Tag-Archiv für 'familiengedächtnis'

Opfersehnsucht und Judenneid: „Die Blumen von gestern“ von Chris Kraus

Spielfilm – 126 Min, D 2017
Film von Chris Kraus


In „Die Blumen von gestern“ lässt der Regisseur Chris Kraus einen unter Impotenz leidenden Holocaustforscher auf eine neurotische französische Jüdin treffen, deren Oma vom Opa des Holocaustforschers umgebracht wurde – und die beiden verlieben sich ineinander. Diese kitschige Versöhnungsgeschichte hat auch mit der Familiengeschichte Kraus‘ und seinem Verhältnis zur deutschen Nation zu tun.

Chris Kraus ist ein deutscher Regisseur, ein Regisseur, der eine ganz genaue, unverkrampfte Vorstellung davon hat, was deutsch ist. In seinem Film „Die Blumen von gestern“ geht es um den Holocaustforscher Totila „Toto“ Blumen und sein Leiden. Dieser ist „traumatisiert“ (Kraus) davon, dass sein Opa SS-General in Riga war. Begleiterscheinungen dieses Traumas: Er schlägt seinen Chef, der ihn von der Organisation eines „Auschwitz-Kongress‘“ entbinden möchte, in einer völlig überzeichneten Szene am Anfang des Filmes brutal krankenhausreif, kommuniziert hauptsächlich in Vulgärsprache („Scheisse“, „Nutten“) und – Wie auch sonst männliches Leid möglichst ausdrucksstark symbolisieren? – kriegt keinen mehr hoch. Ihm zu Seite gestellt wird Zazie, eine neurotische französische Jüdin, deren Oma von Blumens Opa ermordet wurde. Sie verlieben sich ineinander und, man ahnt es schon, Blumen gerät wieder in den vollen Besitz seiner „Männlichkeit“. Laut Kraus in einem Interview zum Film war es:

„von Anfang an klar, dass es eine Versöhnungsgeschichte werden soll. Also eine Geschichte über die Chancen, die Menschen einer unmöglich erscheinenden Versöhnung einräumen. Diese absolute Trennung zwischen „Juden“ und „Deutschen“, die der Holocaust gezeitigt hatte, schien ja auf alle Zeiten das Verhältnis der Völker zueinander festgelegt zu haben. Vor diesem Hintergrund ist eine Liebesgeschichte zwischen einer Jüdin und einem Deutschen, dessen Großvater die Großmutter der Jüdin ins Gas geschickt hat, am denkbar weitesten weg von der Trennung, die die Nazis verbrochen haben. In dem damit verbundenen Wunsch nach Versöhnung liegt auch die Legitimation des Komödiantischen, des Leichten, wie ich finde.“

Dieser Wunsch ist zuvorderst ein deutscher, eingebettet in globale Konstellationen, in denen der Holocaust Chiffre für Menschenrechtsverletzungen jeder Art geworden ist (Kraus: „Es ist nicht vorbei. Im Augenblick erleben wir furchtbare Zeiten, in Syrien, in Libyen. Man hat fast den Eindruck, die halbe Welt brennt. Bestialität stirbt nicht aus, sie ist ein Teil unserer mentalen Ausstattung. An dieser Stelle wollte ich ansetzen.“) Kraus‘ Film zeigt ganz deutlich, an wen dieser Wunsch gerichtet ist: Es sind die Holocaust-Überlebenden und ihre Angehörigen, die die Deutschen mit ihrer Geschichte zu versöhnen haben. Dass der Patient längst geheilt ist, hat Katrin Antweiler dabei unlängst in der Jungle World festgestellt. Kraus‘ Wunsch nach Entkrampfung ist so neu, wie „Die Blumen von gestern“ lustig ist. Bereits 1946 hat Wolfgang Staudte in „Die Mörder sind unter uns“ der dreisten Nötigung nach Versöhnung vermittels der Liebesbeziehung zwischen einem Ex-Landser und einer Holocaustüberlebenden filmischen Ausdruck verliehen.
Muss Toto Blumen im Film erst noch geheilt werden, so ist Chris Kraus bereits unheilbar gesundet. Entgegen eines großen Teils der dritten Tätergeneration, die daran festhält, dass Opa kein Nazi war, bekennt er sich zu seiner Familiengeschichte: Sein Opa war Offizier der SS-Einsatzgruppe A. (Diesen in einen Widerstandskämpfer umzumünzen, dürfte aber auch ungleich schwerer fallen.) Die negative „Geschichtslast“ jedoch, so Kraus, sei mit der positiven Gegenwart unauflösbar zu einem großen Ganzen verschmolzen, zu einer „Kultur, die nicht zu verorten ist“. Denkt Kraus an Deutschland, dann denkt er an etwas, aus dem er „nicht entkommen kann.“ Deutschland als Schicksalszusammenhang? Der Gang der Geschichte wäre demnach vorbestimmt, nach individuellen Verantwortlichkeiten zu fragen, folglich sinnlos. Alle sind unterschiedslos Opfer des Krieges! Die deutsche Opfersehnsucht wird dann auch in einer Filmbesprechung der Welt ganz unverfroren ausgedrückt:

„Deutschland hat sich lange bequem in der Büßerrolle eingerichtet, man könnte auch sagen: in seinem Holocaust-Kult. Die Unfähigkeit, um die Toten vom Breitscheidplatz richtig zu trauern, hat auch damit zu tun, dass man sich in der Opferrolle gar nicht mehr vorstellen konnte.“

Der Autor Hanns-Georg Rodek hat die letzten Jahre offensichtlich in einem Erdloch ohne TV-Anschluss und Internetverbindung zugebracht. Wir empfehlen ihm aus der schieren Unzahl deutscher Filmproduktionen, die sich den deutschen Opfern widmen, „Wolfskinder“ (2014) von Nick Ostermann und damit ein besonders widerwärtiges Machwerk unverkrampfter neuer deutscher Filmgeschichte, in die Kraus mit „Blumen von gestern“ noch mehr Unverkrampftheit hineingeschrieben hat, falls das überhaupt möglich ist.

„Denke ich an Deutschland…“ – Wer dabei nicht wie Heinrich Heine um den Schlaf gebracht wird, den empfehlen wir zur nächtlichen Lektüre „Opfersehnsucht und Judenneid – ein Kommentar zur Nationalisierung der Erinnerung“ von Eike Geisel.

Bildersturm (Tatort 388)

Spielfilm – 88 min, D 1998
Buch: Robert Schwentke, Jan Hinter/ Regie: Nikolaus Stein

Es ist eine Schuld, die durch nichts getilgt werden kann.“

(Trailer zum Film)

Aus Anlass der aktuellen Diskussion um Neonazis und Wehrmachtsgedenken in der Bundeswehr und den zweifelhaften Aktionismus der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sei hier wieder an eine geschichtspolitische Debatte erinnert, die damals mit einer Verspätung von gut 50 Jahren endlich den Mythos der „sauberen Wehrmacht“ ins Wanken brachte: Die Ausstellung, die ab 1995 mit dem Titel „Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1944″ durch dutzende Städte in Deutschland und Österreich tourte, provozierte in der breiten Öffentlichkeit heftige Reaktionen. Im Verein mit vor allem christlich-konservativen Politikern empörten sich ehemalige deutsche und österreichische Wehrmachtsveteranen lauthals und konnten dabei auf enormen Zuspruch bauen. Entgegen der historischen Faktenlage leugneten sie mit Verweis auf einen angeblichen „Befehlsnotstand“ oder die „Unseriosität“ der Ausstellung ihre Beteiligung bzw. die Verbrechen rundweg – ihre Kinder und Enkel inszenierten derweil über Jahre hinweg ein wahres Schuldabwehrspektakel und organisierten zahlreiche Aufmärsche unter dem Motto „Opa war kein Nazi“.
Die Debatte um die Wehrmachtsausstellung hatte 1998 auch der Tatort-Krimi „Bildersturm“ aufgegriffen. Dabei ging es um eine fiktive Fotoausstellung mit dem Titel „Verbrannte Erde“, die ebenfalls Verbrechen der deutschen Wehrmacht behandelt und starken öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt ist. Die Filmemacher fanden jedoch nicht nur einen geeigneten Dreh, um im Film das Täter-Opfer-Verhältnis umzukehren und zu relativieren. Auch das Original der Ausstellung selbst wurde thematisch aufgeweicht, indem der durch die Kommissare identifizierte Ort eines Wehrmachtsmassakers nicht in der Sowjetunion lokalisiert, sondern in die belgische Kleinstadt St. Vith verlegt wurde. Dabei könnte man die Wahl dieses Ortes durchaus auch als einen den Krieg rechtfertigenden Hinweis auf den Versailler „Schandvertrag“ lesen, wurde doch das vormals reichsdeutsche St.Vith im Jahr 1920 dem belgischen Staat angegliedert. (Oder gar als einen Hinweis auf das, was Alt- und Neonazis allgemein als „alliierten Bombenterror“ erinnern? – die Stadt wurde Weihnachten 1944 in Abwehr der deutschen Ardennen-Offensive durch amerikanische Bomber fast vollständig zerstört.) Jedenfalls spielen Hoheitsrechte und Landesgrenzen bei den Ermittlungen offenbar keine Rolle.
Die polizeiliche Aufklärungsarbeit der Tatort-Kommissare führt zwar auch zur Aufklärung jenes fiktiven Kriegsverbrechens der deutschen Wehrmacht, an dem der Onkel des Kommissars Schenk nach langem Schweigen schließlich doch beteiligt gewesen sein will. Doch im diesem Tatort scheint der Mord des Onkel Richard einfach zu verjähren: Die Strafverfolgung gilt jenem Täter, der durch die Identifizierung der Wehrmachsangehörigen auf den Fotos der Ausstellung in Eigenregie mörderische Selbstjustiz übt – und es damit den deutschen Mördern seiner Familie irgendwie gleichtut. Wenn Kommissar Schenks Tochter dem Wehrmachts-Onkel im Wissen um seine Taten Blumen ans Krankenbett bringt und Schenk am Ende des Films dem reumütig heulenden Onkel wieder näherkommt, so geht hier letztendlich nicht nur die deutsche Familienbande wieder gestärkt hervor.
Seit die Krokodilstränen der 2. und 3. Tätergeneration die ideologischen Motive der Mörder verwässert und weggespült haben, die Taten der Deutschen eingemeindet sowie die „deutschen Opfer“ des Krieges gewürdigt werden, darf spätestens seit 1998 auch mit einer rot-grünen Koalition das deutsche Kollektiv als geläutertes Ganzes wieder zusammenrücken und am neuen deutschen Gedenkwesen wieder die Welt genesen. Demonstriert hatte das alsbald schon die Bundeswehr im Kosovo: Bald nachdem das Kabinett Schröder-Scharping-Fischer im Jahr 1999 in Priština ein KZ sowie „serbische SS“ halluzinierte und „wegen Ausschwitz“ wider aller Tatsachen mit deutscher Waffengewalt einen Völkermord verhindern wollte, erstrahlte dann ab 2001 auf dem Schreibtisch von Kanzler Gerhard Schröders Amtssitz ein Foto seines Vaters in Schwarzweiß. Beziehungsweise in Feldgrau mit Reichadler und Hakenkreuz. Aber er war ja schließlich kein SS-Mann, der Papa – nur als deutscher Landser in der Sowjetunion im Einsatz. Und wenn in aktueller Debatte nicht nur deutschnationale Politiker, sondern auch Sozialdemokraten wie der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping die Beanstandung einer Fotografie des ehemaligen Vernichtungskriegers und sozialdemokratischen Bundeskanzlers Helmut Schmidt in einer Einrichtung der Bundeswehr als „bilderstürmerische Aktion“ geißeln, dann bleibt mit Alexander Nabert in Jungle World 21/2017 schlicht festzustellen, dass selbst „72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs […] die Abgrenzung von der Armee, die den Vernichtungskrieg führte, den Holocaust ermöglichte und sich daran beteiligte, keine Selbstverständlichkeit“ zu sein scheint. Und dazu haben eben auch solche Filme wie „Bildersturm“ aus der Tatort-Reihe ihren kleinen Beitrag geleistet.

(Hier sei auch auf die Filme „Jenseits des Krieges“ und „Der unbekannte Soldat“ verwiesen, die sich beide aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Wehrmachtsausstellung befasst haben.)

Strafvereitelung im Amt beim Tatort „Bildersturm“ | © WDR 1998

Im märkischen Sand – Nella sabbia del Brandeburgo

Webdokumentation – 24 x ca. 6 Min., D 2016
Von Matthias Neumann, Nina Mair und Katalin Ambrus

Unmittelbar bei Kriegsende werden 131 italienische Zwangsarbeiter, sogenannte Militärinternierte, in eine Sandgrube bei Treuenbrietzen geführt und dort von Wehrmachtsangehörigen erschossen. Nur vier überleben, weil sie sich unter den Körpern ihrer ermordeten Kameraden verstecken können. Antonio Ceseri ist der letzte Überlebende dieses ungesühnt gebliebenen Endphaseverbrechens – wie die Verbrechen des sich kurz vor der Niederringung nochmals radikalisierenden deutschen Vernichtungskollektivs in der historischen Forschung mittlerweile bezeichnet werden.
Die drei Filmemacher Matthias Neumann, Nina Mair und Katalin Ambrus haben die Geschichte dieses Massaker recherchiert und sich entschlossen, aufgrund der Vielzahl von angesprochenen Themen – darunter das Leiden der Nachkommen, die (ausbleibende) Entschädigung, Erinnerungskonflikte – das Filmmaterial nicht am Stück zu zeigen, sondern in sechs Kapitel mit insgesamt 24 Einzelepisoden zu unterteilen und im Format einer Webdoku im Internet frei verfügbar zu machen. Zu den in den einzelnen Episoden porträtierten Personen gehören unter anderem Ceseri, die beiden Berliner Lehrer, die als erste anfingen, Nachforschungen zu dem Massaker anzustellen, die Töchter des Betriebsleiters der Firma Kopp und Co., für die die italienischen Militärinternierten Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion leisten mussten, sowie der Leiter des Treuenbrietzener Heimatmuseums, für den deutsche Täter auch nur Opfer des schicksalhaften Gesamtzusammenhangs Krieg sind, zumal in Treuenbrietzen, wo zeitgleich mit dem deutschen Massaker an den Italienern Rotarmisten bei einer Vergeltungsaktion eine nicht mehr rekonstruierbare Zahl an Treuenbrietzenern ermordete.
Ins Boot holten sich die Filmemacher den italienischen Zeichner Cosimo Miorello, der vor den Augen des Zuschauers die Ereignisse im märkischen Sand und u.a. die Episoden zu den geschichtlichen Hintergründen (1,2) zeichnerisch gestaltet – ästhetisch eine besonders gelungene Lösung, die zudem dem Dilemma entgeht, dass die allermeisten Fotos und Quellen aus der Zeit des Nationalsozialismus die Täterperspektive reflektieren.
Die italienischen Militärinternierten kamen lange Zeit in der italienischen Erinnerungskultur überhaupt nicht vor, im Fokus stand der Widerstand der Partisanen. Der 8. September 1943, als das Königreich Italien einen Waffenstillstand mit den Alliierten abschloss und über Nacht von einem Verbündeten zum Feind des nationalsozialistischen Deutschlands wurde, war eine Zäsur sowohl für die italienische Zivilbevölkerung als auch für die italienischen Soldaten, die von der deutschen Volksgemeinschaft nun als Verräter betrachtet wurden und massenhaft nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt wurden.

Falls ihr Freude am Wandern habt, ein Interesse an Italien im Zweiten Weltkrieg mitbringt und den bewegenden Berichten der letzten noch lebenden Zeitzeugen zuhören wollt, empfehlen wir euch das Geschichtsinstitut Istoreco, das zweimal im Jahr Wanderungen auf Partisanenwegen in der Region Emilia Reggio inkl. Treffen mit Zeitzeugen organisiert. Anmeldebeginn für die diesjährige Wanderung im September ist der 18. Januar. Die Plätze sind begrenzt und die Nachfrage in der Regel enorm.

© out of focus Filmproduktion

Al Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser

Dokumentation – 45 min., D 2008
Film von Richard C. Schneider

Eine vordergründig facettenreiche und krampfhaft um Differenziertheit bemühte Dokumentation, die ihre Scheinobjektivität ob der überrepräsentierten palästinensischen Narrative und der subtilen Unterstützung eines Rechts auf Rückkehr aber kaum zu verhüllen vermag. Die unkommentierten und unhinterfragten Widersprüche, Halbwahrheiten, Beiläufigkeiten und Auslassungen im Film hätten hier eine umfangreichere Besprechung verdient – wäre da nicht der von uns sehr geschätzte Alex Feuerherdt mit seinem Vortrag zum Mythos „Nakba“. Ebenso unverständlich bleibt das Ausblenden des „Rückkehrrechts“ als Politikum, sprich der unnachgiebigen Haltung arabischer Führer bei „Nahost-Friedensgesprächen“, deren Maximalforderungen gleichsam auf die Zerstörung des Staates Israel zielen wie die Shahids auf das Leben der Juden. Dass es nach dem Abzug von Richard C. Schneider aus dem ARD-Studio Tel-Aviv im Jahr 2016 anscheinend noch einseitiger und manipulativer zugeht, zeigt Susanne Glass mit ihrem Beitrag „Nakba – Palästinenser gedenken der Katastrophe“ für den ARD-Videoblog „Nahost ganz nah“. Zur Durchdringung des israelisch-arabischen Verhältnisses empfiehlt sich der aktuell erschienene „Guide for the Perplexed“ sowie weiterhin „Israels Existenzkampf – Eine moralische Verteidung seiner Kriege“ von Yaakov Lozowick.

Unkommentierte Schlüsselszene: „Ich wünsche, dass Israel zer-
fällt. Mit Gottes Willen. Aber erst, wenn Amerika zerfällt.“ | © BR

Die Wohnung

Dokumentation – 97 min., ISR 2014
Ein Film von Arnon Goldfinger

…da sind so Rubriken, was er so beruflich gemacht hat, und so weit ich das im Kopf hab, steht da: Journalist. Also würde ich sagen: unbescholten … in dieser Richtung alles in Ordnung.“ (ein Freund der Familie von Mildenstein)

Beim Räumen der Tel Aviver Wohnung stößt der Filmemacher Arnon Golfinger im Nachlass seiner Großmutter auf Spuren einer ungeklärten Vergangenheit: Die Großeltern, während des NS noch rechtzeitig nach Palästina entkommen, waren auch nach 1945 weiter eng befreundet mit dem SS-Mann und Vorgänger Adolf Eichmanns im Judenreferat Baron von Mildenstein und seiner Frau. Bei den Recherchen wird deutlich: Zu Lebzeiten fand weder auf der Täter- noch auf der Opferseite eine innerfamiliäre Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Shoah statt. Im Gegensatz zum Nichtwissenwollen der Tochter Edda von Mildenstein, die die kompromitierenden Rechercheergebnisse mit der Frage „Sonst noch was?“ abwehrt, hätte man sich allerdings von dem im Film konsultierten Historiker Dr. Michael Wildt doch mehr erwartet: Denn Baron von Mildenstein arbeitete später nicht nur einfach als „Journalist“ für das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Er soll dort als Leiter der Nahostabteilung für proarabische Propaganda zuständig gewesen sein. Über Ausgestaltung und Wirkung dieser Tätigkeit hätten wir schon gern mehr erfahren.

Harlan – Im Schatten von Jud Süß

Dokumentation – 100 min., D 2008
Ein Film von Felix Moeller

Er ist garantiert kein Antisemit gewesen. Und er ist garantiert kein Nazi gewesen. Auf gar keinen Fall! Er hat sowas von abfällig über Nazis gesprochen. Das kann gar nicht sein.“ ( Caspar Harlan)

„Er hatte lauter jüdische Freunde. Die haben ihn geliebt und waren immer mit ihm zusammen. Und unser Arzt war jüdisch und ringsum waren lauter jüdische Leute.“ (Maria Körber)

„Film wird ja immer missbraucht als Propaganda. Heute, die ganzen Kriegsspiele und die Kriegsfilme, die werden gesponsort vom amerikanischen Militär. Die finanzieren und produzieren Kriegsfilme und so requirieren sie sich die Leute. Hat sich nicht viel geändert.“ (Kristian Harlan)

Die kleine Auswahl von Zitaten, die Felix Moeller in seinem Familienportrait „Harlan – Im Schatten von Jud Süß“ von Nachkommen des wohl erfolgreichsten NS-Regisseurs einfängt, steht beispielhaft für den Umgang der Deutschen mit ihrem nationalsozialistischen Familienerbe. Schlechtestenfalls naiv, karrieristisch oder verantwortungslos soll der „Künstler“ Veit Harlan ( nebst seiner Ehefrau Kristina Söderbaum) dem familiären Gesamturteil folgend gewesen sein. Gerichtsverfahren und öffentliche Kontroversen hatte er schon in der Nachkriegszeit relativ schadlos überstanden. Selbst Veit Harlans „enfant terrible“ Thomas Harlan, der „Jud Süß“ immerhin als „Mordinstrument“ bezeichnete, konnte sich seinen Vater nur als „Nicht-Antisemiten“ denken. Und bis in die 3. Generation spürt man die Aversion gegen das Offenbare und Naheliegende: Dass der Schauspielführer Veit Harlan mit seinen von nationalsozialistischer Ideologie tief durchdrungenen Filmen eben doch – und bis der Vorhang fiel – ein fanatischer Überzeugungstäter im Dienste der deutschen Volksgemeinschaft gewesen sein könnte.

Das zweite Gleis

Spielfilm – 80 min., DEFA 1962
Regie/ Drehbuch: Hans-Joachim Kunert/ Günter Kunert

Welches Bild könnte den Holocaust als perfekt abgestimmtes Gemeinschaftsprojekt der Deutschen symbolisch treffender fassen als ein Güterbahnhof der Deutschen Reichsbahn? Wo liegt die Schuld besser begraben als unter den Trümmern einer deutschen Stadt? Was liegt näher als die unzähligen Leichen in den Kellern der eigenen Familien zu suchen? Ebenso einzigartig, aber noch viel direkter als „Der Verlorene“ von Peter Lorre greift auch Hans-Joachim Kunert die Frage nach der Beteiligung der deutschen Bevölkerung am Holocaust und ihre Verdrängung in der deutschen Nachkriegsgesellschaft auf – wohlgemerkt in der Nachkriegsgesellschaft der DDR. Das Filmmuseum Potsdam beschreibt den Film gar als den einzigen DEFA-Film, „der die ehemaligen Nazis nicht im Westen Deutschlands ausfindig macht, von Kollektivschuld spricht und von den DDR-Bürgern wissen will: Was hast Du vor 1945 getan?“. Kein Wunder also, dass der Film von der zeitgenössischen Kritik verschmäht und erst durch die DEFA-Retrospektive des New Yorker Museum of Modern Art und anschließender DVD-Veröffentlichung im Jahr 2005 wieder einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurde.

Nach 1945 in der DDR: Fahrdienstleiter Walter Brock marschiert
über die Anlagen der Deutschen Reichsbahn | © DEFA-Stifung

2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß

Dokumentation – 85 min., D 2004
Buch/Regie: Malte Ludin

Der Regisseur Malte Ludin konfrontiert seine Familie mit den NS-Verbrechen des Vaters Hanns Ludin. Gelungene Dokumentation über die 2. Tätergeneration und eine gute filmische Ergänzung zu „Opa war kein Nazi – Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis“.