Archiv der Kategorie 'Dokumentation'

Off Frame aka Revolution bis zum Sieg

Dokumentation – 62 min., PSE 2016
Film von Mohanad Yaqubi

Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa hieß die Dokumentation, die der deutsch-französische Kultursender Arte im Juni 2017 nicht ausstrahlen wollte. Als Begründung für den letztlich missratenen Boykottversuch wurden handwerkliche Mängel angeführt. Der Film, der sich schwerpunktmäßig mit israelbezogenen Antisemitismus auseinandersetzte, sei zudem nicht ergebnisoffen und nicht multiperspektivisch genug gewesen. Gleichzeitig veranstaltete Arte in seinem Programm wochenlang ein anti-israelisches Trommelfeuer. Und bis heute werden weiterhin fast ausschließlich Reportagen und Dokumentarfilme ausgestrahlt, die „Israelkritikern“ dann die Munition liefern, um den israelischen Staat zu delegitimieren.
Ein besonders markantes Beispiel für die „ausgewogene“ Programmgestaltung zum Nahost-Konflikt ist der Propagandafilm Off Frame – Revolution bis zum Sieg, der das sogenannte palästinensische Widerstandskino der 1960er und 70er Jahre abfeiert. Der Beitrag lief 2017 auf der Berlinale, Arte stellt ihn uns seit Oktober 2017 ein ganzes liebes langes Jahr in seiner Mediathek zur Verfügung. Von der Einzigartigkeit dieser „Bilder eines Traums von Freiheit“ und der „Suche eines Volkes nach sich selbst“ waren die Programmverantwortlichen anscheinend schwer begeistert. Vielleicht hat man sich über jenes Genre auch schon genügend beim antisemitischen Webportal The Electronic Intifada informiert? Oder Arte empfindet es bereits als ausreichende Referenz, dass Regisseur Mohanad Yaqubi die antisemitische Boykottbewegung BDS unterstützt?
Die Bilder dieses Widerstandskinos jedenfalls gehören heute zum Standardrepertoire von Israelhassern jeglicher Couleur: die angeblich von Israel zu verantwortenden Vertriebenen und Getöteten, insbesondere die Darstellung notleidender Kinder und Frauen als Opfer „zionistischer Aggressionen“ sind ein Evergreen und ebenso beliebt wie Genozid-Vorwürfe und die Relativierung der Shoah. Hier kommt der Verlust des palästinensischen Filmarchivs nach dem Libanonkrieg 1982 einem „kulturellen Völkermord“ gleich. Wir sehen Bilder vom militärischen Drill palästinensischer Kindersoldaten, unterlegt mit völkischem Liedgut. Am Ende klingt der Film gar mit einem Schulhofappell und der Intonation der palästinensischen Blut-und-Boden-Hymne aus. Für Arte offenbar alles so anrührend und unschuldig wie die salbungsvollen Worte des für Palästina „gefallenen“ Judenmörders Jassir Arafat. Auch scheint die antisemitische Inszenierung vom jüdisch-amerikanischen Kapital dem Weltbild des europäischen Kulturkanals Arte genauso wenig entgegenzulaufen wie die medienwirksame Sprengung von Passagierflugzeugen unter der Parole „Down with Imperialism, Zionism & Israel“.
Der größte Mediencoup palästinensischer Revolutionäre wird in Off Frame allerdings nur beiläufig abgehandelt: Dabei konnten sie doch ihre Botschaft beim Terroranschlag auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972 in München über die TV-Bildschirme live in alle Welt tragen und ernteten dafür – allen voran Ulrike Meinhof – auch in der deutschen Linken viel Solidarität. Eingehend gewürdigt wird dagegen aber selbstverständlich das Wirken des antizionistischen, sich ebenfalls als links verstehenden Filmemachers und Terrorunterstützers Jean-Luc Godard. Im „Kampf gegen die zionistische Propaganda“ tat er Hier und Anderswo, was er nur konnte. Für den bewaffneten Kampf gegen Israel sammelte er auch schon mal Geld beim ZDF. Ein europäischer TV-Kanal mit ausreichender Sendezeit stand ihm und der PLO da allerdings noch nicht zur Seite.

+++ Der Film Off Frame aka Revolution bis zum Sieg ist noch bis zum 17.10.2018 bei Arte abrufbar +++ Seit Mitte Mai 2018 stellt Arte den Film auf seinem Youtube-Kanal zur Verfügung +++

Antiimperialistisches Agitprop-Theater: Mit Leib und Seele gegen
die „JewSA“? | © Arte 2017

Concerning Violence – Neun Szenen der anti-imperialistischen Selbstverteidigung

Dokumentation – 87 min., SWE 2014
Film von Göran Hugo Olsson

„Frantz Fanon wurde schon einmal in einem Film zitiert: in »Weekend«, Jean-Luc Godards Abrechnung mit der französischen Bourgeoisie und dem narrativen Kino, dessen Erzählweise er ins Assoziative, Allegorische auflöst. Göran Hugo Olsson geht in »Concerning Violence« konventioneller vor. Wie bereits in »The Black Power Mixtape« hat der schwedische Regisseur 16-Millimeter-Archivmaterial aus den Sechzigern und Siebzigern zusammengetragen, für seinen aktuellen Film Aufnahmen aus Camps antikolonialistischer Befreiungsbewegungen in Angola und Mozambique, ein Interview mit Missionaren in Tansania, Bilder aus Krankenhäusern, von Kampfhandlungen, aus der Blase weißer Siedler in Rhodesien, dem heutigen Simbabwe. Dazu spricht Lauryn Hill von den Fugees Auszüge aus Fanons bekanntester Arbeit `Die Verdammten der Erde` von 1961, die gleichzeitig eingeblendet werden.
Ein »kinematographischer Essay« soll so entstanden sein, dazu allerdings fehlt es dem Film an einer klaren argumentativen Struktur. Olsson hat letztlich eine – durchaus beachtliche – Materialsammlung montiert und mit Imperativen Fanons unterlegt. Wer diesem Vordenker der Entkolonialisierung, wie es etwa Jean-Paul Sartre tat, die Rechtfertigung von Gewalt unterstellt, sagt Gayatri Spivak, die Theoretikerin des Postkolonialismus, im 2013 aufgenommenen Prolog des Films, der lese nicht zwischen den Zeilen: Die Verdammten dieser Erde seien vielmehr unverschuldet durch die Gewalt anderer in eine Konstellation geraten, aus der sie sich bedauerlicherweise nur noch durch Gegengewalt befreien könnten. Dieser Prolog ist der einzige offensichtliche Bezug, den Olsson zur Gegenwart herstellt. Dabei wäre vieles gar nicht unbedingt historisch, sondern eher politisch erklärungsbedürftig: die Ablehnung des westlichen Individualismus etwa, der die Nation als positiven Gegenbegriff zur Kolonisation behaupten muß. Den Fanon-Fan Godard führte diese Denkweise bekanntlich auf Abwege und direkt in die Arme der PLO […]“ (Tim Slagman in konkret 9/2014)

Im Fall von Regisseur Olsson, der Literaturwissenschaftlerin Gayatri Spivak als auch bei Sprecherin Lauryn Hill führte diese Denkweise anscheinend direkt zum antisemitischen BDS-Movement. Auch wenn Olssons Film den Nahost-Konflikt ausspart: Vor dem Hintergrund eines solchen Engagements ist es mehr als naheliegend, dass im Kampf gegen den als rassistisch halluzinierten „Apartheid“-Staat Israel nicht nur Boykottaktionen favorisiert werden, sondern mit Rückgriff auf Fanon auch der antisemitische Terror sogenannter palästinensischer „Befreiungsbewegungen“ als antikoloniale Selbstermächtigung verklärt werden kann. Wie man die Legitimation von Terror jedenfalls betreiben kann, hat Gayatri Spivak bereits im Prolog des Films angedeutet: Mit dem Satz „Ihre Leben zählen nichts im Vergleich zu denen der Kolonialherren – uneingestandene Hiroshimas gegenüber sentimentalisierten 9/11.“ bagatellisiert Spivak nicht einfach nur den bis dato größten islamistischen Terroranschlag. Indem sie gleichzeitig die Opfer von 9/11 den „Kolonialherren“ zurechnet, betreibt sie Täter-Opfer-Umkehr auf das Widerlichste.

+++ Der Film hat es mittlerweile sogar ins Programm der Bundeszentrale für politische Bildung geschafft und kann dort in voller Länge abgerufen werden +++

Stalins letzte Säuberungen

Dokumentation – 45/80 min., D/F 2009
Ein Film von Philippe Saada

Am 13. Januar 1953 verkündete die Prawda die Aufdeckung eines ungeheuerlichen Komplotts: Neun bekannte sowjetische Ärzte, sechs davon Juden, sollten die Ermordung der Kremlführung geplant haben. Dies war der Auftakt zu einer landesweiten antisemitischen Pressekampagne, die sich nahtlos in die Kontinuitäten eines Sowjetantisemitismus einfügte. Die angeblichen „zionistischen Verschwörer“ wurden festgenommen, brutal verhört, tausende Juden und Jüdinnen entlassen. Wohin Stalins antisemitische Politik schlussendlich steuerte, ist umstritten: Sollten die sowjetischen Juden ermordet oder „nur“ nach Sibirien deportiert werden? Mit dem Tode Stalins am 5. März 1953 endete die unmittelbare Gefahr für Juden in der Sowjetunion, der Antisemitismus bestand fort. Die Beschäftigung mit linkem Antisemitismus heute muss seine historischen Wurzeln im Osten Europas der Nachkriegszeit in den Blick nehmen. L‘chaim, comrade Stalin!

Die Partei hat immer recht: Die Wahrheit über eine „internationale
jüdisch-zionistische Organisation“ und „Gift verabreichende Ärzte“
| © ZDF/ ROCHE Productions 2009

Bubis – das letzte Gespräch

Dokumentation – 45 min., D 2017
Ein Film von Johanna Behre und Andreas Morell

Im öffentlichen Bewußtsein ist die Verantwortung für Auschwitz nicht verankert. Jeder in Deutschland fühlt sich verantwortlich für Schiller, für Goethe und für Beethoven, aber keiner für Himmler.“

(Ignatz Bubis)

TV-Dokumentation, basierend auf einem Interview, das Ignatz Bubis, damaliger Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, kurz vor seinem Tod im Sommer 1999 dem Wochenmagazin Stern gegeben hatte. Kennzeichnend für dieses Interview war vor allem die tiefe Enttäuschung über die deutsche Wirklichkeit nach der Wiedervereinigung, zu der Ignatz Bubis, allen antisemitischen Anfeindungen zum Trotz, als einer der Wenigen immer wieder deutlich wahrnehmbar Stellung bezog: Zum nationalistischen Furor, der sich in rassistischen Gewaltwellen Bahn brach, der geistigen Brandstiftung aus Teilen der Eliten, dem politischen Zurückweichen vor dem deutschen Mob und den unsäglichen Schlussstrichdebatten um die „Dauerrepräsentation unserer Schande“ und die „Moralkeule Auschwitz“. Dabei lag Bubis‘ Tragik als Überlebender der Shoah vor allem im Insistieren auf Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die sich von ihm wahlweise als „reichem jüdischen Spekulanten“ oder „als Israeli, als Ausländer, als Fremder, als Gast“ mehrheitlich belästigt fühlte.
Hermann L. Gremliza, mit dem Bubis im Jahr 1999 ebenfalls ein letztes Gespräch für das Monatsmagazin konkret führte, spitzte Bubis‘ Wirken in einem Nachruf folgendermaßen zu: „Immer wieder hat Bubis Alarm geschlagen, immer wieder hat er, uns zur Enttäuschung und zum Ärger, eine halbe Entwarnung hinterhergeschickt und die Zahl der deutschen Antisemiten auf ein den Landsleuten, ihren Leitartiklern und ihren Politikern genehmeres Maß heruntergerechnet. Mit zehn oder zwanzig Prozent potentieller Mörder, das wußte er, können die gut leben.“. Kurz vor Lebensende wich aber auch bei Ignatz Bubis die Hoffnung einer müden wie quälenden Einsicht. Sein viel zitiertes Fazit „Ich habe (fast) nichts erreicht.“ wie auch Gremlizas Zuschreibung, womit die gut leben könnten, bestätigt sich bis in die Gegenwart. Dementsprechend ist Bubis‘ Entscheidung, sich nicht in Deutschland, sondern in Israel begraben zu lassen, konsequent. Eine würdige Geste an eine durch und durch verkommene Gesellschaft.

Regressiver Antikapitalismus meets Täter-Opfer-Umkehr: Deutsche
Linke demonstrieren für Fassbinders Der Müll, die Stadt und der Tod
| © AVEpublishing, HR, NDR, RBB 2017

Der Letzte der Ungerechten

Dokumentation – 218 min., F 2013
Ein Film von Claude Lanzmann

Im Rahmen seines Filmes „Shoah“ (1985) führte Claude Lanzmann 1975 ein langes Interview mit Benjamin Murmelstein, dem überlebenden, letzten sog. „Judenältesten“ des Ghetto Theresienstadt. Letztendlich entschied er sich aber dagegen, das Material in „Shoah“ zu verwenden, denn, so Lanzmann in einem Interview, „Shoah“ sei „ein Film in Erzählform, der allgemeine Ton ist von einer schrecklichen Tragik. Wenn man Benjamin Murmelstein zuhört, merkt man, dass das nicht zu ihm passt. Er ist von einem anderen Schlag.“ In ihrem „Bericht von der Banalität des Bösen“ über den Eichmann-Prozess bezeichnete Hannah Arendt Leute wie Murmelstein als „Verräter“, einem Urteil, dem Gershom Scholem entschieden widersprach. In einem Punkt war er jedoch mit Arendt einig: „Gewiss, […] Murmelstein in Theresienstadt hätte […] verdient, von den Juden gehängt zu werden.“ Hätte man Murmelstein vor Gericht in Jerusalem als Zeugen geladen, so hätte dieser davon berichten können, dass Eichmann, den Arendt als „Hanswurst“ bezeichnete, während des Novemberpogroms selbst zur Tat geschritten ist. Lanzmanns Film ist so wichtig, weil er diesem und anderen Fehlurteilen widerspricht. Gleichwohl ist es von einer besonderen Tragik, dass Murmelstein, der 120.000 österreichischen Juden zur Ausreise verholfen hat, seine Rehabilitation nicht mehr erleben durfte. Er starb 1989 ohne je einen Fuß nach Israel gesetzt zu haben, obwohl das seinem Wunsch entsprochen hätte. Lanzmanns Film ist eine späte, aber würdige Rehabilitation dieser beeindruckenden Person.

+ Der Film ist noch bis 22.03.2018 auf der arte-Mediathek abrufbar. +

© Synecdoche, Le Pacte, DOR Film, Les Films Alephe, France 3
Cinéma

Tödliche Rache – Vom Holocaust-Opfer zum Mörder

Dokumentation – 56 Min., ISR 2015
Ein Film von Natalie Assouline Terebilo

Ein gehetztes Atmen, Schüsse peitschen, ein Mensch fällt zu Boden – „Judenjagd“. Die im Stil einer Graphic Novel gehaltene und mit Sound unterlegte gezeichnete Anfangsszene zeigt den jugendlichen Mosche Knebel, wie er Zeuge an dem Mord seines eigenen Vaters wird. 86-jährig begibt sich der Shoah-Überlebende Knebel mit seiner Familie ins östliche Polen, wo er ihr seinen Herkunftsort, Krasnobród und die Wälder der Umgebung zeigt, in denen er sich zunächst vor den Deutschen und den mit ihnen kollaborierenden Polen versteckt hielt. Außerdem berichtet er ihr von seiner dunklen Seite – „The Dark Side“ lautet der im Deutschen wohl nicht sensationslüstern genug klingende englische Titel: Er hatte sich nach Kriegsende vom UB (Urząd Bezpieczeństwa, kommunistische Geheimpolizei im Nachkriegspolen) rekrutieren lassen und Vergeltung geübt einerseits an denjenigen, die für den Tod seiner Familie verantwortlich waren und andererseits an seinen ehemaligen Freunden, die ihn nach seiner Rückkehr nach Krasnobród in einen Hinterhalt gelockt und halb tot geschlagen hatten.
Die Doku wird dieses Jahr erneut zu Anlass des Holocaustgedenktages auf Arte ausgestrahlt, und damit auf jenem deutsch-französischen Sender, der insbesondere im vergangenen Jahr durch tendenziöse Israel-Berichterstattung, sowie den Unwillen, über Antisemitismus zu berichten, aufgefallen ist. Daher darf die, jedenfalls im postnazistischen Deutschland immer auch schuldabwehrende, „Faszination“ für eine vermeintliche „jüdische Rachsucht“ als Entscheidung für die Ausstrahlung zumindest vermutet werden. In der Programmankündigung heißt es dann auch reißerisch: „Im Geheimen beginnt Mosche […] einen gnadenlosen Rachefeldzug gegen alle, die seine Familie auf dem Gewissen haben. Auge um Auge.“
„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, so wissen Hobbytheologen zu berichten, sei ein biblisches Prinzip, seit alttestamentarischen Zeiten eine Art verbindliche Handlungsanleitung für Juden, wenn ihnen Unrecht widerfährt. Das Bild des „rachsüchtigen Juden“ ist dabei für Antisemiten jeglicher Couleur von ungebrochener Aktualität. Es findet sich camoufliert als „Israelkritik“ – man werfe nur einen Blick in die Süddeutsche Zeitung oder in die Kolumnen des Jakob Augstein – , als sekundär-antisemitische „Anklage“ an die um finanzielle „Entschädigung“ kämpfenden Shoah-Überlebenden oder eben im wohligen, da schuldentlastenden Gruseln vor den Vergeltung übenden und somit selbst zu Tätern gewordenen Opfern. In der jüdischen Tradition hieß der erwähnte Rechtssatz übrigens „Auge für Auge“ und sollte verhältnismäßige finanzielle Entschädigungen für ein erlittenes Unrecht regeln. In der Übersetzung der Bibel durch den Antisemiten und 2017 aus Anlass der halbtausendjährigen Reformation besonders gefeierten Martin Luther wurde daraus dann „Auge um Auge“.
Wenn Knebel von seiner Zeit bei den russischen Partisanen und später bei der Roten Armee berichtet, fallen Sätze, die für das deutsche Publikum seltsam vertraut klingen dürften: „So lautete der Befehl“, „Wir konnten keine Gefangenen machen“, „Hitler [oder eben wahlweise Stalin] hat genau das gleiche getan“. Der deutsche Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion wurde bereits vor dem Überfall in einer Reihe verbrecherischer Befehle der Wehrmachtsführung ausgearbeitet. Insbesondere die sog. Politkommissare galten als Inbegriff des „Judäo-Bolschewismus“ und somit als zu „vernichtende Träger einer feindlichen Weltanschauung“. In den Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare (Kommissarbefehl) vom 6. Juni 1941 findet sich das Motiv einer spezifischen „Grausamkeit“ der Sowjetsoldaten:

Im Kampf gegen den Bolschewismus ist mit einem Verhalten des Feindes nach den Grundsätzen der Menschlichkeit oder des Völkerrechts nicht zu rechnen. Insbesondere ist von den politischen Kommissaren aller Art als den eigentlichen Trägern des Widerstandes eine haßerfüllte, grausame und unmenschliche Behandlung unserer Gefangenen zu erwarten.“

Dass Politkommissare in der antisemitischen Vorstellung des „Judäo-Bolschewismus“ zumeist jüdisch seien, brauchte hier offensichtlich nicht extra verdeutlicht zu werden, anders in den „Mitteilungen für die Truppe“ der Abteilung Wehrmachtspropaganda.
Die „jüdische Rachsucht“: grausam und haßerfüllt für das OKW, „gnadenlos“ für Arte/ARD.

+++ Bis zum 01.03.2018 in der Arte-Mediathek +++

Mosche Knebel nach dem schweren Angriff auf ihn in Sicherheit beim
UB – für viele Polen nur ein weiterer Beweis für die Existenz einer ver-
meintlichen „Judäo-Kommune“ | © Arte 2015

There Is No Return To Egypt

Dokumentation – 45 min., 2014
Ein Film von Klemens Czyżydło und Eik Dödtmann

„Als 1968 in Polen Studentenproteste für Unruhen sorgten, fand die politische Führung des Landes einen in diesem Zusammenhang abwegigen, jedoch altbewährten Sündenbock. Die Juden seien Schuld an dem Aufruhr im Land, weshalb der kommunistische Parteichef Wladyslaw Gomulka ihnen in einer Rede am 19. März des Jahres unmissverständlich nahelegte, das Land zu verlassen. Sie könnten ja einfach gehen, brüllte er in das Mikrofon, und der Saal tobte. Die dadurch angestoßene antizionistische Hetzkampagne kostete etwa 20.000 Juden und Jüdinnen ihren Arbeitsplatz und mehrere Tausend von ihnen entschieden sich, eingeschüchtert und resigniert, Polen zu verlassen.
Ein an der Universität Potsdam angesiedeltes Publikations- und Filmprojekt widmet sich denjenigen, die sich damals zur Emigration entschieden. Der Film von Klemens Czyżydło und Eik Dödtmann zeigt sieben Menschen, die damals unter den Eindrücken der antisemitischen Welle in Polen nach Israel flohen. Auf einfühlsame Weise versuchen die Filmemacher zu ergründen, welche Gefühle und Erinnerungen die Protagonist/innen mit 1968 verbinden. Dabei wird schnell deutlich, dass sich trotz vieler gemeinsamer Erfahrungen das Deutungsmuster der Betroffenen stark unterscheidet. Denn so unterschiedlich wie die individuellen Verarbeitungsprozesse sind auch die sozialen, beruflichen, religiösen und politischen Hintergründe der Interviewten. Die Mitglieder der Migrationskohorte wurden durch die gemeinsame Erfahrung der erzwungenen Emigration zu einer engen Gemeinschaft, in der jedoch jede/r einen sehr individuellen Umgang mit dem Erlebten fand. Während die einen ihrem Heimatland konsequent den Rücken kehrten, fiel es anderen schwer, einen Umgang mit der erfahrenen Erniedrigung und dem Verlust der Heimat zu finden. Dies hatte auch Auswirkung auf das individuelle Identitätsgefühl, die persönliche Positionierung in Bezug auf die israelische Politik und die eigene Religion…“
(Anne Lepper auf dem Bildungsportal „Lernen aus der Geschichte“)

Unter Parolen wie „Zionisten zu Dajan“ und „Antisemitismus Nein!
Antizionismus Ja!“ werden tausende Juden aus dem Land getrieben

Tod in der Zelle

Dokumentation – 45 min., D 2010
Buch/Regie: Sonia Seymour Mikich/ Pagonis Pagonakis

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen rund um die Ermittlungen zum Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh in einer Zelle der Dessauer Polizei im Jahr 2005 sei hier nochmals an die engagierte TV-Dokumentation „Tod in der Zelle“ erinnert. Dass dieser Fall seit mittlerweile fast 13 Jahren gegen alle Widerstände aus Polizei und Justiz immer wieder neu aufgerollt und in die Öffentlichkeit geholt wird, ist vor allem Oury Jallohs Freunden und weiteren antirassistischen Aktivisten, insbesondere „Break the Silence – Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“, engagierten Nebenklagevertretern sowie einer bisweilen recht kritischen Medienberichterstattung zu verdanken…

+++ Der ebenfalls auf den Fall bezogene und für Polizeigewerkschafter offenbar herausfordernde Spielfilm „Verbrannt“ aus der Tatort-Reihe ist noch bis 17.12.2017 in der ARD-Mediathek abrufbar +++

Klinisch weiß: Eine Arrestzelle der deutschen Polizei | © WDR