Tag-Archiv für 'jüdischer-widerstand'

Tödliche Rache – Vom Holocaust-Opfer zum Mörder

Dokumentation – 56 Min., ISR 2015
Ein Film von Natalie Assouline Terebilo

Ein gehetztes Atmen, Schüsse peitschen, ein Mensch fällt zu Boden – „Judenjagd“. Die im Stil einer Graphic Novel gehaltene und mit Sound unterlegte gezeichnete Anfangsszene zeigt den jugendlichen Mosche Knebel, wie er Zeuge an dem Mord seines eigenen Vaters wird. 86-jährig begibt sich der Shoah-Überlebende Knebel mit seiner Familie ins östliche Polen, wo er ihr seinen Herkunftsort, Krasnobród und die Wälder der Umgebung zeigt, in denen er sich zunächst vor den Deutschen und den mit ihnen kollaborierenden Polen versteckt hielt. Außerdem berichtet er ihr von seiner dunklen Seite – „The Dark Side“ lautet der im Deutschen wohl nicht sensationslüstern genug klingende englische Titel: Er hatte sich nach Kriegsende vom UB (Urząd Bezpieczeństwa, kommunistische Geheimpolizei im Nachkriegspolen) rekrutieren lassen und Vergeltung geübt einerseits an denjenigen, die für den Tod seiner Familie verantwortlich waren und andererseits an seinen ehemaligen Freunden, die ihn nach seiner Rückkehr nach Krasnobród in einen Hinterhalt gelockt und halb tot geschlagen hatten.
Die Doku wird dieses Jahr erneut zu Anlass des Holocaustgedenktages auf Arte ausgestrahlt, und damit auf jenem deutsch-französischen Sender, der insbesondere im vergangenen Jahr durch tendenziöse Israel-Berichterstattung, sowie den Unwillen, über Antisemitismus zu berichten, aufgefallen ist. Daher darf die, jedenfalls im postnazistischen Deutschland immer auch schuldabwehrende, „Faszination“ für eine vermeintliche „jüdische Rachsucht“ als Entscheidung für die Ausstrahlung zumindest vermutet werden. In der Programmankündigung heißt es dann auch reißerisch: „Im Geheimen beginnt Mosche […] einen gnadenlosen Rachefeldzug gegen alle, die seine Familie auf dem Gewissen haben. Auge um Auge.“
„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, so wissen Hobbytheologen zu berichten, sei ein biblisches Prinzip, seit alttestamentarischen Zeiten eine Art verbindliche Handlungsanleitung für Juden, wenn ihnen Unrecht widerfährt. Das Bild des „rachsüchtigen Juden“ ist dabei für Antisemiten jeglicher Couleur von ungebrochener Aktualität. Es findet sich camoufliert als „Israelkritik“ – man werfe nur einen Blick in die Süddeutsche Zeitung oder in die Kolumnen des Jakob Augstein – , als sekundär-antisemitische „Anklage“ an die um finanzielle „Entschädigung“ kämpfenden Shoah-Überlebenden oder eben im wohligen, da schuldentlastenden Gruseln vor den Vergeltung übenden und somit selbst zu Tätern gewordenen Opfern. In der jüdischen Tradition hieß der erwähnte Rechtssatz übrigens „Auge für Auge“ und sollte verhältnismäßige finanzielle Entschädigungen für ein erlittenes Unrecht regeln. In der Übersetzung der Bibel durch den Antisemiten und 2017 aus Anlass der halbtausendjährigen Reformation besonders gefeierten Martin Luther wurde daraus dann „Auge um Auge“.
Wenn Knebel von seiner Zeit bei den russischen Partisanen und später bei der Roten Armee berichtet, fallen Sätze, die für das deutsche Publikum seltsam vertraut klingen dürften: „So lautete der Befehl“, „Wir konnten keine Gefangenen machen“, „Hitler [oder eben wahlweise Stalin] hat genau das gleiche getan“. Der deutsche Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion wurde bereits vor dem Überfall in einer Reihe verbrecherischer Befehle der Wehrmachtsführung ausgearbeitet. Insbesondere die sog. Politkommissare galten als Inbegriff des „Judäo-Bolschewismus“ und somit als zu „vernichtende Träger einer feindlichen Weltanschauung“. In den Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare (Kommissarbefehl) vom 6. Juni 1941 findet sich das Motiv einer spezifischen „Grausamkeit“ der Sowjetsoldaten:

Im Kampf gegen den Bolschewismus ist mit einem Verhalten des Feindes nach den Grundsätzen der Menschlichkeit oder des Völkerrechts nicht zu rechnen. Insbesondere ist von den politischen Kommissaren aller Art als den eigentlichen Trägern des Widerstandes eine haßerfüllte, grausame und unmenschliche Behandlung unserer Gefangenen zu erwarten.“

Dass Politkommissare in der antisemitischen Vorstellung des „Judäo-Bolschewismus“ zumeist jüdisch seien, brauchte hier offensichtlich nicht extra verdeutlicht zu werden, anders in den „Mitteilungen für die Truppe“ der Abteilung Wehrmachtspropaganda.
Die „jüdische Rachsucht“: grausam und haßerfüllt für das OKW, „gnadenlos“ für Arte/ARD.

+++ Bis zum 01.03.2018 in der Arte-Mediathek +++

Mosche Knebel nach dem schweren Angriff auf ihn in Sicherheit beim
UB – für viele Polen nur ein weiterer Beweis für die Existenz einer ver-
meintlichen „Judäo-Kommune“ | © Arte 2015

X-Men: Magneto, der ewige Rächer

Spielfilmreihe – AUS/USA 2000-2017
Regie: Singer, Ratner, Mangold, u.a.

Ob Holocaust, Kalter Krieg, atomares Wettrüsten oder Nahostkonflikt – immer wieder eröffnet der Film Assoziationsspielräume, in denen das Gesehene ins Außerfilmische weitergedacht werden kann, ohne die Unterhaltung zu beschädigen.“

(Augsburger Allgemeine zu X-Men: Apocalypse)

Seit der äußerst erfolgreichen Verfilmung der X-Men-Comics gilt auch Magneto als einer der herausragenden Superhelden des Marvel-Universums. Im Gegensatz zu Spider-Man & Co. besteht bei Magneto allerdings eine Besonderheit: Magneto ist der klassische Antiheld… und er ist Jude. Dafür verantwortlich zeichnet X-Men-Autor Chris Claremont, der schon in den 80er Jahren aus dem einstigen Superschurken Magneto eine tragische Figur machte, die sich nach der Erfahrung von Auschwitz von der Menschheit abwendet und diese mittels (elektro-)magnetischer Superkräfte ebenso gnadenlos bekämpft wie all jene Mutanten, die auf friedliche Koexistenz mit den Menschen setzen. In der aktuellen Ausstellung „The Holocaust and comics“ im Pariser Mémorial de la Shoah wird ihm daher einiges an Raum und Bedeutung zugemessen. Zur Ausstellungseröffnung erläutert Chris Claremont im arte-journal kurz und prägnant, Magneto sei „nicht unbedingt [soll heißen: nicht grundlos; Anm.d.R.] ein böser Mensch. Er war durch seine Erfahrungen geprägt und kämpfte verzweifelt [soll heißen: affektiv, ohne Sinn und Verstand; Anm.d.R.] dafür, dass so etwas nie wieder passiert. Ähnlich wie David Ben-Gurion, Elie Wiesel oder Menachem Begin“.
Als Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz macht Magneto daher nicht einfach nur coole Antifa-Action gegen deutsche „Schweinebauern“ (was X-Men – First Class so etwas wie den Nimbus eines inoffiziellen Inglourious Basterds 2 eingebracht haben könnte), in klassischer Täter-Opfer-Umkehr hat er der gesamten Menschheit den Kampf angesagt und gründet dafür im Verlauf eine quasirassistische Bruderschaft der Mutanten. Dabei zeigt Magneto nicht nur eine kaum zu übertreffende Destruktivität, auch bei der Wahl der Waffen ist er nicht zimperlich. Er greift denn auch nicht beispielsweise zu einem US-amerikanischen Kulturgut, welches wahrscheinlich Woody Allen dem „Bärenjuden“ in Tarantinos Inglourious Basterds in die Hände legte: Neben dem charakteristischen Stahlhelm, den Magneto seinem ehemaligen KZ-Peiniger abgekupfert hat, setzt er im Extremfall als Mordwerkzeug lieber SS-Dolch, eine Pistole Marke „Walther“ oder auch die kleine 5-Reichsmark-Münze ein, die er als Andenken an Auschwitz mit sich herumträgt wie einen Talisman.
Dass Magneto letztlich nichts aus der Shoah gelernt hat, wird mit wuchtiger Unmissverständlichkeit treffend ins Bild gesetzt, wenn er vor dem apokalyptischen Vernichtungsfeldzug gegen die Menschheit die Überreste von Auschwitz, und damit symbolisch eben auch jede Erinnerung an die nazistische Barbarei zerstört. In der Szene der vereitelten Hinrichtung/Opferung Mystiques in Paris wiederum wird er vor Delacroix‘ berühmten Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ je nach Lesart entweder in die Tradition des revolutionären, des despotischen, oder vielleicht doch nur der Einfachheit halber in die eines irgendwie „totalitären“ Terrors gestellt. Selbstredend, dass auch Folter von Gefangenen bei Magneto auf dem Programm steht.
Dem unversöhnlichen Rache-Engel Magneto wird als Gegenspieler allerdings sein Freund Professor Xavier beigestellt, welcher das Gute, das Geistig-Moralische und die Hoffnung verkörpert und ihm in etlichen Dialogen die Werte der Menschenliebe zu vermitteln sucht. Neben seinen psionischen und telepathischen, Mensch wie Mutant erfassenden Superkräften ist er zudem zu extremer Empathie und Mitleid fähig. Der Vergleich Xaviers mit Christus liegt da nicht fern. Auch wenn Xavier durch Magnetos Eigenwilligkeit zwar nicht gleich ans Kreuz geschlagen, dafür aber in sein selbiges geschossen und seitdem an den Rollstuhl gefesselt wird. Die Mission, seinen Freund Magneto zu bekehren, wird Professor Charles Francis Xavier, wie er mit vollem Namen heißt, dennoch nicht aufgeben. (An dieser Stelle ist die Randbemerkung, dass der von Namenspatron Franz Xaver mitbegründete Jesuitenorden seine fast 400-jährige judenfeindliche Aufnahmepraxis im Jahr 1946 abgeschafft hat, für das Verhältnis Xavier/Magneto vielleicht gar nicht so unerheblich.) Denn auch wenn Magneto sich der mentalen Auf- und Eindringlichkeit Xaviers noch mittels seines Helms zu erwehren weiß: Zu guter Letzt kann dann schließlich doch ein finaler Appell an Magnetos Nächstenliebe die Menschheit vor der totalen Vernichtung retten.
Nimmt man Chris Claremonts Bezugnahme auf Ben-Gurion & Co ernst, dann verengt sich der Assoziationsspielraum aber auch in Filmszenen, die auf die Weltpolitik ganz direkt anspielen: Die besondere Herausstellung Israels auf einer internationalen Antirassismus-Konferenz beispielsweise sowie die Subsumierung Israels unter die Atom- und Supermächte des Jahres 1983 mögen noch so subtil daher kommen, zufällig sind solche Details in einem durchkomponierten Spielfilm nie. Die Verknüpfung des Rassismus und der Bedrohlichkeit Magnetos mit ähnlich lautenden Vorurteilen gegenüber Israel dürfte dem Publikum nicht sonderlich schwer fallen. Mit der Zuschreibung eines übermächtigen Potentials an Destruktivität, der Unverhältnismäßigkeit seiner Gewalt, der ewigen Unbelehrbarkeit wie einer stereotypen Vergeltungssucht bieten beide – Magneto wie Israel – eine für Antisemiten ideale Projektionsfläche.
Mit X-Men ist Hollywood und Marvel also nicht nur eine effektvolle Übertragung antizionistischer Diskurse auf die Leinwand gelungen, die Filmreihe zeigt auch mehr als deutlich, wie stark der Antizionismus dem antijüdischen wie antisemitischen Ressentiment verhaftet ist. Dabei den Zivilisationsbruch Auschwitz gegen Israel und die Juden in Stellung zu bringen, kleine Nazi-Vergleiche inklusive, gehört zwar auch schon länger zum Standardrepertoire sogenannter „Israelkritik“, in ihrer Bildgewaltigkeit bleibt die Inszenierung vom unverbesserlichen Juden(-staat) jedoch bisher unübertroffen. Dem Superhelden Magneto da auch noch Ausstellungfläche im Mémorial de la Shoah zur Verfügung zu stellen, könnte man daher eigentlich fast nur noch mit Kopfschütteln begegnen. Oder mit einem anderen Superhelden!

So würde man ihn gern sehen, den jüdischen Übermenschen von
heute: Wegen Ausschwitz zahlt Magneto mit gleicher Münze heim
| © 20th Century Fox

Des „terroristes“ à la retraite – Widerstandskämpfer im Ruhestand

Dokumentation – 70 min., F 1985
Ein Film von Mosco Leví Boucault

Ganz Polen ein riesiges Schlachthaus für Juden. Zu Zehntausenden werden Frauen und Kinder, Alte und Kranke umgebracht. 360000 Menschen im Warschauer Ghetto ermordet. […] Die Deutschen wenden alle Hinrichtungsmethoden an: Gaskammern, Vergiftungen, Erschießungen, Minenfelder, elektrischen Strom, etc. […]“

(J‘accuse! – Organe du MNCR/ FTP-MOI, 25.12.1942)


„Wenn es heute noch Nazis aus dem Weg zu räumen gäbe, würde ich es mit dem größten Vergnügen und absolut ohne Gewissensbisse tun: Die Nazis haben meinen Bruder, meine Mutter, meine beiden Schwestern, meine Großmutter, meine Tante, meinen Onkel und meinen kleinen, 3-jährigen Cousin deportiert und ermordet. Diesen Hass werde ich nie mehr los.“

(Raymond Kojitsky – FTP-MOI)

Der Film rekonstruiert die Aktivitäten, Organisation und Zerschlagung der jüdischen Abteilung der FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans – main d’œuvre immigrée), die vor allem in Paris massiven bewaffneten Widerstand gegen die deutschen Besatzer leistete und deren Mitglieder zunächst nur durch das berühmte Nazi-Propagandaplakat „Affiche rouge“ Namen und Gesicht bekamen. Als „Des ‚terroristes‘ à la retraite“ 1985 auf dem französischen Fernsehsender Antenne 2 ausgestrahlt wurde, provozierte er heftige Kontroversen. Dabei ging es in erster Linie nicht um die so lang vernebelte französische Kollaboration (hier hatte ja insbesondere Marcel Ophüls schon 1969 mit seinem Dokumentarfilm „Das Haus nebenan“ Vorarbeit geleistet), sondern um das Verhältnis der französischen Kommunisten zu ihren, meist zugewanderten, jüdischen Kampfgefährten: Der durch den Film geäußerte Verdacht allerdings, der PCF – die der FTP-MOI übergeordnete Kommunistische Partei Frankreichs – hätte die Gruppe im Verlauf des Jahres 1943 aus nationalistischen Motiven auflaufen lassen und damit ihren Verfolgern ausgeliefert, scheint heute, folgt man beispielsweise den Autoren von „L‘Affiche Rouge – Immigranten und Juden in der französischen Résistance“ (Verlag Schwarze Risse, 1994), weitgehend ausgeräumt. Dem neuesten Forschungsstand Rechnung tragend wurde der Film deshalb nachträglich durch Schnitte in seinen Aussagen etwas entschärft und um einige Minuten gekürzt. Was dann vom Film immerhin noch übrig bleibt, ist schlicht und ergreifend: eine Würdigung des jüdischen Widerstandes, die lange Zeit auf sich warten ließ.

Was die Erinnerung an den jüdischen Widerstand angeht, herrschte
anscheinend auch in Frankreich eisige Friedhofsruhe | © Zek 2014

300 Juden gegen Franco (Madrid before Hanita)

Dokumentation – 58 Min., ISR 2006
Ein Film von Eran Torbiner

Dokumentation über jüdische Freiwillige bei den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Durch die zum Teil sehr bewegenden Schilderungen der (zum Zeitpunkt des Filmdrehs letzten noch lebenden) jüdischen ‚SpanienkämpferInnen‘ aus dem Jischuw/Palästina und von Familienangehörigen einstiger Freiwilliger werden insbesondere ihre politischen Motivationen, nach Spanien zu gehen, herausgearbeitet. Der englische Titel deutet darauf bereits hin: Madrid before Hanita. Der Regisseur Eran Torbiner:

„Zu den Aktionen der zionistischen Bewegung in dieser Zeit gehörte die Gründung der Siedlungen unter dem Motto ‚Mauer und Turm‘ mitten in arabischen Regionen – mit dem Ziel, Fakten im Blick auf eine mögliche Teilung des Landes zu schaffen. Chanita im Norden Palästinas … war das Symbol für diese Aktion. Als Ja‘akov Chasan, einer der Führer der linken Zionisten in Palästina 1938 sah, dass sich einige Zionisten im Lande an den Brigaden in Spanien beteiligten oder beteiligen wollten, anstatt immer mehr Siedlungen aus einer Mauer und einem Turm zu errichten, prägte er das Codewort ‚Chanita vor Madrid‘.“

Torbiner hat mit seinem Film den jüdischen Freiwilligen aus dem Jischuw ein Denkmal gesetzt, das daran erinnert, dass es eben nicht nur KommunistInnen und undogmatische Linke aus Deutschland, Großbritannien usw. waren, die zur Waffe gegriffen haben, um die Spanische Republik gegen den Putsch des Generals Franco zu verteidigen.
Das Zitat zeigt jedoch auch den Antizionismus Torbiners, der sich durch seinen ganzen Film zieht und vor allem dadurch deutlich wird, was der Film nicht erwähnt: Zum Beispiel, dass 1938 in Palästina der Arabische Aufstand unter der Führung des Großmuftis von Jerusalem Amin Al-Husseini, einem Bündnispartner der Nazis, tobte und dem von 1936-1939 Hunderte Jüdinnen und Juden sowie AraberInnen (den Teilungsplan unterstützende „unislamische AbweichlerInnen“) zum Opfer fielen. Chanita before Madrid war also nicht einfach nur eine kolonialistische Parole! Kein Wort auch zur Palästinensischen Kommunistischen Partei, der viele jüdische Freiwillige angehörten und die den Aufstand ganz im Sinne der Komintern-Linie unterstützte und KritikerInnen ihres Kurses aus der Partei ausschloss – alles nachzuhören in diesem Vortrag von Stephan Grigat oder bezüglich des Muftis nachzulesen bei Matthias Küntzel. Schließlich erfährt man auch nichts über die stalinistischen Säuberungen in Spanien, auf die Torbiner vor kurzem auf einer Konferenz in Warschau nur ausweichend antwortete, es wäre eben Krieg gewesen.

Ein Großteil der jüdischen Freiwilligen aus Palästina kämpfte in der
rein jüdischen Botwin-Brigade – benannt nach Naftali Botwin, einem
zum Tode verurteilten jüdischen Kommunisten aus Polen, der hier
abgebildet ist | © WDR

Defiance

Spielfilm – 137 Min., USA 2008
Ein Film von Edward Zwick

Vergesst den ‚guten Deutschen‘ Oskar Schindler, schlagt euch den Mythos von den Schafen auf dem Weg zur Schlachtbank (Hannah Arendt) aus dem Kopf: Hier kommen die Bielski-Brüder und machen den Deutschen und ihren Helfershelfern Feuer unter ihren arischen Ärschen. Und dabei retten sie noch über 1000 Juden! Noch bevor dieser Film über die Bielski-Brüder überhaupt angefangen wurde zu drehen, hagelte es in Polen bereits Kritik, so Gabriele Lesser in der Jüdischen Allgemeinen: Tuvia Bielski sei in Wirklichkeit ein Bandit gewesen, er und seine Leute hätten das polnische Dorf Naliboki dem Erdboden gleichgemacht. Der Film, so der Vorwurf, werde dieses Massaker nicht zeigen, denn er stütze sich auf das Buch Bewaffneter Widerstand: Jüdische Partisanen im Zweiten Weltkrieg von Nechama Tec – einer Überlebenden von Bielskis Gruppe.
Tec und all die anderen hatten überlebt, indem Tuvia Bielski sie zu sich nahm, obwohl viele von ihnen keine Kampferfahrung hatten oder nicht kämpfen konnten. Zusammen befreiten sie Juden aus den umliegenden Ghettos, führten Sabotageaktionen gegen die Deutschen durch und organisierten das Zusammenleben einer immer größer werdenden Gruppe. Über die Zeit war eine regelrechte Stadt im Wald mit Schule, Krankenstation und einer Synagoge entstanden.
Als der Film dann in Polen in die Kinos kam, legte sich die Aufregung wieder, denn Polen kommen in Defiance schlichtweg nicht vor, weder als Täter noch als Opfer oder als Bystander. Der verschwörungsideologische Vorwurf, wonach in dem ‚antipolnischen Machwerk aus Hollywood‘ jüdische Gewalt gegen Polen unter den Teppich gekehrt werden soll, entbehrt zudem jeder Grundlage, wie Zeithistoriker nach Erscheinen des Films in der linksliberalen Gazeta Wyborcza deutlich machten: Nicht die Bielski-Gruppe war für den Überfall auf das Dorf verantwortlich, sondern drei sowjetische Partisanen-Abteilungen der Stalin-Brigade.
Laut einer Rezension nimmt es das Buch mit der historischen Wirklichkeit genauer als der Film, der schließlich dramaturgischen Anforderungen genügen muss: Das Leben im „Jerusalem in den Wäldern“ sei nicht immer solidarisch gewesen – was der Film gleichwohl nicht verschweigt –, und für die Szene mit den deutschen Flugzeugen gebe es keine Belege. Dass das Leben im Wald unter den gegebenen Bedingungen – Vernichtungsdruck durch die Deutschen und ihren Kollaborateuren, Antisemitismus durch sowjetische und polnische Partisanen, Gruppenkonflikte und allumfassender Mangel an Ressourcen – kein Zuckerschlecken gewesen ist, sollte klar sein. Umso irritierender waren die an in permanenter Todesangst lebende Menschen gerichteten Vorwürfe aus Polen, wo der Mythos des nationalen Leidens bereits seit einiger Zeit Gegenstand von erbitterten identitätspolitischen Kämpfen geworden ist.

Die Rächer – Jüdische Vergeltungsaktionen in Nürnberg

Dokumentation – 11 min., D 1999
Ein Film von Jim G. Tobias und Peter Zinke

+++ Aus Anlass des Todes von Joseph Harmatz, dem letzten noch lebenden Mitglied der Nakam-Gruppe +++

Der Text zu der am Anfang und während des Abspannes dieses kurzen Films hörbaren Melodie entstammt der Feder Shmerke Kaczerginskis: „Yid, du partizaner.“ Kaczerginski war wie Abba Kovner und Hirsch Glick Schriftsteller… und Partisan. Alle drei kämpften in der „Farejnikte Partisaner Organisazie“ FPO (Vereinigte Partisanen-Organisation) und konnten sich so als ganz wenige der Ermordung durch die Deutschen im Ghetto Wilna entziehen. Das Kämpferische spiegelt sich dann auch in den Liedtexten nicht nur der drei wieder. Nach der militärischen Niederschlagung des nationalsozialistischen Deutschlands beschlossen mehrere Shoah-Überlebende um Abba Kovner ihre Erfahrungen aus dem Kampf und die Trauer um ihre ermordeten Angehörige und alle weiteren Opfer der Shoah gegen das deutsche Täterkollektiv zu wenden. Ein weiteres Motiv war die Angst davor, dass die Ermordung der Juden weiter gehen würde.

„Wir mussten etwas tun, damit sich die Leute merkten, dass Gräueltaten bestraft werden und nicht nur dass jemand in Gefängnis wandert“,

so begründete der am 26.09.2016 verstorbene Joseph Harmatz den (niemals erfüllten) Plan der Nakam-Gruppe, um die es in diesem kurzen Film geht.

© MEDIENWERKSTATT