Bubis – das letzte Gespräch

Dokumentation – 45 min., D 2017
Ein Film von Johanna Behre und Andreas Morell

Im öffentlichen Bewußtsein ist die Verantwortung für Auschwitz nicht verankert. Jeder in Deutschland fühlt sich verantwortlich für Schiller, für Goethe und für Beethoven, aber keiner für Himmler.“

(Ignatz Bubis)

TV-Dokumentation, basierend auf einem Interview, das Ignatz Bubis, damaliger Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, kurz vor seinem Tod im Sommer 1999 dem Wochenmagazin Stern gegeben hatte. Kennzeichnend für dieses Interview war vor allem die tiefe Enttäuschung über die deutsche Wirklichkeit nach der Wiedervereinigung, zu der Ignatz Bubis, allen antisemitischen Anfeindungen zum Trotz, als einer der Wenigen immer wieder deutlich wahrnehmbar Stellung bezog: Zum nationalistischen Furor, der sich in rassistischen Gewaltwellen Bahn brach, der geistigen Brandstiftung aus Teilen der Eliten, dem politischen Zurückweichen vor dem deutschen Mob und den unsäglichen Schlussstrichdebatten um die „Dauerrepräsentation unserer Schande“ und die „Moralkeule Auschwitz“. Dabei lag Bubis‘ Tragik als Überlebender der Shoah vor allem im Insistieren auf Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die sich von ihm wahlweise als „reichem jüdischen Spekulanten“ oder „als Israeli, als Ausländer, als Fremder, als Gast“ mehrheitlich belästigt fühlte.
Hermann L. Gremliza, mit dem Bubis im Jahr 1999 ebenfalls ein letztes Gespräch für das Monatsmagazin konkret führte, spitzte Bubis‘ Wirken in einem Nachruf folgendermaßen zu: „Immer wieder hat Bubis Alarm geschlagen, immer wieder hat er, uns zur Enttäuschung und zum Ärger, eine halbe Entwarnung hinterhergeschickt und die Zahl der deutschen Antisemiten auf ein den Landsleuten, ihren Leitartiklern und ihren Politikern genehmeres Maß heruntergerechnet. Mit zehn oder zwanzig Prozent potentieller Mörder, das wußte er, können die gut leben.“. Kurz vor Lebensende wich aber auch bei Ignatz Bubis die Hoffnung einer müden wie quälenden Einsicht. Sein viel zitiertes Fazit „Ich habe (fast) nichts erreicht.“ wie auch Gremlizas Zuschreibung, womit die gut leben könnten, bestätigt sich bis in die Gegenwart. Dementsprechend ist Bubis‘ Entscheidung, sich nicht in Deutschland, sondern in Israel begraben zu lassen, konsequent. Eine würdige Geste an eine durch und durch verkommene Gesellschaft.

Regressiver Antikapitalismus meets Täter-Opfer-Umkehr: Deutsche
Linke demonstrieren für Fassbinders Der Müll, die Stadt und der Tod
| © AVEpublishing, HR, NDR, RBB 2017


0 Antworten auf „Bubis – das letzte Gespräch“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


− eins = sechs