Tag-Archiv für 'filmgeschichte'

Off Frame aka Revolution bis zum Sieg

Dokumentation – 62 min., PSE 2016
Film von Mohanad Yaqubi

Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa hieß die Dokumentation, die der deutsch-französische Kultursender Arte im Juni 2017 nicht ausstrahlen wollte. Als Begründung für den letztlich missratenen Boykottversuch wurden handwerkliche Mängel angeführt. Der Film, der sich schwerpunktmäßig mit israelbezogenen Antisemitismus auseinandersetzte, sei zudem nicht ergebnisoffen und nicht multiperspektivisch genug gewesen. Gleichzeitig veranstaltete Arte in seinem Programm wochenlang ein anti-israelisches Trommelfeuer. Und bis heute werden weiterhin fast ausschließlich Reportagen und Dokumentarfilme ausgestrahlt, die „Israelkritikern“ dann die Munition liefern, um den israelischen Staat zu delegitimieren.
Ein besonders markantes Beispiel für die „ausgewogene“ Programmgestaltung zum Nahost-Konflikt ist der Propagandafilm Off Frame – Revolution bis zum Sieg, der das sogenannte palästinensische Widerstandskino der 1960er und 70er Jahre abfeiert. Der Beitrag lief 2017 auf der Berlinale, Arte stellt ihn uns seit Oktober 2017 ein ganzes liebes langes Jahr in seiner Mediathek zur Verfügung. Von der Einzigartigkeit dieser „Bilder eines Traums von Freiheit“ und der „Suche eines Volkes nach sich selbst“ waren die Programmverantwortlichen anscheinend schwer begeistert. Vielleicht hat man sich über jenes Genre auch schon genügend beim antisemitischen Webportal The Electronic Intifada informiert? Oder Arte empfindet es bereits als ausreichende Referenz, dass Regisseur Mohanad Yaqubi die antisemitische Boykottbewegung BDS unterstützt?
Die Bilder dieses Widerstandskinos jedenfalls gehören heute zum Standardrepertoire von Israelhassern jeglicher Couleur: die angeblich von Israel zu verantwortenden Vertriebenen und Getöteten, insbesondere die Darstellung notleidender Kinder und Frauen als Opfer „zionistischer Aggressionen“ sind ein Evergreen und ebenso beliebt wie Genozid-Vorwürfe und die Relativierung der Shoah. Hier kommt der Verlust des palästinensischen Filmarchivs nach dem Libanonkrieg 1982 einem „kulturellen Völkermord“ gleich. Wir sehen Bilder vom militärischen Drill palästinensischer Kindersoldaten, unterlegt mit völkischem Liedgut. Am Ende klingt der Film gar mit einem Schulhofappell und der Intonation der palästinensischen Blut-und-Boden-Hymne aus. Für Arte offenbar alles so anrührend und unschuldig wie die salbungsvollen Worte des für Palästina „gefallenen“ Judenmörders Jassir Arafat. Auch scheint die antisemitische Inszenierung vom jüdisch-amerikanischen Kapital dem Weltbild des europäischen Kulturkanals Arte genauso wenig entgegenzulaufen wie die medienwirksame Sprengung von Passagierflugzeugen unter der Parole „Down with Imperialism, Zionism & Israel“.
Der größte Mediencoup palästinensischer Revolutionäre wird in Off Frame allerdings nur beiläufig abgehandelt: Dabei konnten sie doch ihre Botschaft beim Terroranschlag auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972 in München über die TV-Bildschirme live in alle Welt tragen und ernteten dafür – allen voran Ulrike Meinhof – auch in der deutschen Linken viel Solidarität. Eingehend gewürdigt wird dagegen aber selbstverständlich das Wirken des antizionistischen, sich ebenfalls als links verstehenden Filmemachers und Terrorunterstützers Jean-Luc Godard. Im „Kampf gegen die zionistische Propaganda“ tat er Hier und Anderswo, was er nur konnte. Für den bewaffneten Kampf gegen Israel sammelte er auch schon mal Geld beim ZDF. Ein europäischer TV-Kanal mit ausreichender Sendezeit stand ihm und der PLO da allerdings noch nicht zur Seite.

+++ Der Film Off Frame aka Revolution bis zum Sieg ist noch bis zum 17.10.2018 bei Arte abrufbar +++ Seit Mitte Mai 2018 stellt Arte den Film auf seinem Youtube-Kanal zur Verfügung +++

Antiimperialistisches Agitprop-Theater: Mit Leib und Seele gegen
die „JewSA“? | © Arte 2017

South Park: The Passion of the Jew

Animationsfilm – 22 min., USA 2004
Serie von Trey Parker und Matt Stone

+++ Feiertags-Special am Karfreitag +++ Bereits schon vor einigen Jahren hatte sich fernseherkaputt.blogspot.de in mehreren Beiträgen intensiver mit Gesellschaftskritik in der Animationsserie South Park befasst und sich dabei auch dem Thema Antisemitismus zugewandt. Die hier verlinkte Episode 3 der 8. Staffel beschäftigt sich mit Mel Gibsons ( 1 | 2 | 3 ) seinerzeit äußerst kontroversen wie erfolgreichen Film „Die Passion Christi“. Der im Stil eines Snuff-Movies gehaltene Film mobilisierte nicht nur Anhänger des christlichen Fundamentalismus zu gemeinsamen Kinobesuchen, sondern auch weit darüber hinaus. Und wie in einem Artikel von Max Brym dargestellt, war dabei anscheinend die Kinofassung in Darstellung der Juden noch um einiges milder als die der Anti Defamation League vorab zugespielte Rohfassung.


© South Park Digital Studios LLC

Jüdisches Glück

Stummfilm – 100 min., SU 1925
Regie / Buch: Alexander Granowski / Isaak Babel

„Der Film JÜDISCHES GLÜCK, nach dem Briefroman „Menachem Mendel“ von Sholem Alejchem, schildert die restriktiven Lebens- und Arbeitsbedingungen im jüdischen Schtetl des zaristischen Russland. Dessen zentrale Problemfelder verliefen entlang der Kluft zwischen Arm und Reich, sie entstanden aus der Situation der Unterbeschäftigung, aus der Sorge um den Unterhalt der Familie sowie um die einträchtige Verheiratung der Kinder. Nur in der nostalgischen Retrospektive jüdischer Auswanderer wurden die ärmlichen Siedlungen zu ihrer Heimat. Mit halbdokumentarischem Blick auf die Stadt Berdičev zeigt der Film ein realistisches Bild der Schtetlkultur. Zum Inbegriff des jüdischen Leidens und Lebensmuts wird der Familienvater Menachem Mendel, dessen Dasein einerseits durch Armut und Erwerbslosigkeit, andererseits durch familiäre Herzlichkeit und einfache Lebensfreuden innerhalb der Gemeinschaft geprägt ist. In der Hoffnung auf gewinnbringende Geschäfte verlässt Menachem sein Schtetl. Vergebens versucht er sein Glück im Versicherungsgeschäft, als Miederverkäufer und schließlich als Heiratsvermittler. Wirklich erfolgreich wird der sympathische Pechvogel nur in seinen Träumen, wo er zum Retter Amerikas emporsteigt. Neben die Tragik des archetypischen Verlierers tritt die Komik eines unerschöpflichen Überlebenskünstlers auf seiner Suche nach dem Glück.“ (Carolin Viehl im Rahmen des 2009 veranstalteten Filmsymposiums „Auf der Suche nach dem Glück – Jüdisches Leben im sowjetischen Film 1917 bis 1999″)

+++ Eine lesenswerte Analyse des Films im Kontext der sowjetischen Judenpolitik der 1920er Jahre findet sich in „Glücksuchende? Conditio Judaica im sowjetischen Film“. Darin beschreibt Christoph Maier als Autor des Kapitels „Auf den krummen Wegen des jüdischen Glücks“ den Film einerseits als Teil der kulturpolitischen „Anti-Schtetl-Kampagne“, die auf die Assimilation der sowjetischen Juden im Sinne des „Neuen Menschen“ zielte. Weiterhin wird die ideologische Stoßrichtung des Films anhand Mendels „Amerikanischen Traum“ herausgearbeitet. +++

„Jüdisches Glück“: Der Hauptdarsteller Solomon Michoels wird 1948
als Repräsentant sowjetischer Juden und Präsident des Jüdischen
Antifaschistischen Komitees von Stalins Geheimpolizei ermordet

Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens

Stummfilm – 94 min., D 1922
Film von Friedrich Wilhelm Murnau

Friedrich Wilhelm Murnau’s „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ gilt gemeinhin als Klassiker des Weimarer Kinos sowie als Wegbereiter des Horrorfilm-Genres. Die hiesige Filmkritik lobt diesen sowie andere Filme „Made in Germany“ vor allem der Ästhetik und technischen Finesse wegen. Dass man jedoch Murnau’s Klassiker auch antisemitisch deuten kann, erscheint allenthalben als Randnotiz.

Schon bei Bram Stoker’s „Dracula“-Vorlage beschleicht einen das mulmige Gefühl antisemitischer Stereotypisierung. Doch folgt man der bereits im Jahr 1999 publizierten Studie „Der Vampir als Volksfeind“ von Jürgen Müller, kann man in „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ nicht nur die gängigen Bezüge zum 1.Weltkrieg entdecken, sondern auch handfeste antisemitische Konnotationen. Die Studie bescheinigt dem Film, Teil einer Kampagne gegen die ostjüdische Einwanderung gewesen zu sein, wobei der damalige Hass auf die „Ostjuden“ als Katalysator einer allgemeinen antisemitischen Organisation und Praxis diente. Dafür analysiert der Autor nicht nur die Bildsprache des Films sowie der begleitenden Werbekampagne, er untersucht ebenso das ursprüngliche, von Murnau schließlich entschärfte Drehbuch und ordnet den Film in den zeitgeschichtlichen Kontext der Weimarer Republik ein.

Antisemitische Gewalt, Judenhetze und Friedhofsschändungen standen auch schon in der Weimarer Republik auf der Tagesordnung. Die antisemitischen Morde an Vertretern der politischen Linken (Stichwort: „Novemberverbrecher“) oder an Liberalen wie Walther Rathenau (Stichwort: „Judenrepublik“) sprechen eine deutliche Sprache. Zudem richtete sich dieser Hass zunehmend gegen jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa. Die Politik ihrerseits reagierte auf die jüdische Zuwanderung mit entsprechenden Gesetzen und Initiativen wie Grenzschließungen oder der Einrichtung sogenannter „Konzentrationslager“ zur Durchführung zügiger Abschiebungen. Gleichzeitig wurden in mehrfacher Auflagenstärke nicht nur die verschwörungsideologischen „Protokolle der Weisen von Zion“ popularisiert. In völkischen Publikationen wurden bereits unverblümt und regelmäßig antisemitische Vernichtungsphantasien artikuliert. In diesem Klima feierte dann im Jahr 1922 in Berlin nicht nur der Film „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ Premiere, sondern ein Jahr später auch das erste Pogrom der jungen Weimarer Republik.

Auch wenn in Filmbesprechungen hier und da von einer ominöse „Gefahr aus dem Osten“ gesprochen wird: In den hiesigen filmpädagogischen Institutionen fand die antisemitische Lektüre des Films bisher keinen großen Nachhall. Bei der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, die als Sachwalterin deutschen Filmerbes – darunter auch die nationalsozialistischen Vorbehaltsfilme – auftritt, wird in Bezug auf „Nosferatu“ weiterhin nur vom „Einbruch des Dämonischen in die bürgerliche Idylle“ und einem düsteren „Spiegelbild kollektiver Ängste in der Weimarer Republik“ fabuliert. Es wäre ja auch mehr als peinlich, würde der Namensgeber der Stiftung in den Zusammenhang einer antisemitischen Kampagne gerückt. Mit besten Empfehlungen für den Schulunterricht zieht auch die Bundeszentrale für politische Bildung nur eine „gewisse Analogie zum Schrecken des Ersten Weltkriegs“. Vor allem aber feiert sie den Film als „Höhepunkt des expressionistischen Weimarer Kinos“, wofür „Nosferatu“ im hauseigenen BpB-Filmkanon dann auch an erster Stelle gelistet wird.

Anders als die um Kulturbeflissenheit bemühten Retrofilmfreunde der Gegenwart vermitteln, waren Filmproduktionen vor 1933 vielleicht technisch innovativ und künstlerisch anspruchsvoll, aber ideologisch unverdächtig waren sie dabei noch lange nicht. In dem Dokumentarfilm zu Siegfried Kracauers „Von Caligari zu Hitler“ allerdings wird immerhin die Frage nach „Nosferatus“ antisemitischen Gehalt gestellt – obgleich sie auch hier unbeantwortet bleibt. Den Schlüssel zum Verständnis dieser Ignoranz könnte der Film, wenn auch ungewollt, dennoch gleich mitgeliefert haben. Befragt zur deutschen Filmgeschichte äußerte sich nämlich Regisseur Volker Schlöndorf auch zu seinem ganz persönlichen Erweckungserlebnis: „Und erst in Paris habe ich überhaupt entdeckt, dass es so etwas gab wie den deutschen Stummfilm. Da habe ich zum ersten Mal Filme von Fritz Lang, von Murnau u.s.w. gesehen. Und war sofort Feuer und Flamme! Das heißt, nicht nur das, sondern: Endlich Väter, mit denen wir uns identifizieren konnten!“ Vielleicht ist es ja genau diese elende Sehnsucht nach einer ureigenen unbefleckten deutschen Kultur, die den kritischen Blick verstellt…

Ungeheuer plakativ: Landnahme deutschen Kleinstadtidylls durch
Blutsauger und Ratten aus dem Osten | © Prana Film

Der Prozess

Dokumentation – 270 min., D 1984
Ein Film von Eberhard Fechner

Heute sitzen wir auch manchmal am Fernsehen […] und man sagt „Naja, was sollen wir machen?“. Aber der Unterschied ist kolossal groß. […] Kriegerische Handlungen ist ein Unterschied zu so einem Massenvernichtungsmord.“

(ein Überlebender und Zeuge im Majdanek-Verfahren)

3-teilige NDR-Dokumentation über das Majdanek-Verfahren, das von 1975 bis 1981 als bis dahin längstes Verfahren der bundesdeutschen Geschichte vor dem Düsseldorfer Landgericht verhandelt wurde. Das Verfahren, bei dem 15 Männer und Frauen des Lagerpersonals von Majdanek/Lublin angeklagt waren, endete trotz juristischer Spielräume mit skandalös milden Urteilen. Ebenso beschämend war auch der Umgang mit Eberhard Fechners Film, der 1984 wegen seiner angeblichen „künstlerischen Strenge“ erst in das Nachtprogramm, dann für Jahre ins Archiv verbannt wurde und somit wenig Aufmerksamkeit erfuhr. Mittlerweile haben sich die juristische und, durch neuerliche Ausstrahlung des Films 2016 sowie einer DVD-Veröffentlichung, auch die mediale Aufarbeitungspraxis etwas verändert. Dabei sollte allerdings nicht übersehen werden, dass, wie z.B. Holger Pauler in seiner Filmbesprechung „Die Brutalität der Befehlsempfänger“ anmerkt, Fechners Film auch einen Volkscharakter entlarvt, „der auch Jahrzehnte nach Auschwitz fortlebt – weil die Verhältnisse, unter denen dieser Charakter entstand, weiterexistieren“. Über diesen nach wie vor aktuellen Befund sollte man sich also weder mit einem gut gemeinten und allgemein anerkannten Resümee über die gescheiterte Nachkriegsjustiz, noch mit der späten, im Fall ‚Demjanjuk‘ und ‚Gröning‘ aber immerhin vollzogenen juristischen Neubewertung der Täterschaft und schon gar nicht mit einer der „Wiedergutwerdung der Deutschen“ dienenden erinnerungspolitischen Kehrtwende der Berliner Republik hinwegtäuschen lassen. Solange Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen weiterhin salonfähig, dabei aber unverstanden wie verleugnet bleibt und seine Bedingungen fortwirken, ändert sich an diesem Volkscharakter grundsätzlich nichts.

Eine vertiefende Analyse des Films bietet ein im Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien gehaltener Vortrag von Martina Thiele.

© absolut MEDIEN GmbH

Die Stadt ohne Juden

Stummfilm – 80 min., A 1924
Ein Film von Hans Karl Breslauer nach einem Roman von Hugo Bettauer

Dass gerade ein Film wie „Stadt ohne Juden“ in Österreich, in Wien, gedreht wurde, ist ein Vermächtnis und eine ganz besondere Verantwortung. Es gibt weltweit keinen Film aus dieser Periode, der sich dieses Themas an sich so kompromisslos annimmt.“ (Film Archiv Austria, 2016)

Filme aus der Frühgeschichte des Kinos, die sich explizit mit Antisemitismus auseinandersetzen, sind rar gesät, werden heute nur noch selten gezeigt und sind dementsprechend auch nur wenigen Menschen bekannt. Stummfilme wie „Der gelbe Schein“ (1918) oder Carl Theodor Dreyers „Die Gezeichneten“ (1922) hatten dabei bereits nach ihren Premieren vor nun schon beinahe 100 Jahren nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit erregt – zumal der Antisemitismus in diesen Filmen nicht in der deutschen Gesellschaft verortet wurde. Für einige Aufwallungen dagegen sorgte Hans Karl Breslauers Verfilmung von Hugo Bettauers dystopischem Roman „Die Stadt ohne Juden“, der die Vertreibung der Juden aus einem „utopischen“ Staat beschreibt: Während die Kinoaufführungen wiederholt durch Nazis gestört oder von Kinobetreibern abgesagt wurden, fiel der Verfasser der Romanvorlage Hugo Bettauer 1925 in Wien gar dem Mordanschlag eines Nazis zum Opfer. Doch dass dies nicht unbedingt schon ein Qualitätsmerkmal für die kritische Analyse des Antisemitismus sein muss, deutet bereits der Klappentext der DVD-“Edition Der Standard“ an: Denn „tiefer noch als das Buch ist die Bearbeitung von H.K.Breslauer […] selbst vielen Annahmen verhaftet, aus denen sich das Ressentiment speist. Dass die Juden heimlich die Weltherrschaft anstreben oder schon innehaben, wird an der ganzen Konstruktion der Satire deutlich […]“. Oder wie es bereits Fritz Rosenfeld 1924 in der Arbeiter-Zeitung unumwunden ausdrückte: „Der antisemitelnde, gegen den Antisemitismus gerichtete Film ist auch rein filmmäßig miserabel. Die abgedroschendste Karikiererei wird herangezogen, die geschmacklosesten Mätzchen sind gut genug, um Lachen zu erzeugen.“ Mit der inhaltlichen Auseinandersetzung (z.B. der Dekonstruktion der „jüdischen Geldmacht“) ist es in der Tat nicht weit her – im Gegenteil besteht selbst bei wohlwollender Lesart des Films als Satire die Gefahr, mittels der ihr eigenen Übertreibungen den Wahn des Antisemiten nur noch zu bestätigen. Und der Film wird auch im Nachhinein nicht besser, nur weil er einige Bilder der Shoah „prophetisch“ vorwegzunehmen scheint. Man kann daher nur hoffen, dass der jüngst begonnenen Rekonstruktion des Originals eine kritische Edition nachfolgen wird, anstatt den Film als gelungenen, frühen Beitrag Österreichs im Kampf gegen (einen doch offensichtlich unverstandenen) Antisemitismus abzufeiern und dafür noch eine ebenso ominöse „Zivilgesellschaft“ beim Crowdfunding zu umwerben.

Siehe auch den Jungle World-Essay von Olaf Kistenmacher und Patricia Zhubi, der aus Anlass der Rekonstruktion des Films diesen und andere Versuche beschreibt, mit künstlerischen Mitteln gegen Judenfeindschaft zu kämpfen.

Der Tramp und der Diktator – Chaplins Abrechnung mit Hitler

Dokumentarfilm – 43 min., D 2002
Ein Film von Michael Kloft

Es sollte sein erfolgreichster Film werden: im Oktober 1940 feierte The Great Dictator seine Premiere, nicht in Berlin wie Charlie Chaplin bei Beginn der Dreharbeiten augenzwinkernd angekündigt hatte, sondern in New York. Es war jedoch auch sein umstrittenster und so musste die Premiere unter Polizeischutz abgehalten werden. Als er genau zwei Jahre zuvor, während der Westen sich noch in Appeasement übte, angekündigt hatte, The Great Dictator zu drehen, protestierte der deutsche Konsul in den USA und die britische Regierung verkündete, ihn zu verbieten. Politische Themen waren verpönt in Hollywood. Chaplin’s Film wurde gar als Kriegspropaganda bezeichnet. Es hätte also durchaus sein können, dass der Film nach Fertigstellung kassiert werden würde. Erst als Roosevelt seinen Berater Harry Hopkins zu Chaplin schickte mit der Botschaft, dass der Präsident voll und ganz hinter dem Projekt stehe, war der Ausgang einigermaßen gewiss. Jan Karski war 1942 weniger erfolgreich, den amerikanischen Präsidenten zu überzeugen, nun von der dringenden Notwendigkeit gegen die Vernichtung der Juden in Polen militärisch zu intervenieren.
Michael Kloft zeigt in seiner Doku noch nie verwendetes Farbfilmmaterial, aufgenommen von Chaplins Halbbruder Sydney am Set in Hollywood. Er hat unter anderem festgehalten, wie unzufrieden Chaplin mit der ursprünglich geplanten Schlussszene war. Die deutschen Soldaten sollten in ihr am Ende die Waffen wegwerfen und tanzen. Stattdessen entschied er sich, als er selbst, als Charlie Chaplin, eine Schlussrede zu halten, einen Appell an Frieden und Menschlichkeit, der aus heutiger Perspektive unglaublich naiv erscheint. Chaplin sagte später, wenn er über die deutschen Verbrechen eher Bescheid gewusst hätte, hätte er den Film so nicht gedreht. Mit dem deutschen Antisemitismus hatte er jedoch bereits 1931 bei einem Besuch in Berlin Bekanntschaft gemacht. Die nationalsozialistischen Presse verfemte ihn als „jüdischen Filmaugust“, in der von Johann von Leers herausgegebenen antisemitischen Broschüre „Juden sehen dich an“ wurde er als „widerwärtiger kleiner Zappeljude“ bezeichnet. Dass Kloft den ehemaligen SS-Hauptsturmführer und persönlichen Referenten Joachim von Ribbentrops Reinhard Spitzy unkommentiert zu Wort kommen lässt („wir wussten, dass er ein Jude war, na klar das wussten wir und dass das für uns natürlich nicht das war, was wir wollten“) irritiert, entlarvt ihn jedoch zugleich, denn: Chaplin war kein Jude.
Was in der bisherigen Auseinandersetzung mit Chaplin und seinem ersten Tonfilm völlig unter zu gehen scheint, ist die Rolle des Kommandeurs Schultz (gespielt von Reginald Gardiner), der sein Leben dem Tramp (die berühmte von Chaplin geschaffene Rolle, die in The Great Dictator zum letzten Mal zu sehen sein sollte) verdankt und ihn deshalb vor der SA beschützt, später mit ihm zusammen in den Widerstand geht und ihn gar schlussendlich zur bereits erwähnten Schlussrede animiert. Chaplin erschafft hier überhaupt erst die Figur des ‚ideologiefreien guten Deutschen‘, die Spielberg ein halbes Jahrhundert später mit Oskar Schindler perfektionieren sollte.

Liberty? Schtonk! Chaplin als Hitlerparodie Anton Hynkel am Set von
The Great Dictator beim Abdrehen der Schlussszene | © ZDF

Metropolis

Stummfilm – 148 min., D 1927
Film von Fritz Lang und Thea von Harbou

„Metropolis“ ist der bekannteste deutsche Stummfilm. Die meisterhafte filmische Umsetzung eines architektonischen Zukunftsbildes der Stadt macht ihn zu einem einzigartigen Dokument des Menschheitserbes.“ ( Deutsche UNESCO-Kommission e.V.)

Wer erschuf unter dem okkulten Siegel des Satans und der Freimaurerei qua seines übermenschlichen Intellekts den „Moloch“ der modernen Großstadt – und hetzt gleichzeitig im Untergrund der Tiefbahn die ausgebeuteten Massen zur Revolution? Wem passt Hakennase und Einstein-Frise und wird das undurchdringlich Abstrakte und Unmenschliche der Wissenschaft ebenso zugeschrieben wie die Macht über das Kapital? Wer steht der Hölle näher als dem Leben, verkörpert Lüge, Rachsucht und Lüsternheit und trägt ursächlich die Verantwortung für Laster und sündigen Verfall? In welchem Hause, schrieb Thea von Harbou in ihrer Romanvorlage, hat man „das Gefühl, als hocke die Pest in jedem Winkel und spränge einem von hinten ins Genick“? Wer lenkt die Presse und steuert eine Unzahl von Zeitungen? Wessen perfide Geschöpfe gehören – mit Büchern angeheizt – auf Scheiterhaufen verbrannt? Wem wird die Kreuzigung und „Gottesmord“ unterstellt? Wer gehört also schlussendlich vom Dach der Kathedrale gestoßen, damit sich Arbeit und Kapital versöhnen und als Volksgemeinschaft vereinigen können?
Keine Frage: Mitte der 1920er Jahre, als Fritz Lang und Thea von Harbou ihr Science-Fiction-Machwerk „Metropolis“ ausheckten, hätte sich noch jeder Deutsche denken können, dass mit der Figur des Rotwang „der Jud“ gemeint war. Und so verwundert es schon, wie Wulf D. Hund in seiner Filmbesprechung unter dem Titel „Jüdische Weltverschwörung unter rotem Stern“ einleitend feststellt, dass „ganze Sammelbände zum Film erscheinen können, in denen noch nicht einmal das Wort ‚Antisemitismus‘ vorkommt“ – obgleich bereits schon Adolf Hitler über den Regisseur gesagt haben soll: „Das ist der Mann, der uns den nationalsozialistischen Film schenken wird.“ Und Hund pflichtet weiter Siegfried Kracauers Einschätzung bei, dass die volksgemeinschaftliche Versöhnung am Ende des Films „ohne weiteres von Goebbels“ hätte stammen können.
Laut nachdenken wollen die ach so geläuterten Deutschen darüber heute natürlich nicht mehr. Viel lieber wollen sie sich gemeinsam – wie beispielsweise 2010 im eiskalten Berlin vor nationaler Schicksalskulisse – endlich wieder unbeschwert für deutsches Kulturgut erwärmen dürfen ( und nebenbei gleich der benachbarten französischen Botschaft die deutsche Interpretation der Marseillaise zukommen lassen). Potsdam, die redlich treue Landeshauptstadt und Geburtsstätte des deutschen Films, gibt dem „Klassiker“ heute im Landtag die höchsten politischen Weihen und „stellt sich“ – in gleichem Hause gern mal der deutschen Verbrechen wegen in Sakko und Asche gehend – nun endlich auch seinem UNESCO-Weltdokumen­ten­erbe… das Zertifikat „Schwarz-Rot-Geil“ aus. Das Prädikat „Künstlerisch und staatspolitisch wertvoll“ hätte damals vielleicht schon die Filmprüfstelle verliehen, aber der Film war im Jahr 1927, anders als „Der Herrscher“ ( ebenfalls nach Harbou-Drehbuch), seiner Zeit noch um wenige Jahre voraus.
In unverbrüchlicher Nibelungentreue haben die Deutschen also auch über dieses antisemitische Meisterstück wieder zueinandergefunden. Wobei, wie der beiderseits nach dem Motto „Kotzen statt Kleckern“ geführte Arbeitskampf im Berliner Stummfilmkino „Babylon“ zeigte, der Wille zur betriebsgemeinschaftlichen Versöhnung sich nicht immer gleich zu erkennen gibt. Und auch wenn Goebbels und der Führer schon tot, die „12 dunklen Jahre“ lange vorbei sind und die Nazis ja auch und so… : Dem über jeden Verdacht erhabenen, großen deutschen Filmschaffenden, Exilanten und „Halbjuden“ Fritz Lang und seiner „Herzensbotschaft“ dürfen und können sie problemlos folgen. Fritz bleibt Fritz! Lang leben die Deutschen! Und die deutsche Sozialpartnerschaft! Und deutsches Werk und Schaffen!

Heil Mittler!

Nachtrag: Den Anstoß zu diesem Beitrag gab uns Klaus Thörner mit seinem Vortrag „Arbeit macht frei – Über den Zusammenhang zwischen deutschem Arbeitswahn und Antisemitismus“.

Flimmern statt Fackeln: Zur 60. Berlinale 2010 durfte am deutschen
Filmwesen wieder die Welt genesen | © Sean Gallup, Getty Images