Tag-Archiv für 'antiimperialismus'

Off Frame aka Revolution bis zum Sieg

Dokumentation – 62 min., PSE 2016
Film von Mohanad Yaqubi

Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa hieß die Dokumentation, die der deutsch-französische Kultursender Arte im Juni 2017 nicht ausstrahlen wollte. Als Begründung für den letztlich missratenen Boykottversuch wurden handwerkliche Mängel angeführt. Der Film, der sich schwerpunktmäßig mit israelbezogenen Antisemitismus auseinandersetzte, sei zudem nicht ergebnisoffen und nicht multiperspektivisch genug gewesen. Gleichzeitig veranstaltete Arte in seinem Programm wochenlang ein anti-israelisches Trommelfeuer. Und bis heute werden weiterhin fast ausschließlich Reportagen und Dokumentarfilme ausgestrahlt, die „Israelkritikern“ dann die Munition liefern, um den israelischen Staat zu delegitimieren.
Ein besonders markantes Beispiel für die „ausgewogene“ Programmgestaltung zum Nahost-Konflikt ist der Propagandafilm Off Frame – Revolution bis zum Sieg, der das sogenannte palästinensische Widerstandskino der 1960er und 70er Jahre abfeiert. Der Beitrag lief 2017 auf der Berlinale, Arte stellt ihn uns seit Oktober 2017 ein ganzes liebes langes Jahr in seiner Mediathek zur Verfügung. Von der Einzigartigkeit dieser „Bilder eines Traums von Freiheit“ und der „Suche eines Volkes nach sich selbst“ waren die Programmverantwortlichen anscheinend schwer begeistert. Vielleicht hat man sich über jenes Genre auch schon genügend beim antisemitischen Webportal The Electronic Intifada informiert? Oder Arte empfindet es bereits als ausreichende Referenz, dass Regisseur Mohanad Yaqubi die antisemitische Boykottbewegung BDS unterstützt?
Die Bilder dieses Widerstandskinos jedenfalls gehören heute zum Standardrepertoire von Israelhassern jeglicher Couleur: die angeblich von Israel zu verantwortenden Vertriebenen und Getöteten, insbesondere die Darstellung notleidender Kinder und Frauen als Opfer „zionistischer Aggressionen“ sind ein Evergreen und ebenso beliebt wie Genozid-Vorwürfe und die Relativierung der Shoah. Hier kommt der Verlust des palästinensischen Filmarchivs nach dem Libanonkrieg 1982 einem „kulturellen Völkermord“ gleich. Wir sehen Bilder vom militärischen Drill palästinensischer Kindersoldaten, unterlegt mit völkischem Liedgut. Am Ende klingt der Film gar mit einem Schulhofappell und der Intonation der palästinensischen Blut-und-Boden-Hymne aus. Für Arte offenbar alles so anrührend und unschuldig wie die salbungsvollen Worte des für Palästina „gefallenen“ Judenmörders Jassir Arafat. Auch scheint die antisemitische Inszenierung vom jüdisch-amerikanischen Kapital dem Weltbild des europäischen Kulturkanals Arte genauso wenig entgegenzulaufen wie die medienwirksame Sprengung von Passagierflugzeugen unter der Parole „Down with Imperialism, Zionism & Israel“.
Der größte Mediencoup palästinensischer Revolutionäre wird in Off Frame allerdings nur beiläufig abgehandelt: Dabei konnten sie doch ihre Botschaft beim Terroranschlag auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972 in München über die TV-Bildschirme live in alle Welt tragen und ernteten dafür – allen voran Ulrike Meinhof – auch in der deutschen Linken viel Solidarität. Eingehend gewürdigt wird dagegen aber selbstverständlich das Wirken des antizionistischen, sich ebenfalls als links verstehenden Filmemachers und Terrorunterstützers Jean-Luc Godard. Im „Kampf gegen die zionistische Propaganda“ tat er Hier und Anderswo, was er nur konnte. Für den bewaffneten Kampf gegen Israel sammelte er auch schon mal Geld beim ZDF. Ein europäischer TV-Kanal mit ausreichender Sendezeit stand ihm und der PLO da allerdings noch nicht zur Seite.

+++ Der Film Off Frame aka Revolution bis zum Sieg ist noch bis zum 17.10.2018 bei Arte abrufbar +++ Seit Mitte Mai 2018 stellt Arte den Film auf seinem Youtube-Kanal zur Verfügung +++

Antiimperialistisches Agitprop-Theater: Mit Leib und Seele gegen
die „JewSA“? | © Arte 2017

Concerning Violence – Neun Szenen der anti-imperialistischen Selbstverteidigung

Dokumentation – 87 min., SWE 2014
Film von Göran Hugo Olsson

„Frantz Fanon wurde schon einmal in einem Film zitiert: in »Weekend«, Jean-Luc Godards Abrechnung mit der französischen Bourgeoisie und dem narrativen Kino, dessen Erzählweise er ins Assoziative, Allegorische auflöst. Göran Hugo Olsson geht in »Concerning Violence« konventioneller vor. Wie bereits in »The Black Power Mixtape« hat der schwedische Regisseur 16-Millimeter-Archivmaterial aus den Sechzigern und Siebzigern zusammengetragen, für seinen aktuellen Film Aufnahmen aus Camps antikolonialistischer Befreiungsbewegungen in Angola und Mozambique, ein Interview mit Missionaren in Tansania, Bilder aus Krankenhäusern, von Kampfhandlungen, aus der Blase weißer Siedler in Rhodesien, dem heutigen Simbabwe. Dazu spricht Lauryn Hill von den Fugees Auszüge aus Fanons bekanntester Arbeit `Die Verdammten der Erde` von 1961, die gleichzeitig eingeblendet werden.
Ein »kinematographischer Essay« soll so entstanden sein, dazu allerdings fehlt es dem Film an einer klaren argumentativen Struktur. Olsson hat letztlich eine – durchaus beachtliche – Materialsammlung montiert und mit Imperativen Fanons unterlegt. Wer diesem Vordenker der Entkolonialisierung, wie es etwa Jean-Paul Sartre tat, die Rechtfertigung von Gewalt unterstellt, sagt Gayatri Spivak, die Theoretikerin des Postkolonialismus, im 2013 aufgenommenen Prolog des Films, der lese nicht zwischen den Zeilen: Die Verdammten dieser Erde seien vielmehr unverschuldet durch die Gewalt anderer in eine Konstellation geraten, aus der sie sich bedauerlicherweise nur noch durch Gegengewalt befreien könnten. Dieser Prolog ist der einzige offensichtliche Bezug, den Olsson zur Gegenwart herstellt. Dabei wäre vieles gar nicht unbedingt historisch, sondern eher politisch erklärungsbedürftig: die Ablehnung des westlichen Individualismus etwa, der die Nation als positiven Gegenbegriff zur Kolonisation behaupten muß. Den Fanon-Fan Godard führte diese Denkweise bekanntlich auf Abwege und direkt in die Arme der PLO […]“ (Tim Slagman in konkret 9/2014)

Im Fall von Regisseur Olsson, der Literaturwissenschaftlerin Gayatri Spivak als auch bei Sprecherin Lauryn Hill führte diese Denkweise anscheinend direkt zum antisemitischen BDS-Movement. Auch wenn Olssons Film den Nahost-Konflikt ausspart: Vor dem Hintergrund eines solchen Engagements ist es mehr als naheliegend, dass im Kampf gegen den als rassistisch halluzinierten „Apartheid“-Staat Israel nicht nur Boykottaktionen favorisiert werden, sondern mit Rückgriff auf Fanon auch der antisemitische Terror sogenannter palästinensischer „Befreiungsbewegungen“ als antikoloniale Selbstermächtigung verklärt werden kann. Wie man die Legitimation von Terror jedenfalls betreiben kann, hat Gayatri Spivak bereits im Prolog des Films angedeutet: Mit dem Satz „Ihre Leben zählen nichts im Vergleich zu denen der Kolonialherren – uneingestandene Hiroshimas gegenüber sentimentalisierten 9/11.“ bagatellisiert Spivak nicht einfach nur den bis dato größten islamistischen Terroranschlag. Indem sie gleichzeitig die Opfer von 9/11 den „Kolonialherren“ zurechnet, betreibt sie Täter-Opfer-Umkehr auf das Widerlichste.

+++ Der Film hat es mittlerweile sogar ins Programm der Bundeszentrale für politische Bildung geschafft und kann dort in voller Länge abgerufen werden +++

Algier – Mekka der Revolutionäre

Dokumentation – 56 min., F 2014
Film von Ben Salama

Ich erinnere mich noch gut daran, was Kampfgenossen während der algerischen Revolution sagten: Wir werden nicht sagen können, Algerien sei frei, solange Palästina noch ein besetztes Gebiet ist.“

(Jassir Arafat)

Arte kann es einfach nicht lassen: Nachdem nun schon mehrmals angemerkt worden ist, dass Arte seine Zuschauer lieber mit „Israel-kritischen“ Dokumentationen unterhalten, als über gegenwärtigen Antisemitismus aufklären möchte, hat der Sender einmal mehr „antizionistischer“ Propaganda Raum gegeben und mit „Algier – Mekka der Revolutionäre“ diesmal ein von Pathos triefendes, antiimperialistisches Schmierenstück abgeliefert.
Die Arte-Hommage an die algerische Hauptstadt wird wie folgt angekündigt: „Nach Erringung der Unabhängigkeit im Jahr 1962 unterstützte Algerien bis Mitte der 1970er Jahre weltweit antikolonialistische und revolutionäre Bestrebungen. Die Staatspräsidenten Ahmed Ben Bella und Houari Boumedienne öffneten Algiers Tore für die, die gegen koloniale Unterdrückung und Rassismus kämpften.“ Filmemacher Ben Salama hat dabei die europäischen Kolonialmächte, die USA, das rassistische Apartheid-Regime in Südafrika und – wie sollte es anders sein – auch den Staat Israel in einen großen Topf gerührt und der algerischen Unterstützung des südafrikanischen ANC oder der afro-amerikanischen Black Panther Party deshalb genauso gehuldigt wie der Förderung des palästinensischen „Befreiungskampfs“. Obwohl der Nahost-Konflikt als ein Kampf von vielen im Film nicht besonders herausgestellt wird, lohnt es dennoch, sich den entsprechenden Szenen zu widmen.
Die quälend oberflächliche „Dokumentation“ scheint dabei das Wissen des Zuschauers um den angeblich kolonialistischen und rassistischen Charakter Israels einfach schon vorauszusetzen. Im Falle Israels bedarf es ja wie immer keines Belegs, sondern nur eines vagen ressentimentbehafteten Anstoßes. Vollkommen verkürzt wird daher der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 denn auch als israelische Aggression dargestellt, damit daraufhin in Algier eine Demonstration mit Parolen wie „Tod dem Imperialismus und Zionismus“ durchs Bild ziehen und die Kriegstreiberei Algeriens gerechtfertigt werden kann. Die 1973 von Algerien handfest unterstützte Vernichtungswut arabischer Staaten gegen Israel im Yom-Kippur-Krieg wird natürlich nicht gezeigt, dafür aber wiederum die herausragende Rolle Algeriens bei der diplomatischen Anerkennung der PLO bei den Vereinten Nationen gewürdigt, wo Judenmörder Jassir Arafat im Jahr 1974 in seiner „Ölzweig-Rede“ den Friedensbotschafter mimen durfte. Der Logik von Israelhassern folgend hätte der Film auch noch erwähnen können, dass Algerien bereits in der Bewegung Bündnisfreier Staaten eine Vorreiterrolle einnahm, wenn es um die internationale Isolierung und Delegitimierung des Staates Israel ging. Die 1975 verabschiedete UN-Resolution 3379 beispielsweise, die infam Zionismus und Rassismus gleichsetzte, folgte dem algerischen Vorsitz der UN-Vollversammlung unmittelbar, hatte jedoch schon zuvor ihre Entsprechung auf einer Konferenz der Bündnisfreien Staaten in Algier gefunden.
Doch für Differenzierungen bleibt im Film weder Zeit noch Raum, denn schließlich gaben sich in Algier Revoluzzer à la couleur sprichwörtlich die Klinke in die Hand. Fallstricke nationaler Befreiung, in Algerien wie anderswo, werden nicht einmal im Ansatz ausgeleuchtet. Ob der spätere notorische Verteidiger von Nazikriegsverbrechern, Holocaustleugnern und Diktatoren Jacques Vergés, der Antisemit und Terrorist Ilyich Ramírez Sánchez, genannt „Carlos“, oder die Fatah Jassir Arafats: Jeder, der im „Mekka der Revolutionäre“ landete, bekommt in diesem Film seinen Ehrenplatz. Den Reigen angeblich fortschrittlicher Befreiungsbewegungen darf dann im Film auch die Japanische Rote Armee abschließen. Arte verschweigt hier, dass diese Terror-Organisation nicht erst durch Hijacking bekannt geworden ist, sondern sich zuvor schon in ganz besonderer Weise für die „Befreiung Palästinas“ eingesetzt hatte. So hatten drei ihrer Mitglieder 1972 einen blutigen Anschlag auf den israelischen Flughafen in Lod verübt und dabei wahllos 24 Menschen ermordet. Wer letzten Endes dann also auch noch diese Mordkommandos als „Rebellen“ gegen „Rassismus und Kolonialherrschaft“ adelt, der scheint endgültig nicht mehr alle Rollen im Archiv zu haben! Da Arte sein Verhältnis zum antiisraelischen Terror anscheinend nicht geklärt hat, bleibt der Sender in dieser Hinsicht vor allem eines: das Mekka antizionistischer Filmemacher. Aber vielleicht fragt Arte bei Ben Salama einfach mal nach, wie er denn selbst diesen krönenden Abschluss seines Films verstanden wissen will?

+++ Die Arte-Pilgerreise ins „Mekka der Revolutionäre“ darf noch bis 24.05.2017 auf der Arte-Mediathek bestaunt werden. Aber schon am 23.05.2017 hat Arte sogar einen ganzen Filmabend im Programm, auf den wir in unseren Ankündigungen unter „Die lange Nacht gegen Israel“ bereits aufmerksam gemacht hatten. Obwohl wir ja dennoch hoffen, damit vielleicht etwas zu viel versprochen zu haben… +++

Keine Liebeserklärung: Bei dieser antiisraelischen Solidaritäts-
Demonstration im Juni 1967 in Algier ging es ganz offensichtlich
um ganz „Palästina“ | © Arte 2014

Ist der deutsche Rap antisemitisch?


„Deutschrap ist ein Scherz über den man mal gelacht hat / bis man festgestellt hat, dass er ernst gemeint war.“

(Edgar Wasser und Fatoni)


„Kontra Peace, Kontra Tel Aviv / Pro Freiheit, Kontra Politik/ … / Kontra Parasit, Kontra USA und Drogenkrieg“

(Snaga und Fard)

Dass Arte derzeit knallharte Programmpolitik betreibt, wurde hier erst kürzlich festgestellt. Da überrascht es nur auf den ersten Blick, dass der deutsch-französische Sender in seiner als arte journal bekannten Nachrichtensendung sich dem Thema Antisemitismus im deutschen Rap widmet. Warum dieser genau jetzt gesendet wird, darüber lässt sich nur spekulieren. Sollen jene Stimmen besänftigt werden, die zurecht die Zensur einer abendfüllenden Dokumentation über Antisemitismus in Europa kritisieren? Mit einem zweiminütigen Clip dürfte das nur schwer gelingen.
Es lassen sich – das Thema ist leider kein neues – noch wesentlich krassere Texte als die von Snaga und Fard finden. Lizas Welt berichtete bereits 2008 über offenen Antisemitismus nicht weniger Deutschrapgrößen, auch über die Verharmlosung seitens des Feuilletons. Selbst der Satiriker Jan Böhmermann versagt bei diesem Thema völlig. Erst rappte der in einem Pullover einer palästinensischen Entwicklungshilfeorganisation auftretende Prinz Pi in seiner Sendung folgende Zeilen:

„Ich hab ein Mikroskop, gib mir dein Telefon/ Wie Ahmadinedschad mach ich eine Kernfusion.“

Dann lud er den selbsternannten „Boss“ Kollegah, mit bürgerlichem Namen Felix Antoine Blume, in seine Sendung ein, um mit ihm laut Teaser über die Antisemitismusvorwürfe, die zur seiner Ausladung vom diesjährigen Hessentag geführt hatten, zu sprechen, brachte jedoch kein einziges kritisches Wort heraus. Im von Böhmermann angeregten Gespräch zwischen dem nach eigener Auskunft „deutschesten Juden der Welt“ Shahak Shapira und der russisch-jüdischen Autorin Kat Kaufmann zeigte der Jura-Student Kollegah dann erneut, wie notwendig es ist, ihm nicht auch noch eine Bühne zu geben.
Dazu müsste man jedoch wohl leider das Internet abschalten. Marius Mocker nimmt in seinem hörenswerten Vortrag über Antisemitismus im deutschen Rap die Produktionsbedingungen desselbigen in den Blick. Plattformen wie Youtube machten neuere Produktionen immer und überall verfügbar. In jeder dritten Veröffentlichung findet sich ihm zufolge Antisemitismus, amalgamiert mit anti-westlichem Furor und Sexismus. Halbherzigen und moralisierenden Interventionen wie die eines Markus Staiger setzt er eine ideologiekritische Reflexion entgegen, die die gesellschaftlichen Bedingungen, auf denen Deutschrap gedeiht, in den Blick bekommt. Der im arte journal zu Wort kommende jüdische Rapper Ben Salomo hält den Zusammenhang, dass sich ein antisemitisches Publikum mit seinem antisemitischen Idol vergemeinschaftet, ebenso fest.
Rapper wie Edgar Wasser und Fatoni zeigen, dass auf deutsch zu rappen nicht gleichbedeutend mit Deutschrap sein muss. Dass der so notwendige, wenn auch nicht mit Ideologiekritik zu verwechselnde Diss des antisemitischen und verschwörungsideologischen Deutschraps leider (fast) immer mit behindertenfeindlichem Vokabular erfolgt, zeigt erneut die Notwendigkeit auf, sich mit den gesellschaftlichen Produktionsbedingungen der Ware Rap zu beschäftigen.

Hat es leider nicht in den Kurzbeitrag von Arte geschafft: „Boss“ Kollegah
noch vor dem Bundespräsidenten am Grab des Friedensnobelpreis deko-
rierten Judenmörders Jassir Arafat
in Ramallah | © streetcinema 2016

Cohen on the Bridge – The Entebbe Rescue

Animationsfilm – 21 min., USA 2012
Ein Film von Andrew Wainrib

Der semidokumentarische Animationsfilm „Cohen on the Bridge“ ist einer der jüngsten Beiträge in einer ganzen Reihe von Dokumentar- und Spielfilmen zur sogenannten „Operation Thunderbolt“: Am 27. Juni 1976 entführte ein gemeinsames Kommando aus je zwei Mitgliedern der PFLP und der deutschen Revolutionären Zellen (RZ) eine Air France-Maschine auf ihrem Flug von Tel Aviv nach Paris und leitet sie nach Entebbe in Uganda um. Ihr Ziel ist die Freipressung von inhaftierten Gesinnungsgenossen vor allem in Israel und Westeuropa. Dass dafür gerade die deutschen Geiselnehmer die vermeintlich jüdischen und israelischen, noch dazu einige Überlebende der Shoah, von den übrigen Passagieren trennten und ihnen mit Erschießungen drohten, weckte finsterste Erinnerungen an die deutsche Vergangenheit. Die spektakuläre und weitgehend erfolgreiche Befreiungsaktion des israelischen Militärs wird in der israelischen Gesellschaft bis heute als wichtiges, identitätsstiftendes Moment wahrgenommen.
Weiterführend ein jüngst in Jungle World (5/17) erschienener Artikel zur Diskussion der erinnerungspolitischen und popkulturellen Bedeutung des antiisraelischen Terrors der siebziger Jahre… und des linken Antisemitismus.

300 Juden gegen Franco (Madrid before Hanita)

Dokumentation – 58 Min., ISR 2006
Ein Film von Eran Torbiner

Dokumentation über jüdische Freiwillige bei den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Durch die zum Teil sehr bewegenden Schilderungen der (zum Zeitpunkt des Filmdrehs letzten noch lebenden) jüdischen ‚SpanienkämpferInnen‘ aus dem Jischuw/Palästina und von Familienangehörigen einstiger Freiwilliger werden insbesondere ihre politischen Motivationen, nach Spanien zu gehen, herausgearbeitet. Der englische Titel deutet darauf bereits hin: Madrid before Hanita. Der Regisseur Eran Torbiner:

„Zu den Aktionen der zionistischen Bewegung in dieser Zeit gehörte die Gründung der Siedlungen unter dem Motto ‚Mauer und Turm‘ mitten in arabischen Regionen – mit dem Ziel, Fakten im Blick auf eine mögliche Teilung des Landes zu schaffen. Chanita im Norden Palästinas … war das Symbol für diese Aktion. Als Ja‘akov Chasan, einer der Führer der linken Zionisten in Palästina 1938 sah, dass sich einige Zionisten im Lande an den Brigaden in Spanien beteiligten oder beteiligen wollten, anstatt immer mehr Siedlungen aus einer Mauer und einem Turm zu errichten, prägte er das Codewort ‚Chanita vor Madrid‘.“

Torbiner hat mit seinem Film den jüdischen Freiwilligen aus dem Jischuw ein Denkmal gesetzt, das daran erinnert, dass es eben nicht nur KommunistInnen und undogmatische Linke aus Deutschland, Großbritannien usw. waren, die zur Waffe gegriffen haben, um die Spanische Republik gegen den Putsch des Generals Franco zu verteidigen.
Das Zitat zeigt jedoch auch den Antizionismus Torbiners, der sich durch seinen ganzen Film zieht und vor allem dadurch deutlich wird, was der Film nicht erwähnt: Zum Beispiel, dass 1938 in Palästina der Arabische Aufstand unter der Führung des Großmuftis von Jerusalem Amin Al-Husseini, einem Bündnispartner der Nazis, tobte und dem von 1936-1939 Hunderte Jüdinnen und Juden sowie AraberInnen (den Teilungsplan unterstützende „unislamische AbweichlerInnen“) zum Opfer fielen. Chanita before Madrid war also nicht einfach nur eine kolonialistische Parole! Kein Wort auch zur Palästinensischen Kommunistischen Partei, der viele jüdische Freiwillige angehörten und die den Aufstand ganz im Sinne der Komintern-Linie unterstützte und KritikerInnen ihres Kurses aus der Partei ausschloss – alles nachzuhören in diesem Vortrag von Stephan Grigat oder bezüglich des Muftis nachzulesen bei Matthias Küntzel. Schließlich erfährt man auch nichts über die stalinistischen Säuberungen in Spanien, auf die Torbiner vor kurzem auf einer Konferenz in Warschau nur ausweichend antwortete, es wäre eben Krieg gewesen.

Ein Großteil der jüdischen Freiwilligen aus Palästina kämpfte in der
rein jüdischen Botwin-Brigade – benannt nach Naftali Botwin, einem
zum Tode verurteilten jüdischen Kommunisten aus Polen, der hier
abgebildet ist | © WDR

Antisemitismus auf revolutionärem 1. Mai

Nachdem es bereits schon im Vorfeld zum Austritt der Ökologischen Linken aus dem revolutionären 1. Mai-Bündnis gekommen war, weil mit F.O.R. Palestine und BDS antisemitische Positionen mehrheitsfähig wurden, kam es am 1. Mai 2016 aus der Demonstration heraus zu einem Angriff auf israelsolidarische Menschen. Den Soundtrack für diese ekelhafte Aktion lieferte 2015 die Polit-Rapperin Thawra, die im Hintergrund mit einem ihrer neuesten nekrophilen Ergüsse zu hören ist.

Un vie de lutte – Der Kampf geht weiter

Dokumentation – 31 min., D 2015
Ein Film der North-East Antifa

+++ Da hier über den „alternativen“ Anzeigenteil von blogsport.de gerade eine Spendenkampagne der NEA für ein weiteres Filmprojekt läuft, setzen wir gern unseren, nun etwas überarbeiteten Beitrag wieder nach oben – und ergänzen um einen Artikel von Alex Feuerherdt, der einen aktuellen Vorfall während der ‚Nuit debout‘-Demonstration am 17.04.2016 aufgreift. +++

Kurze Dokumentation zum Mord an dem Antifaschisten Clément Méric, zum Rechtsruck in Frankreich, der seine Manifestation vor allem in der Bewegung gegen die ‚marriage pour tous‘ und dem Erstarken des Front National erfahren hat sowie zu aktuellen antifaschistischen Kämpfen und Projekten in Paris. Der Film beschreibt in einem kurzen Überblick die politische Entwicklung der letzten Jahre und den Zustand der antifaschistischen Bewegung aus Sicht von AFA Paris-Banlieue, des Quartiers Libres, des Journalisten Bernhard Schmid und anderen. Interviewpartner wie Filmemacher legen hier allerdings selbst ungewollt einige ihrer Widersprüche offen, wobei die Ästhetisierung männlicher Domänen (Fussball, Demonstrationen, HipHop) anscheinend mit dem Gendern der Untertitel ebenso gut zusammengeht wie eine pauschale und ausschließliche „Kritik“ des Antisemitismus der Rechten mit den eigenen Solidaritätsbekundungen für das antisemitische Projekt „Palästinensischer Befreiungskampf“. Worin sich das konkrete Engagement gegen Antisemitismus ausdrückt, verrät der Film nicht. Dabei ist dies gerade im Fall von Quartiers Libres doch sehr offensichtlich. Aber auch auf der Internetseite der North-East Antifa wird, bei aller Rhetorik, klar, wer und was für sie im Nahost-Konflikt das eigentliche Problem darstellt.

Wollen keine U-Bahn bauen: Antifa-Hooligans und palästinasolida-
rische `Recht auf Heimat`-Bewegte feiern ihren Verein MFC 1871
| © NEA