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Defiance

Spielfilm – 137 Min., USA 2008
Ein Film von Edward Zwick

Vergesst den ‚guten Deutschen‘ Oskar Schindler, schlagt euch den Mythos von den Schafen auf dem Weg zur Schlachtbank (Hannah Arendt) aus dem Kopf: Hier kommen die Bielski-Brüder und machen den Deutschen und ihren Helfershelfern Feuer unter ihren arischen Ärschen. Und dabei retten sie noch über 1000 Juden! Noch bevor dieser Film über die Bielski-Brüder überhaupt angefangen wurde zu drehen, hagelte es in Polen bereits Kritik, so Gabriele Lesser in der Jüdischen Allgemeinen: Tuvia Bielski sei in Wirklichkeit ein Bandit gewesen, er und seine Leute hätten das polnische Dorf Naliboki dem Erdboden gleichgemacht. Der Film, so der Vorwurf, werde dieses Massaker nicht zeigen, denn er stütze sich auf das Buch Bewaffneter Widerstand: Jüdische Partisanen im Zweiten Weltkrieg von Nechama Tec – einer Überlebenden von Bielskis Gruppe.
Tec und all die anderen hatten überlebt, indem Tuvia Bielski sie zu sich nahm, obwohl viele von ihnen keine Kampferfahrung hatten oder nicht kämpfen konnten. Zusammen befreiten sie Juden aus den umliegenden Ghettos, führten Sabotageaktionen gegen die Deutschen durch und organisierten das Zusammenleben einer immer größer werdenden Gruppe. Über die Zeit war eine regelrechte Stadt im Wald mit Schule, Krankenstation und einer Synagoge entstanden.
Als der Film dann in Polen in die Kinos kam, legte sich die Aufregung wieder, denn Polen kommen in Defiance schlichtweg nicht vor, weder als Täter noch als Opfer oder als Bystander. Der verschwörungsideologische Vorwurf, wonach in dem ‚antipolnischen Machwerk aus Hollywood‘ jüdische Gewalt gegen Polen unter den Teppich gekehrt werden soll, entbehrt zudem jeder Grundlage, wie Zeithistoriker nach Erscheinen des Films in der linksliberalen Gazeta Wyborcza deutlich machten: Nicht die Bielski-Gruppe war für den Überfall auf das Dorf verantwortlich, sondern drei sowjetische Partisanen-Abteilungen der Stalin-Brigade.
Laut einer Rezension nimmt es das Buch mit der historischen Wirklichkeit genauer als der Film, der schließlich dramaturgischen Anforderungen genügen muss: Das Leben im „Jerusalem in den Wäldern“ sei nicht immer solidarisch gewesen – was der Film gleichwohl nicht verschweigt –, und für die Szene mit den deutschen Flugzeugen gebe es keine Belege. Dass das Leben im Wald unter den gegebenen Bedingungen – Vernichtungsdruck durch die Deutschen und ihren Kollaborateuren, Antisemitismus durch sowjetische und polnische Partisanen, Gruppenkonflikte und allumfassender Mangel an Ressourcen – kein Zuckerschlecken gewesen ist, sollte klar sein. Umso irritierender waren die an in permanenter Todesangst lebende Menschen gerichteten Vorwürfe aus Polen, wo der Mythos des nationalen Leidens bereits seit einiger Zeit Gegenstand von erbitterten identitätspolitischen Kämpfen geworden ist.