Concerning Violence – Neun Szenen der anti-imperialistischen Selbstverteidigung

Dokumentation – 87 min., SWE 2014
Film von Göran Hugo Olsson

„Frantz Fanon wurde schon einmal in einem Film zitiert: in »Weekend«, Jean-Luc Godards Abrechnung mit der französischen Bourgeoisie und dem narrativen Kino, dessen Erzählweise er ins Assoziative, Allegorische auflöst. Göran Hugo Olsson geht in »Concerning Violence« konventioneller vor. Wie bereits in »The Black Power Mixtape« hat der schwedische Regisseur 16-Millimeter-Archivmaterial aus den Sechzigern und Siebzigern zusammengetragen, für seinen aktuellen Film Aufnahmen aus Camps antikolonialistischer Befreiungsbewegungen in Angola und Mozambique, ein Interview mit Missionaren in Tansania, Bilder aus Krankenhäusern, von Kampfhandlungen, aus der Blase weißer Siedler in Rhodesien, dem heutigen Simbabwe. Dazu spricht Lauryn Hill von den Fugees Auszüge aus Fanons bekanntester Arbeit `Die Verdammten der Erde` von 1961, die gleichzeitig eingeblendet werden.
Ein »kinematographischer Essay« soll so entstanden sein, dazu allerdings fehlt es dem Film an einer klaren argumentativen Struktur. Olsson hat letztlich eine – durchaus beachtliche – Materialsammlung montiert und mit Imperativen Fanons unterlegt. Wer diesem Vordenker der Entkolonialisierung, wie es etwa Jean-Paul Sartre tat, die Rechtfertigung von Gewalt unterstellt, sagt Gayatri Spivak, die Theoretikerin des Postkolonialismus, im 2013 aufgenommenen Prolog des Films, der lese nicht zwischen den Zeilen: Die Verdammten dieser Erde seien vielmehr unverschuldet durch die Gewalt anderer in eine Konstellation geraten, aus der sie sich bedauerlicherweise nur noch durch Gegengewalt befreien könnten. Dieser Prolog ist der einzige offensichtliche Bezug, den Olsson zur Gegenwart herstellt. Dabei wäre vieles gar nicht unbedingt historisch, sondern eher politisch erklärungsbedürftig: die Ablehnung des westlichen Individualismus etwa, der die Nation als positiven Gegenbegriff zur Kolonisation behaupten muß. Den Fanon-Fan Godard führte diese Denkweise bekanntlich auf Abwege und direkt in die Arme der PLO […]“ (Tim Slagman in konkret 9/2014)

Im Fall von Regisseur Olsson, der Literaturwissenschaftlerin Gayatri Spivak als auch bei Sprecherin Lauryn Hill führte diese Denkweise anscheinend direkt zum antisemitischen BDS-Movement. Auch wenn Olssons Film den Nahost-Konflikt ausspart: Vor dem Hintergrund eines solchen Engagements ist es mehr als naheliegend, dass im Kampf gegen den als rassistisch halluzinierten „Apartheid“-Staat Israel nicht nur Boykottaktionen favorisiert werden, sondern mit Rückgriff auf Fanon auch der antisemitische Terror sogenannter palästinensischer „Befreiungsbewegungen“ als antikoloniale Selbstermächtigung verklärt werden kann. Wie man die Legitimation von Terror jedenfalls betreiben kann, hat Gayatri Spivak bereits im Prolog des Films angedeutet: Mit dem Satz „Ihre Leben zählen nichts im Vergleich zu denen der Kolonialherren – uneingestandene Hiroshimas gegenüber sentimentalisierten 9/11.“ bagatellisiert Spivak nicht einfach nur den bis dato größten islamistischen Terroranschlag. Indem sie gleichzeitig die Opfer von 9/11 den „Kolonialherren“ zurechnet, betreibt sie Täter-Opfer-Umkehr auf das Widerlichste.

+++ Der Film hat es mittlerweile sogar ins Programm der Bundeszentrale für politische Bildung geschafft und kann dort in voller Länge abgerufen werden +++


0 Antworten auf „Concerning Violence – Neun Szenen der anti-imperialistischen Selbstverteidigung“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


zwei + fünf =