Tag-Archiv für 'italien'

Im märkischen Sand – Nella sabbia del Brandeburgo

Webdokumentation – 24 x ca. 6 Min., D 2016
Von Matthias Neumann, Nina Mair und Katalin Ambrus

Unmittelbar bei Kriegsende werden 131 italienische Zwangsarbeiter, sogenannte Militärinternierte, in eine Sandgrube bei Treuenbrietzen geführt und dort von Wehrmachtsangehörigen erschossen. Nur vier überleben, weil sie sich unter den Körpern ihrer ermordeten Kameraden verstecken können. Antonio Ceseri ist der letzte Überlebende dieses ungesühnt gebliebenen Endphaseverbrechens – wie die Verbrechen des sich kurz vor der Niederringung nochmals radikalisierenden deutschen Vernichtungskollektivs in der historischen Forschung mittlerweile bezeichnet werden.
Die drei Filmemacher Matthias Neumann, Nina Mair und Katalin Ambrus haben die Geschichte dieses Massaker recherchiert und sich entschlossen, aufgrund der Vielzahl von angesprochenen Themen – darunter das Leiden der Nachkommen, die (ausbleibende) Entschädigung, Erinnerungskonflikte – das Filmmaterial nicht am Stück zu zeigen, sondern in sechs Kapitel mit insgesamt 24 Einzelepisoden zu unterteilen und im Format einer Webdoku im Internet frei verfügbar zu machen. Zu den in den einzelnen Episoden porträtierten Personen gehören unter anderem Ceseri, die beiden Berliner Lehrer, die als erste anfingen, Nachforschungen zu dem Massaker anzustellen, die Töchter des Betriebsleiters der Firma Kopp und Co., für die die italienischen Militärinternierten Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion leisten mussten, sowie der Leiter des Treuenbrietzener Heimatmuseums, für den deutsche Täter auch nur Opfer des schicksalhaften Gesamtzusammenhangs Krieg sind, zumal in Treuenbrietzen, wo zeitgleich mit dem deutschen Massaker an den Italienern Rotarmisten bei einer Vergeltungsaktion eine nicht mehr rekonstruierbare Zahl an Treuenbrietzenern ermordete.
Ins Boot holten sich die Filmemacher den italienischen Zeichner Cosimo Miorello, der vor den Augen des Zuschauers die Ereignisse im märkischen Sand und u.a. die Episoden zu den geschichtlichen Hintergründen (1,2) zeichnerisch gestaltet – ästhetisch eine besonders gelungene Lösung, die zudem dem Dilemma entgeht, dass die allermeisten Fotos und Quellen aus der Zeit des Nationalsozialismus die Täterperspektive reflektieren.
Die italienischen Militärinternierten kamen lange Zeit in der italienischen Erinnerungskultur überhaupt nicht vor, im Fokus stand der Widerstand der Partisanen. Der 8. September 1943, als das Königreich Italien einen Waffenstillstand mit den Alliierten abschloss und über Nacht von einem Verbündeten zum Feind des nationalsozialistischen Deutschlands wurde, war eine Zäsur sowohl für die italienische Zivilbevölkerung als auch für die italienischen Soldaten, die von der deutschen Volksgemeinschaft nun als Verräter betrachtet wurden und massenhaft nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt wurden.

Falls ihr Freude am Wandern habt, ein Interesse an Italien im Zweiten Weltkrieg mitbringt und den bewegenden Berichten der letzten noch lebenden Zeitzeugen zuhören wollt, empfehlen wir euch das Geschichtsinstitut Istoreco, das zweimal im Jahr Wanderungen auf Partisanenwegen in der Region Emilia Reggio inkl. Treffen mit Zeitzeugen organisiert. Anmeldebeginn für die diesjährige Wanderung im September ist der 18. Januar. Die Plätze sind begrenzt und die Nachfrage in der Regel enorm.

© out of focus Filmproduktion

Mussolinis Enkel – Die „Casa Pound“-Jugendzentren

kulturzeit 03.07.2011