The Forgotten Refugees

Dokumentation – 50 min., ISR 2005
Ein Film von Michael Grynszpan

„Flücht­lin­ge im Nahen Osten? Wer denkt dabei nicht an die Pa­läs­ti­nen­ser? Doch wäh­rend deren Schick­sal welt­weit be­klagt wird, gibt es auch an­de­re Flücht­lin­ge in der Re­gi­on, von denen die meis­ten noch nie etwas ge­hört haben: Seit jeher exis­tier­ten im Nahen Osten und in Nord­afri­ka jü­di­sche Ge­mein­den; etwa eine Mil­li­on Juden leb­ten noch in den 1940er Jah­ren in den ara­bi­schen Staa­ten. Heute sind es nur noch ein paar Tau­send, denn nach an­dau­ern­den Dis­kri­mi­nie­run­gen, Ent­eig­nun­gen, an­ti­se­mi­ti­scher Hetze und Po­gro­men im Zuge des auf­kom­men­den ara­bi­schen Na­tio­na­lis­mus waren die Juden in gro­ßer Zahl ge­zwun­gen, aus ihren ara­bi­schen Hei­mat­staa­ten zu flie­hen. Das Land, das die meis­ten die­ser Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men und in­te­griert hat, heißt Is­ra­el. Der Film »Die ver­ges­se­nen Flücht­lin­ge« von Micha­el Grynsz­pan zeigt Ge­schich­te, Kul­tur und er­zwun­ge­nen Aus­zug nah­öst­li­cher und nord­afri­ka­ni­scher jü­di­scher Ge­mein­den in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts. Jü­di­sche Flücht­lin­ge aus Ägyp­ten, dem Jemen, aus Li­by­en, dem Irak und aus Ma­rok­ko er­zäh­len ihre Ge­schich­ten. Diese wer­den durch Ar­chiv­ma­te­ri­al von Ret­tungs­ein­sät­zen, durch his­to­ri­sche Fotos von Aus­wan­de­rung und Wie­der­an­sie­de­lung sowie Ana­ly­sen von zeit­ge­nös­si­schen Wis­sen­schaft­lern er­gänzt.“ (Elisa Makowski / Tilman Tarach für Radio Dreyeckland)

+++ In der zweiten Septemberwoche 2017 wird der Film in verschiedenen niedersächsischen Städten gezeigt. Tilman Tarach wird den Film jeweils durch einen Vortrag ergänzen. +++

© The David Project and Isra TV

Zensierte Stimmen

Dokumentation – 84 min., D/ISR 2015
Film von Mor Loushy


Auszug aus „Censored Voices: Wer hat den Sechs-Tage-Krieg zensiert?“ von Martin Kramer:

Die Dokumentation „Censored Voices“ („Zensierte Stimmen“) verspricht, die israelische Militärzensur von Gräueltaten aufzudecken, die während des Krieges 1967 verübt worden seien. Doch das Einzige, was sie aufdeckt, ist die Agenda ihrer Macher. Vorliegender Artikel erschien ursprünglich 2015 auf Englisch im Mosaic Magazine. Da der deutsche Fernsehsender Arte die Dokumentation, auf die er sich bezieht, am 6. Juni 2017 anlässlich des 50. Jahrestags des Sechs-Tage-Krieges in sein Programm nahm, entschloss sich Mena Watch dazu, die Kritik von Martin Kramer auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.

Am 26. Januar [2015] brachte die New York Times an prominenter Stelle einen Artikel ihres Jerusalemkorrespondenten Jodi Rudoren, in dem es um einen neuen israelischen Dokumentarfilm ging, der auf dem „Sundance“ Film-Festival in Utah seine Premiere feierte. Laut Rudorens sehr ausführlichem Bericht handelt es sich bei dem Film, „Censored Voices“, um eine aufsehenheischende Enthüllungsgeschichte über den Arabisch-Israelischen Krieg vom Juni 1967 – auch bekannt als der Sechs-Tage-Krieg – wie er in Gesprächen, die direkt nach dem Krieg mit Soldaten geführt wurden, erzählt wird.
Seit seinem Debüt auf dem Sundance wurde die eine Million Dollar teure israelisch-deutsche Co-Produktion auch auf Festivals in Berlin, Florenz, Genf, Madrid, Toronto, Warschau und Zagreb gezeigt. Seine israelische Premierenparty fand auf dem „Docaviv“ Dokumentarfilmfestival in Tel Aviv statt (wo ich ihn gesehen habe), derzeit wird er in den israelischen Kinos gezeigt und in Rezensionen und Feuilletonartikeln in den großen Tageszeitungen besprochen. Ein israelischer Dokumentarfilmsender wird ihn im August ausstrahlen, Rechte wurden nach Kanada, Australien, Neuseeland und quer durch Kontinentaleuropa verkauft, und im Herbst wird der Verkaufsagent des Films ihn in Großbritannien an den Start bringen. Ein amerikanischer Verleih hat die US-Rechte gekauft und plant, ihn Ende des Jahres in die Kinos zu bringen.
„Censored Voices“ wird voraussichtlich ebenso große Wellen schlagen wie „The Gatekeepers“ (deutsch: „Töte zuerst“ [sic!]), die Dokumentation von 2012, in der sechs ehemalige Chefs von Israels Geheimdienst [Shin Bet] zu Wort kamen – wenn nicht sogar noch größere. Und zwar aus demselben Grund: Es werden Israelis gezeigt, die ihr eigenes Land dafür anklagen, bei der Kriegsführung hinter den hohen Standards zurückzubleiben. Und der Film regt zu dem Schluss an, dass die Behauptungen über Fehlverhalten wahr sein müssen, weil die israelischen Behörden die Originalinterviews zensiert hätten: volle 70 Prozent davon hätten sie bewusst dem Vergessen anheim gegeben.
Doch Zuschauer: Vorsicht…“
(Der vollständige Artikel von Martin Kramer erschien im Juni 2017 in deutscher Übersetzung auf Mena-Watch.)

+++ Die ARD wird den Film am 28.08.2017 um 23.45 Uhr erneut senden +++

Gentleman’s Agreement – Tabu der Gerechten

Spielfilm – 118 min., USA 1947
Buch/Regie: Moss Hart/Elia Kazan

In der Einleitung seines Romans „Focus“ erinnert sich der US-amerikanische Autor Arthur Miller an eine Begebenheit, die sich in den frühen 1980er Jahren zugetragen hatte: In einer Radiosendung des Lokalsenders von Connecticut rechtfertigte ein Hörer eine Anschlagsserie gegen Juden im Raum Hartford mit unverhohlenem Antisemitismus. Wie sich später herausstellte, war der Täter jedoch ein geistesverwirrter junger Jude. Eine nicht ganz unähnliche Situation Anfang 2017: Als der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump im Wahlkampf 2016 mit seiner Personalpolitik sowie seinem „Argument for America“ den latenten Antisemitismus befeuerte, wurden nach seiner Wahl mehrere jüdische Friedhöfe geschändet und dutzende jüdische Einrichtungen mit Anschlägen bedroht. Für die Bombendrohungen konnte wiederum ein jüdisch-israelischer Jugendlicher als mutmaßlicher Einzeltäter ermittelt werden. Das Thema scheint also wieder vom Tisch.
Der Antisemitismus in den Vereinigten Staaten ist allerdings weder harmlos noch neu. Er unterliegt historischen Kontinuitäten und Modifikationen und findet sich nicht nur in isolierten Gruppierungen wieder, sondern war und ist unabhängig von jeweiligen Milieus in allen Schichten der US-amerikanischen Gesellschaft als latente Gefahr vorhanden. Wie salonfähig der Antisemitismus insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war, lässt sich am weitverbreiteten Resort Antisemitism ebenso gut nachvollziehen wie am sogenannten Leo Frank-Case, dem publizistischen Engagement des Industriellen Henry Ford oder am Fall von Ethel und Julius Rosenberg.
Elia Kazans Gentleman’s Agreement aus dem Jahr 1947 gilt als erster Film aus Hollywood, der sich ausschließlich mit dem Antisemitismus im bürgerlichen Milieu der Vereinigten Staaten auseinandersetzt. Streckenweise fühlt man sich auch hier wieder an Arthur Miller’s „Focus“ erinnert, dessen Roman jedoch den Antisemitismus weitaus radikaler ins Visier nimmt als es der Film tut. Denn während der Judenhass unter den „Gentlemen“ Elia Kazans eher latent vorhanden und in einem versöhnlichen Ende aufgelöst wird, ist beim Lesen Arthur Millers die Gewaltförmigkeit des Antisemitismus auf eine unerträgliche Art und Weise fast schon körperlich spürbar. Ohne dem Film das Engagement absprechen zu wollen: Wie man kurz nach Kriegsende und Shoah ohne Verweis auf das eliminatorische Gewaltpotenzial einen Film gegen Antisemitismus produzieren kann, bleibt fragwürdig. Vielleicht wollte man das Publikum im Land der Sieger über Nazideutschland nicht vor den Kopf stossen? Apropos: Millers Roman jedenfalls bleibt auch in dieser Hinsicht eine empfehlenswerte Handreichung: Denn hier hat anscheinend auch der Baseballschläger Woody Allens sowie des „Bärenjuden“ Quentin Tarantinos seinen Ursprung.

„That one’s for Hitler!“ – Baer vs. Schmeling

Aufzeichnung – 24 min., USA 1933

Aufzeichnung des Kampfes „Max Baer vs. Max Schmeling“ in New York 1933. Während in Deutschland bereits der Ausschluss jüdischer Sportler aus den Verbänden betrieben wurde, zeigte Max Baer mit dem Davidstern auf der Hose eine einmalige solidarische Geste. In einem eindrucksvollen Kampf siegte Baer nach technischem KO in der 10. Runde und verpasste damit dem deutschen Sportwesen auf symbolischer Ebene eine verdiente Abreibung.
Max Baer, der einen jüdischen Großvater hatte, als US-amerikanischer Staatsbürger jedoch noch nicht unmittelbar von den Deutschen bedroht war, musste allerdings auf einem anderen Feld einen Tiefschlag hinnehmen. Denn neben dem Boxsport versuchte Baer auch im Filmbusiness zu punkten. Seinen ersten großen Auftritt als Hauptdarsteller hatte er 1933 in der US-amerikanischen Filmkomödie „The Prizefighter and the Lady“. Der Film sollte auch in Deutschland unter dem Titel „Männer um eine Frau“ im Kino gezeigt werden, wurde jedoch verboten. Den deutschen Sportsfreunden dürfte Max Baer als Sieger über Max Schmeling noch in schlechter Erinnerung geblieben sein, als sie dann bald jene Nachricht lasen, die der Völkische Beobachter am 29.4.1934 veröffentlichte. Unter der Überschrift „Bestätigtes Filmverbot“ stand dort zu lesen:

Berlin, 28.4. Gegen die Entscheidung der Prüfstelle, die dem Film „Männer um eine Frau“ wegen der Mitwirkung des amerikanischen Boxers Max Baer als Hauptdarsteller die Zulassung versagte, hatte die Metro Goldwyn Mayer-Film AG Beschwerde eingelegt. Die Oberprüfstelle hat in ihrer heutigen Sitzung diese Beschwerde zurückgewiesen und das Verbot aufrechterhalten. In Übereinstimmung mit der Prüfstelle und dem von dieser Stelle vernommenen Sachverständigen des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda hält die Oberprüfstelle daran fest, dass die Zensur nicht einfach an der Tatsache vorbeigehen könne, dass das deutsche Volk die Vorführung von Filmen mit jüdischen Hauptdarstellern als Provokation empfinde. An diese Art Filme müsse daher ein besonders strenger Maßstab gelegt werden. Vorwiegend sei es das Verhältnis des jüdischen Darstellers, der nach Ansicht der Oberprüfstelle obendrein ein durchaus negroider Typ sei, zu den in dem Film mitspielenden nichtjüdischen Frauen, das eine Verletzung des nationalsozialistischen Empfindens im Sinne des neuen Lichtspielgesetzes vom 16. Februar 1934 enthalte. Aus diesem gesetzlichen Verbotsgrunde sei die fernere Vorführung des Films, und zwar sowohl in der Originalfassung wie in der deutschen Fassung nicht mehr angängig.“

(aus Joseph Wulf: „Kultur im Dritten Reich“)

Max Baer ist heute nahezu vergessen. Max Schmeling dagegen avancierte trotz seiner Funktion als NS-Werbe-Ikone zu einer Art „Oskar Schindler des deutschen Boxsports“. Bestärkte er 1936 im WM-Ausscheidungskampf mit seinem Sieg über den afro-amerikanischen Boxer Joe Louis den deutschen Rassenwahn, so wurde sein Leben mit „Max Schmeling – Eine deutsche Legende“ posthum als nationales Feel-good-Movie verhunzt. Da war er also wieder: Der gute Deutsche! Die Ehre jedoch, der deutschen Volksseele frühzeitig nicht nur aufs Maul zu schauen, sondern auch zu geben, die gebührt ganz unzweifelhaft Max Baer.

„Hail Hitler!“: Baer siegt nach technischem KO in der 10. Runde
| © ACME Newspictures. Quelle: Archiv Buschbom.

Gefährliche Allianz: Grüne Esoterik und braune Philosophie?

Dokumentation – 45 min., D 2017
Film von Susanne Roser

Die Esoterikszene ist für manche vielleicht etwas verwunderlich: Sie glaubt an Übernatürliches, predigt Liebe und fordert die Rückbesinnung auf altes Wissen. Die meisten halten sie für unpolitisch. Aber ist sie das wirklich? Bei genauem Hinsehen findet man in dieser Szene auch politische Inhalte und immer öfter sogar extremes und antisemitisches Gedankengut.“

(Sendungsankündigung Bayerischer Rundfunk)

Nun könnte man ja oben genannte Einordnung der Esoterik auch für das Christentum vornehmen. Aber durch diese Dokumentation der ARD-Themenwoche „Woran glaubst Du?“ begleitet uns ein „Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche“. Er ist Fachmann für braune Esoterik. Und als ein moderner Teufelsaustreiber beobachtet er in Vollzeit, wie die zunehmend erfolgreichere Konkurrenz ihre Seelenheilprodukte mit Blut-und-Boden-Ideologie und antisemitischen Verschwörungstheorien anreichert. Ganz ungeachtet dessen, dass die Evangelische Kirche im Nationalsozialismus eine beeindruckende Anpassungsleistung vollbrachte, bietet sich hier eine famose Gelegenheit, sich als Teil des demokratischen Spektrums von extremistischen Auswüchsen abzugrenzen und als Hort der Freiheit und Vernunft darzustellen.
Aber im Kampf gegen die rechte Öko- und Esoterikszene braucht es Verbündete! Der Bund der Freien Waldorfschulen kriegt zwar hier und da immer noch Probleme mit den eigenen Lehrkräften, hat aber mittlerweile die Deutsch-Lektion auch schon gelernt: Nachdem auffällig gewordene Mitarbeiter widerwillig gekündigt wurden, präsentiert man an anderer Stelle pflichtschuldigst eine Aufklärungsbroschüre zum Thema „Reichsbürger“. Darin muss sich allerdings der Bund der Freien Waldorfschulen mit dem autoritären, rassistischen und antisemitischen Gedankengut der Anthroposophie Rudolf Steiners genauso wenig auseinandersetzen wie vor der Kamera. Das macht die konsultierte Mobile Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus schließlich auch nicht: Anstatt einer Mutter von Waldorfschülern zu raten, den Schulvertrag zu kündigen, reicht es scheinbar aus, über Infiltrationsstrategien von Nazis aufzuklären. Lancieren Reichsbürger ihre Ideen in unschuldigen kleinen Öko-Heftchen oder nutzen „alternative“ Räumlichkeiten für Zusammenkünfte eines neonazistischen „Polizei-Hilfswerks“, muss dann endlich auch mal der Verfassungsschutz in die Pflicht genommen werden. Der ist ja schließlich bekannt dafür, dem Naziproblem so richtig tief an die Wurzel zu gehen. Und der bayerische Rechtsaußen-Innenminister darf das Problem dann gern wieder etwas runterrechnen. Die altbewährte Rhetorik des Joachim Herrmann und seiner Parteikollegen von der CSU hat natürlich nichts mit dem bayerischen Dorf Bolsterlang zu tun, wo „besorgte Bürgervertreter“, die die Zwangsenteignung ihrer Ferienwohnungen zugunsten Geflüchteter phantasierten, sich lieber gleich der Reichsbürgerbewegung zuwandten. Ein Jahr später haben „die Bolsterlanger“ Haltung gewahrt und die erste Demonstration in Deutschland gegen Reichsbürger organisiert. Was für ein Erfolg! Demokratisches Bildungsfernsehen at its best!
Wir lernen: Der Nazi kommt immer aus der Fremde. Er zersetzt die deutsche Gemeinschaft und besetzt die deutsche Scholle. Er platziert seine Botschaften geschickt auf „harmlosen“ Esoterik-Messen oder in einem Seminarzentrum namens „Sonnenstrahl“. Er agitiert als Schamane auf „pazifistischen“ Anti-Nato-Protesten gegen die Kriegstreiberei der Amis oder infiltriert das „freie Geistesleben“ der Waldorfschulen. Er gründet nach Art der „Wedrussen“ ganzheitliche Familienlandsitze und pflanzt Kartoffeln auf dem „unbelasteten“ Boden deutscher Ökos. Oder er macht mit seinen verrückten „Reichsflugscheiben“ Zwischenlandung in bayerischen Dorfgemeinschaften. Dabei nutzt er für seine perfide Propaganda nicht nur Stammtische, sondern auch „alternative“ Medien! Aber kaum macht man eine Broschüre oder organisiert eine Demo, dann ist er auch schon wieder weg. Diese Nazis sind einfach nicht zu fassen! Das riecht nach Verschwörung! Aber Gott sei Dank gibt’s noch staatliches Fernsehen!


„Blut und Boden“ oder „Letztlich sind wir beide Verwandte!“: Ein
deutscher Bauer spricht mit braunem Klumpen Erde. | © BR 2017

Opfersehnsucht und Judenneid: „Die Blumen von gestern“ von Chris Kraus

Spielfilm – 126 Min, D 2017
Film von Chris Kraus


In „Die Blumen von gestern“ lässt der Regisseur Chris Kraus einen unter Impotenz leidenden Holocaustforscher auf eine neurotische französische Jüdin treffen, deren Oma vom Opa des Holocaustforschers umgebracht wurde – und die beiden verlieben sich ineinander. Diese kitschige Versöhnungsgeschichte hat auch mit der Familiengeschichte Kraus‘ und seinem Verhältnis zur deutschen Nation zu tun.

Chris Kraus ist ein deutscher Regisseur, ein Regisseur, der eine ganz genaue, unverkrampfte Vorstellung davon hat, was deutsch ist. In seinem Film „Die Blumen von gestern“ geht es um den Holocaustforscher Totila „Toto“ Blumen und sein Leiden. Dieser ist „traumatisiert“ (Kraus) davon, dass sein Opa SS-General in Riga war. Begleiterscheinungen dieses Traumas: Er schlägt seinen Chef, der ihn von der Organisation eines „Auschwitz-Kongress‘“ entbinden möchte, in einer völlig überzeichneten Szene am Anfang des Filmes brutal krankenhausreif, kommuniziert hauptsächlich in Vulgärsprache („Scheisse“, „Nutten“) und – Wie auch sonst männliches Leid möglichst ausdrucksstark symbolisieren? – kriegt keinen mehr hoch. Ihm zu Seite gestellt wird Zazie, eine neurotische französische Jüdin, deren Oma von Blumens Opa ermordet wurde. Sie verlieben sich ineinander und, man ahnt es schon, Blumen gerät wieder in den vollen Besitz seiner „Männlichkeit“. Laut Kraus in einem Interview zum Film war es:

„von Anfang an klar, dass es eine Versöhnungsgeschichte werden soll. Also eine Geschichte über die Chancen, die Menschen einer unmöglich erscheinenden Versöhnung einräumen. Diese absolute Trennung zwischen „Juden“ und „Deutschen“, die der Holocaust gezeitigt hatte, schien ja auf alle Zeiten das Verhältnis der Völker zueinander festgelegt zu haben. Vor diesem Hintergrund ist eine Liebesgeschichte zwischen einer Jüdin und einem Deutschen, dessen Großvater die Großmutter der Jüdin ins Gas geschickt hat, am denkbar weitesten weg von der Trennung, die die Nazis verbrochen haben. In dem damit verbundenen Wunsch nach Versöhnung liegt auch die Legitimation des Komödiantischen, des Leichten, wie ich finde.“

Dieser Wunsch ist zuvorderst ein deutscher, eingebettet in globale Konstellationen, in denen der Holocaust Chiffre für Menschenrechtsverletzungen jeder Art geworden ist (Kraus: „Es ist nicht vorbei. Im Augenblick erleben wir furchtbare Zeiten, in Syrien, in Libyen. Man hat fast den Eindruck, die halbe Welt brennt. Bestialität stirbt nicht aus, sie ist ein Teil unserer mentalen Ausstattung. An dieser Stelle wollte ich ansetzen.“) Kraus‘ Film zeigt ganz deutlich, an wen dieser Wunsch gerichtet ist: Es sind die Holocaust-Überlebenden und ihre Angehörigen, die die Deutschen mit ihrer Geschichte zu versöhnen haben. Dass der Patient längst geheilt ist, hat Katrin Antweiler dabei unlängst in der Jungle World festgestellt. Kraus‘ Wunsch nach Entkrampfung ist so neu, wie „Die Blumen von gestern“ lustig ist. Bereits 1946 hat Wolfgang Staudte in „Die Mörder sind unter uns“ der dreisten Nötigung nach Versöhnung vermittels der Liebesbeziehung zwischen einem Ex-Landser und einer Holocaustüberlebenden filmischen Ausdruck verliehen.
Muss Toto Blumen im Film erst noch geheilt werden, so ist Chris Kraus bereits unheilbar gesundet. Entgegen eines großen Teils der dritten Tätergeneration, die daran festhält, dass Opa kein Nazi war, bekennt er sich zu seiner Familiengeschichte: Sein Opa war Offizier der SS-Einsatzgruppe A. (Diesen in einen Widerstandskämpfer umzumünzen, dürfte aber auch ungleich schwerer fallen.) Die negative „Geschichtslast“ jedoch, so Kraus, sei mit der positiven Gegenwart unauflösbar zu einem großen Ganzen verschmolzen, zu einer „Kultur, die nicht zu verorten ist“. Denkt Kraus an Deutschland, dann denkt er an etwas, aus dem er „nicht entkommen kann.“ Deutschland als Schicksalszusammenhang? Der Gang der Geschichte wäre demnach vorbestimmt, nach individuellen Verantwortlichkeiten zu fragen, folglich sinnlos. Alle sind unterschiedslos Opfer des Krieges! Die deutsche Opfersehnsucht wird dann auch in einer Filmbesprechung der Welt ganz unverfroren ausgedrückt:

„Deutschland hat sich lange bequem in der Büßerrolle eingerichtet, man könnte auch sagen: in seinem Holocaust-Kult. Die Unfähigkeit, um die Toten vom Breitscheidplatz richtig zu trauern, hat auch damit zu tun, dass man sich in der Opferrolle gar nicht mehr vorstellen konnte.“

Der Autor Hanns-Georg Rodek hat die letzten Jahre offensichtlich in einem Erdloch ohne TV-Anschluss und Internetverbindung zugebracht. Wir empfehlen ihm aus der schieren Unzahl deutscher Filmproduktionen, die sich den deutschen Opfern widmen, „Wolfskinder“ (2014) von Nick Ostermann und damit ein besonders widerwärtiges Machwerk unverkrampfter neuer deutscher Filmgeschichte, in die Kraus mit „Blumen von gestern“ noch mehr Unverkrampftheit hineingeschrieben hat, falls das überhaupt möglich ist.

„Denke ich an Deutschland…“ – Wer dabei nicht wie Heinrich Heine um den Schlaf gebracht wird, den empfehlen wir zur nächtlichen Lektüre „Opfersehnsucht und Judenneid – ein Kommentar zur Nationalisierung der Erinnerung“ von Eike Geisel.

Hebron – Die zerrissene Stadt

Dokumentation – 45 Min., D 2017
Film von Nicola Albrecht

Nachdem die Unesco im vergangenen Jahr bereits jegliche jüdische Verbindung zum Tempelberg geleugnet hatte, setzte sie vor wenigen Tagen die Altstadt Hebrons auf die Liste des gefährdeten palästinensischen Welterbes. Für das deutsche Fernsehpublikum kam diese Entscheidung wenig überraschend, betreiben doch „Israel-kritische“ TV-Produktionen seit jeher eine Delegitimierung israelischer Staatlichkeit, manche völlig offen, andere, so wie „Hebron – Die zerrissene Stadt“, vermeintlich um Ausgewogenheit bemüht und auf eine Besonderheit dieser Staatlichkeit, die jüdischen Siedlungen, abhebend.

Über die einseitige Israel-Berichterstattung des öffentlichen-rechtlichen Fernsehens in Deutschland ist in der Vergangenheit auch auf diesem Blog immer wieder berichtet worden. Die Hoffnung, dass diese eines Tages der Vergangenheit angehören wird, muss nicht zuletzt angesichts des anti-israelischen Trommelfeuers der vergangenen Wochen insbesondere auf Arte, dem Gebaren um die Antisemitismusdoku von Arte und WDR inklusive des Maischberger-Tribunals gedämpft werden. Immer erst müssen pro-israelische Verbände und engagierte Einzelpersonen intervenieren, damit die Verantwortlichen in den Sendern bereit sind, wenigstens die krassesten Fehltritte zu korrigieren. Oft geschieht jedoch nicht einmal das. Die Kommunikation der Sender dabei ist ein Desaster: Der WDR, der allen Ernstes Pressemitteilungen von NGOs als „Faktencheck“ bezeichnet, das ZDF, das in seiner Heute-Sendung zu 50 Jahre Sechstagekrieg wie selbstverständlich von einem israelischen „Blitzkrieg“ spricht und auf kritische Nachfragen nur lapidar antwortet:

„Natürlich ist es in einem kurzen Nachrichtenbeitrag nicht möglich alle historischen Zusammenhänge umfassend, mit allen Facetten darzustellen.“

(E-Mail der ZDF-Zuschauerredaktion an eine engagierte Privatperson vom 26.6.2017)

Dass die Adressaten dieser Israel-Berichterstattung, das deutsche Fernsehpublikum, zu großen Teilen antisemitisch eingestellt sind und dem jüdischen Staat in klassischer Schuldumkehr Nazi-Methoden vorwerfen, nimmt da wenig Wunder. Genauso ist es wenig überraschend, dass sich hierzulande kaum jemand empört, wenn, wie vor wenigen Tagen geschehen, einer der heiligsten Stätten des Judentums, die Höhle des Patriarchen, die Machpela in Hebron, unter den Schutz der Unesco gestellt wird – als ausschließlich palästinensisches Welterbe. Fragwürdige UN-Organisationen und das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland arbeiten dabei mit ganz unterschiedlichen Methoden an ein und derselben Sache – der Delegitimierung israelischer Staatlichkeit.
Am 7. Juni sendete das ZDF eine Dokumentation seiner Israel-Korrespondentin Nicola Albrecht, die explizit alle Seiten zu Wort kommen lassen sollte. Gegen Ausgewogenheit ist natürlich erst einmal nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil. In einem Interview zur Doku äußerte sie sich auf die Frage, inwiefern der Vorwurf einseitiger Berichterstattung ihre journalistische Recherche beeinflusst, folgendermaßen:

„Ja, der Vorwurf der einseitigen Berichterstattung ist tatsächlich kein neuer. Das hat mit den unterschiedlichsten Faktoren zu tun: Der israelisch-palästinensische Konflikt ist ein emotional extrem aufgeladener Konflikt, zu dem fast jeder eine Meinung hat, auch wenn er eigentlich nichts darüber weiß. Und das führt dazu, dass viele Rezipienten der Berichterstattung mit ihrer Brille, mit ihrer Sicht der Dinge die Beiträge lesen oder anschauen. Sie sehen selbst dort schwarz-weiß, wo Journalisten versuchen, die verschiedenen Grauschattierungen zu benennen. Dieser Konflikt ist komplex und vielschichtig. Es gibt Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht auf beiden Seiten – und das ist sicher auch nicht immer leicht in Nachrichtenformaten darzustellen.

Geben wir uns also Mühe, nicht schwarz-weiß zu sehen, wo uns Frau Albrecht versucht, die „Grauschattierungen“ zu zeigen. Wer taucht als erstes in der Doku auf? Eine Siedlerin: „Wir sind keine Besatzer. Das Land gehört uns, dem Volk Israel.“ Als nächstes, ein palästinensisches Mädchen: „Dann sehen wir einen Siedler, wie er auf einen jungen Palästinenser zielt. Er hat ihn einfach erschossen.“ Bevor die Doku überhaupt richtig losgegangen ist, hat sie bereits festgelegt, wer Aggressor und wer Opfer ist. Diese Zuweisung wird bis zum Ende keine nennenswerten Differenzierungen erhalten. Vereinzelte Abweichungen bestätigen nur die Regel. Letztendlich folgt somit auch diese vermeintlich um Ausgewogenheit bemühte Dokumentation von Nicola Albrecht den bewährten Rezepten „Israel-kritischer“ TV-Produktionen, deren Zutaten auf diesem Blog bereits an anderer Stelle vorgestellt wurden:

„Zunächst braucht es immer einen Juden, der den Israelis Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Rassismus vorwirft. Dann einige Gegenstimmen, die aber argumentativ nicht ins Gewicht fallen dürfen. Weiterhin unschuldige Opfer der Israelis. Und letztendlich einen extrem unsympathischen Juden (am beliebtesten ist derzeit der „Siedler“), der das eigene Ressentiment von der jüdischen Bedrohung eines friedliebenden Volkes (wahlweise des deutschen, des iranischen, hier das des palästinensischen) bestärkt. Fertig.“

Die Konstellation mag in „Hebron – Die zerrissene Stadt“ leicht modifiziert sein, läuft jedoch genau auf dasselbe hinaus. Interessanterweise kennt man den mit Abstand unsympathischsten Juden – es gibt in der Doku derer gleich mehrere – bereits aus Re:Breaking the Silence.
Warum Israels Siedlungen nicht das Problem sind, wurde verschiedentlich festgehalten. Das Bild der Juden, die unrechtmäßig Land besetzen und andere Menschen dabei vertreiben, wird, so Nikoline Hansen, gerade in Deutschland verstanden. Gerade hier, in dem Land, in dem der millionenfache Judenmord die Volksgemeinschaft zu sich selbst kommen ließ, danach aber niemand dabei gewesen sein will, sind heute alle unterschiedslos Opfer des Krieges. Da offener Revisionismus jedoch schon eine Weile nicht mehr en vogue ist, suchen sich die postnationalen Deutschen andere Felder, auf denen sie ihr Rumgeopfer mehr oder minder versteckt ausagieren können, wie in der Projektion des Opferseins auf die Palästinenser.
Diese versuchen nun schon seit einiger Zeit in UN-Gremien den Konflikt mit Israel auf eine neue Stufe zu heben, was ihnen angesichts einer größtenteils anti-israelischen UN auch zunehmend gelingt. Letztes Jahr wurde eine Unesco-Resolution verabschiedet, in der jegliche jüdische Verbindung zum Tempelberg in Jerusalem kurzerhand geleugnet wurde. Dass nun Palmyra, was zu großen Teilen von ISIS zerstört wurde und Hebron gleichermaßen gefährdet sein sollen, verweist erneut auf den politischen Charakter der Unesco-Entscheidung. Diese Politisierung von Geschichte, so die Jerusalem Post, wird letztendlich auch anderen Orts dem Schutz von besonders geschichtsträchtigen Orten einen Bärendienst erweisen – was den meisten Mitgliedsländern der Unesco aber egal zu sein scheint, solange es nur gegen den jüdischen Staat geht. Die erneute Unesco-Entscheidung ist in Wirklichkeit dem Schutz von etwas ganz anderem verpflichtet, wie Alex Feuerherdt bereits letztes Jahr festhielt:

„Der Resolutionsentwurf der Unesco ist ein weiterer atemberaubender Versuch einer Einrichtung der Vereinten Nationen, die Existenzberechtigung und die Wurzeln des jüdischen Staates – eines UN-Mitglieds! – zu leugnen und ihn buchstäblich zu delegitimieren. Mit dem Papier ist der Antisemitismus gewissermaßen erneut als Weltkulturerbe geadelt worden.“

Dokumentationen wie „Hebron – Die zerrissene Stadt“ helfen nicht trotz, sondern genau wegen ihrer „Ausgewogenheit“, solche Entscheidungen mit vorzubereiten. Sie verfolgen wie die Unesco eine politische Agenda und zwar die Delegitimierung der israelischen Staatlichkeit.

„Die Heimat braucht euch lebendig.“ – Herr Jabari von der Fatah
in einem palästinensischen Klassenzimmer. Bewegend! | © ZDF 2017

Unsere Mütter, unsere Väter

TV-Spielfilm, 3 × 90 min., D 2013
Regie: Philipp Kadelbach / Drehbuch: Stefan Kolditz

Auszug einer Filmbesprechung aus „The Aftermath of the Allied Victory Over Germany“ (Eine Broschüre der antifaschistischen 70YEARS-Kampagne):

„Fünf Stunden Selbstmitleid für die Jugend des Dritten Reichs“ – so lautete eine der wenigen treffenden Kritiken des ZDF-Spektakels. Doch die kam natürlich nicht aus Deutschland. Die US-amerikanische Unterhaltungsseite „A.V. Club“ fasst die Botschaft des TV-Events des Jahres 2013 weiterhin folgendermaßen zusammen: „Ja, eure Großeltern mögen Nazis gewesen sein. Aber vielleicht waren sie auch so nett wie die Leute in dem Film.“ Die New York Times ging sogar noch weiter und verglich das Kriegsdrama mit einem NS-Propagandafilm. Die deutschen Kritiken sahen hingegen ganz anders aus. In Feuilletons und Talkshows war man sich weitgehend einig: Der Film wurde als Tabubruch und großartiges Historienepos mit Aufklärungscharakter gehandelt. Das ZDF empfahl ihn für den Geschichtsunterricht; Historiker, Antisemitismusexperten, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung und Gedenkstättenleiter gaben dem Film insgesamt Bestnoten. Endlich würde man die ganze Wahrheit über den schrecklichen Krieg erfahren, die Grausamkeit würde schonungslos dargestellt und sollte Pflichtprogramm für die deutsche Familie werden. Die schaute brav zu: Der Dreiteiler erreichte im Schnitt sieben Millionen Zuschauer und hatte einen Marktanteil von 20 bis 25 Prozent. Begleitet wurde der Film von einem regelrechten Medienhype. Zwar wurde hier und da kontrovers diskutiert, aber grundsätzlich kam „Unsere Mütter, unsere Väter“ in Deutschland gut an. Der Spiegel verklärte den dreiteiligen Spielfilm zum „neuen Meilenstein deutscher Erinnerungskultur“.
Dies konstatierte [bereits] der Publizist Eike Geisel 1993 zur Erinnerungspolitik des vereinten Deutschland. Anlässlich der Einweihung der Neuen Wache, die „Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ die der Krieg von Helden sein soll, beschrieb er die „Rückkehr zur Normalität“ für das Land der Täter: „Bei Nacht, sagt man, sind alle Katzen grau, und so soll es nun Helden verwandelt auch den Toten gehen, die hinter der Losung ‚Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft‘ in einem Nebel standardisierter Trauer verschwinden.“ Irgendwie waren doch alle Opfer – ja, auch die Deutschen. Opfer der Verhältnisse, Opfer des Krieges und zuletzt natürlich Opfer des alliierten Bombenhagels. Neu aufgelegt und in Blockbuster-Format wird diese deutsche Opfertümelei in „Unsere Mütter, unsere Väter“ präsentiert, in dem es um das Schicksal fünf naiver, deutscher Freunde geht, die der Krieg von Helden in Schweine und wieder in Helden verwandelt; mit denen man fünf Stunden lang mitfiebern und mitfühlen soll, von denen man zwar angeekelt ist, aber zugleich gar nicht anders kann, als Verständnis für ihr Handeln aufzubringen.
Das Hauptmotiv des Films schallt als Mantra fortwährend aus dem Off: „Der Krieg wird das Schlechteste in uns hervorbringen.“ In dem Satz schwingen Widerstand und Ohnmacht mit. Man wollte eigentlich gar nicht, aber man musste, und machte sich ganz unfreiwillig schuldig. Doch von Schuld will man heute (wie damals) nicht sprechen. Schließlich habe der grausame Krieg, den doch niemand wollte, vor allem nicht die Protagonisten des Films, auch genug Opfer auf deutscher Seite gebracht. Arnulf Baring, deutscher Historiker mit einer Position rechtsaußen, sprach es bei „Markus Lanz“ ganz offen aus: „Ganz großartig ist ja in dem Film, dass man sieht, dass die ganze Teilung, von der wir seit Jahrzehnten reden, nämlich zwischen Opfern und Tätern, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer.“
Auch in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“, in der man im Jahr 2015 anlässlich des 70. Jahrestages der deutschen Niederlage über „Das Erbe von 1945: Deutsche Schuld, deutsche Opfer“ diskutierte, wurden Täter und Opfer stets als eins gedacht. In der Sendung ging es dann hauptsächlich um deutsche Opfer. Sandra Maischberger und der Großteil ihrer Studiogäste waren davon überzeugt, dass es an der Zeit sei, endlich über diese zu reden. Nico Hofmann, der Regisseur (eigentlich der Produzent; Anm. d. R.) von „Unsere Mütter, unsere Väter“, hatte das mit seinem Film geschafft. Nach eigener Aussage wollte er mit der „unglaublichen Schuld-Sühne-Pädagogik“ – als ob es so etwas je gegeben hätte – Schluss machen und zeigen, wie „fehlgeleitet unsere historische Aufklärungsarbeit gewirkt hat. Eine Kollektivschuld gäbe es schließlich nicht, und so versucht der Film dann auch, diese durch seinen Fokus auf individuelle deutsche Schicksale zu dekonstruieren. „Schicksal“ meint hier tatsächlich: von jeglicher Handlungsmöglichkeit befreite Protagonistinnen und Protagonisten. So zumindest stellt es der Film dar. Der Unterton, der latent mitschwingt, ist, dass die Deutschen anders gehandelt hätten, wenn sie nur gekonnt hätten. Doch die Verhältnisse, der Krieg, haben sie zu unmenschlichen Taten gezwungen. Passend dazu schrieb Bild: „Ein Entrinnen aus der Hölle dieses Krieges gab es für die deutschen Soldaten nicht.“ Der deutsche Soldat wird hier nicht nur zum Opfer der äußeren, als unveränderlich dargestellten Verhältnisse, er wird so auch nachträglich von jeder Schuld freigesprochen. Zwar werden auch die fünf Freunde im Laufe des Dramas zu grausamen Arschlöchern. Doch es gibt immer eine trennende Linie zwischen ihnen, die stets von Gewissensbissen geplagt sind und selbst am meisten unter ihrem unmenschlichen Verhalten leiden, und jenem sadistischen SS-Offizier, der das kleine jüdische Mädchen skrupellos und mordlüstern abknallt, oder den durch und durch antisemitischen polnischen Partisanen. Letztere sind im Übrigen neben einer einfältigen Deutschen die einzigen, die als explizit antisemitisch dargestellt werden…“

Deutsches Volksmärchen: „Einer meiner besten Freunde ist Jude.“
| © ZDF 2013