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Von Verwunderung zur Bewunderung

Rede von Ruth Klüger zur Gedenkstunde für die Opfer des NS im Bundestag am 27.Januar 2016 – 27 Min.

[D]ieses Land, das vor achtzig Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Groβherzigkeit, mit der Sie die Flut von syrischen und anderen Flüchtlingen aufgenommen haben und noch aufnehmen. Ich bin eine von den vielen Auβenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind. Das war der Hauptgrund, warum ich mit groβer Freude Ihre Einladung angenommen und die Gelegenheit wahrgenommen habe, in diesem Rahmen, in Ihrer Hauptstadt, über die früheren Untaten sprechen zu dürfen, hier, wo ein gegensätzliches Vorbild entstanden ist und entsteht, mit dem bescheiden anmutendem und dabei heroischem Wahlwort: Wir schaffen das.

Mit diesen Worten beendet die Shoah-Überlebende Ruth Klüger ihre aus Anlass des 71. Jahrestages der Auschwitz-Befreiung im Bundestag gehaltene Rede. Kurz nach dem sie vom „Beifall der Welt“ spricht, brandet selbiger im Plenarsaal auf. Man spendet sich ihn selbst, denn es ist einfach zu schön dieses Geschenk – zumal überbracht von einer Jüdin. Das staatsoffizielle „Refugees Welcome“ hat sich mehr als ausgezahlt. Auschwitz ist abgegolten, und das weit vor der Aufnahme des sechsmillionsten Syrers. Zu der es, spätestens die Reaktion auf die Kölner Silvesternacht hat es gezeigt, höchstwahrscheinlich eh nicht kommen wird. Das in das Parlament des postnazistischen Deutschlands transferierte Bahnhofsklatschen zeigt die Verlogenheit dieser Veranstaltung so deutlich, dass man dafür dankbar sein muss. Auschwitz hat bewiesen, „erstens, dass man [es] veranstalten kann, und zweitens, dass ein derartiges Verbrechen langfristig gut ausgeht und sich nicht nur in Exportquoten, sondern auch in Ausstellungen und Kultur auszahlt“ (Eike Geisel). Und in Ansehen für etwas, für das niemand sonst Applaus bekommt, geschweige denn ihn sich selbst gibt.