Archiv der Kategorie 'Dokumentation'

Algier – Mekka der Revolutionäre

Dokumentation – 56 min., F 2014
Film von Ben Salama

Ich erinnere mich noch gut daran, was Kampfgenossen während der algerischen Revolution sagten: Wir werden nicht sagen können, Algerien sei frei, solange Palästina noch ein besetztes Gebiet ist.“

(Jassir Arafat)

Arte kann es einfach nicht lassen: Nachdem nun schon mehrmals angemerkt worden ist, dass Arte seine Zuschauer lieber mit „Israel-kritischen“ Dokumentationen unterhalten, als über gegenwärtigen Antisemitismus aufklären möchte, hat der Sender einmal mehr „antizionistischer“ Propaganda Raum gegeben und mit „Algier – Mekka der Revolutionäre“ diesmal ein von Pathos triefendes, antiimperialistisches Schmierenstück abgeliefert.
Die Arte-Hommage an die algerische Hauptstadt wird wie folgt angekündigt: „Nach Erringung der Unabhängigkeit im Jahr 1962 unterstützte Algerien bis Mitte der 1970er Jahre weltweit antikolonialistische und revolutionäre Bestrebungen. Die Staatspräsidenten Ahmed Ben Bella und Houari Boumedienne öffneten Algiers Tore für die, die gegen koloniale Unterdrückung und Rassismus kämpften.“ Filmemacher Ben Salama hat dabei die europäischen Kolonialmächte, die USA, das rassistische Apartheid-Regime in Südafrika und – wie sollte es anders sein – auch den Staat Israel in einen großen Topf gerührt und der algerischen Unterstützung des südafrikanischen ANC oder der afro-amerikanischen Black Panther Party deshalb genauso gehuldigt wie der Förderung des palästinensischen „Befreiungskampfs“. Obwohl der Nahost-Konflikt als ein Kampf von vielen im Film nicht besonders herausgestellt wird, lohnt es dennoch, sich den entsprechenden Szenen zu widmen.
Die quälend oberflächliche „Dokumentation“ scheint dabei das Wissen des Zuschauers um den angeblich kolonialistischen und rassistischen Charakter Israels einfach schon vorauszusetzen. Im Falle Israels bedarf es ja wie immer keines Belegs, sondern nur eines vagen ressentimentbehafteten Anstoßes. Vollkommen verkürzt wird daher der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 denn auch als israelische Aggression dargestellt, damit daraufhin in Algier eine Demonstration mit Parolen wie „Tod dem Imperialismus und Zionismus“ durchs Bild ziehen und die Kriegstreiberei Algeriens gerechtfertigt werden kann. Die 1973 von Algerien handfest unterstützte Vernichtungswut arabischer Staaten gegen Israel im Yom-Kippur-Krieg wird natürlich nicht gezeigt, dafür aber wiederum die herausragende Rolle Algeriens bei der diplomatischen Anerkennung der PLO bei den Vereinten Nationen gewürdigt, wo Judenmörder Jassir Arafat im Jahr 1974 in seiner „Ölzweig-Rede“ den Friedensbotschafter mimen durfte. Der Logik von Israelhassern folgend hätte der Film auch noch erwähnen können, dass Algerien bereits in der Bewegung Bündnisfreier Staaten eine Vorreiterrolle einnahm, wenn es um die internationale Isolierung und Delegitimierung des Staates Israel ging. Die 1975 verabschiedete UN-Resolution 3379 beispielsweise, die infam Zionismus und Rassismus gleichsetzte, folgte dem algerischen Vorsitz der UN-Vollversammlung unmittelbar, hatte jedoch schon zuvor ihre Entsprechung auf einer Konferenz der Bündnisfreien Staaten in Algier gefunden.
Doch für Differenzierungen bleibt im Film weder Zeit noch Raum, denn schließlich gaben sich in Algier Revoluzzer à la couleur sprichwörtlich die Klinke in die Hand. Fallstricke nationaler Befreiung, in Algerien wie anderswo, werden nicht einmal im Ansatz ausgeleuchtet. Ob der spätere notorische Verteidiger von Nazikriegsverbrechern, Holocaustleugnern und Diktatoren Jacques Vergés, der Antisemit und Terrorist Ilyich Ramírez Sánchez, genannt „Carlos“, oder die Fatah Jassir Arafats: Jeder, der im „Mekka der Revolutionäre“ landete, bekommt in diesem Film seinen Ehrenplatz. Den Reigen angeblich fortschrittlicher Befreiungsbewegungen darf dann im Film auch die Japanische Rote Armee abschließen. Arte verschweigt hier, dass diese Terror-Organisation nicht erst durch Hijacking bekannt geworden ist, sondern sich zuvor schon in ganz besonderer Weise für die „Befreiung Palästinas“ eingesetzt hatte. So hatten drei ihrer Mitglieder 1972 einen blutigen Anschlag auf den israelischen Flughafen in Lod verübt und dabei wahllos 24 Menschen ermordet. Wer letzten Endes dann also auch noch diese Mordkommandos als „Rebellen“ gegen „Rassismus und Kolonialherrschaft“ adelt, der scheint endgültig nicht mehr alle Rollen im Archiv zu haben! Da Arte sein Verhältnis zum antiisraelischen Terror anscheinend nicht geklärt hat, bleibt der Sender in dieser Hinsicht vor allem eines: das Mekka antizionistischer Filmemacher. Aber vielleicht fragt Arte bei Ben Salama einfach mal nach, wie er denn selbst diesen krönenden Abschluss seines Films verstanden wissen will?

+++ Die Arte-Pilgerreise ins „Mekka der Revolutionäre“ darf noch bis 24.05.2017 auf der Arte-Mediathek bestaunt werden. Aber schon am 23.05.2017 hat Arte sogar einen ganzen Filmabend im Programm, auf den wir in unseren Ankündigungen unter „Die lange Nacht gegen Israel“ bereits aufmerksam gemacht hatten. Obwohl wir ja dennoch hoffen, damit vielleicht etwas zu viel versprochen zu haben… +++

Keine Liebeserklärung: Bei dieser antiisraelischen Solidaritäts-
Demonstration im Juni 1967 in Algier ging es ganz offensichtlich
um ganz „Palästina“ | © Arte 2014

Re:Re:Breaking the Silence

Reportage – 30 min., D 2017
Film von Katrin Sandmann und Stephan Lamby

Was würde Deutschland sagen, der Otto Normalverbraucher oder die Regierung, wenn wir Geld investieren würden, 1 Million Euro jedes Jahr, oder alle 2 Jahre, in PEGIDA und sagen würden: „PEGIDA ist eine Organisation, die wir zu schätzen wissen. Ist ja Zivilgesellschaft! Wir wollen auch mal eine andere Stimme hören!“… Bin mir nicht sicher, ob dass gut ankommen würde.“

(Arye Shalicar, Politologe und ehemaliger Pressesprecher der IDF)

Der deutsch-französische Kultursender Arte betreibt derzeit knallharte Programmpolitik: Während der Sender aktuell die Ausstrahlung einer Dokumentation zum Antisemitismus in Europa aus fadenscheinigen Gründen unterbindet, springt er gleichzeitig dem jüngst in Israel abgeblitzten deutschen Außenminister Sigmar Gabriel zur Seite. Dieser hatte, nachdem er selbstverständlich pflichtschuldigst zum Holocaust-Gedenktag in Yad Vashem aufgelaufen war, sich bei seinem Antrittsbesuch letztendlich lieber mit sogenannten „Menschenrechtsorganisationen“ treffen wollen als mit Premierminister Benjamin Netanjahu – und damit nicht nur einen Eklat provoziert, sondern sich noch im Nachhinein als Opfer stilisiert. Arte, ein Sender, bei dem ebenso routinemäßig wie bei Gabriel das Shoah-Gedenken auf dem Programm steht, leistet ihm nun gern propagandistische Schützenhilfe.
Dabei orientieren sich die Filmemacher streng an bewährten Rezepten „Israel-kritischer“ TV-Produktionen: Zunächst braucht es immer einen Juden, der den Israelis Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Rassismus vorwirft. Dann einige Gegenstimmen, die aber argumentativ nicht ins Gewicht fallen dürfen. Weiterhin unschuldige Opfer der Israelis. Und letztendlich einen extrem unsympathischen Juden (am beliebtesten ist derzeit der „Siedler“), der das eigene Ressentiment von der jüdischen Bedrohung eines friedliebenden Volkes (wahlweise des deutschen, des iranischen, hier das des palästinensischen) bestärkt. Fertig.
Arte möchte dagegen nicht darüber berichten, dass die vor allem aus dem Ausland finanzierte israelische Organisation Breaking the Silence äußerst unseriös agiert, auch nicht darüber, dass ihr Mitbegründer Yehuda Shaul vor einiger Zeit noch die mittelalterliche Legende vom jüdischen Giftmischer neu aufgelegt hatte, die Mahmoud Abbas 2016 vor dem EU-Parlament dann zu einer anscheinend auch für Sozialdemokraten „inspirierenden“ Rede verarbeitete. Arte möchte lieber israelische Soldaten zeigen, die Demonstrationen von „Bürgerrechtlern“ behindern, palästinensische Familien in ihren Häusern einsperren, indem sie die Türen verschweißt und damit aus Hebron eine „Geisterstadt“ gemacht haben sollen. Zu B‘Tselem, einer anderen von Gabriel hofierten NGO, schweigt sich die Reportage lieber ganz aus. Muss ja nicht jeder wissen, dass deren Aktivisten Israel als Apartheidstaat diffamieren, einige davon gern schon mal den Holocaust leugnen oder palästinensische „Kollaborateure“ der Todesstrafe zuführen wollten.
Peace Now klingt da schon besser, da denkt man gleich an Blumen und Wind im Haar. Aber dass ein großer Teil der Palästinenser wie auch Gabriels Freund – der demokratisch nicht legitimierte Palästinenserpräsident und Holocaustleugner Mahmoud Abbas – in einem zukünftigen Staat keinen einzigen Juden, also auch keine jüdischen Peace Now-Aktivisten, leben lassen will, ist den Filmemachern keine Silbe wert. Auch nicht, dass der mordlüsternde Antisemitismus vieler Palästinenser nicht erst im Zuge der Staatsgründung oder des 6-Tage-Krieges zum Tragen kam. Das multikulturalistische Arte-Publikum darf auch auf keinen Fall mit dem Fakt belästigt werden, dass in Israel mehr arabische Bürger gut und gerne leben als andersherum Juden in den übrigen Staaten des Nahen Ostens es jemals dürften.
Der manische Fingerzeig selbsternannter „Freunde Israels“ und anderer „Israel-Kritiker“ verweist dabei vor allem auf sie selbst: Israel führt eben keine Kriege, wenn nicht Land und Leute existenziell bedroht sind und Israel betreibt auch keine „Endlösung der Palästinenserfrage“, wie es das taz-Publikum dereinst einmal zu lesen bekam. In Israel gibt es analog zu Deutschland weder einen NSU-Komplex, noch wurden in den letzten Jahren hunderte von Flüchtlingsunterkünften angegriffen. Eine mit Deutschland vergleichbare Situation, in der der parlamentarische Arm einer rassistischen Massenbewegung wie die des PEGIDA-Pöbels die Parlamente erobert, ist in Israel ebenfalls nicht an der Tagesordnung. Und trotzdem gibt es in Israel keine „Deutschland-Kritik“. Auch des grassierenden Antisemitismus wegen nicht.
„Breaking the Silence“ also? Klingt ins Deutsche übersetzt wie das Vermächtnis des ehemaligen Freiwilligen der Waffen-SS Günther Grass. Der Literaturnobelpreisträger hatte um der deutschen Opfer willen über die Shoah zwar nicht viel zu sagen, polterte dafür aber als „Israel-Kritiker“ umso lauter, indem er Israel unterstellte, das iranische Volk ausradieren zu wollen. Als deutscher Kulturschaffender war er dabei ebenso sendungsbewußt wie der „Kultursender“ Arte. Und bekanntlich war auch er ein überzeugter Sozialdemokrat.

Der Günther Grass der deutschen Sozialdemokratie: Antrittsbesuch
des deutschen Außenministers Gabriel bei (anti)israelischen NGOs
| © Arte 2017

Die 6. Armee – Der Weg nach Stalingrad

Dokumentation – 75 min., D 2015
Film von Heinrich Billstein

„Eine Armee wie andere auch innerhalb des Krieges gegen die Sowjetunion“, kommentiert der Historiker Dieter Pohl in dieser Dokumentation, die angetreten ist, die zum Teil bis heute überdauernden Mythen über die 6. Armee auseinander zu nehmen, was ihr auch im Großen und Ganzen gelingt, leider jedoch nicht ohne dabei eine irritierend-verkürzende Darstellung von Täterschaft innerhalb der Wehrmacht zu liefern.
Bereits durch das Einsatzgebiet der 6. Armee – auf ihrem Weg nach Osten lagen Kiew und Charkiw – war von Beginn an klar, dass ihre Soldaten mit dem verachteten „Großstadtgesindel“ in Berührung kommen würden. Der ebenfalls ausführlich zu Wort kommende Historiker Johannes Hürter muss nun diesen Zusammenhang von Antisemitismus und Großstadtfeindschaft als „Ideologie Hitlers“ bezeichnen, ganz so als ob der ‚gemeine Landser‘ davon eh nichts verstanden hätte und deshalb frei von Ideologie zur Untat geschritten wäre. Zwar wird die ‚effektive‘ Arbeitsteilung zwischen 6. Armee, SS-Sonderkommando 4A und dem Bremer Polizeibatallion 303 insbesondere beim Massaker von Babyn Jar – dem größten Massaker unter Verantwortung der Wehrmacht während des deutschen Vernichtungsfeldzugs – erwähnt, gleichzeitig bekommt man jedoch den Eindruck, als ob die mordenden Wehrmachtssoldaten nur ‚blind‘ Befehle des kommandierenden „überzeugten Nationalsozialisten“ Walter von Reichenau ausführten. „Der Eroberer Reichenau und seine Armee“ lautet dann auch der O-Ton. Auch wenn die Kameraden der 6. Armee im rückwärtigen Heeresgebiet mitgemordet hätten, „an der Front“, so der auch an anderer Stelle eine merkwürdige Differenzierung vertretende Hürter, „ging es einfach nur um das tägliche Überleben“. Die Doku nimmt sich den bereits arg in Mitleidenschaft gezogenen Mythos einer „sauberen“ Wehrmacht vor, schreibt dabei jedoch implizit denjenigen der Trennung zwischen vermeintlich normaler Kriegsführung und Verbrechen im Rücken der Front fort – und das zwanzig Jahre nach der Wehrmachtsausstellung. Da überrascht es auch wenig, dass dem mit leuchtenden Augen vom „schneidigen Hund“ Reichenau sabbernden Wehrmachtsopa so viel Platz in der Doku eingeräumt wird und er schuldabwehrend sagen darf, dass sie die sowjetischen Kriegsgefangenen „ja nicht versorgen konnten“. Zwar wird die zentrale Rolle der Wehrmacht bei der systematischen Aushungerung der „slawischen Untermenschen“ später in den Blick genommen, jedoch eben verkürzend einer ‚verbrecherischen Führungsebene‘ angelastet. Ein leider nur kurz zu Wort kommender ebenfalls Beteiligter bringt den überlegenen deutschen Blick auf die hungerleidende Zivilbevölkerung hingegen treffend auf den Punkt: „So verkommen sind wir da hinmarschiert“.

Die offensichtliche Armut der russischen und ukrainischen Zeit-
zeugen ist vor allem im Kontrast zu den wohlstandsgesättigten
Wehrmachtsopas immer wieder beschämend | © WDR

Holland in Not – Wer ist Geert Wilders?

WDR-Dokumentation – 44 minus 4 min., D 2017
Film von Joost van der Valk und Mags Gavan

Was auch im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen nicht gewöhnlich ist, ist die offen rassistische antijüdische Hetze, die in diesem WDR-Film betrieben wird: Die sich durch den ganzen Film ziehende Botschaft, dass Juden in aller Welt gemeinsam und organisiert hinter den Kulissen die Fäden zu ziehen. Es ist im deutschen Fernsehen wohl bislang nicht vorgekommen, dass jemand, der vorgibt, über einen europäischen Politiker zu berichten, im Geiste der Nürnberger Rassegesetze dessen „jüdische Großmutter“ ermittelt; dass er wissen möchte, ob die betreffende Person Geld von amerikanischen Juden erhält und dass er nach Israel reist, um dort diejenigen aufzusuchen, die den fraglichen Politiker vor über 30 Jahren im Stile einer Gehirnwäsche politisch auf den von ihnen erwünschten Kurs gebracht haben sollen.“

(Stefan Frank auf mena-watch)

Wer aktuell „Die Story“ über den niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders vom 08.03.2017 auf der ARD-Mediathek abruft, wird einige der von Stefan Frank ausführlichst auf mena-watch dokumentierten Passagen, auf denen die oben zitierte Einschätzung gründet, nicht mehr finden: Der WDR hat zwar den Vorwurf, mit „Holland in Not“ antisemitische Ressentiments zu schüren, zurückgewiesen, aber dennoch einige der „Fakten“, die einen „missverständlichen Eindruck“ machen könnten, herausgeschnitten und den Film um satte 4 Minuten gekürzt. Die Botschaft an das verehrte Publikum wurde also nachträglich etwas entschärft, funktioniert aber, wenn auch subtil und holprig, immer noch ganz gut: Wilders hat nun keinen jüdischen Familienhintergrund mehr, steht aber weiterhin unter dem geheimnisumwobenen Einfluss Israels, erledigt das Geschäft jüdischer Geldgeber von der „Ostküste“ und erhält im In- und Ausland Unterstützung von jüdischen Extremisten und Terroristen – während die Muslime in den Niederlanden sich schon wie die Juden in den 40er Jahren fühlen. Bei diesem Versuch also, gegen den Rechtsruck die antisemitische Karte zu spielen und dann wieder etwas zurückzurudern, könnte man sich fragen, ob der WDR bei dem gesamten Vorgang sich nicht auch ein wenig von der Deutschen Presse-Agentur hat inspirieren lassen? Auf jeden Fall sagen wir für dieses Lehrstück mal wieder: „Danke WDR“!

Wahnsinnig investigativ: „Wenn man Geert Wilders und Israel im
Internet sucht, ergibt das über eine halbe Million Einträge.“ | © WDR

Des „terroristes“ à la retraite – Widerstandskämpfer im Ruhestand

Dokumentation – 70 min., F 1985
Ein Film von Mosco Leví Boucault

Ganz Polen ein riesiges Schlachthaus für Juden. Zu Zehntausenden werden Frauen und Kinder, Alte und Kranke umgebracht. 360000 Menschen im Warschauer Ghetto ermordet. […] Die Deutschen wenden alle Hinrichtungsmethoden an: Gaskammern, Vergiftungen, Erschießungen, Minenfelder, elektrischen Strom, etc. […]“

(J‘accuse! – Organe du MNCR/ FTP-MOI, 25.12.1942)


„Wenn es heute noch Nazis aus dem Weg zu räumen gäbe, würde ich es mit dem größten Vergnügen und absolut ohne Gewissensbisse tun: Die Nazis haben meinen Bruder, meine Mutter, meine beiden Schwestern, meine Großmutter, meine Tante, meinen Onkel und meinen kleinen, 3-jährigen Cousin deportiert und ermordet. Diesen Hass werde ich nie mehr los.“

(Raymond Kojitsky – FTP-MOI)

Der Film rekonstruiert die Aktivitäten, Organisation und Zerschlagung der jüdischen Abteilung der FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans – main d’œuvre immigrée), die vor allem in Paris massiven bewaffneten Widerstand gegen die deutschen Besatzer leistete und deren Mitglieder zunächst nur durch das berühmte Nazi-Propagandaplakat „Affiche rouge“ Namen und Gesicht bekamen. Als „Des ‚terroristes‘ à la retraite“ 1985 auf dem französischen Fernsehsender Antenne 2 ausgestrahlt wurde, provozierte er heftige Kontroversen. Dabei ging es in erster Linie nicht um die so lang vernebelte französische Kollaboration (hier hatte ja insbesondere Marcel Ophüls schon 1969 mit seinem Dokumentarfilm „Das Haus nebenan“ Vorarbeit geleistet), sondern um das Verhältnis der französischen Kommunisten zu ihren, meist zugewanderten, jüdischen Kampfgefährten: Der durch den Film geäußerte Verdacht allerdings, der PCF – die der FTP-MOI übergeordnete Kommunistische Partei Frankreichs – hätte die Gruppe im Verlauf des Jahres 1943 aus nationalistischen Motiven auflaufen lassen und damit ihren Verfolgern ausgeliefert, scheint heute, folgt man beispielsweise den Autoren von „L‘Affiche Rouge – Immigranten und Juden in der französischen Résistance“ (Verlag Schwarze Risse, 1994), weitgehend ausgeräumt. Dem neuesten Forschungsstand Rechnung tragend wurde der Film deshalb nachträglich durch Schnitte in seinen Aussagen etwas entschärft und um einige Minuten gekürzt. Was dann vom Film immerhin noch übrig bleibt, ist schlicht und ergreifend: eine Würdigung des jüdischen Widerstandes, die lange Zeit auf sich warten ließ.

Was die Erinnerung an den jüdischen Widerstand angeht, herrschte
anscheinend auch in Frankreich eisige Friedhofsruhe | © Zek 2014

Der Tramp und der Diktator – Chaplins Abrechnung mit Hitler

Dokumentarfilm – 43 min., D 2002
Ein Film von Michael Kloft

Es sollte sein erfolgreichster Film werden: im Oktober 1940 feierte The Great Dictator seine Premiere, nicht in Berlin wie Charlie Chaplin bei Beginn der Dreharbeiten augenzwinkernd angekündigt hatte, sondern in New York. Es war jedoch auch sein umstrittenster und so musste die Premiere unter Polizeischutz abgehalten werden. Als er genau zwei Jahre zuvor, während der Westen sich noch in Appeasement übte, angekündigt hatte, The Great Dictator zu drehen, protestierte der deutsche Konsul in den USA und die britische Regierung verkündete, ihn zu verbieten. Politische Themen waren verpönt in Hollywood. Chaplin’s Film wurde gar als Kriegspropaganda bezeichnet. Es hätte also durchaus sein können, dass der Film nach Fertigstellung kassiert werden würde. Erst als Roosevelt seinen Berater Harry Hopkins zu Chaplin schickte mit der Botschaft, dass der Präsident voll und ganz hinter dem Projekt stehe, war der Ausgang einigermaßen gewiss. Jan Karski war 1942 weniger erfolgreich, den amerikanischen Präsidenten zu überzeugen, nun von der dringenden Notwendigkeit gegen die Vernichtung der Juden in Polen militärisch zu intervenieren.
Michael Kloft zeigt in seiner Doku noch nie verwendetes Farbfilmmaterial, aufgenommen von Chaplins Halbbruder Sydney am Set in Hollywood. Er hat unter anderem festgehalten, wie unzufrieden Chaplin mit der ursprünglich geplanten Schlussszene war. Die deutschen Soldaten sollten in ihr am Ende die Waffen wegwerfen und tanzen. Stattdessen entschied er sich, als er selbst, als Charlie Chaplin, eine Schlussrede zu halten, einen Appell an Frieden und Menschlichkeit, der aus heutiger Perspektive unglaublich naiv erscheint. Chaplin sagte später, wenn er über die deutschen Verbrechen eher Bescheid gewusst hätte, hätte er den Film so nicht gedreht. Mit dem deutschen Antisemitismus hatte er jedoch bereits 1931 bei einem Besuch in Berlin Bekanntschaft gemacht. Die nationalsozialistischen Presse verfemte ihn als „jüdischen Filmaugust“, in der von Johann von Leers herausgegebenen antisemitischen Broschüre „Juden sehen dich an“ wurde er als „widerwärtiger kleiner Zappeljude“ bezeichnet. Dass Kloft den ehemaligen SS-Hauptsturmführer und persönlichen Referenten Joachim von Ribbentrops Reinhard Spitzy unkommentiert zu Wort kommen lässt („wir wussten, dass er ein Jude war, na klar das wussten wir und dass das für uns natürlich nicht das war, was wir wollten“) irritiert, entlarvt ihn jedoch zugleich, denn: Chaplin war kein Jude.
Was in der bisherigen Auseinandersetzung mit Chaplin und seinem ersten Tonfilm völlig unter zu gehen scheint, ist die Rolle des Kommandeurs Schultz (gespielt von Reginald Gardiner), der sein Leben dem Tramp (die berühmte von Chaplin geschaffene Rolle, die in The Great Dictator zum letzten Mal zu sehen sein sollte) verdankt und ihn deshalb vor der SA beschützt, später mit ihm zusammen in den Widerstand geht und ihn gar schlussendlich zur bereits erwähnten Schlussrede animiert. Chaplin erschafft hier überhaupt erst die Figur des ‚ideologiefreien guten Deutschen‘, die Spielberg ein halbes Jahrhundert später mit Oskar Schindler perfektionieren sollte.

Liberty? Schtonk! Chaplin als Hitlerparodie Anton Hynkel am Set von
The Great Dictator beim Abdrehen der Schlussszene | © ZDF

Matzpen

Dokumentation – 54 Min., ISR 2003
Ein Film von Eran Torbiner

Matzpen (hebr. Kompass) war eine sozialistische, antizionistische Gruppierung in Israel in den sechziger und siebziger Jahren, die von ehemaligen Mitgliedern der Kommunistischen Partei Israels, Maki gegründet wurde und die sich eine zeitlang einer großen Beliebtheit bei verschiedenen linken europäischen Antizionisten erfreute. So hatten einige ihrer Kader intensiven Kontakt zu trotzkistischen Gruppen in London. Eran Torbiner lässt ehemalige Mitglieder von Matzpen und von Organisationen, mit denen sie zusammen gearbeitet haben wie der DFLP (Demokratische Front zur Befreiung Palästinas), ausführlich zu Wort kommen. Die DFLP, laut Stephan Grigat lange Zeit für einen gemäßigten Antizionismus stehend, war 1974 für eine gescheiterte Geiselnahme in der nordisraelischen Stadt Ma‘alot verantworlich, in deren Verlauf über zwanzig israelische Schüler getötet wurden. Der Teil, in dem es um die DFLP geht, ist dann auch der einzige in der Doku, in der überhaupt Zweifel an der eigenen politischen Ideologie und den sie teilenden Bündnispartnern geäußert werden. Für Nayef Hawatmeh, dem ehemaligen Generalssekretär der DFLP scheint die Tat jedoch kaum Anlass zur Selbstkritik zu geben. Die politische Führung einer Organisation könne nun mal nicht immer volle Kontrolle über ihre Kämpfer ausüben. Ansonsten gibt es das volle antizionistische Programm: Forderung nach einer Einstaatenlösung und nach einem unverhandelbaren Rückkehrrecht aller Palästinenser, Täter-Opfer-Umkehr etc. Daniel Cohn-Bendit kommt auch vor. Für ihn war noch 2003, also während die Zweite Intifada tobte, Matzpen „the honor of Israel“. So weit, so schlecht. Nun, Matzpen gibt es nicht mehr. Einige ihrer ehemaligen Kader machen jedoch weiterhin Politik. Und viele linke Antizionisten außerhalb Israels, die immer auf der Suche nach jüdischen Kronzeugen sind, halten Matzpen in ehrbarer Erinnerung.

Zur weiteren Lektüre empfehlen wir Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung von Grigat.

Bomben in einen Supermarkt werfen? Heißt Oded Pilavsky
nicht gut, ist für ihn jedoch „legitimer Widerstand“ | © Torbiner

Im märkischen Sand – Nella sabbia del Brandeburgo

Webdokumentation – 24 x ca. 6 Min., D 2016
Von Matthias Neumann, Nina Mair und Katalin Ambrus

Unmittelbar bei Kriegsende werden 131 italienische Zwangsarbeiter, sogenannte Militärinternierte, in eine Sandgrube bei Treuenbrietzen geführt und dort von Wehrmachtsangehörigen erschossen. Nur vier überleben, weil sie sich unter den Körpern ihrer ermordeten Kameraden verstecken können. Antonio Ceseri ist der letzte Überlebende dieses ungesühnt gebliebenen Endphaseverbrechens – wie die Verbrechen des sich kurz vor der Niederringung nochmals radikalisierenden deutschen Vernichtungskollektivs in der historischen Forschung mittlerweile bezeichnet werden.
Die drei Filmemacher Matthias Neumann, Nina Mair und Katalin Ambrus haben die Geschichte dieses Massaker recherchiert und sich entschlossen, aufgrund der Vielzahl von angesprochenen Themen – darunter das Leiden der Nachkommen, die (ausbleibende) Entschädigung, Erinnerungskonflikte – das Filmmaterial nicht am Stück zu zeigen, sondern in sechs Kapitel mit insgesamt 24 Einzelepisoden zu unterteilen und im Format einer Webdoku im Internet frei verfügbar zu machen. Zu den in den einzelnen Episoden porträtierten Personen gehören unter anderem Ceseri, die beiden Berliner Lehrer, die als erste anfingen, Nachforschungen zu dem Massaker anzustellen, die Töchter des Betriebsleiters der Firma Kopp und Co., für die die italienischen Militärinternierten Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion leisten mussten, sowie der Leiter des Treuenbrietzener Heimatmuseums, für den deutsche Täter auch nur Opfer des schicksalhaften Gesamtzusammenhangs Krieg sind, zumal in Treuenbrietzen, wo zeitgleich mit dem deutschen Massaker an den Italienern Rotarmisten bei einer Vergeltungsaktion eine nicht mehr rekonstruierbare Zahl an Treuenbrietzenern ermordete.
Ins Boot holten sich die Filmemacher den italienischen Zeichner Cosimo Miorello, der vor den Augen des Zuschauers die Ereignisse im märkischen Sand und u.a. die Episoden zu den geschichtlichen Hintergründen (1,2) zeichnerisch gestaltet – ästhetisch eine besonders gelungene Lösung, die zudem dem Dilemma entgeht, dass die allermeisten Fotos und Quellen aus der Zeit des Nationalsozialismus die Täterperspektive reflektieren.
Die italienischen Militärinternierten kamen lange Zeit in der italienischen Erinnerungskultur überhaupt nicht vor, im Fokus stand der Widerstand der Partisanen. Der 8. September 1943, als das Königreich Italien einen Waffenstillstand mit den Alliierten abschloss und über Nacht von einem Verbündeten zum Feind des nationalsozialistischen Deutschlands wurde, war eine Zäsur sowohl für die italienische Zivilbevölkerung als auch für die italienischen Soldaten, die von der deutschen Volksgemeinschaft nun als Verräter betrachtet wurden und massenhaft nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt wurden.

Falls ihr Freude am Wandern habt, ein Interesse an Italien im Zweiten Weltkrieg mitbringt und den bewegenden Berichten der letzten noch lebenden Zeitzeugen zuhören wollt, empfehlen wir euch das Geschichtsinstitut Istoreco, das zweimal im Jahr Wanderungen auf Partisanenwegen in der Region Emilia Reggio inkl. Treffen mit Zeitzeugen organisiert. Anmeldebeginn für die diesjährige Wanderung im September ist der 18. Januar. Die Plätze sind begrenzt und die Nachfrage in der Regel enorm.

© out of focus Filmproduktion