Trailer

Liza ruft ! ליזאַ רופט

Dokumentation – 113 min., D 2015
Ein Film von Christian Carlsen und Philipp Jansen

Denn du kannst nicht einerseits sagen, dass die Überlebenden Kriminelle seien, und andererseits mit deinen Krokodilstränen kommen, um die Diplomaten und die ausländischen Medien zu beeindrucken.“

(Dovid Katz)

„Fania Yocheles-Brantsovskaya war 19 Jahre alt, als die Wehrmacht am 24. Juni 1941 in ihre Heimatstadt Vilnius einfiel, die bis dahin als „Jerusalem Litauens“ galt. Fania wurde mit ihrer Familie ins Ghetto getrieben, musste Zwangsarbeit leisten und wurde Zeugin der „Aktionen“, in deren Folge die Deutschen und ihre litauischen Kollaborateure 70 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder im nahen Ponar erschossen. Sich der deutschen Vernichtungspläne bewusst, schloss sich Fania der jüdischen Widerstandsgruppe Fareinikte Partisaner Organisatzije (FPO) an. „Liza ruft!“ wurde die Losung für ihren Kampf. Kurz bevor die Deutschen das Ghetto liquidierten, entkamen die FPO-Mitglieder und schlossen sich der sowjetischen Partisan_innenbewegung in den nahen Wäldern an. Fania führte Sabotagemissionen aus und beteiligte sich an der Befreiung von Vilnius durch die Rote Armee. Obwohl die Deutschen mithilfe ihrer litauischen Handlanger ihre gesamte Familie ermordet hatten, blieb Fania in ihrer Heimat und beteiligte sich an deren Wiederaufbau unter kommunistischer Führung. Nach dem Tod ihres Ehemanns, den sie im Kampf kennengelernt hatte, und dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden ihr die Erinnerung an den Holocaust und die Würdigung des jüdischen Widerstands zur Lebensaufgabe. Brachte ihr das im Ausland Anerkennung, wurde sie in ihrer Heimat zur Zielscheibe von nationalistischen und antisemitischen Gruppierungen. Nachdem lokale Medien die Memoiren ihrer Freundin Rachel Margolis ausgeschlachtet hatten, die Fanias Teilnahme an der Zerstörung Kaniūkais erwähnen, ein Dorf, das die sowjetischen Partisan_innen bekämpft hatte, ließ die Staatsanwaltschaft die damals 86jährige Fania wegen der mutmaßlichen Beteiligung an Kriegsverbrechen vernehmen. Erst auf internationalen Druck wurden die Ermittlungen auf Eis gelegt. Daraufhin begann die litauische Politik, Fanias Potential als Aushängeschild zu entdecken und sie zu vereinnahmen. Fanias Engagement ist seither eine Gratwanderung: einerseits drohen die Entpolitisierung ihrer Gedenkarbeit und eine Entfremdung von ihren Weggefährt_innen, anderseits läuft sie ständig Gefahr, neue antisemitische Angriffe und eine Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens zu provozieren.“ (Aus dem Presseheft zum Film „Liza ruft!)

© Kassiber Films

Wolfskinder

Spielfilm – 91 Min, D 2013
Film von Rick Ostermann

Auszug aus „Die Sprache der Wölfe“ von Tobias Prüwer:

„Der Film von Rick Ostermann will explizit keine historische Analyse sein, sondern durch emotionale Erschütterung auf die Schicksale deutscher Waisen am Weltkriegsende, die sogenannten Wolfskinder, hinweisen. Der 14jährige Hans, der sich 1946 auf der Flucht vor der Roten Armee von Ostpreußen nach Litauen durchschlägt, um dort mit seinem Bruder Fritzchen vielleicht bei ihnen gewogenen Bauern Unterschlupf zu finden, soll exemplarisch für viele Kinder stehen. Dieses Ansinnen macht die gedrechselte Handlung völlig zunichte, wenn in alle Himmelsrichtungen verstreute Protagonisten in der Weite von Wald und Flur immer wieder aufeinandertreffen. Immerhin gelingt der emotionale Moment anfangs noch, selbst wenn ein paar schlechte Kinderdarsteller und gespreiztes Auftreten auch in diesem Film nicht fehlen. Wenn die Brüder eingangs ein gestohlenes Pferd erschießen, um ein paar Fleischbrocken für die sterbende Mutter aus diesem herauszuschneiden, wird die Abgestumpftheit und die Kälte der Traumatisierten überzeugend dargestellt. Nach Minuten des Schweigens wird zum ersten Mal gesprochen, wenn die Kinder bei der Mutter ankommen. Sprachlosigkeit ist – neben verschwenderischer Naturfotografie in der Totalen – das vorherrschende stilistische Mittel: Der Fokus liegt auf den leeren wie leidenden Kindergesichtern.
Doch das stilistische Mittel wird ideologisch überfrachtet. Die selten gesprochene deutsche Sprache wird verklärt und zum einigenden Band der Kindergruppe stilisiert. Draußen lärmen die Wildnis und das slawische Kauderwelsch, aber deutsche Sprache und Herkunft schweißen die Volksgemeinschaft der Kleinen zusammen. Gewiss, hier geht es ums Durchkommen, und da klaut und jagt es sich in der Gruppe besser. Wird aber ein Russisch sprechender Junge einfach so erstickt, damit die Gruppe nicht entdeckt wird, während ein blonder, lahmer Knabe bedingungslos Hunderte Kilometer durchs Land geschleppt wird, muss das als ideologische Aufladung zum Kampf ums Dasein und den Dienst an der Volksgemeinschaft interpretiert werden. Wenn Hans dann zusätzlich immer wieder Charles Darwins »Über die Entstehung der Arten« zum Schmökern rausholt, wird alle Symbolik vollends dumpf.
»Nicht vergessen, wer wir sind« – mit der Berufung auf die guten Deutschen und der Warnung vor dem Verlust der Identität steht der Film in einer Reihe mit Produktionen wie »Unsere Mütter, unsere Väter«. Arme Deutsche, die nichts für ihr Schicksal können, werden hier präsentiert. Kein Nazi nirgends, nur deutsche Unschuldslämmer. Halt dich an deiner Herkunft fest.“
(Der vollständige Artikel von Tobias Prüwer erschien in der Jungle World vom 28.08.2014.)

+++ Arte wird den Film am 06.12.2017 um 22.35 Uhr erneut senden. Vom 6. bis zum 13. Dezember ist er außerdem in der Arte-Mediathek verfügbar +++

Zensierte Stimmen

Dokumentation – 84 min., D/ISR 2015
Film von Mor Loushy


Auszug aus „Censored Voices: Wer hat den Sechs-Tage-Krieg zensiert?“ von Martin Kramer:

Die Dokumentation „Censored Voices“ („Zensierte Stimmen“) verspricht, die israelische Militärzensur von Gräueltaten aufzudecken, die während des Krieges 1967 verübt worden seien. Doch das Einzige, was sie aufdeckt, ist die Agenda ihrer Macher. Vorliegender Artikel erschien ursprünglich 2015 auf Englisch im Mosaic Magazine. Da der deutsche Fernsehsender Arte die Dokumentation, auf die er sich bezieht, am 6. Juni 2017 anlässlich des 50. Jahrestags des Sechs-Tage-Krieges in sein Programm nahm, entschloss sich Mena Watch dazu, die Kritik von Martin Kramer auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.

Am 26. Januar [2015] brachte die New York Times an prominenter Stelle einen Artikel ihres Jerusalemkorrespondenten Jodi Rudoren, in dem es um einen neuen israelischen Dokumentarfilm ging, der auf dem „Sundance“ Film-Festival in Utah seine Premiere feierte. Laut Rudorens sehr ausführlichem Bericht handelt es sich bei dem Film, „Censored Voices“, um eine aufsehenheischende Enthüllungsgeschichte über den Arabisch-Israelischen Krieg vom Juni 1967 – auch bekannt als der Sechs-Tage-Krieg – wie er in Gesprächen, die direkt nach dem Krieg mit Soldaten geführt wurden, erzählt wird.
Seit seinem Debüt auf dem Sundance wurde die eine Million Dollar teure israelisch-deutsche Co-Produktion auch auf Festivals in Berlin, Florenz, Genf, Madrid, Toronto, Warschau und Zagreb gezeigt. Seine israelische Premierenparty fand auf dem „Docaviv“ Dokumentarfilmfestival in Tel Aviv statt (wo ich ihn gesehen habe), derzeit wird er in den israelischen Kinos gezeigt und in Rezensionen und Feuilletonartikeln in den großen Tageszeitungen besprochen. Ein israelischer Dokumentarfilmsender wird ihn im August ausstrahlen, Rechte wurden nach Kanada, Australien, Neuseeland und quer durch Kontinentaleuropa verkauft, und im Herbst wird der Verkaufsagent des Films ihn in Großbritannien an den Start bringen. Ein amerikanischer Verleih hat die US-Rechte gekauft und plant, ihn Ende des Jahres in die Kinos zu bringen.
„Censored Voices“ wird voraussichtlich ebenso große Wellen schlagen wie „The Gatekeepers“ (deutsch: „Töte zuerst“ [sic!]), die Dokumentation von 2012, in der sechs ehemalige Chefs von Israels Geheimdienst [Shin Bet] zu Wort kamen – wenn nicht sogar noch größere. Und zwar aus demselben Grund: Es werden Israelis gezeigt, die ihr eigenes Land dafür anklagen, bei der Kriegsführung hinter den hohen Standards zurückzubleiben. Und der Film regt zu dem Schluss an, dass die Behauptungen über Fehlverhalten wahr sein müssen, weil die israelischen Behörden die Originalinterviews zensiert hätten: volle 70 Prozent davon hätten sie bewusst dem Vergessen anheim gegeben.
Doch Zuschauer: Vorsicht…“
(Der vollständige Artikel von Martin Kramer erschien im Juni 2017 in deutscher Übersetzung auf Mena-Watch.)

+++ Die ARD wird den Film am 28.08.2017 um 23.45 Uhr erneut senden +++

Gentleman’s Agreement – Tabu der Gerechten

Spielfilm – 118 min., USA 1947
Buch/Regie: Moss Hart/Elia Kazan

In der Einleitung seines Romans „Focus“ erinnert sich der US-amerikanische Autor Arthur Miller an eine Begebenheit, die sich in den frühen 1980er Jahren zugetragen hatte: In einer Radiosendung des Lokalsenders von Connecticut rechtfertigte ein Hörer eine Anschlagsserie gegen Juden im Raum Hartford mit unverhohlenem Antisemitismus. Wie sich später herausstellte, war der Täter jedoch ein geistesverwirrter junger Jude. Eine nicht ganz unähnliche Situation Anfang 2017: Als der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump im Wahlkampf 2016 mit seiner Personalpolitik sowie seinem „Argument for America“ den latenten Antisemitismus befeuerte, wurden nach seiner Wahl mehrere jüdische Friedhöfe geschändet und dutzende jüdische Einrichtungen mit Anschlägen bedroht. Für die Bombendrohungen konnte wiederum ein jüdisch-israelischer Jugendlicher als mutmaßlicher Einzeltäter ermittelt werden. Das Thema scheint also wieder vom Tisch.
Der Antisemitismus in den Vereinigten Staaten ist allerdings weder harmlos noch neu. Er unterliegt historischen Kontinuitäten und Modifikationen und findet sich nicht nur in isolierten Gruppierungen wieder, sondern war und ist unabhängig von jeweiligen Milieus in allen Schichten der US-amerikanischen Gesellschaft als latente Gefahr vorhanden. Wie salonfähig der Antisemitismus insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war, lässt sich am weitverbreiteten Resort Antisemitism ebenso gut nachvollziehen wie am sogenannten Leo Frank-Case, dem publizistischen Engagement des Industriellen Henry Ford oder am Fall von Ethel und Julius Rosenberg.
Elia Kazans Gentleman’s Agreement aus dem Jahr 1947 gilt als erster Film aus Hollywood, der sich ausschließlich mit dem Antisemitismus im bürgerlichen Milieu der Vereinigten Staaten auseinandersetzt. Streckenweise fühlt man sich auch hier wieder an Arthur Miller’s „Focus“ erinnert, dessen Roman jedoch den Antisemitismus weitaus radikaler ins Visier nimmt als es der Film tut. Denn während der Judenhass unter den „Gentlemen“ Elia Kazans eher latent vorhanden und in einem versöhnlichen Ende aufgelöst wird, ist beim Lesen Arthur Millers die Gewaltförmigkeit des Antisemitismus auf eine unerträgliche Art und Weise fast schon körperlich spürbar. Ohne dem Film das Engagement absprechen zu wollen: Wie man kurz nach Kriegsende und Shoah ohne Verweis auf das eliminatorische Gewaltpotenzial einen Film gegen Antisemitismus produzieren kann, bleibt fragwürdig. Vielleicht wollte man das Publikum im Land der Sieger über Nazideutschland nicht vor den Kopf stossen? Apropos: Millers Roman jedenfalls bleibt auch in dieser Hinsicht eine empfehlenswerte Handreichung: Denn hier hat anscheinend auch der Baseballschläger Woody Allens sowie des „Bärenjuden“ Quentin Tarantinos seinen Ursprung.

Opfersehnsucht und Judenneid: „Die Blumen von gestern“ von Chris Kraus

Spielfilm – 126 Min, D 2017
Film von Chris Kraus


In „Die Blumen von gestern“ lässt der Regisseur Chris Kraus einen unter Impotenz leidenden Holocaustforscher auf eine neurotische französische Jüdin treffen, deren Oma vom Opa des Holocaustforschers umgebracht wurde – und die beiden verlieben sich ineinander. Diese kitschige Versöhnungsgeschichte hat auch mit der Familiengeschichte Kraus‘ und seinem Verhältnis zur deutschen Nation zu tun.

Chris Kraus ist ein deutscher Regisseur, ein Regisseur, der eine ganz genaue, unverkrampfte Vorstellung davon hat, was deutsch ist. In seinem Film „Die Blumen von gestern“ geht es um den Holocaustforscher Totila „Toto“ Blumen und sein Leiden. Dieser ist „traumatisiert“ (Kraus) davon, dass sein Opa SS-General in Riga war. Begleiterscheinungen dieses Traumas: Er schlägt seinen Chef, der ihn von der Organisation eines „Auschwitz-Kongress‘“ entbinden möchte, in einer völlig überzeichneten Szene am Anfang des Filmes brutal krankenhausreif, kommuniziert hauptsächlich in Vulgärsprache („Scheisse“, „Nutten“) und – Wie auch sonst männliches Leid möglichst ausdrucksstark symbolisieren? – kriegt keinen mehr hoch. Ihm zu Seite gestellt wird Zazie, eine neurotische französische Jüdin, deren Oma von Blumens Opa ermordet wurde. Sie verlieben sich ineinander und, man ahnt es schon, Blumen gerät wieder in den vollen Besitz seiner „Männlichkeit“. Laut Kraus in einem Interview zum Film war es:

„von Anfang an klar, dass es eine Versöhnungsgeschichte werden soll. Also eine Geschichte über die Chancen, die Menschen einer unmöglich erscheinenden Versöhnung einräumen. Diese absolute Trennung zwischen „Juden“ und „Deutschen“, die der Holocaust gezeitigt hatte, schien ja auf alle Zeiten das Verhältnis der Völker zueinander festgelegt zu haben. Vor diesem Hintergrund ist eine Liebesgeschichte zwischen einer Jüdin und einem Deutschen, dessen Großvater die Großmutter der Jüdin ins Gas geschickt hat, am denkbar weitesten weg von der Trennung, die die Nazis verbrochen haben. In dem damit verbundenen Wunsch nach Versöhnung liegt auch die Legitimation des Komödiantischen, des Leichten, wie ich finde.“

Dieser Wunsch ist zuvorderst ein deutscher, eingebettet in globale Konstellationen, in denen der Holocaust Chiffre für Menschenrechtsverletzungen jeder Art geworden ist (Kraus: „Es ist nicht vorbei. Im Augenblick erleben wir furchtbare Zeiten, in Syrien, in Libyen. Man hat fast den Eindruck, die halbe Welt brennt. Bestialität stirbt nicht aus, sie ist ein Teil unserer mentalen Ausstattung. An dieser Stelle wollte ich ansetzen.“) Kraus‘ Film zeigt ganz deutlich, an wen dieser Wunsch gerichtet ist: Es sind die Holocaust-Überlebenden und ihre Angehörigen, die die Deutschen mit ihrer Geschichte zu versöhnen haben. Dass der Patient längst geheilt ist, hat Katrin Antweiler dabei unlängst in der Jungle World festgestellt. Kraus‘ Wunsch nach Entkrampfung ist so neu, wie „Die Blumen von gestern“ lustig ist. Bereits 1946 hat Wolfgang Staudte in „Die Mörder sind unter uns“ der dreisten Nötigung nach Versöhnung vermittels der Liebesbeziehung zwischen einem Ex-Landser und einer Holocaustüberlebenden filmischen Ausdruck verliehen.
Muss Toto Blumen im Film erst noch geheilt werden, so ist Chris Kraus bereits unheilbar gesundet. Entgegen eines großen Teils der dritten Tätergeneration, die daran festhält, dass Opa kein Nazi war, bekennt er sich zu seiner Familiengeschichte: Sein Opa war Offizier der SS-Einsatzgruppe A. (Diesen in einen Widerstandskämpfer umzumünzen, dürfte aber auch ungleich schwerer fallen.) Die negative „Geschichtslast“ jedoch, so Kraus, sei mit der positiven Gegenwart unauflösbar zu einem großen Ganzen verschmolzen, zu einer „Kultur, die nicht zu verorten ist“. Denkt Kraus an Deutschland, dann denkt er an etwas, aus dem er „nicht entkommen kann.“ Deutschland als Schicksalszusammenhang? Der Gang der Geschichte wäre demnach vorbestimmt, nach individuellen Verantwortlichkeiten zu fragen, folglich sinnlos. Alle sind unterschiedslos Opfer des Krieges! Die deutsche Opfersehnsucht wird dann auch in einer Filmbesprechung der Welt ganz unverfroren ausgedrückt:

„Deutschland hat sich lange bequem in der Büßerrolle eingerichtet, man könnte auch sagen: in seinem Holocaust-Kult. Die Unfähigkeit, um die Toten vom Breitscheidplatz richtig zu trauern, hat auch damit zu tun, dass man sich in der Opferrolle gar nicht mehr vorstellen konnte.“

Der Autor Hanns-Georg Rodek hat die letzten Jahre offensichtlich in einem Erdloch ohne TV-Anschluss und Internetverbindung zugebracht. Wir empfehlen ihm aus der schieren Unzahl deutscher Filmproduktionen, die sich den deutschen Opfern widmen, „Wolfskinder“ (2014) von Nick Ostermann und damit ein besonders widerwärtiges Machwerk unverkrampfter neuer deutscher Filmgeschichte, in die Kraus mit „Blumen von gestern“ noch mehr Unverkrampftheit hineingeschrieben hat, falls das überhaupt möglich ist.

„Denke ich an Deutschland…“ – Wer dabei nicht wie Heinrich Heine um den Schlaf gebracht wird, den empfehlen wir zur nächtlichen Lektüre „Opfersehnsucht und Judenneid – ein Kommentar zur Nationalisierung der Erinnerung“ von Eike Geisel.

Vom Jordan bis zum Mittelmeer: Der Hass auf „Wonder Woman“

Spielfilm – 141 min., USA 2017
Regie: Patty Jenkins / Drehbuch: Jason Fuchs, William M. Marston

Die Comicverfilmung „Wonder Woman“ wird in einigen arabischen Staaten boykottiert. Nicht nur die Parteinahme der Hauptdarstellerin für Israel, auch die feministische Perspektive sowie die historischen Querverweise des Plots könnten ein Grund für diese Haltung sein.

Die Comicverfilmung „Wonder Woman“ feiert derzeit weltweit Erfolge. Kurz nach dem Kinostart Anfang Juni stand bereits fest, dass die Einspielergebnisse die Erwartungen der Produzenten um ein Vielfaches übersteigen werden. Dies überrascht umso mehr, als dass es bisher nicht selbstverständlich war, weiblichen Superhelden einen eigenen Film zu widmen und darüber hinaus mit Patty Jenkins auch noch einer Frau die Regie anzutragen. Die Reaktionen auf „Wonder Woman“ zeigen, dass Hollywoods Traumfabrik ganz offensichtlich einen Nerv getroffen hat.
In einigen arabischen Staaten stieß der Film jedoch schon im Vorfeld auf Ablehnung und wurde mit einem Bann belegt. Ausschlaggebend hierfür war die Unterstützung der Hauptdarstellerin Gal Gadot für die israelischen Streitkräfte. Gal Gadot, gebürtige Israeli und Nachkomme eines Shoah-Überlebenden, hatte während des Libanon-Krieges 2006 ihren 2-jährigen Wehrdienst absolviert und war als Ausbilderin der Israel Defense Forces tätig. Als Skandal wertet die Boykottbewegung einen 2014 geposteten Facebook-Eintrag, in dem die Schauspielerin ihre Unterstützung für Israel während der „Operation Protective Edge“ und ihre Abneigung gegen die Kriegsführung der Hamas zum Ausdruck brachte.
Während Gadot in sozialen Medien unablässig beschimpft und diffamiert wird, setzten sich von Algier bis Beirut staatliche Stellen, Boykott-Aktivisten und private Akteure bereits erfolgreich für ein Verbot des Films ein. In Algier wurde die „Wonder Woman“-Premiere während des Fastenmonats Ramadan vom Filmfestival „Nuits du cinéma“ verbannt. Nach einer Online-Petition «Non! Pas en Algérie», die unterstellt, Gal Gadot würde Phosphorbomben gutheißen, hatte man sich auf „administrative Zwänge“ berufen und zunächst einmal Verwertungsrechte klären wollen. Zuvor regte offenbar die Organisation „Campaign to Boycott Supporters of Israel-Lebanon“ die libanesischen Behörden dazu an, ein staatliches Verbot zu verfügen. Im Libanon sind Kontakte zwischen Libanesen und Israelis sowie der Handel mit israelischen Waren seit jeher verboten. Das Wirtschafts- und Handelsministerium soll diesen Boykott durchsetzen und „jeden Versuch des Feindes, unsere Märkte zu infiltrieren“, verhindern. Im arabisch-frühlingshaften Tunesien, einem Staat mit implizit antisemitischer Verfassung, waren mit einer Rechtsanwaltsvereinigung, politischen Parteien und staatlichen Stellen unterschiedliche Akteure am Vorführungsverbot beteiligt. „Es muss mobil gemacht werden in dieser Angelegenheit, sowie bezüglich allem, was zur Normalisierung mit der zionistischen Entität beiträgt“ ließ auch die linke „Front Populaire“ verlautbaren. In Ramallah, Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde, wurden die Kinobetreiber des Palestine Towers Cinema von sich aus aktiv und nahmen den Film gar nicht erst ins Programm. Auch in Jordanien prüften zuständige Stellen ein Verbot. Anzunehmen, dass den Beispielen weitere Staaten folgen werden. Jedenfalls sprechen schon die offiziellen Release Dates für Afrika und den Mittleren Osten eine deutliche Sprache.
Doch mit dem vordergründig Israel-feindlichen Verbot könnten noch weitere Motive verwoben sein, die in der bisherigen Berichterstattung noch keine Erwähnung fanden. So dürfte Gegnern und Zensoren des Film vermutlich auch die feministische Perspektive nicht allzu genehm gewesen sein. In den patriarchalen Gesellschaften jener arabischen Staaten werden wehrhafte und angriffslustige Superfrauen wie „Wonder Woman“ auch kaum auf eine Willkommenskultur treffen. Als Verkörperung individueller, sexueller und politischer Autonomie würde „Wonder Woman“ dort ganz augenscheinlich auch ohne Gal Gadot schon eine Provokation darstellen. Zugleich wird den Boykotteuren und Tugendwächtern der Film aber nicht nur als aggressiver Einbruch des „Westens“ in ihre patriarchale Ordnung erscheinen. Denn dass die Hauptrolle eben nicht einfach nur irgendeine Frau, sondern eine Israeli übernimmt, dürfte wiederum jenes antisemitische Ressentiment vom kulturzersetzenden Juden bestärken, welches sich auch in der Rede von Israel als „Fremdkörper“, als“ Gebilde“, als „Krebsgeschwür“ oder als „Brückenkopf des US-Imperialismus“ nicht nur im Nahen Osten Luft macht. Von aufklärenden Debatten und öffentlichen Auseinandersetzungen wie die um die CinemaxX-“Männerabende“ in Deutschland, die Diätwerbung und Putzschwämmchen in den Präsenttütchen belgischer Kinos oder die „Women only“-Vorführungen in den USA sind oben genannte Boykott-Staaten also meilenweit entfernt. Für das heimische Publikum holt man sich lieber von US-amerikanischen BDS-Aktivistinnen praktische Haushaltstipps, wie man mit antisemitischen Drecklappen die Normalität sexistischer Gewalt sauberwaschen kann. Diejenigen tunesischen Frauen beispielsweise, die nach ihrer Vergewaltigung mit ihrem Peiniger verheiratet wurden, damit der Täter straffrei ausgehen kann, werden sich für die Kritik an „Wonder Womans imperialen Feminismus“ bei Leuten wie Susan Abulhawa ganz bestimmt herzlichst bedanken.

Analogie zur Shoah: WK1-General Erich Ludendorff an der Schwelle
zur Gaskammer | © Warner Bros. Entertainment Inc. 2017

Des Weiteren könnte beim Verbot auch noch die geschichtspolitische Dimension des Plots hinzukommen. Neben der Personalie Gadot reizen einige Rezensenten anscheinend schon die Anordnung der Hauptfiguren und die historischen Konstellationen im Film bis aufs Blut. Bei Al Jazeera phantasieren antisemitische Paradiesvögel wie Hamid Dabashi in das mythische Amazonen-Eiland Themyscira sogleich den Staat Israel hinein. Dass „Wonder Woman“ dann auch noch mit einem US-amerikanischen Agenten in den Ersten Weltkrieg zieht, ist für den Professor der Columbia-University bestimmt auch nur die Bestätigung für die „United States of Israel“. Mehr noch: Da „Wonder Woman“ später an der Seite der Briten in die Schlacht zieht, lassen bei Antisemiten sicher schon bald Baron Rothschild und Lord Balfour grüßen. Schließlich schreiben wir das Jahr 2017 und somit 100 Jahre Balfour-Declaration. Dürften die ehemals Kolonisierten „Wonder Woman“ zu sehen bekommen, sie würden sich deshalb auch wohl eher auf der gegnerischen Seite der Front verorten: Im Film wird die Allianz zwischen dem Osmanischen Reich und dem Deutschen Kaiserreich schon recht frühzeitig ins Bild gesetzt. Und der kundige Zuschauer weiß, dass nach dem Sieg der Briten über die Osmanen an der Palästinafront auch die Neuordnung des Nahen Ostens folgte.
Aber was treiben eigentlich die Deutschen so im Film? Verdienterweise kriegen sie von „Wonder Woman“ und den Briten gehörig auf den Sack! Im Film tun die Stahlhelm-Deutschen eben genau das, was sie auch in der Geschichte bisher am weitesten trieben: Pardon wird nicht gegeben! In der Person des Generals Erich Ludendorff beschreiten sie den deutschen Sonderweg, deportieren Zwangsarbeiter und perfektionieren die Vernichtung durch Gas. Dass dabei die Shoah auch die Vernichtungsphantasien postnazistischer Antisemiten anregt, dürfte seit dem Jahr 2014 auch hierzulande hinlänglich bekannt sein. Dass sie schon im Film auf der Verliererseite stehen würden, das mochten wohl auch die Zensoren dem Publikum nicht zumuten.
Insofern ist der Boykott „Wonder Womans“ also vor allem eines: Eine Synthese aus radikalem Antifeminismus und Antisemitismus. Vor dem Hintergrund brutaler Unterdrückung von Frauen und eines mörderischen Hasses auf Israel und die Juden kann deshalb „Wonder Womans“ finaler Versöhnungskitsch auch leider nur verpuffen. Denn anders als in den Phantasien dieses Film wird ein erfolgversprechender Kampf um Humanität (oder wie sagt man hier immer so schön: „ums Ganze“?) derzeit nur selten geführt. Kurz: In der Realität hat Liebe offenbar ihre Grenzen. Die Verantwortung dafür, die tragen Antisemiten allerdings immer noch selbst.

Dokus à la cArte – Auserwählt und ausgegrenzt

Dokumentation – 90 min., D 2016
Ein Film von Joachim Schroeder und Sophie Hafner

Verhindert der deutsch-französische TV-Sender Arte die Aufklärung über Antisemitismus? Nach Meinung einiger namhafter Experten schon. Doch nicht nur die ablehnende Haltung gegenüber einer Dokumentation zum Thema Antisemitismus in Europa, auch die Programmgestaltung des Senders sprechen eine klare Sprache.
In der aktuellen Auseinandersetzung um die verhinderte Ausstrahlung des Dokumentarfilms „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ haben zwar die Filmemacher Joachim Schroeder und Sophie Hafner einige Fürsprecher gewinnen können: Die Historiker Götz Aly und Michael Wolffsohn ebenso wie die FilmemacherInnen Esther Schapira, Ahmad Mansour und Georg M. Hafner lobten den Film nach Sichtung und äußerten ihr Unverständnis über das Verhalten von Arte nachdrücklich. Auch die Berliner Zeitung, die BILD, Jüdische Rundschau und FAZ berichteten bereits kritisch. Der Deutschlandfunk sendete jüngst ein aufschlussreiches Interview mit dem Regisseur. Arte jedoch scheint das Problem einfach aussitzen zu wollen und versteckt sich hinter Regularien.
Aber nicht nur das: Seit der Negativbescheid des Senders Anfang Mai öffentlich geworden ist, hat Arte eine ganze Reihe von Dokumentarfilmen gezeigt, die offenbar machen, welch Geistes Kind die Verantwortlichen sind. Allein seit den letzten fünf Wochen ergießt sich auf die Arte-Zuschauer ein unablässiges anti-israelisches Trommelfeuer: „Re: Breaking the Silence“, „Algier – Mekka der Revolutionäre“, „Ben Gurions Vermächtnis“, „Das andere Jerusalem“, „Grenzfahrer“, „18 Kühe zwischen zwei Fronten“, „Waltz with Bashir“, „Töte zuerst! – Der israelische Geheimdienst Schin Beth“, „Zensierte Stimmen“ sowie ganz exklusiv die Webdokumentation „Die Grüne Linie“. Ein wahrer Augenschmaus also für „Israelkritiker“ – wie auch für Gourmets der antisemitischen Gerüchteküche! Bei diesem offensichtlichen Mangel an Objektivität und Ausgewogenheit im Arte-Programm verwundert es daher schon sehr, wenn die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“ mit der Begründung abgelehnt wird, sie sei nicht „ergebnisoffen“ oder „multiperspektivisch“ genug und gieße „Öl ins Feuer“.
Wie man vor der historischen Erfahrung allerdings das Thema Antisemitismus „ergebnisoffen“ diskutieren soll, müssten die Verantwortlichen bei Arte noch näher erläutern. Der deutsch-französische Kultursender, der es zu keinem Holocaust-Gedenktag versäumt, sein Programm jenen toten Juden zu widmen, die die Deutschen arbeitsteilig mit Unterstützung ihrer Kollaborateure millionenfach ausplünderten und ermordeten, verpasst kaum eine Gelegenheit, den lebenden Juden in Israel ihre angeblichen Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen vorzuhalten. Allein auf die Idee, dass im Nahost-Konflikt neben Israel auch noch andere Akteure bedeutsam sein könnten, kommt der Sender nicht. Palästinenser werden fast ausschließlich als passive Opfer der Israelis gezeigt. Dass der antizionistische Antisemitismus seit Anbeginn der Kitt der palästinensischen Gesellschaft ist, Judenmörder als Märtyrer gefeiert und großzügig alimentiert werden, dass die Maximalforderungen der palästinensischen „Verhandlungspartner“ gleichermaßen auf die Zerstörung Israels ausgerichtet sind wie die Rhetorik des Holocaustleugners Mahmoud Abbas auf ein judenreines Palästina und dass dabei „das palästinensische Volk“ trotz all dessen auch noch von sogenannten „Menschenrechtsorganisationen“ und europäischen Staaten moralischen Rückhalt und mannigfaltige Unterstützung erfährt, ist Arte keinen „Themenabend“ wert. Hätte der Sender ein diesbezügliches Motto, so könnte man es zynisch zuspitzen: Die Vergangenheit gehört den Juden, die Zukunft den Palästinensern!
Die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ dagegen wollte den Fokus auch auf ebenjene aktuelle Erscheinungsform des Antisemitismus richten, der laut aktuellem Antisemitismusbericht der Bundesregierung allein in Deutschland satte 40% anhängen: dem Israel-bezogenen Antisemitismus. Die Zahlen verdeutlichen, dass der Antisemitismus nicht allein ein Problem sogenannter extremistischer Ränder sowie der muslimischen Community ist. Auch jenes Milieu des liberalen Bildungsbürgertums, welches Arte vornehmlich anzusprechen versucht, ist davon betroffen. Die Produktionsfirma der nun beanstandeten Doku hatte dies bereits im Jahr 2013 durch den Film „Antisemitismus heute – Wie judenfeindlich ist Deutschland?“ herausarbeiten lassen.
Die Programmkonferenz des „europäischen Kulturkanals“ und ihr Vorsitzender, Arte-Programmdirektor Alain Le Diberder, täten daher gut daran, sich einmal eingehender mit der Arbeitsdefinition ‚Antisemitismus‘ der Europäischen Union auseinanderzusetzen. Israel-bezogener Antisemitismus beinhaltet demnach u.a. „Das Abstreiten des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung, z.B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen“ oder die „Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet und verlangt wird.“ Das unverhältnismäßig häufige Aburteilen der israelischen Politik bei Arte führt beim Zuschauer nicht nur fast ganz zwangsläufig zum Befund: „Israel ist an allem schuld!“ – die Dauerpräsenz „Israel-kritischer“ Tele-Visionen bezeugen einen zwangsneurotischen Charakter, wie er schon für den klassischen Antisemitismus festzustellen war.
Vor dem hier geschilderten Hintergrund ist es somit auch blauäugig, anzunehmen, dass Arte mit der Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“, wie Regisseur Joachim Schroeder in einem Radio Corax-Interview wohlwollend meint, kein inhaltliches Problem hätte. Die Frage des Films, ob der „Antisemitismus ein unzivilisiertes Herzstück europäischer Kultur“ sei, könnte man sich auch für den sogenannten Antizionismus der „Israelkritiker“ stellen. Allein beschränkt auf den Fall des Kultursenders Arte müsste man diese Frage jetzt wohl schon eindeutig mit Ja beantworten.

+++ Update 08.06.2017 +++ Nachdem sich nun auch der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland Josef Schuster zu Wort gemeldet hat, reagierte Arte-Programmdirektor Alain le Diberder seinerseits mit einem offenen Brief. Darin behauptet er ernsthaft, dass sich „Arte wie kaum ein anderer Sender in Europa dem Kampf gegen Antisemitismus und [Bitte lachen Sie… Jetzt!] Antizionismus [!] verschrieben“ habe.

(Bitte zum Abspielen des Trailers auf die Stirn von Frau Groth tippen. Vielleicht macht es bei ihr dann wenigstens auch einmal ‚Click‘!)

MdB Annette Groth (dieLINKE), Beauftragte für die Lösung der Israel-
frage, hat unzweifelhaft Vergiftungserscheinungen | © Arte, WDR 2016

X-Men: Magneto, der ewige Rächer

Spielfilmreihe – AUS/USA 2000-2017
Regie: Singer, Ratner, Mangold, u.a.

Ob Holocaust, Kalter Krieg, atomares Wettrüsten oder Nahostkonflikt – immer wieder eröffnet der Film Assoziationsspielräume, in denen das Gesehene ins Außerfilmische weitergedacht werden kann, ohne die Unterhaltung zu beschädigen.“

(Augsburger Allgemeine zu X-Men: Apocalypse)

Seit der äußerst erfolgreichen Verfilmung der X-Men-Comics gilt auch Magneto als einer der herausragenden Superhelden des Marvel-Universums. Im Gegensatz zu Spider-Man & Co. besteht bei Magneto allerdings eine Besonderheit: Magneto ist der klassische Antiheld… und er ist Jude. Dafür verantwortlich zeichnet X-Men-Autor Chris Claremont, der schon in den 80er Jahren aus dem einstigen Superschurken Magneto eine tragische Figur machte, die sich nach der Erfahrung von Auschwitz von der Menschheit abwendet und diese mittels (elektro-)magnetischer Superkräfte ebenso gnadenlos bekämpft wie all jene Mutanten, die auf friedliche Koexistenz mit den Menschen setzen. In der aktuellen Ausstellung „The Holocaust and comics“ im Pariser Mémorial de la Shoah wird ihm daher einiges an Raum und Bedeutung zugemessen. Zur Ausstellungseröffnung erläutert Chris Claremont im arte-journal kurz und prägnant, Magneto sei „nicht unbedingt [soll heißen: nicht grundlos; Anm.d.R.] ein böser Mensch. Er war durch seine Erfahrungen geprägt und kämpfte verzweifelt [soll heißen: affektiv, ohne Sinn und Verstand; Anm.d.R.] dafür, dass so etwas nie wieder passiert. Ähnlich wie David Ben-Gurion, Elie Wiesel oder Menachem Begin“.
Als Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz macht Magneto daher nicht einfach nur coole Antifa-Action gegen deutsche „Schweinebauern“ (was X-Men – First Class so etwas wie den Nimbus eines inoffiziellen Inglourious Basterds 2 eingebracht haben könnte), in klassischer Täter-Opfer-Umkehr hat er der gesamten Menschheit den Kampf angesagt und gründet dafür im Verlauf eine quasirassistische Bruderschaft der Mutanten. Dabei zeigt Magneto nicht nur eine kaum zu übertreffende Destruktivität, auch bei der Wahl der Waffen ist er nicht zimperlich. Er greift denn auch nicht beispielsweise zu einem US-amerikanischen Kulturgut, welches wahrscheinlich Woody Allen dem „Bärenjuden“ in Tarantinos Inglourious Basterds in die Hände legte: Neben dem charakteristischen Stahlhelm, den Magneto seinem ehemaligen KZ-Peiniger abgekupfert hat, setzt er im Extremfall als Mordwerkzeug lieber SS-Dolch, eine Pistole Marke „Walther“ oder auch die kleine 5-Reichsmark-Münze ein, die er als Andenken an Auschwitz mit sich herumträgt wie einen Talisman.
Dass Magneto letztlich nichts aus der Shoah gelernt hat, wird mit wuchtiger Unmissverständlichkeit treffend ins Bild gesetzt, wenn er vor dem apokalyptischen Vernichtungsfeldzug gegen die Menschheit die Überreste von Auschwitz, und damit symbolisch eben auch jede Erinnerung an die nazistische Barbarei zerstört. In der Szene der vereitelten Hinrichtung/Opferung Mystiques in Paris wiederum wird er vor Delacroix‘ berühmten Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ je nach Lesart entweder in die Tradition des revolutionären, des despotischen, oder vielleicht doch nur der Einfachheit halber in die eines irgendwie „totalitären“ Terrors gestellt. Selbstredend, dass auch Folter von Gefangenen bei Magneto auf dem Programm steht.
Dem unversöhnlichen Rache-Engel Magneto wird als Gegenspieler allerdings sein Freund Professor Xavier beigestellt, welcher das Gute, das Geistig-Moralische und die Hoffnung verkörpert und ihm in etlichen Dialogen die Werte der Menschenliebe zu vermitteln sucht. Neben seinen psionischen und telepathischen, Mensch wie Mutant erfassenden Superkräften ist er zudem zu extremer Empathie und Mitleid fähig. Der Vergleich Xaviers mit Christus liegt da nicht fern. Auch wenn Xavier durch Magnetos Eigenwilligkeit zwar nicht gleich ans Kreuz geschlagen, dafür aber in sein selbiges geschossen und seitdem an den Rollstuhl gefesselt wird. Die Mission, seinen Freund Magneto zu bekehren, wird Professor Charles Francis Xavier, wie er mit vollem Namen heißt, dennoch nicht aufgeben. (An dieser Stelle ist die Randbemerkung, dass der von Namenspatron Franz Xaver mitbegründete Jesuitenorden seine fast 400-jährige judenfeindliche Aufnahmepraxis im Jahr 1946 abgeschafft hat, für das Verhältnis Xavier/Magneto vielleicht gar nicht so unerheblich.) Denn auch wenn Magneto sich der mentalen Auf- und Eindringlichkeit Xaviers noch mittels seines Helms zu erwehren weiß: Zu guter Letzt kann dann schließlich doch ein finaler Appell an Magnetos Nächstenliebe die Menschheit vor der totalen Vernichtung retten.
Nimmt man Chris Claremonts Bezugnahme auf Ben-Gurion & Co ernst, dann verengt sich der Assoziationsspielraum aber auch in Filmszenen, die auf die Weltpolitik ganz direkt anspielen: Die besondere Herausstellung Israels auf einer internationalen Antirassismus-Konferenz beispielsweise sowie die Subsumierung Israels unter die Atom- und Supermächte des Jahres 1983 mögen noch so subtil daher kommen, zufällig sind solche Details in einem durchkomponierten Spielfilm nie. Die Verknüpfung des Rassismus und der Bedrohlichkeit Magnetos mit ähnlich lautenden Vorurteilen gegenüber Israel dürfte dem Publikum nicht sonderlich schwer fallen. Mit der Zuschreibung eines übermächtigen Potentials an Destruktivität, der Unverhältnismäßigkeit seiner Gewalt, der ewigen Unbelehrbarkeit wie einer stereotypen Vergeltungssucht bieten beide – Magneto wie Israel – eine für Antisemiten ideale Projektionsfläche.
Mit X-Men ist Hollywood und Marvel also nicht nur eine effektvolle Übertragung antizionistischer Diskurse auf die Leinwand gelungen, die Filmreihe zeigt auch mehr als deutlich, wie stark der Antizionismus dem antijüdischen wie antisemitischen Ressentiment verhaftet ist. Dabei den Zivilisationsbruch Auschwitz gegen Israel und die Juden in Stellung zu bringen, kleine Nazi-Vergleiche inklusive, gehört zwar auch schon länger zum Standardrepertoire sogenannter „Israelkritik“, in ihrer Bildgewaltigkeit bleibt die Inszenierung vom unverbesserlichen Juden(-staat) jedoch bisher unübertroffen. Dem Superhelden Magneto da auch noch Ausstellungfläche im Mémorial de la Shoah zur Verfügung zu stellen, könnte man daher eigentlich fast nur noch mit Kopfschütteln begegnen. Oder mit einem anderen Superhelden!

So würde man ihn gern sehen, den jüdischen Übermenschen von
heute: Wegen Ausschwitz zahlt Magneto mit gleicher Münze heim
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