Tag-Archiv für 'frankreich'

Des „terroristes“ à la retraite – Widerstandskämpfer im Ruhestand

Dokumentation – 70 min., F 1985
Ein Film von Mosco Leví Boucault

Ganz Polen ein riesiges Schlachthaus für Juden. Zu Zehntausenden werden Frauen und Kinder, Alte und Kranke umgebracht. 360000 Menschen im Warschauer Ghetto ermordet. […] Die Deutschen wenden alle Hinrichtungsmethoden an: Gaskammern, Vergiftungen, Erschießungen, Minenfelder, elektrischen Strom, etc. […]“

(J‘accuse! – Organe du MNCR/ FTP-MOI, 25.12.1942)


„Wenn es heute noch Nazis aus dem Weg zu räumen gäbe, würde ich es mit dem größten Vergnügen und absolut ohne Gewissensbisse tun: Die Nazis haben meinen Bruder, meine Mutter, meine beiden Schwestern, meine Großmutter, meine Tante, meinen Onkel und meinen kleinen, 3-jährigen Cousin deportiert und ermordet. Diesen Hass werde ich nie mehr los.“

(Raymond Kojitsky – FTP-MOI)

Der Film rekonstruiert die Aktivitäten, Organisation und Zerschlagung der jüdischen Abteilung der FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans – main d’œuvre immigrée), die vor allem in Paris massiven bewaffneten Widerstand gegen die deutschen Besatzer leistete und deren Mitglieder zunächst nur durch das berühmte Nazi-Propagandaplakat „Affiche rouge“ Namen und Gesicht bekamen. Als „Des ‚terroristes‘ à la retraite“ 1985 auf dem französischen Fernsehsender Antenne 2 ausgestrahlt wurde, provozierte er heftige Kontroversen. Dabei ging es in erster Linie nicht um die so lang vernebelte französische Kollaboration (hier hatte ja insbesondere Marcel Ophüls schon 1969 mit seinem Dokumentarfilm „Das Haus nebenan“ Vorarbeit geleistet), sondern um das Verhältnis der französischen Kommunisten zu ihren, meist zugewanderten, jüdischen Kampfgefährten: Der durch den Film geäußerte Verdacht allerdings, der PCF – die der FTP-MOI übergeordnete Kommunistische Partei Frankreichs – hätte die Gruppe im Verlauf des Jahres 1943 aus nationalistischen Motiven auflaufen lassen und damit ihren Verfolgern ausgeliefert, scheint heute, folgt man beispielsweise den Autoren von „L‘Affiche Rouge – Immigranten und Juden in der französischen Résistance“ (Verlag Schwarze Risse, 1994), weitgehend ausgeräumt. Dem neuesten Forschungsstand Rechnung tragend wurde der Film deshalb nachträglich durch Schnitte in seinen Aussagen etwas entschärft und um einige Minuten gekürzt. Was dann vom Film immerhin noch übrig bleibt, ist schlicht und ergreifend: eine Würdigung des jüdischen Widerstandes, die lange Zeit auf sich warten ließ.

Was die Erinnerung an den jüdischen Widerstand angeht, herrschte
anscheinend auch in Frankreich eisige Friedhofsruhe | © Zek 2014

L‘Affaire Dreyfus

Stummfilm – 11 min., F 1899
Film von Georges Méliès

Bereits in den frühesten Anfängen der Filmgeschichte wurde deutlich, dass das Kino nicht nur Unterhaltungswert, sondern auch politische Dimension besitzt – und deshalb schon immer auch umkämpftes Terrain war. Der französische Filmpionier Georges Méliès ergriff 1899 als sogenannter „Dreyfusard“ mit seinen Aktualitätenfilmen „L‘Affaire Dreyfus“ eindeutig Partei für den 1894 zu Unrecht wegen Geheimnisverrats verurteilten jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus. Die Affäre löste nicht nur eine über Jahre andauernde Staatskrise in Frankreich aus, sie war darüber hinaus für den demokratischen Prozess in Europa ebenso von Bedeutung wie für die Entstehung des Zionismus als Reaktion auf den modernen Antisemitismus. Und damit wirkt sie, wiewohl es keine Dreyfusards mehr gibt, bis in die Gegenwart. Da Méliès‘ heute nicht mehr vollständig erhaltene Filmreihe anscheinend auch gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Dreyfusards und republikfeindlich gesinnten antisemitischen Schlägern provozierte, nutzte die Pariser Polizeibehörde die Gelegenheit für ein Verbot des Films.

Trotz Folter und Isolation: Alfred Dreyfus wird „Das Bagne“ – Frank-
reichs Strafkolonie
– 1899 lebend verlassen | © British Film Institute

Un vie de lutte – Der Kampf geht weiter

Dokumentation – 31 min., D 2015
Ein Film der North-East Antifa

+++ Da hier über den „alternativen“ Anzeigenteil von blogsport.de gerade eine Spendenkampagne der NEA für ein weiteres Filmprojekt läuft, setzen wir gern unseren, nun etwas überarbeiteten Beitrag wieder nach oben – und ergänzen um einen Artikel von Alex Feuerherdt, der einen aktuellen Vorfall während der ‚Nuit debout‘-Demonstration am 17.04.2016 aufgreift. +++

Kurze Dokumentation zum Mord an dem Antifaschisten Clément Méric, zum Rechtsruck in Frankreich, der seine Manifestation vor allem in der Bewegung gegen die ‚marriage pour tous‘ und dem Erstarken des Front National erfahren hat sowie zu aktuellen antifaschistischen Kämpfen und Projekten in Paris. Der Film beschreibt in einem kurzen Überblick die politische Entwicklung der letzten Jahre und den Zustand der antifaschistischen Bewegung aus Sicht von AFA Paris-Banlieue, des Quartiers Libres, des Journalisten Bernhard Schmid und anderen. Interviewpartner wie Filmemacher legen hier allerdings selbst ungewollt einige ihrer Widersprüche offen, wobei die Ästhetisierung männlicher Domänen (Fussball, Demonstrationen, HipHop) anscheinend mit dem Gendern der Untertitel ebenso gut zusammengeht wie eine pauschale und ausschließliche „Kritik“ des Antisemitismus der Rechten mit den eigenen Solidaritätsbekundungen für das antisemitische Projekt „Palästinensischer Befreiungskampf“. Worin sich das konkrete Engagement gegen Antisemitismus ausdrückt, verrät der Film nicht. Dabei ist dies gerade im Fall von Quartiers Libres doch sehr offensichtlich. Aber auch auf der Internetseite der North-East Antifa wird, bei aller Rhetorik, klar, wer und was für sie im Nahost-Konflikt das eigentliche Problem darstellt.

Wollen keine U-Bahn bauen: Antifa-Hooligans und palästinasolida-
rische `Recht auf Heimat`-Bewegte feiern ihren Verein MFC 1871
| © NEA

L‘humour à mort – Je suis Charlie

Dokumentation – 90 min., F 2015
Ein Film von Emmanuel und Daniel Leconte

Zum Jahrestag der Anschläge vom Januar 2015 in Paris kam in Deutschland der Dokumentarfilm „Je suis Charlie“ in die Kinos. Mit seiner einfühlsamen Hommage an Charlie Hebdo und seine Mitarbeiter bleibt Regisseur Daniel Leconte sehr nah bei den Opfern und Hinterbliebenen des Massakers und verzichtet deshalb weitgehend auf Geschichte und politische Analysen des islamistischen Terrors. Da wir hier nicht gern wiederholen, was andere besser beschrieben haben, verlinken wir gern eine umfassendere Filmbesprechung der Wochenzeitung Jungle World. Verweisen möchten wir aber trotzdem auch auf den ARTE-Dokumentarfilm „2015 – Paris est une cible“, da hier der antisemitischen Motivation des Terrors der letzten Jahre mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird, so wie wir es schon mit unseren Beitrag zu „Satanische Verse. Die Affäre Rushdie“ oder dem Kommentar zu „Bataclan. Ein antisemitischer Anschlag.“ versucht hatten.

Es ist hart, von Idioten verehrt zu werden

Dokumentation – 100 min., F 2008
Ein Film von Daniel Leconte

Zum Kinostart des Dokumentarfilms „L‘humour à mort. Je suis Charlie“ 2016 wurde in den Filmbesprechungen öfter darauf hingewiesen, dass Regisseur Daniel Leconte schon während des Prozesses gegen Charlie Hebdo im Jahr 2006 wohlwollend mit der Kamera zugegen war, während die meisten Medien dem Blatt und seinem blasphemischen Programm bis zuletzt ihre Solidarität verweigerten. Die Satirezeitschrift hatte sich damals mit dem Abdruck der Mohammed-Karikaturen der dänischen Jyllands-Posten, sowie eigener Karikaturen, nicht der Selbstzensur unterworfen und sah sich in der Folge mit einer Klage des Rates der Muslime Frankreichs – nicht wegen Blasphemie, was in Frankreich keinen Straftatbestand darstellt – jedoch wegen Beleidigung konfrontiert. Aus heutiger Perspektive zeigt der Dokumentarfilm zu jenem Prozess die Vorgeschichte der Terroranschläge in Paris vom Januar 2015 und ist hier deshalb mit Hinweis auf die Opfer in einer aktualisierten Fassung zu sehen.

Die beanstandete Ausgabe vom 08.02.2006 | © Charlie Hebdo

Der „Antizionismus“ des Jean-Luc Godard

Als Jean-Luc Godard im Jahr 2010 der Ehrenoscar für sein Gesamtfilmwerk verliehen werden sollte, wurde eine Diskussion um dessen antisemitische Positionen laut. Godard hatte sich ab Ende der 60er Jahre mit der Groupe Dziga Vertov und deren Film „Jusqu‘à la victoire“ (1970) bzw. Ici et ailleurs“ (1975) dem „antiimperialistischen Befreiungskampf“ der Palästinenser verschrieben. Das Fragment eines ZDF-Beitrages wirft aber nicht nur ein Schlaglicht auf seine kruden Positionen, auch die Willfährigkeit des Kamerateams erstaunt. Wer mehr weiß und uns sagen kann, in welchem Zusammenhang dieser TV-Beitrag entstanden ist, schreibe bitte einen Kommentar.

Bataclan: Ein antisemitischer Anschlag

Am 13. November 2015 wurde Paris von einer Terrorwelle des Daesh („Islamischer Staat“) überzogen. Der blutigste Anschlag ereignete sich im Café- und Konzerthaus „Bataclan“, bei dem nach vorläufiger Bilanz 89 Menschen starben. Der Clip und ein weiteres Video aus dem Jahr 2008 zeigen, dass das „Bataclan“ schon früher im Fokus „antizionistischer“ und „propalästinensischer“ Aktionen stand. Für den Hinweis auf das antisemitische Motiv bedanken wir uns mit einer unbedingten Empfehlung beim Blog Lizas Welt.

Vous avez dit antisémite? – Befremdet im eigenen Land

Dokumentation – F 2003
Ein Film von Daniel Leconte und Barbara Necek

Facettenreiche Dokumentation über den erstarkenden Antisemitismus in Frankreich nach 9/11, der Antirassismus-Konferenz in Durban und dem Irakkrieg. Insbesondere Finkielkraut’s Bemerkungen zum „notorischen Verbrechen der Kapitalisten“ und zur strukturell antisemitischen Kritik linker Globalisierungsgegner sind doch recht erfrischend. In der Haltung zu Israel bleibt der Film jedoch sehr ambivalent. Seit Fertigstellung 2003 haben sich die Verhältnisse bis zum Jahr 2015 weiter verschärft.