angenommen hat.

Warum das Thema nicht erst seit dem Regierungsantritt der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in weiten Kreisen der polnischen Gesellschaft so viel Ablehnung erfährt, hat auch mit einem jahrhundertelang kultivierten Selbstverständnis der polnischen Nation als Opfer fremder Mächte zu tun. Dieses Bild hat sich in den letzten Jahren modifiziert. Es wird nun die gemeinsame Opferschaft von Polen und Juden betont und ein besonderes Augenmerk auf diejenigen Polen gelegt, die ihren jüdischen Nachbarn halfen – ein hierzulande ja auch sehr beliebtes Thema.

Im Gegensatz zu den anderen beiden Filmen hat „Dibbuk“ jedoch kaum negative Reaktionen in Polen selbst hervorgerufen, was vermutlich auch an den Umständen seines Erscheinens lag: Marcin Wrona hat sich am 19. September 2015 während eines Filmfestivals in Gdynia, auf dem der Film seine polnische Premiere feierte, in seinem Hotelzimmer erhängt.

© Telewizja Polska 2015

Bubis – das letzte Gespräch

Dokumentation – 45 min., D 2017
Ein Film von Johanna Behre und Andreas Morell

Im öffentlichen Bewußtsein ist die Verantwortung für Auschwitz nicht verankert. Jeder in Deutschland fühlt sich verantwortlich für Schiller, für Goethe und für Beethoven, aber keiner für Himmler.“

(Ignatz Bubis)

TV-Dokumentation, basierend auf einem Interview, das Ignatz Bubis, damaliger Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, kurz vor seinem Tod im Sommer 1999 dem Wochenmagazin Stern gegeben hatte. Kennzeichnend für dieses Interview war vor allem die tiefe Enttäuschung über die deutsche Wirklichkeit nach der Wiedervereinigung, zu der Ignatz Bubis, allen antisemitischen Anfeindungen zum Trotz, als einer der Wenigen immer wieder deutlich wahrnehmbar Stellung bezog: Zum nationalistischen Furor, der sich in rassistischen Gewaltwellen Bahn brach, der geistigen Brandstiftung aus Teilen der Eliten, dem politischen Zurückweichen vor dem deutschen Mob und den unsäglichen Schlussstrichdebatten um die „Dauerrepräsentation unserer Schande“ und die „Moralkeule Auschwitz“. Dabei lag Bubis‘ Tragik als Überlebender der Shoah vor allem im Insistieren auf Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die sich von ihm wahlweise als „reichem jüdischen Spekulanten“ oder „als Israeli, als Ausländer, als Fremder, als Gast“ mehrheitlich belästigt fühlte.
Hermann L. Gremliza, mit dem Bubis im Jahr 1999 ebenfalls ein letztes Gespräch für das Monatsmagazin konkret führte, spitzte Bubis‘ Wirken in einem Nachruf folgendermaßen zu: „Immer wieder hat Bubis Alarm geschlagen, immer wieder hat er, uns zur Enttäuschung und zum Ärger, eine halbe Entwarnung hinterhergeschickt und die Zahl der deutschen Antisemiten auf ein den Landsleuten, ihren Leitartiklern und ihren Politikern genehmeres Maß heruntergerechnet. Mit zehn oder zwanzig Prozent potentieller Mörder, das wußte er, können die gut leben.“. Kurz vor Lebensende wich aber auch bei Ignatz Bubis die Hoffnung einer müden wie quälenden Einsicht. Sein viel zitiertes Fazit „Ich habe (fast) nichts erreicht.“ wie auch Gremlizas Zuschreibung, womit die gut leben könnten, bestätigt sich bis in die Gegenwart. Dementsprechend ist Bubis‘ Entscheidung, sich nicht in Deutschland, sondern in Israel begraben zu lassen, konsequent. Eine würdige Geste an eine durch und durch verkommene Gesellschaft.

Regressiver Antikapitalismus meets Täter-Opfer-Umkehr: Deutsche
Linke demonstrieren für Fassbinders Der Müll, die Stadt und der Tod
| © AVEpublishing, HR, NDR, RBB 2017

Der Letzte der Ungerechten

Dokumentation – 218 min., F 2013
Ein Film von Claude Lanzmann

Im Rahmen seines Filmes „Shoah“ (1985) führte Claude Lanzmann 1975 ein langes Interview mit Benjamin Murmelstein, dem überlebenden, letzten sog. „Judenältesten“ des Ghetto Theresienstadt. Letztendlich entschied er sich aber dagegen, das Material in „Shoah“ zu verwenden, denn, so Lanzmann in einem Interview, „Shoah“ sei „ein Film in Erzählform, der allgemeine Ton ist von einer schrecklichen Tragik. Wenn man Benjamin Murmelstein zuhört, merkt man, dass das nicht zu ihm passt. Er ist von einem anderen Schlag.“ In ihrem „Bericht von der Banalität des Bösen“ über den Eichmann-Prozess bezeichnete Hannah Arendt Leute wie Murmelstein als „Verräter“, einem Urteil, dem Gershom Scholem entschieden widersprach. In einem Punkt war er jedoch mit Arendt einig: „Gewiss, […] Murmelstein in Theresienstadt hätte […] verdient, von den Juden gehängt zu werden.“ Hätte man Murmelstein vor Gericht in Jerusalem als Zeugen geladen, so hätte dieser davon berichten können, dass Eichmann, den Arendt als „Hanswurst“ bezeichnete, während des Novemberpogroms selbst zur Tat geschritten ist. Lanzmanns Film ist so wichtig, weil er diesem und anderen Fehlurteilen widerspricht. Gleichwohl ist es von einer besonderen Tragik, dass Murmelstein, der 120.000 österreichischen Juden zur Ausreise verholfen hat, seine Rehabilitation nicht mehr erleben durfte. Er starb 1989 ohne je einen Fuß nach Israel gesetzt zu haben, obwohl das seinem Wunsch entsprochen hätte. Lanzmanns Film ist eine späte, aber würdige Rehabilitation dieser beeindruckenden Person.

+ Der Film ist noch bis 22.03.2018 auf der arte-Mediathek abrufbar. +

© Synecdoche, Le Pacte, DOR Film, Les Films Alephe, France 3
Cinéma

Berichterstattung über Rechtsextremismus und unselige Wehrmachtstraditionen in der Bundeswehr

Zusammenstellung einiger kontraste-Berichte zur Pflege von Wehrmachtstraditionen in der Bundeswehr