Tag-Archiv für 'arbeit'

Themroc

Spielfilm – 110 min., F 1973
Ein Film von Claude Faraldo

Der Firnis der Zivilisation ist dünn. Themroc hat keinen Bock mehr auf die tägliche Monotonie – aufstehen, arbeiten, schlafen gehen. Er mauert sich in seinem Zimmer ein, bricht die Außenwand heraus und wirft alle Einschränkungen der Zivilisation über Bord, bzw. in den Innenhof. Im ganzen Film ertönt kein verständliches Wort. Themroc und seine Nachbarn, die er mit seinem Verhalten zunehmend ansteckt, brüllen, grunzen und verständigen sich mit Lauten, die nur entfernt an die französische Sprache erinnern. Das reicht dann schon für das Prädikat „Anarchie“. Wie auch immer: Themrocs absurdes Rumgegrunze ist alle mal unterhaltsamer als das von Steinzeit-Maoisten aus Berlin-Neukölln.

Arbeiten gehen? Hat Themroc „keine Böcke für“

Metropolis

Stummfilm – 148 min., D 1927
Film von Fritz Lang und Thea von Harbou

„Metropolis“ ist der bekannteste deutsche Stummfilm. Die meisterhafte filmische Umsetzung eines architektonischen Zukunftsbildes der Stadt macht ihn zu einem einzigartigen Dokument des Menschheitserbes.“ ( Deutsche UNESCO-Kommission e.V.)

Wer erschuf unter dem okkulten Siegel des Satans und der Freimaurerei qua seines übermenschlichen Intellekts den „Moloch“ der modernen Großstadt – und hetzt gleichzeitig im Untergrund der Tiefbahn die ausgebeuteten Massen zur Revolution? Wem passt Hakennase und Einstein-Frise und wird das undurchdringlich Abstrakte und Unmenschliche der Wissenschaft ebenso zugeschrieben wie die Macht über das Kapital? Wer steht der Hölle näher als dem Leben, verkörpert Lüge, Rachsucht und Lüsternheit und trägt ursächlich die Verantwortung für Laster und sündigen Verfall? In welchem Hause, schrieb Thea von Harbou in ihrer Romanvorlage, hat man „das Gefühl, als hocke die Pest in jedem Winkel und spränge einem von hinten ins Genick“? Wer lenkt die Presse und steuert eine Unzahl von Zeitungen? Wessen perfide Geschöpfe gehören – mit Büchern angeheizt – auf Scheiterhaufen verbrannt? Wem wird die Kreuzigung und „Gottesmord“ unterstellt? Wer gehört also schlussendlich vom Dach der Kathedrale gestoßen, damit sich Arbeit und Kapital versöhnen und als Volksgemeinschaft vereinigen können?
Keine Frage: Mitte der 1920er Jahre, als Fritz Lang und Thea von Harbou ihr Science-Fiction-Machwerk „Metropolis“ ausheckten, hätte sich noch jeder Deutsche denken können, dass mit der Figur des Rotwang „der Jud“ gemeint war. Und so verwundert es schon, wie Wulf D. Hund in seiner Filmbesprechung unter dem Titel „Jüdische Weltverschwörung unter rotem Stern“ einleitend feststellt, dass „ganze Sammelbände zum Film erscheinen können, in denen noch nicht einmal das Wort ‚Antisemitismus‘ vorkommt“ – obgleich bereits schon Adolf Hitler über den Regisseur gesagt haben soll: „Das ist der Mann, der uns den nationalsozialistischen Film schenken wird.“ Und Hund pflichtet weiter Siegfried Kracauers Einschätzung bei, dass die volksgemeinschaftliche Versöhnung am Ende des Films „ohne weiteres von Goebbels“ hätte stammen können.
Laut nachdenken wollen die ach so geläuterten Deutschen darüber heute natürlich nicht mehr. Viel lieber wollen sie sich gemeinsam – wie beispielsweise 2010 im eiskalten Berlin vor nationaler Schicksalskulisse – endlich wieder unbeschwert für deutsches Kulturgut erwärmen dürfen ( und nebenbei gleich der benachbarten französischen Botschaft die deutsche Interpretation der Marseillaise zukommen lassen). Potsdam, die redlich treue Landeshauptstadt und Geburtsstätte des deutschen Films, gibt dem „Klassiker“ heute im Landtag die höchsten politischen Weihen und „stellt sich“ – in gleichem Hause gern mal der deutschen Verbrechen wegen in Sakko und Asche gehend – nun endlich auch seinem UNESCO-Weltdokumen­ten­erbe… das Zertifikat „Schwarz-Rot-Geil“ aus. Das Prädikat „Künstlerisch und staatspolitisch wertvoll“ hätte damals vielleicht schon die Filmprüfstelle verliehen, aber der Film war im Jahr 1927, anders als „Der Herrscher“ ( ebenfalls nach Harbou-Drehbuch), seiner Zeit noch um wenige Jahre voraus.
In unverbrüchlicher Nibelungentreue haben die Deutschen also auch über dieses antisemitische Meisterstück wieder zueinandergefunden. Wobei, wie der beiderseits nach dem Motto „Kotzen statt Kleckern“ geführte Arbeitskampf im Berliner Stummfilmkino „Babylon“ zeigte, der Wille zur betriebsgemeinschaftlichen Versöhnung sich nicht immer gleich zu erkennen gibt. Und auch wenn Goebbels und der Führer schon tot, die „12 dunklen Jahre“ lange vorbei sind und die Nazis ja auch und so… : Dem über jeden Verdacht erhabenen, großen deutschen Filmschaffenden, Exilanten und „Halbjuden“ Fritz Lang und seiner „Herzensbotschaft“ dürfen und können sie problemlos folgen. Fritz bleibt Fritz! Lang leben die Deutschen! Und die deutsche Sozialpartnerschaft! Und deutsches Werk und Schaffen!

Heil Mittler!

Nachtrag: Den Anstoß zu diesem Beitrag gab uns Klaus Thörner mit seinem Vortrag „Arbeit macht frei – Über den Zusammenhang zwischen deutschem Arbeitswahn und Antisemitismus“.

Flimmern statt Fackeln: Zur 60. Berlinale 2010 durfte am deutschen
Filmwesen wieder die Welt genesen | © Sean Gallup, Getty Images

Animal Farm – Aufstand der Tiere

Zeichentrickfilm – 72 min., GB 1954
Nach einer Fabel von George Orwell

Als Nachtrag zum „Tag der Arbeit“ möchten wir hier auf Stephan Grigats bereits 2013 gehaltenen Vortrag zur „Kritik der Arbeit“ hinweisen, der sich unter anderem am Beispiel der Verfilmung von George Orwells „Animal Farm“ mit dem Zusammenhang zwischen Arbeitsfetischismus und Antisemitismus beschäftigte. Die hier leicht gekürzten Ausführungen Grigats sollen sogleich als Einführung dienen: Der Film ignoriere „in seiner Stalinismus-Kritik nicht nur den Stellenwert des Antisemitismus in den realsozialistischen Ländern; ein Antisemitismus, der eines der Resultate von Produktivitätsideal, Arbeitsethos und einer proletarischen Moral war, die sich natürlich immer irgendwie gegen sie torpedierende, zersetzende Kräfte zur Wehr setzen musste. Sondern „Animal Farm“ bleibt über weite Strecken selbst einer Denkart verhaftet, die nie und nimmer etwas zu einer Emanzipation oder auch nur Aufklärung wird beitragen können. Es wird dort nicht einfach nur Herrschaft kritisiert, sondern es wird die Herrschaft der dekadenten, in Luxus schwelgenden, auch noch Alkohol trinkenden Führungselite kritisiert – und zwar im Namen des ehrlich arbeitenden, sich natürlich in Abstinenz übenden Volkes. Unterschwellig richtet sich die Kritik somit gegen Luxus und Reichtum selbst, gegen Luxus und Reichtum, der aber doch das ganze Ziel jeder ernsthaften emanzipativen Bestrebung sein müsste. Bei solch einer Denkfigur, welche also die stalinistische Vergötterung der „schaffenden Arbeit“ selbst noch in die Kritik am Stalinismus integriert, und also übernimmt, da ist es überhaupt kein Wunder, dass auch antisemitische Stereotypen in der Verfilmung von „Animal Farm“ nicht fehlen dürfen. Man denke nur an die Figur des Wempel, ein völlig auf das Geld fixierter, sich nicht um die Allgemeinheit scherender Händler, der mit einer schlafwandlerischen Sicherheit mit einer Physiognomie ausgestattet wurde, wie Antisemiten sie für Juden reserviert haben.“

Lauernd, raffend und wurzellos: Händler Wempel beim Geldzählen
| © Halas and Batchelor Production

The missing image

Nach dem begeisterten Anschluss Österreichs im März 1938 fanden in Wien sogenannte „Reibpartien“ statt, bei denen Juden zur Volksbelustigung die Bürgersteige mit kleinen Bürsten abwaschen mussten. Die Filmemacherin Ruth Beckermann hat eine erst kürzlich aufgefundene Filmaufnahme zu einer Videoinstallation verarbeitet und schaut damit den Österreichern direkt ins Gesicht. Über den offenbaren Zusammenhang von deutschem Arbeitsethos und Antisemitismus, der in die Vernichtung der europäischen Juden unter der Parole „Arbeit macht frei“ führte, klären zwei Vorträge von Ulrike Becker und von Andrea Woeldike auf.

Arbeiter verlassen die Fabrik

Filmessay – 36 min., D 1995
Buch/Regie: Harun Farocki

Filmhistorische Untersuchung zum Fabriktor als Ort der Begegnung und gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Arbeit und Leben im Dritten Reich

Dokumentation – 41 min., D 2013
Regie: Johannes Volker Wagner

Film über die Integration der Arbeiterschaft in den NS am Beispiel Bochum. Unterkomplexe Doku, die weder einen linken Beitrag zum NS noch ein typisch deutsches Arbeitsethos kennt. Bei einem Film einer Landeszentrale für politische Bildung darf man aber auch keine Überraschung erwarten.