Tag-Archiv für 'israelische-linke'

Zensierte Stimmen

Dokumentation – 84 min., D/ISR 2015
Film von Mor Loushy


Auszug aus „Censored Voices: Wer hat den Sechs-Tage-Krieg zensiert?“ von Martin Kramer:

Die Dokumentation „Censored Voices“ („Zensierte Stimmen“) verspricht, die israelische Militärzensur von Gräueltaten aufzudecken, die während des Krieges 1967 verübt worden seien. Doch das Einzige, was sie aufdeckt, ist die Agenda ihrer Macher. Vorliegender Artikel erschien ursprünglich 2015 auf Englisch im Mosaic Magazine. Da der deutsche Fernsehsender Arte die Dokumentation, auf die er sich bezieht, am 6. Juni 2017 anlässlich des 50. Jahrestags des Sechs-Tage-Krieges in sein Programm nahm, entschloss sich Mena Watch dazu, die Kritik von Martin Kramer auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.

Am 26. Januar [2015] brachte die New York Times an prominenter Stelle einen Artikel ihres Jerusalemkorrespondenten Jodi Rudoren, in dem es um einen neuen israelischen Dokumentarfilm ging, der auf dem „Sundance“ Film-Festival in Utah seine Premiere feierte. Laut Rudorens sehr ausführlichem Bericht handelt es sich bei dem Film, „Censored Voices“, um eine aufsehenheischende Enthüllungsgeschichte über den Arabisch-Israelischen Krieg vom Juni 1967 – auch bekannt als der Sechs-Tage-Krieg – wie er in Gesprächen, die direkt nach dem Krieg mit Soldaten geführt wurden, erzählt wird.
Seit seinem Debüt auf dem Sundance wurde die eine Million Dollar teure israelisch-deutsche Co-Produktion auch auf Festivals in Berlin, Florenz, Genf, Madrid, Toronto, Warschau und Zagreb gezeigt. Seine israelische Premierenparty fand auf dem „Docaviv“ Dokumentarfilmfestival in Tel Aviv statt (wo ich ihn gesehen habe), derzeit wird er in den israelischen Kinos gezeigt und in Rezensionen und Feuilletonartikeln in den großen Tageszeitungen besprochen. Ein israelischer Dokumentarfilmsender wird ihn im August ausstrahlen, Rechte wurden nach Kanada, Australien, Neuseeland und quer durch Kontinentaleuropa verkauft, und im Herbst wird der Verkaufsagent des Films ihn in Großbritannien an den Start bringen. Ein amerikanischer Verleih hat die US-Rechte gekauft und plant, ihn Ende des Jahres in die Kinos zu bringen.
„Censored Voices“ wird voraussichtlich ebenso große Wellen schlagen wie „The Gatekeepers“ (deutsch: „Töte zuerst“ [sic!]), die Dokumentation von 2012, in der sechs ehemalige Chefs von Israels Geheimdienst [Shin Bet] zu Wort kamen – wenn nicht sogar noch größere. Und zwar aus demselben Grund: Es werden Israelis gezeigt, die ihr eigenes Land dafür anklagen, bei der Kriegsführung hinter den hohen Standards zurückzubleiben. Und der Film regt zu dem Schluss an, dass die Behauptungen über Fehlverhalten wahr sein müssen, weil die israelischen Behörden die Originalinterviews zensiert hätten: volle 70 Prozent davon hätten sie bewusst dem Vergessen anheim gegeben.
Doch Zuschauer: Vorsicht…“
(Der vollständige Artikel von Martin Kramer erschien im Juni 2017 in deutscher Übersetzung auf Mena-Watch.)

+++ Die ARD wird den Film am 28.08.2017 um 23.45 Uhr erneut senden +++

Re:Re:Breaking the Silence

Reportage – 30 min., D 2017
Film von Katrin Sandmann und Stephan Lamby

Was würde Deutschland sagen, der Otto Normalverbraucher oder die Regierung, wenn wir Geld investieren würden, 1 Million Euro jedes Jahr, oder alle 2 Jahre, in PEGIDA und sagen würden: „PEGIDA ist eine Organisation, die wir zu schätzen wissen. Ist ja Zivilgesellschaft! Wir wollen auch mal eine andere Stimme hören!“… Bin mir nicht sicher, ob dass gut ankommen würde.“

(Arye Shalicar, Politologe und ehemaliger Pressesprecher der IDF)

Der deutsch-französische Kultursender Arte betreibt derzeit knallharte Programmpolitik: Während der Sender aktuell die Ausstrahlung einer Dokumentation zum Antisemitismus in Europa aus fadenscheinigen Gründen unterbindet, springt er gleichzeitig dem jüngst in Israel abgeblitzten deutschen Außenminister Sigmar Gabriel zur Seite. Dieser hatte, nachdem er selbstverständlich pflichtschuldigst zum Holocaust-Gedenktag in Yad Vashem aufgelaufen war, sich bei seinem Antrittsbesuch letztendlich lieber mit sogenannten „Menschenrechtsorganisationen“ treffen wollen als mit Premierminister Benjamin Netanjahu – und damit nicht nur einen Eklat provoziert, sondern sich noch im Nachhinein als Opfer stilisiert. Arte, ein Sender, bei dem ebenso routinemäßig wie bei Gabriel das Shoah-Gedenken auf dem Programm steht, leistet ihm nun gern propagandistische Schützenhilfe.
Dabei orientieren sich die Filmemacher streng an bewährten Rezepten „Israel-kritischer“ TV-Produktionen: Zunächst braucht es immer einen Juden, der den Israelis Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Rassismus vorwirft. Dann einige Gegenstimmen, die aber argumentativ nicht ins Gewicht fallen dürfen. Weiterhin unschuldige Opfer der Israelis. Und letztendlich einen extrem unsympathischen Juden (am beliebtesten ist derzeit der „Siedler“), der das eigene Ressentiment von der jüdischen Bedrohung eines friedliebenden Volkes (wahlweise des deutschen, des iranischen, hier das des palästinensischen) bestärkt. Fertig.
Arte möchte dagegen nicht darüber berichten, dass die vor allem aus dem Ausland finanzierte israelische Organisation Breaking the Silence äußerst unseriös agiert, auch nicht darüber, dass ihr Mitbegründer Yehuda Shaul vor einiger Zeit noch die mittelalterliche Legende vom jüdischen Giftmischer neu aufgelegt hatte, die Mahmoud Abbas 2016 vor dem EU-Parlament dann zu einer anscheinend auch für Sozialdemokraten „inspirierenden“ Rede verarbeitete. Arte möchte lieber israelische Soldaten zeigen, die Demonstrationen von „Bürgerrechtlern“ behindern, palästinensische Familien in ihren Häusern einsperren, indem sie die Türen verschweißt und damit aus Hebron eine „Geisterstadt“ gemacht haben sollen. Zu B‘Tselem, einer anderen von Gabriel hofierten NGO, schweigt sich die Reportage lieber ganz aus. Muss ja nicht jeder wissen, dass deren Aktivisten Israel als Apartheidstaat diffamieren, einige davon gern schon mal den Holocaust leugnen oder palästinensische „Kollaborateure“ der Todesstrafe zuführen wollten.
Peace Now klingt da schon besser, da denkt man gleich an Blumen und Wind im Haar. Aber dass ein großer Teil der Palästinenser wie auch Gabriels Freund – der demokratisch nicht legitimierte Palästinenserpräsident und Holocaustleugner Mahmoud Abbas – in einem zukünftigen Staat keinen einzigen Juden, also auch keine jüdischen Peace Now-Aktivisten, leben lassen will, ist den Filmemachern keine Silbe wert. Auch nicht, dass der mordlüsternde Antisemitismus vieler Palästinenser nicht erst im Zuge der Staatsgründung oder des 6-Tage-Krieges zum Tragen kam. Das multikulturalistische Arte-Publikum darf auch auf keinen Fall mit dem Fakt belästigt werden, dass in Israel mehr arabische Bürger gut und gerne leben als andersherum Juden in den übrigen Staaten des Nahen Ostens es jemals dürften.
Der manische Fingerzeig selbsternannter „Freunde Israels“ und anderer „Israel-Kritiker“ verweist dabei vor allem auf sie selbst: Israel führt eben keine Kriege, wenn nicht Land und Leute existenziell bedroht sind und Israel betreibt auch keine „Endlösung der Palästinenserfrage“, wie es das taz-Publikum dereinst einmal zu lesen bekam. In Israel gibt es analog zu Deutschland weder einen NSU-Komplex, noch wurden in den letzten Jahren hunderte von Flüchtlingsunterkünften angegriffen. Eine mit Deutschland vergleichbare Situation, in der der parlamentarische Arm einer rassistischen Massenbewegung wie die des PEGIDA-Pöbels die Parlamente erobert, ist in Israel ebenfalls nicht an der Tagesordnung. Und trotzdem gibt es in Israel keine „Deutschland-Kritik“. Auch des grassierenden Antisemitismus wegen nicht.
„Breaking the Silence“ also? Klingt ins Deutsche übersetzt wie das Vermächtnis des ehemaligen Freiwilligen der Waffen-SS Günther Grass. Der Literaturnobelpreisträger hatte um der deutschen Opfer willen über die Shoah zwar nicht viel zu sagen, polterte dafür aber als „Israel-Kritiker“ umso lauter, indem er Israel unterstellte, das iranische Volk ausradieren zu wollen. Als deutscher Kulturschaffender war er dabei ebenso sendungsbewußt wie der „Kultursender“ Arte. Und bekanntlich war auch er ein überzeugter Sozialdemokrat.

Der Günther Grass der deutschen Sozialdemokratie: Antrittsbesuch
des deutschen Außenministers Gabriel bei (anti)israelischen NGOs
| © Arte 2017

Matzpen

Dokumentation – 54 Min., ISR 2003
Ein Film von Eran Torbiner

Matzpen (hebr. Kompass) war eine sozialistische, antizionistische Gruppierung in Israel in den sechziger und siebziger Jahren, die von ehemaligen Mitgliedern der Kommunistischen Partei Israels, Maki gegründet wurde und die sich eine zeitlang einer großen Beliebtheit bei verschiedenen linken europäischen Antizionisten erfreute. So hatten einige ihrer Kader intensiven Kontakt zu trotzkistischen Gruppen in London. Eran Torbiner lässt ehemalige Mitglieder von Matzpen und von Organisationen, mit denen sie zusammen gearbeitet haben wie der DFLP (Demokratische Front zur Befreiung Palästinas), ausführlich zu Wort kommen. Die DFLP, laut Stephan Grigat lange Zeit für einen gemäßigten Antizionismus stehend, war 1974 für eine gescheiterte Geiselnahme in der nordisraelischen Stadt Ma‘alot verantworlich, in deren Verlauf über zwanzig israelische Schüler getötet wurden. Der Teil, in dem es um die DFLP geht, ist dann auch der einzige in der Doku, in der überhaupt Zweifel an der eigenen politischen Ideologie und den sie teilenden Bündnispartnern geäußert werden. Für Nayef Hawatmeh, dem ehemaligen Generalssekretär der DFLP scheint die Tat jedoch kaum Anlass zur Selbstkritik zu geben. Die politische Führung einer Organisation könne nun mal nicht immer volle Kontrolle über ihre Kämpfer ausüben. Ansonsten gibt es das volle antizionistische Programm: Forderung nach einer Einstaatenlösung und nach einem unverhandelbaren Rückkehrrecht aller Palästinenser, Täter-Opfer-Umkehr etc. Daniel Cohn-Bendit kommt auch vor. Für ihn war noch 2003, also während die Zweite Intifada tobte, Matzpen „the honor of Israel“. So weit, so schlecht. Nun, Matzpen gibt es nicht mehr. Einige ihrer ehemaligen Kader machen jedoch weiterhin Politik. Und viele linke Antizionisten außerhalb Israels, die immer auf der Suche nach jüdischen Kronzeugen sind, halten Matzpen in ehrbarer Erinnerung.

Zur weiteren Lektüre empfehlen wir Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung von Grigat.

Bomben in einen Supermarkt werfen? Heißt Oded Pilavsky
nicht gut, ist für ihn jedoch „legitimer Widerstand“ | © Torbiner

300 Juden gegen Franco (Madrid before Hanita)

Dokumentation – 58 Min., ISR 2006
Ein Film von Eran Torbiner

Dokumentation über jüdische Freiwillige bei den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Durch die zum Teil sehr bewegenden Schilderungen der (zum Zeitpunkt des Filmdrehs letzten noch lebenden) jüdischen ‚SpanienkämpferInnen‘ aus dem Jischuw/Palästina und von Familienangehörigen einstiger Freiwilliger werden insbesondere ihre politischen Motivationen, nach Spanien zu gehen, herausgearbeitet. Der englische Titel deutet darauf bereits hin: Madrid before Hanita. Der Regisseur Eran Torbiner:

„Zu den Aktionen der zionistischen Bewegung in dieser Zeit gehörte die Gründung der Siedlungen unter dem Motto ‚Mauer und Turm‘ mitten in arabischen Regionen – mit dem Ziel, Fakten im Blick auf eine mögliche Teilung des Landes zu schaffen. Chanita im Norden Palästinas … war das Symbol für diese Aktion. Als Ja‘akov Chasan, einer der Führer der linken Zionisten in Palästina 1938 sah, dass sich einige Zionisten im Lande an den Brigaden in Spanien beteiligten oder beteiligen wollten, anstatt immer mehr Siedlungen aus einer Mauer und einem Turm zu errichten, prägte er das Codewort ‚Chanita vor Madrid‘.“

Torbiner hat mit seinem Film den jüdischen Freiwilligen aus dem Jischuw ein Denkmal gesetzt, das daran erinnert, dass es eben nicht nur KommunistInnen und undogmatische Linke aus Deutschland, Großbritannien usw. waren, die zur Waffe gegriffen haben, um die Spanische Republik gegen den Putsch des Generals Franco zu verteidigen.
Das Zitat zeigt jedoch auch den Antizionismus Torbiners, der sich durch seinen ganzen Film zieht und vor allem dadurch deutlich wird, was der Film nicht erwähnt: Zum Beispiel, dass 1938 in Palästina der Arabische Aufstand unter der Führung des Großmuftis von Jerusalem Amin Al-Husseini, einem Bündnispartner der Nazis, tobte und dem von 1936-1939 Hunderte Jüdinnen und Juden sowie AraberInnen (den Teilungsplan unterstützende „unislamische AbweichlerInnen“) zum Opfer fielen. Chanita before Madrid war also nicht einfach nur eine kolonialistische Parole! Kein Wort auch zur Palästinensischen Kommunistischen Partei, der viele jüdische Freiwillige angehörten und die den Aufstand ganz im Sinne der Komintern-Linie unterstützte und KritikerInnen ihres Kurses aus der Partei ausschloss – alles nachzuhören in diesem Vortrag von Stephan Grigat oder bezüglich des Muftis nachzulesen bei Matthias Küntzel. Schließlich erfährt man auch nichts über die stalinistischen Säuberungen in Spanien, auf die Torbiner vor kurzem auf einer Konferenz in Warschau nur ausweichend antwortete, es wäre eben Krieg gewesen.

Ein Großteil der jüdischen Freiwilligen aus Palästina kämpfte in der
rein jüdischen Botwin-Brigade – benannt nach Naftali Botwin, einem
zum Tode verurteilten jüdischen Kommunisten aus Polen, der hier
abgebildet ist | © WDR