Archiv der Kategorie 'Dokumentation'

Schatten auf der Völkerfreundschaft

Dokumentation – 45 min, D 2017
Ein Film von Christian Bergmann und Tom Fugmann

Die Dokumentation thematisiert rassistische Gewalt in der DDR, die in mehreren Morden gipfelte. Unter der Einparteienherrschaft der SED wurde sie unter Verschluss gehalten. Ein Magazinbeitrag im MDR-Format Exakt über einen Mordfall in Merseburg, der eine vorab gesendete kürzere Version der Doku darstellt, löste staatsanwaltliche Vorermittlungen aus, die mittlerweile zu dem skandalösen Ergebnis gekommen sind, dass „kein Anfangsverdacht“ bestehe.

Am 12. August 1979 kam es in Merseburg zu einer Schlägerei, in deren Verlauf zwei kubanische Vertragsarbeiter aus Todesangst in die Saale sprangen, in der sie vom umstehenden Mob noch mit Flaschen und Steinen beworfen wurden. Julio Garcia Oliveras und Raul Garcia Paret kamen zu Tode. Ermittlungen wurden nicht angestellt, die Angehörigen über die wahren Todesursache getäuscht, Überlebende nach Kuba abgeschoben – ein gängiges Muster zu DDR-Zeiten. Rechtsradikale Gewalt durfte es im „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ nicht geben, der vom Selbstverständnis her ja strikt antifaschistisch war. Dass dieser verordnete Antifaschismus leider zu weiten Teilen ein Mythos geblieben ist, zeigt die brutale Gewalt, die sich in der DDR immer wieder gegen „Fremde“ richtete. In einem Interview spricht der Historiker Harry Waibel von „über 200 Pogrome[n] und pogromartige[n] Angriffe[n] in der DDR, bei denen tausende Personen aus über 30 Ländern verletzt und mehr als zehn Personen getötet wurden.“ Seine akribischen Recherchen bilden die Grundlage für diesen Film.

Angesichts der millionenfachen „Republikflucht“ von wertvollen Arbeitskräften sah sich die DDR-Führung widerwillig gezwungen, sogenannte „VertragsarbeiterInnen“ vor allem aus den sozialistischen Bruderstaaten Vietnam, Mosambik, Algerien und Kuba in die DDR zu holen. Nur als temporäre Arbeitskräfte gewollt, wurden diese von der Bevölkerung ferngehalten und mussten nach einer bestimmten Zeit wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Im Falle einer Schwangerschaft wurden Vertragsarbeiterinnen gar zur einer Abtreibung gezwungen oder mussten die DDR vorzeitig verlassen. Zudem wurde der Lohn, wie im Falle der mosambikanischen VertragsarbeiterInnen, direkt nach Mosambik überwiesen, später gar, als sich Mosambik bei der DDR verschuldete, einfach einbehalten – die in Mosambik als Madgermanes bezeichneten mosambikanischen VertragsarbeiterInnen bekamen ihn nie zu Gesicht. Andere kamen im Rahmen der Kaderausbildung aus den sozialistischen Bruderstaaten in die DDR.

Das eisige Schweigen über die rassistische Gewalt gegen diese wurde erst gegen Ende der DDR von dem Filmemacher und Oppositionellen Konrad Weiss gebrochen. In der Untergrund-Zeitschrift Kontraste wies er 1989 auf rechte Umtriebe in der DDR hin. Sowohl Weiss als auch Waibel benennen deutlich die zu schnell abgebrochene Entnazifizierung als Ursache für den Rassismus in der DDR. Weiss: „Viele, die Hitler 1933 zugejubelt haben oder die als schweigende Mehrheit den Krieg und die faschistischen Verbrechen mitgetragen haben, sind 1945 nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches nicht wirklich umgekehrt.“ Weiterhin wurde der latente und manifeste Antisemitismus in der DDR durch die Ideologie des Antizionismus verschleiert. Dass der ostzonale Gemeinschafts(un)geist mit der DDR nicht untergegangen ist, davon künden nicht zuletzt die Morde des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“.

Nach dem der der Doku vorausgehende Magazin-Beitrag gesendet worden war, sah sich die Staatsanwaltschaft Halle genötigt, den Fall der beiden ermordeten Kubaner in Merseburg erneut zu prüfen, gleichwohl ohne neue Zeugenaussagen einzuholen. Auf Grundlage des Ermittlungsmaterials aus DDR-Zeiten kam sie trotz der Hinweise auf einen Mordverdacht zu dem Schluss, dass „kein Anfangsverdacht“ bestehen würde.

+++ In seinem jetzt erschienen Buch „Die braune Saat. Neonazismus und Antisemitismus in der DDR“ schlüsselt Harry Waibel 7000 neonazistische Propaganda- und Gewaltstraftaten nach DDR-Bezirken geordnet, chronologisch und alphabetisch auf. +++

Erdrückende Gesten: Im NS-Nachfolgestaat DDR bekamen aus-
ländische Vertragsarbeiter die „Zärtlichkeit der Völker“ noch auf
ganz andere Art zu spüren | © MDR 2017

The Forgotten Refugees

Dokumentation – 50 min., ISR 2005
Ein Film von Michael Grynszpan

„Flücht­lin­ge im Nahen Osten? Wer denkt dabei nicht an die Pa­läs­ti­nen­ser? Doch wäh­rend deren Schick­sal welt­weit be­klagt wird, gibt es auch an­de­re Flücht­lin­ge in der Re­gi­on, von denen die meis­ten noch nie etwas ge­hört haben: Seit jeher exis­tier­ten im Nahen Osten und in Nord­afri­ka jü­di­sche Ge­mein­den; etwa eine Mil­li­on Juden leb­ten noch in den 1940er Jah­ren in den ara­bi­schen Staa­ten. Heute sind es nur noch ein paar Tau­send, denn nach an­dau­ern­den Dis­kri­mi­nie­run­gen, Ent­eig­nun­gen, an­ti­se­mi­ti­scher Hetze und Po­gro­men im Zuge des auf­kom­men­den ara­bi­schen Na­tio­na­lis­mus waren die Juden in gro­ßer Zahl ge­zwun­gen, aus ihren ara­bi­schen Hei­mat­staa­ten zu flie­hen. Das Land, das die meis­ten die­ser Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men und in­te­griert hat, heißt Is­ra­el. Der Film »Die ver­ges­se­nen Flücht­lin­ge« von Micha­el Grynsz­pan zeigt Ge­schich­te, Kul­tur und er­zwun­ge­nen Aus­zug nah­öst­li­cher und nord­afri­ka­ni­scher jü­di­scher Ge­mein­den in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts. Jü­di­sche Flücht­lin­ge aus Ägyp­ten, dem Jemen, aus Li­by­en, dem Irak und aus Ma­rok­ko er­zäh­len ihre Ge­schich­ten. Diese wer­den durch Ar­chiv­ma­te­ri­al von Ret­tungs­ein­sät­zen, durch his­to­ri­sche Fotos von Aus­wan­de­rung und Wie­der­an­sie­de­lung sowie Ana­ly­sen von zeit­ge­nös­si­schen Wis­sen­schaft­lern er­gänzt.“ (Elisa Makowski / Tilman Tarach für Radio Dreyeckland)

+++ In der zweiten Septemberwoche 2017 wird der Film in verschiedenen niedersächsischen Städten gezeigt. Tilman Tarach wird den Film jeweils durch einen Vortrag ergänzen. +++

© The David Project and Isra TV

Zensierte Stimmen

Dokumentation – 84 min., D/ISR 2015
Film von Mor Loushy


Auszug aus „Censored Voices: Wer hat den Sechs-Tage-Krieg zensiert?“ von Martin Kramer:

Die Dokumentation „Censored Voices“ („Zensierte Stimmen“) verspricht, die israelische Militärzensur von Gräueltaten aufzudecken, die während des Krieges 1967 verübt worden seien. Doch das Einzige, was sie aufdeckt, ist die Agenda ihrer Macher. Vorliegender Artikel erschien ursprünglich 2015 auf Englisch im Mosaic Magazine. Da der deutsche Fernsehsender Arte die Dokumentation, auf die er sich bezieht, am 6. Juni 2017 anlässlich des 50. Jahrestags des Sechs-Tage-Krieges in sein Programm nahm, entschloss sich Mena Watch dazu, die Kritik von Martin Kramer auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.

Am 26. Januar [2015] brachte die New York Times an prominenter Stelle einen Artikel ihres Jerusalemkorrespondenten Jodi Rudoren, in dem es um einen neuen israelischen Dokumentarfilm ging, der auf dem „Sundance“ Film-Festival in Utah seine Premiere feierte. Laut Rudorens sehr ausführlichem Bericht handelt es sich bei dem Film, „Censored Voices“, um eine aufsehenheischende Enthüllungsgeschichte über den Arabisch-Israelischen Krieg vom Juni 1967 – auch bekannt als der Sechs-Tage-Krieg – wie er in Gesprächen, die direkt nach dem Krieg mit Soldaten geführt wurden, erzählt wird.
Seit seinem Debüt auf dem Sundance wurde die eine Million Dollar teure israelisch-deutsche Co-Produktion auch auf Festivals in Berlin, Florenz, Genf, Madrid, Toronto, Warschau und Zagreb gezeigt. Seine israelische Premierenparty fand auf dem „Docaviv“ Dokumentarfilmfestival in Tel Aviv statt (wo ich ihn gesehen habe), derzeit wird er in den israelischen Kinos gezeigt und in Rezensionen und Feuilletonartikeln in den großen Tageszeitungen besprochen. Ein israelischer Dokumentarfilmsender wird ihn im August ausstrahlen, Rechte wurden nach Kanada, Australien, Neuseeland und quer durch Kontinentaleuropa verkauft, und im Herbst wird der Verkaufsagent des Films ihn in Großbritannien an den Start bringen. Ein amerikanischer Verleih hat die US-Rechte gekauft und plant, ihn Ende des Jahres in die Kinos zu bringen.
„Censored Voices“ wird voraussichtlich ebenso große Wellen schlagen wie „The Gatekeepers“ (deutsch: „Töte zuerst“ [sic!]), die Dokumentation von 2012, in der sechs ehemalige Chefs von Israels Geheimdienst [Shin Bet] zu Wort kamen – wenn nicht sogar noch größere. Und zwar aus demselben Grund: Es werden Israelis gezeigt, die ihr eigenes Land dafür anklagen, bei der Kriegsführung hinter den hohen Standards zurückzubleiben. Und der Film regt zu dem Schluss an, dass die Behauptungen über Fehlverhalten wahr sein müssen, weil die israelischen Behörden die Originalinterviews zensiert hätten: volle 70 Prozent davon hätten sie bewusst dem Vergessen anheim gegeben.
Doch Zuschauer: Vorsicht…“
(Der vollständige Artikel von Martin Kramer erschien im Juni 2017 in deutscher Übersetzung auf Mena-Watch.)

+++ Die ARD wird den Film am 28.08.2017 um 23.45 Uhr erneut senden +++

„That one’s for Hitler!“ – Baer vs. Schmeling

Aufzeichnung – 24 min., USA 1933

Aufzeichnung des Kampfes „Max Baer vs. Max Schmeling“ in New York 1933. Während in Deutschland bereits der Ausschluss jüdischer Sportler aus den Verbänden betrieben wurde, zeigte Max Baer mit dem Davidstern auf der Hose eine einmalige solidarische Geste. In einem eindrucksvollen Kampf siegte Baer nach technischem KO in der 10. Runde und verpasste damit dem deutschen Sportwesen auf symbolischer Ebene eine verdiente Abreibung.
Max Baer, der einen jüdischen Großvater hatte, als US-amerikanischer Staatsbürger jedoch noch nicht unmittelbar von den Deutschen bedroht war, musste allerdings auf einem anderen Feld einen Tiefschlag hinnehmen. Denn neben dem Boxsport versuchte Baer auch im Filmbusiness zu punkten. Seinen ersten großen Auftritt als Hauptdarsteller hatte er 1933 in der US-amerikanischen Filmkomödie „The Prizefighter and the Lady“. Der Film sollte auch in Deutschland unter dem Titel „Männer um eine Frau“ im Kino gezeigt werden, wurde jedoch verboten. Den deutschen Sportsfreunden dürfte Max Baer als Sieger über Max Schmeling noch in schlechter Erinnerung geblieben sein, als sie dann bald jene Nachricht lasen, die der Völkische Beobachter am 29.4.1934 veröffentlichte. Unter der Überschrift „Bestätigtes Filmverbot“ stand dort zu lesen:

Berlin, 28.4. Gegen die Entscheidung der Prüfstelle, die dem Film „Männer um eine Frau“ wegen der Mitwirkung des amerikanischen Boxers Max Baer als Hauptdarsteller die Zulassung versagte, hatte die Metro Goldwyn Mayer-Film AG Beschwerde eingelegt. Die Oberprüfstelle hat in ihrer heutigen Sitzung diese Beschwerde zurückgewiesen und das Verbot aufrechterhalten. In Übereinstimmung mit der Prüfstelle und dem von dieser Stelle vernommenen Sachverständigen des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda hält die Oberprüfstelle daran fest, dass die Zensur nicht einfach an der Tatsache vorbeigehen könne, dass das deutsche Volk die Vorführung von Filmen mit jüdischen Hauptdarstellern als Provokation empfinde. An diese Art Filme müsse daher ein besonders strenger Maßstab gelegt werden. Vorwiegend sei es das Verhältnis des jüdischen Darstellers, der nach Ansicht der Oberprüfstelle obendrein ein durchaus negroider Typ sei, zu den in dem Film mitspielenden nichtjüdischen Frauen, das eine Verletzung des nationalsozialistischen Empfindens im Sinne des neuen Lichtspielgesetzes vom 16. Februar 1934 enthalte. Aus diesem gesetzlichen Verbotsgrunde sei die fernere Vorführung des Films, und zwar sowohl in der Originalfassung wie in der deutschen Fassung nicht mehr angängig.“

(aus Joseph Wulf: „Kultur im Dritten Reich“)

Max Baer ist heute nahezu vergessen. Max Schmeling dagegen avancierte trotz seiner Funktion als NS-Werbe-Ikone zu einer Art „Oskar Schindler des deutschen Boxsports“. Bestärkte er 1936 im WM-Ausscheidungskampf mit seinem Sieg über den afro-amerikanischen Boxer Joe Louis den deutschen Rassenwahn, so wurde sein Leben mit „Max Schmeling – Eine deutsche Legende“ posthum als nationales Feel-good-Movie verhunzt. Da war er also wieder: Der gute Deutsche! Die Ehre jedoch, der deutschen Volksseele frühzeitig nicht nur aufs Maul zu schauen, sondern auch zu geben, die gebührt ganz unzweifelhaft Max Baer.

„Hail Hitler!“: Baer siegt nach technischem KO in der 10. Runde
| © ACME Newspictures. Quelle: Archiv Buschbom.

Gefährliche Allianz: Grüne Esoterik und braune Philosophie?

Dokumentation – 45 min., D 2017
Film von Susanne Roser

Die Esoterikszene ist für manche vielleicht etwas verwunderlich: Sie glaubt an Übernatürliches, predigt Liebe und fordert die Rückbesinnung auf altes Wissen. Die meisten halten sie für unpolitisch. Aber ist sie das wirklich? Bei genauem Hinsehen findet man in dieser Szene auch politische Inhalte und immer öfter sogar extremes und antisemitisches Gedankengut.“

(Sendungsankündigung Bayerischer Rundfunk)

Nun könnte man ja oben genannte Einordnung der Esoterik auch für das Christentum vornehmen. Aber durch diese Dokumentation der ARD-Themenwoche „Woran glaubst Du?“ begleitet uns ein „Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche“. Er ist Fachmann für braune Esoterik. Und als ein moderner Teufelsaustreiber beobachtet er in Vollzeit, wie die zunehmend erfolgreichere Konkurrenz ihre Seelenheilprodukte mit Blut-und-Boden-Ideologie und antisemitischen Verschwörungstheorien anreichert. Ganz ungeachtet dessen, dass die Evangelische Kirche im Nationalsozialismus eine beeindruckende Anpassungsleistung vollbrachte, bietet sich hier eine famose Gelegenheit, sich als Teil des demokratischen Spektrums von extremistischen Auswüchsen abzugrenzen und als Hort der Freiheit und Vernunft darzustellen.
Aber im Kampf gegen die rechte Öko- und Esoterikszene braucht es Verbündete! Der Bund der Freien Waldorfschulen kriegt zwar hier und da immer noch Probleme mit den eigenen Lehrkräften, hat aber mittlerweile die Deutsch-Lektion auch schon gelernt: Nachdem auffällig gewordene Mitarbeiter widerwillig gekündigt wurden, präsentiert man an anderer Stelle pflichtschuldigst eine Aufklärungsbroschüre zum Thema „Reichsbürger“. Darin muss sich allerdings der Bund der Freien Waldorfschulen mit dem autoritären, rassistischen und antisemitischen Gedankengut der Anthroposophie Rudolf Steiners genauso wenig auseinandersetzen wie vor der Kamera. Das macht die konsultierte Mobile Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus schließlich auch nicht: Anstatt einer Mutter von Waldorfschülern zu raten, den Schulvertrag zu kündigen, reicht es scheinbar aus, über Infiltrationsstrategien von Nazis aufzuklären. Lancieren Reichsbürger ihre Ideen in unschuldigen kleinen Öko-Heftchen oder nutzen „alternative“ Räumlichkeiten für Zusammenkünfte eines neonazistischen „Polizei-Hilfswerks“, muss dann endlich auch mal der Verfassungsschutz in die Pflicht genommen werden. Der ist ja schließlich bekannt dafür, dem Naziproblem so richtig tief an die Wurzel zu gehen. Und der bayerische Rechtsaußen-Innenminister darf das Problem dann gern wieder etwas runterrechnen. Die altbewährte Rhetorik des Joachim Herrmann und seiner Parteikollegen von der CSU hat natürlich nichts mit dem bayerischen Dorf Bolsterlang zu tun, wo „besorgte Bürgervertreter“, die die Zwangsenteignung ihrer Ferienwohnungen zugunsten Geflüchteter phantasierten, sich lieber gleich der Reichsbürgerbewegung zuwandten. Ein Jahr später haben „die Bolsterlanger“ Haltung gewahrt und die erste Demonstration in Deutschland gegen Reichsbürger organisiert. Was für ein Erfolg! Demokratisches Bildungsfernsehen at its best!
Wir lernen: Der Nazi kommt immer aus der Fremde. Er zersetzt die deutsche Gemeinschaft und besetzt die deutsche Scholle. Er platziert seine Botschaften geschickt auf „harmlosen“ Esoterik-Messen oder in einem Seminarzentrum namens „Sonnenstrahl“. Er agitiert als Schamane auf „pazifistischen“ Anti-Nato-Protesten gegen die Kriegstreiberei der Amis oder infiltriert das „freie Geistesleben“ der Waldorfschulen. Er gründet nach Art der „Wedrussen“ ganzheitliche Familienlandsitze und pflanzt Kartoffeln auf dem „unbelasteten“ Boden deutscher Ökos. Oder er macht mit seinen verrückten „Reichsflugscheiben“ Zwischenlandung in bayerischen Dorfgemeinschaften. Dabei nutzt er für seine perfide Propaganda nicht nur Stammtische, sondern auch „alternative“ Medien! Aber kaum macht man eine Broschüre oder organisiert eine Demo, dann ist er auch schon wieder weg. Diese Nazis sind einfach nicht zu fassen! Das riecht nach Verschwörung! Aber Gott sei Dank gibt’s noch staatliches Fernsehen!


„Blut und Boden“ oder „Letztlich sind wir beide Verwandte!“: Ein
deutscher Bauer spricht mit braunem Klumpen Erde. | © BR 2017

Hebron – Die zerrissene Stadt

Dokumentation – 45 Min., D 2017
Film von Nicola Albrecht

Nachdem die Unesco im vergangenen Jahr bereits jegliche jüdische Verbindung zum Tempelberg geleugnet hatte, setzte sie vor wenigen Tagen die Altstadt Hebrons auf die Liste des gefährdeten palästinensischen Welterbes. Für das deutsche Fernsehpublikum kam diese Entscheidung wenig überraschend, betreiben doch „Israel-kritische“ TV-Produktionen seit jeher eine Delegitimierung israelischer Staatlichkeit, manche völlig offen, andere, so wie „Hebron – Die zerrissene Stadt“, vermeintlich um Ausgewogenheit bemüht und auf eine Besonderheit dieser Staatlichkeit, die jüdischen Siedlungen, abhebend.

Über die einseitige Israel-Berichterstattung des öffentlichen-rechtlichen Fernsehens in Deutschland ist in der Vergangenheit auch auf diesem Blog immer wieder berichtet worden. Die Hoffnung, dass diese eines Tages der Vergangenheit angehören wird, muss nicht zuletzt angesichts des anti-israelischen Trommelfeuers der vergangenen Wochen insbesondere auf Arte, dem Gebaren um die Antisemitismusdoku von Arte und WDR inklusive des Maischberger-Tribunals gedämpft werden. Immer erst müssen pro-israelische Verbände und engagierte Einzelpersonen intervenieren, damit die Verantwortlichen in den Sendern bereit sind, wenigstens die krassesten Fehltritte zu korrigieren. Oft geschieht jedoch nicht einmal das. Die Kommunikation der Sender dabei ist ein Desaster: Der WDR, der allen Ernstes Pressemitteilungen von NGOs als „Faktencheck“ bezeichnet, das ZDF, das in seiner Heute-Sendung zu 50 Jahre Sechstagekrieg wie selbstverständlich von einem israelischen „Blitzkrieg“ spricht und auf kritische Nachfragen nur lapidar antwortet:

„Natürlich ist es in einem kurzen Nachrichtenbeitrag nicht möglich alle historischen Zusammenhänge umfassend, mit allen Facetten darzustellen.“

(E-Mail der ZDF-Zuschauerredaktion an eine engagierte Privatperson vom 26.6.2017)

Dass die Adressaten dieser Israel-Berichterstattung, das deutsche Fernsehpublikum, zu großen Teilen antisemitisch eingestellt sind und dem jüdischen Staat in klassischer Schuldumkehr Nazi-Methoden vorwerfen, nimmt da wenig Wunder. Genauso ist es wenig überraschend, dass sich hierzulande kaum jemand empört, wenn, wie vor wenigen Tagen geschehen, einer der heiligsten Stätten des Judentums, die Höhle des Patriarchen, die Machpela in Hebron, unter den Schutz der Unesco gestellt wird – als ausschließlich palästinensisches Welterbe. Fragwürdige UN-Organisationen und das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland arbeiten dabei mit ganz unterschiedlichen Methoden an ein und derselben Sache – der Delegitimierung israelischer Staatlichkeit.
Am 7. Juni sendete das ZDF eine Dokumentation seiner Israel-Korrespondentin Nicola Albrecht, die explizit alle Seiten zu Wort kommen lassen sollte. Gegen Ausgewogenheit ist natürlich erst einmal nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil. In einem Interview zur Doku äußerte sie sich auf die Frage, inwiefern der Vorwurf einseitiger Berichterstattung ihre journalistische Recherche beeinflusst, folgendermaßen:

„Ja, der Vorwurf der einseitigen Berichterstattung ist tatsächlich kein neuer. Das hat mit den unterschiedlichsten Faktoren zu tun: Der israelisch-palästinensische Konflikt ist ein emotional extrem aufgeladener Konflikt, zu dem fast jeder eine Meinung hat, auch wenn er eigentlich nichts darüber weiß. Und das führt dazu, dass viele Rezipienten der Berichterstattung mit ihrer Brille, mit ihrer Sicht der Dinge die Beiträge lesen oder anschauen. Sie sehen selbst dort schwarz-weiß, wo Journalisten versuchen, die verschiedenen Grauschattierungen zu benennen. Dieser Konflikt ist komplex und vielschichtig. Es gibt Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht auf beiden Seiten – und das ist sicher auch nicht immer leicht in Nachrichtenformaten darzustellen.

Geben wir uns also Mühe, nicht schwarz-weiß zu sehen, wo uns Frau Albrecht versucht, die „Grauschattierungen“ zu zeigen. Wer taucht als erstes in der Doku auf? Eine Siedlerin: „Wir sind keine Besatzer. Das Land gehört uns, dem Volk Israel.“ Als nächstes, ein palästinensisches Mädchen: „Dann sehen wir einen Siedler, wie er auf einen jungen Palästinenser zielt. Er hat ihn einfach erschossen.“ Bevor die Doku überhaupt richtig losgegangen ist, hat sie bereits festgelegt, wer Aggressor und wer Opfer ist. Diese Zuweisung wird bis zum Ende keine nennenswerten Differenzierungen erhalten. Vereinzelte Abweichungen bestätigen nur die Regel. Letztendlich folgt somit auch diese vermeintlich um Ausgewogenheit bemühte Dokumentation von Nicola Albrecht den bewährten Rezepten „Israel-kritischer“ TV-Produktionen, deren Zutaten auf diesem Blog bereits an anderer Stelle vorgestellt wurden:

„Zunächst braucht es immer einen Juden, der den Israelis Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Rassismus vorwirft. Dann einige Gegenstimmen, die aber argumentativ nicht ins Gewicht fallen dürfen. Weiterhin unschuldige Opfer der Israelis. Und letztendlich einen extrem unsympathischen Juden (am beliebtesten ist derzeit der „Siedler“), der das eigene Ressentiment von der jüdischen Bedrohung eines friedliebenden Volkes (wahlweise des deutschen, des iranischen, hier das des palästinensischen) bestärkt. Fertig.“

Die Konstellation mag in „Hebron – Die zerrissene Stadt“ leicht modifiziert sein, läuft jedoch genau auf dasselbe hinaus. Interessanterweise kennt man den mit Abstand unsympathischsten Juden – es gibt in der Doku derer gleich mehrere – bereits aus Re:Breaking the Silence.
Warum Israels Siedlungen nicht das Problem sind, wurde verschiedentlich festgehalten. Das Bild der Juden, die unrechtmäßig Land besetzen und andere Menschen dabei vertreiben, wird, so Nikoline Hansen, gerade in Deutschland verstanden. Gerade hier, in dem Land, in dem der millionenfache Judenmord die Volksgemeinschaft zu sich selbst kommen ließ, danach aber niemand dabei gewesen sein will, sind heute alle unterschiedslos Opfer des Krieges. Da offener Revisionismus jedoch schon eine Weile nicht mehr en vogue ist, suchen sich die postnationalen Deutschen andere Felder, auf denen sie ihr Rumgeopfer mehr oder minder versteckt ausagieren können, wie in der Projektion des Opferseins auf die Palästinenser.
Diese versuchen nun schon seit einiger Zeit in UN-Gremien den Konflikt mit Israel auf eine neue Stufe zu heben, was ihnen angesichts einer größtenteils anti-israelischen UN auch zunehmend gelingt. Letztes Jahr wurde eine Unesco-Resolution verabschiedet, in der jegliche jüdische Verbindung zum Tempelberg in Jerusalem kurzerhand geleugnet wurde. Dass nun Palmyra, was zu großen Teilen von ISIS zerstört wurde und Hebron gleichermaßen gefährdet sein sollen, verweist erneut auf den politischen Charakter der Unesco-Entscheidung. Diese Politisierung von Geschichte, so die Jerusalem Post, wird letztendlich auch anderen Orts dem Schutz von besonders geschichtsträchtigen Orten einen Bärendienst erweisen – was den meisten Mitgliedsländern der Unesco aber egal zu sein scheint, solange es nur gegen den jüdischen Staat geht. Die erneute Unesco-Entscheidung ist in Wirklichkeit dem Schutz von etwas ganz anderem verpflichtet, wie Alex Feuerherdt bereits letztes Jahr festhielt:

„Der Resolutionsentwurf der Unesco ist ein weiterer atemberaubender Versuch einer Einrichtung der Vereinten Nationen, die Existenzberechtigung und die Wurzeln des jüdischen Staates – eines UN-Mitglieds! – zu leugnen und ihn buchstäblich zu delegitimieren. Mit dem Papier ist der Antisemitismus gewissermaßen erneut als Weltkulturerbe geadelt worden.“

Dokumentationen wie „Hebron – Die zerrissene Stadt“ helfen nicht trotz, sondern genau wegen ihrer „Ausgewogenheit“, solche Entscheidungen mit vorzubereiten. Sie verfolgen wie die Unesco eine politische Agenda und zwar die Delegitimierung der israelischen Staatlichkeit.

„Die Heimat braucht euch lebendig.“ – Herr Jabari von der Fatah
in einem palästinensischen Klassenzimmer. Bewegend! | © ZDF 2017

Dokus à la cArte – Auserwählt und ausgegrenzt

Dokumentation – 90 min., D 2016
Ein Film von Joachim Schroeder und Sophie Hafner

Verhindert der deutsch-französische TV-Sender Arte die Aufklärung über Antisemitismus? Nach Meinung einiger namhafter Experten schon. Doch nicht nur die ablehnende Haltung gegenüber einer Dokumentation zum Thema Antisemitismus in Europa, auch die Programmgestaltung des Senders sprechen eine klare Sprache.
In der aktuellen Auseinandersetzung um die verhinderte Ausstrahlung des Dokumentarfilms „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ haben zwar die Filmemacher Joachim Schroeder und Sophie Hafner einige Fürsprecher gewinnen können: Die Historiker Götz Aly und Michael Wolffsohn ebenso wie die FilmemacherInnen Esther Schapira, Ahmad Mansour und Georg M. Hafner lobten den Film nach Sichtung und äußerten ihr Unverständnis über das Verhalten von Arte nachdrücklich. Auch die Berliner Zeitung, die BILD, Jüdische Rundschau und FAZ berichteten bereits kritisch. Der Deutschlandfunk sendete jüngst ein aufschlussreiches Interview mit dem Regisseur. Arte jedoch scheint das Problem einfach aussitzen zu wollen und versteckt sich hinter Regularien.
Aber nicht nur das: Seit der Negativbescheid des Senders Anfang Mai öffentlich geworden ist, hat Arte eine ganze Reihe von Dokumentarfilmen gezeigt, die offenbar machen, welch Geistes Kind die Verantwortlichen sind. Allein seit den letzten fünf Wochen ergießt sich auf die Arte-Zuschauer ein unablässiges anti-israelisches Trommelfeuer: „Re: Breaking the Silence“, „Algier – Mekka der Revolutionäre“, „Ben Gurions Vermächtnis“, „Das andere Jerusalem“, „Grenzfahrer“, „18 Kühe zwischen zwei Fronten“, „Waltz with Bashir“, „Töte zuerst! – Der israelische Geheimdienst Schin Beth“, „Zensierte Stimmen“ sowie ganz exklusiv die Webdokumentation „Die Grüne Linie“. Ein wahrer Augenschmaus also für „Israelkritiker“ – wie auch für Gourmets der antisemitischen Gerüchteküche! Bei diesem offensichtlichen Mangel an Objektivität und Ausgewogenheit im Arte-Programm verwundert es daher schon sehr, wenn die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“ mit der Begründung abgelehnt wird, sie sei nicht „ergebnisoffen“ oder „multiperspektivisch“ genug und gieße „Öl ins Feuer“.
Wie man vor der historischen Erfahrung allerdings das Thema Antisemitismus „ergebnisoffen“ diskutieren soll, müssten die Verantwortlichen bei Arte noch näher erläutern. Der deutsch-französische Kultursender, der es zu keinem Holocaust-Gedenktag versäumt, sein Programm jenen toten Juden zu widmen, die die Deutschen arbeitsteilig mit Unterstützung ihrer Kollaborateure millionenfach ausplünderten und ermordeten, verpasst kaum eine Gelegenheit, den lebenden Juden in Israel ihre angeblichen Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen vorzuhalten. Allein auf die Idee, dass im Nahost-Konflikt neben Israel auch noch andere Akteure bedeutsam sein könnten, kommt der Sender nicht. Palästinenser werden fast ausschließlich als passive Opfer der Israelis gezeigt. Dass der antizionistische Antisemitismus seit Anbeginn der Kitt der palästinensischen Gesellschaft ist, Judenmörder als Märtyrer gefeiert und großzügig alimentiert werden, dass die Maximalforderungen der palästinensischen „Verhandlungspartner“ gleichermaßen auf die Zerstörung Israels ausgerichtet sind wie die Rhetorik des Holocaustleugners Mahmoud Abbas auf ein judenreines Palästina und dass dabei „das palästinensische Volk“ trotz all dessen auch noch von sogenannten „Menschenrechtsorganisationen“ und europäischen Staaten moralischen Rückhalt und mannigfaltige Unterstützung erfährt, ist Arte keinen „Themenabend“ wert. Hätte der Sender ein diesbezügliches Motto, so könnte man es zynisch zuspitzen: Die Vergangenheit gehört den Juden, die Zukunft den Palästinensern!
Die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ dagegen wollte den Fokus auch auf ebenjene aktuelle Erscheinungsform des Antisemitismus richten, der laut aktuellem Antisemitismusbericht der Bundesregierung allein in Deutschland satte 40% anhängen: dem Israel-bezogenen Antisemitismus. Die Zahlen verdeutlichen, dass der Antisemitismus nicht allein ein Problem sogenannter extremistischer Ränder sowie der muslimischen Community ist. Auch jenes Milieu des liberalen Bildungsbürgertums, welches Arte vornehmlich anzusprechen versucht, ist davon betroffen. Die Produktionsfirma der nun beanstandeten Doku hatte dies bereits im Jahr 2013 durch den Film „Antisemitismus heute – Wie judenfeindlich ist Deutschland?“ herausarbeiten lassen.
Die Programmkonferenz des „europäischen Kulturkanals“ und ihr Vorsitzender, Arte-Programmdirektor Alain Le Diberder, täten daher gut daran, sich einmal eingehender mit der Arbeitsdefinition ‚Antisemitismus‘ der Europäischen Union auseinanderzusetzen. Israel-bezogener Antisemitismus beinhaltet demnach u.a. „Das Abstreiten des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung, z.B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen“ oder die „Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet und verlangt wird.“ Das unverhältnismäßig häufige Aburteilen der israelischen Politik bei Arte führt beim Zuschauer nicht nur fast ganz zwangsläufig zum Befund: „Israel ist an allem schuld!“ – die Dauerpräsenz „Israel-kritischer“ Tele-Visionen bezeugen einen zwangsneurotischen Charakter, wie er schon für den klassischen Antisemitismus festzustellen war.
Vor dem hier geschilderten Hintergrund ist es somit auch blauäugig, anzunehmen, dass Arte mit der Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“, wie Regisseur Joachim Schroeder in einem Radio Corax-Interview wohlwollend meint, kein inhaltliches Problem hätte. Die Frage des Films, ob der „Antisemitismus ein unzivilisiertes Herzstück europäischer Kultur“ sei, könnte man sich auch für den sogenannten Antizionismus der „Israelkritiker“ stellen. Allein beschränkt auf den Fall des Kultursenders Arte müsste man diese Frage jetzt wohl schon eindeutig mit Ja beantworten.

+++ Update 08.06.2017 +++ Nachdem sich nun auch der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland Josef Schuster zu Wort gemeldet hat, reagierte Arte-Programmdirektor Alain le Diberder seinerseits mit einem offenen Brief. Darin behauptet er ernsthaft, dass sich „Arte wie kaum ein anderer Sender in Europa dem Kampf gegen Antisemitismus und [Bitte lachen Sie… Jetzt!] Antizionismus [!] verschrieben“ habe.

(Bitte zum Abspielen des Trailers auf die Stirn von Frau Groth tippen. Vielleicht macht es bei ihr dann wenigstens auch einmal ‚Click‘!)

MdB Annette Groth (dieLINKE), Beauftragte für die Lösung der Israel-
frage, hat unzweifelhaft Vergiftungserscheinungen | © Arte, WDR 2016

Deportation Class – Protokoll einer Abschiebung

Dokumentation – 45/88 min., D 2017
Ein Film von Carsten Rau und Hauke Wendler

Über den titelgebenden Begriff „Deportation“, den man im deutschen Sprachraum ja auch vor allem mit der Vernichtung des europäischen Judentums während des Nationalsozialismus verbunden wissen sollte, kann man sich streiten. Dennoch: „Rückführungsmanagement, Sammelcharter- und aufenthaltsbeendende Maßnahmen – Bürokraten haben viele Worte kreiert, um den Charakter der Abschiebung von Asylbewerbern zu verschleiern. Die Beamten, die solche Begriffe in diesem Dokumentarfilm benutzen oder als Schriftzug auf Westen tragen, werden wohl nie auf die Idee kommen, dass sie die Brutalität noch unterstreichen.
Die einprägsamsten Szenen entstehen nachts in einer Unterkunft in Mecklenburg-Vorpommern: Der Albaner Gezim J. steht um 2.30 Uhr in Unterwäsche im Flur, um ihn herum Polizisten, die ihm deutlich machen, dass seine Familie sofort ihre Sachen zu packen habe. Auch Lorenz Caffier, der Innenminister, ist vor Ort. Wenn sich J. schnell füge, sei das »doch für alle Beteiligten viel einfacher, auch für meine Mitarbeiter«, sagt der Mann von der christlichen Partei. Offenbar glaubt er, die Zuschauer hätten vor allem Mitleid mit den Staatsdienern, die Nachtschicht schieben müssen.
»Deportation Class« entstand während des Landtagswahlkampfs 2016, eine 45minütige Fassung (»Protokoll einer Abschiebung«) lief zunächst im NDR. Der Minister lässt den Dreh nicht nur genehmigen, er mischt auch mit, weil er glaubt, dass es ihm nützlich sein kann. Der joviale – für einen Schnack mit den Beamten bleibt stets Zeit – und empathiefreie Caffier agiert nach dem Motto: Was die AfD kann, können wir besser. […]“ (René Martens in konkret 6/2017)

(Auf Radio Corax ist ein Interview zum Dokumentarfilm mit dem Filmemacher Hauke Wendler nachzuhören)