Tag-Archiv für 'nahost'

Off Frame aka Revolution bis zum Sieg

Dokumentation – 62 min., PSE 2016
Film von Mohanad Yaqubi

Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa hieß die Dokumentation, die der deutsch-französische Kultursender Arte im Juni 2017 nicht ausstrahlen wollte. Als Begründung für den letztlich missratenen Boykottversuch wurden handwerkliche Mängel angeführt. Der Film, der sich schwerpunktmäßig mit israelbezogenen Antisemitismus auseinandersetzte, sei zudem nicht ergebnisoffen und nicht multiperspektivisch genug gewesen. Gleichzeitig veranstaltete Arte in seinem Programm wochenlang ein anti-israelisches Trommelfeuer. Und bis heute werden weiterhin fast ausschließlich Reportagen und Dokumentarfilme ausgestrahlt, die „Israelkritikern“ dann die Munition liefern, um den israelischen Staat zu delegitimieren.
Ein besonders markantes Beispiel für die „ausgewogene“ Programmgestaltung zum Nahost-Konflikt ist der Propagandafilm Off Frame – Revolution bis zum Sieg, der das sogenannte palästinensische Widerstandskino der 1960er und 70er Jahre abfeiert. Der Beitrag lief 2017 auf der Berlinale, Arte stellt ihn uns seit Oktober 2017 ein ganzes liebes langes Jahr in seiner Mediathek zur Verfügung. Von der Einzigartigkeit dieser „Bilder eines Traums von Freiheit“ und der „Suche eines Volkes nach sich selbst“ waren die Programmverantwortlichen anscheinend schwer begeistert. Vielleicht hat man sich über jenes Genre auch schon genügend beim antisemitischen Webportal The Electronic Intifada informiert? Oder Arte empfindet es bereits als ausreichende Referenz, dass Regisseur Mohanad Yaqubi die antisemitische Boykottbewegung BDS unterstützt?
Die Bilder dieses Widerstandskinos jedenfalls gehören heute zum Standardrepertoire von Israelhassern jeglicher Couleur: die angeblich von Israel zu verantwortenden Vertriebenen und Getöteten, insbesondere die Darstellung notleidender Kinder und Frauen als Opfer „zionistischer Aggressionen“ sind ein Evergreen und ebenso beliebt wie Genozid-Vorwürfe und die Relativierung der Shoah. Hier kommt der Verlust des palästinensischen Filmarchivs nach dem Libanonkrieg 1982 einem „kulturellen Völkermord“ gleich. Wir sehen Bilder vom militärischen Drill palästinensischer Kindersoldaten, unterlegt mit völkischem Liedgut. Am Ende klingt der Film gar mit einem Schulhofappell und der Intonation der palästinensischen Blut-und-Boden-Hymne aus. Für Arte offenbar alles so anrührend und unschuldig wie die salbungsvollen Worte des für Palästina „gefallenen“ Judenmörders Jassir Arafat. Auch scheint die antisemitische Inszenierung vom jüdisch-amerikanischen Kapital dem Weltbild des europäischen Kulturkanals Arte genauso wenig entgegenzulaufen wie die medienwirksame Sprengung von Passagierflugzeugen unter der Parole „Down with Imperialism, Zionism & Israel“.
Der größte Mediencoup palästinensischer Revolutionäre wird in Off Frame allerdings nur beiläufig abgehandelt: Dabei konnten sie doch ihre Botschaft beim Terroranschlag auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972 in München über die TV-Bildschirme live in alle Welt tragen und ernteten dafür – allen voran Ulrike Meinhof – auch in der deutschen Linken viel Solidarität. Eingehend gewürdigt wird dagegen aber selbstverständlich das Wirken des antizionistischen, sich ebenfalls als links verstehenden Filmemachers und Terrorunterstützers Jean-Luc Godard. Im „Kampf gegen die zionistische Propaganda“ tat er Hier und Anderswo, was er nur konnte. Für den bewaffneten Kampf gegen Israel sammelte er auch schon mal Geld beim ZDF. Ein europäischer TV-Kanal mit ausreichender Sendezeit stand ihm und der PLO da allerdings noch nicht zur Seite.

+++ Der Film Off Frame aka Revolution bis zum Sieg ist noch bis zum 17.10.2018 bei Arte abrufbar +++ Seit Mitte Mai 2018 stellt Arte den Film auf seinem Youtube-Kanal zur Verfügung +++

Antiimperialistisches Agitprop-Theater: Mit Leib und Seele gegen
die „JewSA“? | © Arte 2017

The Forgotten Refugees

Dokumentation – 50 min., ISR 2005
Ein Film von Michael Grynszpan

„Flücht­lin­ge im Nahen Osten? Wer denkt dabei nicht an die Pa­läs­ti­nen­ser? Doch wäh­rend deren Schick­sal welt­weit be­klagt wird, gibt es auch an­de­re Flücht­lin­ge in der Re­gi­on, von denen die meis­ten noch nie etwas ge­hört haben: Seit jeher exis­tier­ten im Nahen Osten und in Nord­afri­ka jü­di­sche Ge­mein­den; etwa eine Mil­li­on Juden leb­ten noch in den 1940er Jah­ren in den ara­bi­schen Staa­ten. Heute sind es nur noch ein paar Tau­send, denn nach an­dau­ern­den Dis­kri­mi­nie­run­gen, Ent­eig­nun­gen, an­ti­se­mi­ti­scher Hetze und Po­gro­men im Zuge des auf­kom­men­den ara­bi­schen Na­tio­na­lis­mus waren die Juden in gro­ßer Zahl ge­zwun­gen, aus ihren ara­bi­schen Hei­mat­staa­ten zu flie­hen. Das Land, das die meis­ten die­ser Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men und in­te­griert hat, heißt Is­ra­el. Der Film »Die ver­ges­se­nen Flücht­lin­ge« von Micha­el Grynsz­pan zeigt Ge­schich­te, Kul­tur und er­zwun­ge­nen Aus­zug nah­öst­li­cher und nord­afri­ka­ni­scher jü­di­scher Ge­mein­den in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts. Jü­di­sche Flücht­lin­ge aus Ägyp­ten, dem Jemen, aus Li­by­en, dem Irak und aus Ma­rok­ko er­zäh­len ihre Ge­schich­ten. Diese wer­den durch Ar­chiv­ma­te­ri­al von Ret­tungs­ein­sät­zen, durch his­to­ri­sche Fotos von Aus­wan­de­rung und Wie­der­an­sie­de­lung sowie Ana­ly­sen von zeit­ge­nös­si­schen Wis­sen­schaft­lern er­gänzt.“ (Elisa Makowski / Tilman Tarach für Radio Dreyeckland)

+++ In der zweiten Septemberwoche 2017 wird der Film in verschiedenen niedersächsischen Städten gezeigt. Tilman Tarach wird den Film jeweils durch einen Vortrag ergänzen. +++

© The David Project and Isra TV

Zensierte Stimmen

Dokumentation – 84 min., D/ISR 2015
Film von Mor Loushy


Auszug aus „Censored Voices: Wer hat den Sechs-Tage-Krieg zensiert?“ von Martin Kramer:

Die Dokumentation „Censored Voices“ („Zensierte Stimmen“) verspricht, die israelische Militärzensur von Gräueltaten aufzudecken, die während des Krieges 1967 verübt worden seien. Doch das Einzige, was sie aufdeckt, ist die Agenda ihrer Macher. Vorliegender Artikel erschien ursprünglich 2015 auf Englisch im Mosaic Magazine. Da der deutsche Fernsehsender Arte die Dokumentation, auf die er sich bezieht, am 6. Juni 2017 anlässlich des 50. Jahrestags des Sechs-Tage-Krieges in sein Programm nahm, entschloss sich Mena Watch dazu, die Kritik von Martin Kramer auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.

Am 26. Januar [2015] brachte die New York Times an prominenter Stelle einen Artikel ihres Jerusalemkorrespondenten Jodi Rudoren, in dem es um einen neuen israelischen Dokumentarfilm ging, der auf dem „Sundance“ Film-Festival in Utah seine Premiere feierte. Laut Rudorens sehr ausführlichem Bericht handelt es sich bei dem Film, „Censored Voices“, um eine aufsehenheischende Enthüllungsgeschichte über den Arabisch-Israelischen Krieg vom Juni 1967 – auch bekannt als der Sechs-Tage-Krieg – wie er in Gesprächen, die direkt nach dem Krieg mit Soldaten geführt wurden, erzählt wird.
Seit seinem Debüt auf dem Sundance wurde die eine Million Dollar teure israelisch-deutsche Co-Produktion auch auf Festivals in Berlin, Florenz, Genf, Madrid, Toronto, Warschau und Zagreb gezeigt. Seine israelische Premierenparty fand auf dem „Docaviv“ Dokumentarfilmfestival in Tel Aviv statt (wo ich ihn gesehen habe), derzeit wird er in den israelischen Kinos gezeigt und in Rezensionen und Feuilletonartikeln in den großen Tageszeitungen besprochen. Ein israelischer Dokumentarfilmsender wird ihn im August ausstrahlen, Rechte wurden nach Kanada, Australien, Neuseeland und quer durch Kontinentaleuropa verkauft, und im Herbst wird der Verkaufsagent des Films ihn in Großbritannien an den Start bringen. Ein amerikanischer Verleih hat die US-Rechte gekauft und plant, ihn Ende des Jahres in die Kinos zu bringen.
„Censored Voices“ wird voraussichtlich ebenso große Wellen schlagen wie „The Gatekeepers“ (deutsch: „Töte zuerst“ [sic!]), die Dokumentation von 2012, in der sechs ehemalige Chefs von Israels Geheimdienst [Shin Bet] zu Wort kamen – wenn nicht sogar noch größere. Und zwar aus demselben Grund: Es werden Israelis gezeigt, die ihr eigenes Land dafür anklagen, bei der Kriegsführung hinter den hohen Standards zurückzubleiben. Und der Film regt zu dem Schluss an, dass die Behauptungen über Fehlverhalten wahr sein müssen, weil die israelischen Behörden die Originalinterviews zensiert hätten: volle 70 Prozent davon hätten sie bewusst dem Vergessen anheim gegeben.
Doch Zuschauer: Vorsicht…“
(Der vollständige Artikel von Martin Kramer erschien im Juni 2017 in deutscher Übersetzung auf Mena-Watch.)

+++ Die ARD wird den Film am 28.08.2017 um 23.45 Uhr erneut senden +++

Hebron – Die zerrissene Stadt

Dokumentation – 45 Min., D 2017
Film von Nicola Albrecht

Nachdem die Unesco im vergangenen Jahr bereits jegliche jüdische Verbindung zum Tempelberg geleugnet hatte, setzte sie vor wenigen Tagen die Altstadt Hebrons auf die Liste des gefährdeten palästinensischen Welterbes. Für das deutsche Fernsehpublikum kam diese Entscheidung wenig überraschend, betreiben doch „Israel-kritische“ TV-Produktionen seit jeher eine Delegitimierung israelischer Staatlichkeit, manche völlig offen, andere, so wie „Hebron – Die zerrissene Stadt“, vermeintlich um Ausgewogenheit bemüht und auf eine Besonderheit dieser Staatlichkeit, die jüdischen Siedlungen, abhebend.

Über die einseitige Israel-Berichterstattung des öffentlichen-rechtlichen Fernsehens in Deutschland ist in der Vergangenheit auch auf diesem Blog immer wieder berichtet worden. Die Hoffnung, dass diese eines Tages der Vergangenheit angehören wird, muss nicht zuletzt angesichts des anti-israelischen Trommelfeuers der vergangenen Wochen insbesondere auf Arte, dem Gebaren um die Antisemitismusdoku von Arte und WDR inklusive des Maischberger-Tribunals gedämpft werden. Immer erst müssen pro-israelische Verbände und engagierte Einzelpersonen intervenieren, damit die Verantwortlichen in den Sendern bereit sind, wenigstens die krassesten Fehltritte zu korrigieren. Oft geschieht jedoch nicht einmal das. Die Kommunikation der Sender dabei ist ein Desaster: Der WDR, der allen Ernstes Pressemitteilungen von NGOs als „Faktencheck“ bezeichnet, das ZDF, das in seiner Heute-Sendung zu 50 Jahre Sechstagekrieg wie selbstverständlich von einem israelischen „Blitzkrieg“ spricht und auf kritische Nachfragen nur lapidar antwortet:

„Natürlich ist es in einem kurzen Nachrichtenbeitrag nicht möglich alle historischen Zusammenhänge umfassend, mit allen Facetten darzustellen.“

(E-Mail der ZDF-Zuschauerredaktion an eine engagierte Privatperson vom 26.6.2017)

Dass die Adressaten dieser Israel-Berichterstattung, das deutsche Fernsehpublikum, zu großen Teilen antisemitisch eingestellt sind und dem jüdischen Staat in klassischer Schuldumkehr Nazi-Methoden vorwerfen, nimmt da wenig Wunder. Genauso ist es wenig überraschend, dass sich hierzulande kaum jemand empört, wenn, wie vor wenigen Tagen geschehen, einer der heiligsten Stätten des Judentums, die Höhle des Patriarchen, die Machpela in Hebron, unter den Schutz der Unesco gestellt wird – als ausschließlich palästinensisches Welterbe. Fragwürdige UN-Organisationen und das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland arbeiten dabei mit ganz unterschiedlichen Methoden an ein und derselben Sache – der Delegitimierung israelischer Staatlichkeit.
Am 7. Juni sendete das ZDF eine Dokumentation seiner Israel-Korrespondentin Nicola Albrecht, die explizit alle Seiten zu Wort kommen lassen sollte. Gegen Ausgewogenheit ist natürlich erst einmal nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil. In einem Interview zur Doku äußerte sie sich auf die Frage, inwiefern der Vorwurf einseitiger Berichterstattung ihre journalistische Recherche beeinflusst, folgendermaßen:

„Ja, der Vorwurf der einseitigen Berichterstattung ist tatsächlich kein neuer. Das hat mit den unterschiedlichsten Faktoren zu tun: Der israelisch-palästinensische Konflikt ist ein emotional extrem aufgeladener Konflikt, zu dem fast jeder eine Meinung hat, auch wenn er eigentlich nichts darüber weiß. Und das führt dazu, dass viele Rezipienten der Berichterstattung mit ihrer Brille, mit ihrer Sicht der Dinge die Beiträge lesen oder anschauen. Sie sehen selbst dort schwarz-weiß, wo Journalisten versuchen, die verschiedenen Grauschattierungen zu benennen. Dieser Konflikt ist komplex und vielschichtig. Es gibt Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht auf beiden Seiten – und das ist sicher auch nicht immer leicht in Nachrichtenformaten darzustellen.

Geben wir uns also Mühe, nicht schwarz-weiß zu sehen, wo uns Frau Albrecht versucht, die „Grauschattierungen“ zu zeigen. Wer taucht als erstes in der Doku auf? Eine Siedlerin: „Wir sind keine Besatzer. Das Land gehört uns, dem Volk Israel.“ Als nächstes, ein palästinensisches Mädchen: „Dann sehen wir einen Siedler, wie er auf einen jungen Palästinenser zielt. Er hat ihn einfach erschossen.“ Bevor die Doku überhaupt richtig losgegangen ist, hat sie bereits festgelegt, wer Aggressor und wer Opfer ist. Diese Zuweisung wird bis zum Ende keine nennenswerten Differenzierungen erhalten. Vereinzelte Abweichungen bestätigen nur die Regel. Letztendlich folgt somit auch diese vermeintlich um Ausgewogenheit bemühte Dokumentation von Nicola Albrecht den bewährten Rezepten „Israel-kritischer“ TV-Produktionen, deren Zutaten auf diesem Blog bereits an anderer Stelle vorgestellt wurden:

„Zunächst braucht es immer einen Juden, der den Israelis Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Rassismus vorwirft. Dann einige Gegenstimmen, die aber argumentativ nicht ins Gewicht fallen dürfen. Weiterhin unschuldige Opfer der Israelis. Und letztendlich einen extrem unsympathischen Juden (am beliebtesten ist derzeit der „Siedler“), der das eigene Ressentiment von der jüdischen Bedrohung eines friedliebenden Volkes (wahlweise des deutschen, des iranischen, hier das des palästinensischen) bestärkt. Fertig.“

Die Konstellation mag in „Hebron – Die zerrissene Stadt“ leicht modifiziert sein, läuft jedoch genau auf dasselbe hinaus. Interessanterweise kennt man den mit Abstand unsympathischsten Juden – es gibt in der Doku derer gleich mehrere – bereits aus Re:Breaking the Silence.
Warum Israels Siedlungen nicht das Problem sind, wurde verschiedentlich festgehalten. Das Bild der Juden, die unrechtmäßig Land besetzen und andere Menschen dabei vertreiben, wird, so Nikoline Hansen, gerade in Deutschland verstanden. Gerade hier, in dem Land, in dem der millionenfache Judenmord die Volksgemeinschaft zu sich selbst kommen ließ, danach aber niemand dabei gewesen sein will, sind heute alle unterschiedslos Opfer des Krieges. Da offener Revisionismus jedoch schon eine Weile nicht mehr en vogue ist, suchen sich die postnationalen Deutschen andere Felder, auf denen sie ihr Rumgeopfer mehr oder minder versteckt ausagieren können, wie in der Projektion des Opferseins auf die Palästinenser.
Diese versuchen nun schon seit einiger Zeit in UN-Gremien den Konflikt mit Israel auf eine neue Stufe zu heben, was ihnen angesichts einer größtenteils anti-israelischen UN auch zunehmend gelingt. Letztes Jahr wurde eine Unesco-Resolution verabschiedet, in der jegliche jüdische Verbindung zum Tempelberg in Jerusalem kurzerhand geleugnet wurde. Dass nun Palmyra, was zu großen Teilen von ISIS zerstört wurde und Hebron gleichermaßen gefährdet sein sollen, verweist erneut auf den politischen Charakter der Unesco-Entscheidung. Diese Politisierung von Geschichte, so die Jerusalem Post, wird letztendlich auch anderen Orts dem Schutz von besonders geschichtsträchtigen Orten einen Bärendienst erweisen – was den meisten Mitgliedsländern der Unesco aber egal zu sein scheint, solange es nur gegen den jüdischen Staat geht. Die erneute Unesco-Entscheidung ist in Wirklichkeit dem Schutz von etwas ganz anderem verpflichtet, wie Alex Feuerherdt bereits letztes Jahr festhielt:

„Der Resolutionsentwurf der Unesco ist ein weiterer atemberaubender Versuch einer Einrichtung der Vereinten Nationen, die Existenzberechtigung und die Wurzeln des jüdischen Staates – eines UN-Mitglieds! – zu leugnen und ihn buchstäblich zu delegitimieren. Mit dem Papier ist der Antisemitismus gewissermaßen erneut als Weltkulturerbe geadelt worden.“

Dokumentationen wie „Hebron – Die zerrissene Stadt“ helfen nicht trotz, sondern genau wegen ihrer „Ausgewogenheit“, solche Entscheidungen mit vorzubereiten. Sie verfolgen wie die Unesco eine politische Agenda und zwar die Delegitimierung der israelischen Staatlichkeit.

„Die Heimat braucht euch lebendig.“ – Herr Jabari von der Fatah
in einem palästinensischen Klassenzimmer. Bewegend! | © ZDF 2017

Vom Jordan bis zum Mittelmeer: Der Hass auf „Wonder Woman“

Spielfilm – 141 min., USA 2017
Regie: Patty Jenkins / Drehbuch: Jason Fuchs, William M. Marston

Die Comicverfilmung „Wonder Woman“ wird in einigen arabischen Staaten boykottiert. Nicht nur die Parteinahme der Hauptdarstellerin für Israel, auch die feministische Perspektive sowie die historischen Querverweise des Plots könnten ein Grund für diese Haltung sein.

Die Comicverfilmung „Wonder Woman“ feiert derzeit weltweit Erfolge. Kurz nach dem Kinostart Anfang Juni stand bereits fest, dass die Einspielergebnisse die Erwartungen der Produzenten um ein Vielfaches übersteigen werden. Dies überrascht umso mehr, als dass es bisher nicht selbstverständlich war, weiblichen Superhelden einen eigenen Film zu widmen und darüber hinaus mit Patty Jenkins auch noch einer Frau die Regie anzutragen. Die Reaktionen auf „Wonder Woman“ zeigen, dass Hollywoods Traumfabrik ganz offensichtlich einen Nerv getroffen hat.
In einigen arabischen Staaten stieß der Film jedoch schon im Vorfeld auf Ablehnung und wurde mit einem Bann belegt. Ausschlaggebend hierfür war die Unterstützung der Hauptdarstellerin Gal Gadot für die israelischen Streitkräfte. Gal Gadot, gebürtige Israeli und Nachkomme eines Shoah-Überlebenden, hatte während des Libanon-Krieges 2006 ihren 2-jährigen Wehrdienst absolviert und war als Ausbilderin der Israel Defense Forces tätig. Als Skandal wertet die Boykottbewegung einen 2014 geposteten Facebook-Eintrag, in dem die Schauspielerin ihre Unterstützung für Israel während der „Operation Protective Edge“ und ihre Abneigung gegen die Kriegsführung der Hamas zum Ausdruck brachte.
Während Gadot in sozialen Medien unablässig beschimpft und diffamiert wird, setzten sich von Algier bis Beirut staatliche Stellen, Boykott-Aktivisten und private Akteure bereits erfolgreich für ein Verbot des Films ein. In Algier wurde die „Wonder Woman“-Premiere während des Fastenmonats Ramadan vom Filmfestival „Nuits du cinéma“ verbannt. Nach einer Online-Petition «Non! Pas en Algérie», die unterstellt, Gal Gadot würde Phosphorbomben gutheißen, hatte man sich auf „administrative Zwänge“ berufen und zunächst einmal Verwertungsrechte klären wollen. Zuvor regte offenbar die Organisation „Campaign to Boycott Supporters of Israel-Lebanon“ die libanesischen Behörden dazu an, ein staatliches Verbot zu verfügen. Im Libanon sind Kontakte zwischen Libanesen und Israelis sowie der Handel mit israelischen Waren seit jeher verboten. Das Wirtschafts- und Handelsministerium soll diesen Boykott durchsetzen und „jeden Versuch des Feindes, unsere Märkte zu infiltrieren“, verhindern. Im arabisch-frühlingshaften Tunesien, einem Staat mit implizit antisemitischer Verfassung, waren mit einer Rechtsanwaltsvereinigung, politischen Parteien und staatlichen Stellen unterschiedliche Akteure am Vorführungsverbot beteiligt. „Es muss mobil gemacht werden in dieser Angelegenheit, sowie bezüglich allem, was zur Normalisierung mit der zionistischen Entität beiträgt“ ließ auch die linke „Front Populaire“ verlautbaren. In Ramallah, Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde, wurden die Kinobetreiber des Palestine Towers Cinema von sich aus aktiv und nahmen den Film gar nicht erst ins Programm. Auch in Jordanien prüften zuständige Stellen ein Verbot. Anzunehmen, dass den Beispielen weitere Staaten folgen werden. Jedenfalls sprechen schon die offiziellen Release Dates für Afrika und den Mittleren Osten eine deutliche Sprache.
Doch mit dem vordergründig Israel-feindlichen Verbot könnten noch weitere Motive verwoben sein, die in der bisherigen Berichterstattung noch keine Erwähnung fanden. So dürfte Gegnern und Zensoren des Film vermutlich auch die feministische Perspektive nicht allzu genehm gewesen sein. In den patriarchalen Gesellschaften jener arabischen Staaten werden wehrhafte und angriffslustige Superfrauen wie „Wonder Woman“ auch kaum auf eine Willkommenskultur treffen. Als Verkörperung individueller, sexueller und politischer Autonomie würde „Wonder Woman“ dort ganz augenscheinlich auch ohne Gal Gadot schon eine Provokation darstellen. Zugleich wird den Boykotteuren und Tugendwächtern der Film aber nicht nur als aggressiver Einbruch des „Westens“ in ihre patriarchale Ordnung erscheinen. Denn dass die Hauptrolle eben nicht einfach nur irgendeine Frau, sondern eine Israeli übernimmt, dürfte wiederum jenes antisemitische Ressentiment vom kulturzersetzenden Juden bestärken, welches sich auch in der Rede von Israel als „Fremdkörper“, als“ Gebilde“, als „Krebsgeschwür“ oder als „Brückenkopf des US-Imperialismus“ nicht nur im Nahen Osten Luft macht. Von aufklärenden Debatten und öffentlichen Auseinandersetzungen wie die um die CinemaxX-“Männerabende“ in Deutschland, die Diätwerbung und Putzschwämmchen in den Präsenttütchen belgischer Kinos oder die „Women only“-Vorführungen in den USA sind oben genannte Boykott-Staaten also meilenweit entfernt. Für das heimische Publikum holt man sich lieber von US-amerikanischen BDS-Aktivistinnen praktische Haushaltstipps, wie man mit antisemitischen Drecklappen die Normalität sexistischer Gewalt sauberwaschen kann. Diejenigen tunesischen Frauen beispielsweise, die nach ihrer Vergewaltigung mit ihrem Peiniger verheiratet wurden, damit der Täter straffrei ausgehen kann, werden sich für die Kritik an „Wonder Womans imperialen Feminismus“ bei Leuten wie Susan Abulhawa ganz bestimmt herzlichst bedanken.

Analogie zur Shoah: WK1-General Erich Ludendorff an der Schwelle
zur Gaskammer | © Warner Bros. Entertainment Inc. 2017

Des Weiteren könnte beim Verbot auch noch die geschichtspolitische Dimension des Plots hinzukommen. Neben der Personalie Gadot reizen einige Rezensenten anscheinend schon die Anordnung der Hauptfiguren und die historischen Konstellationen im Film bis aufs Blut. Bei Al Jazeera phantasieren antisemitische Paradiesvögel wie Hamid Dabashi in das mythische Amazonen-Eiland Themyscira sogleich den Staat Israel hinein. Dass „Wonder Woman“ dann auch noch mit einem US-amerikanischen Agenten in den Ersten Weltkrieg zieht, ist für den Professor der Columbia-University bestimmt auch nur die Bestätigung für die „United States of Israel“. Mehr noch: Da „Wonder Woman“ später an der Seite der Briten in die Schlacht zieht, lassen bei Antisemiten sicher schon bald Baron Rothschild und Lord Balfour grüßen. Schließlich schreiben wir das Jahr 2017 und somit 100 Jahre Balfour-Declaration. Dürften die ehemals Kolonisierten „Wonder Woman“ zu sehen bekommen, sie würden sich deshalb auch wohl eher auf der gegnerischen Seite der Front verorten: Im Film wird die Allianz zwischen dem Osmanischen Reich und dem Deutschen Kaiserreich schon recht frühzeitig ins Bild gesetzt. Und der kundige Zuschauer weiß, dass nach dem Sieg der Briten über die Osmanen an der Palästinafront auch die Neuordnung des Nahen Ostens folgte.
Aber was treiben eigentlich die Deutschen so im Film? Verdienterweise kriegen sie von „Wonder Woman“ und den Briten gehörig auf den Sack! Im Film tun die Stahlhelm-Deutschen eben genau das, was sie auch in der Geschichte bisher am weitesten trieben: Pardon wird nicht gegeben! In der Person des Generals Erich Ludendorff beschreiten sie den deutschen Sonderweg, deportieren Zwangsarbeiter und perfektionieren die Vernichtung durch Gas. Dass dabei die Shoah auch die Vernichtungsphantasien postnazistischer Antisemiten anregt, dürfte seit dem Jahr 2014 auch hierzulande hinlänglich bekannt sein. Dass sie schon im Film auf der Verliererseite stehen würden, das mochten wohl auch die Zensoren dem Publikum nicht zumuten.
Insofern ist der Boykott „Wonder Womans“ also vor allem eines: Eine Synthese aus radikalem Antifeminismus und Antisemitismus. Vor dem Hintergrund brutaler Unterdrückung von Frauen und eines mörderischen Hasses auf Israel und die Juden kann deshalb „Wonder Womans“ finaler Versöhnungskitsch auch leider nur verpuffen. Denn anders als in den Phantasien dieses Film wird ein erfolgversprechender Kampf um Humanität (oder wie sagt man hier immer so schön: „ums Ganze“?) derzeit nur selten geführt. Kurz: In der Realität hat Liebe offenbar ihre Grenzen. Die Verantwortung dafür, die tragen Antisemiten allerdings immer noch selbst.

Ist der deutsche Rap antisemitisch?


„Deutschrap ist ein Scherz über den man mal gelacht hat / bis man festgestellt hat, dass er ernst gemeint war.“

(Edgar Wasser und Fatoni)


„Kontra Peace, Kontra Tel Aviv / Pro Freiheit, Kontra Politik/ … / Kontra Parasit, Kontra USA und Drogenkrieg“

(Snaga und Fard)

Dass Arte derzeit knallharte Programmpolitik betreibt, wurde hier erst kürzlich festgestellt. Da überrascht es nur auf den ersten Blick, dass der deutsch-französische Sender in seiner als arte journal bekannten Nachrichtensendung sich dem Thema Antisemitismus im deutschen Rap widmet. Warum dieser genau jetzt gesendet wird, darüber lässt sich nur spekulieren. Sollen jene Stimmen besänftigt werden, die zurecht die Zensur einer abendfüllenden Dokumentation über Antisemitismus in Europa kritisieren? Mit einem zweiminütigen Clip dürfte das nur schwer gelingen.
Es lassen sich – das Thema ist leider kein neues – noch wesentlich krassere Texte als die von Snaga und Fard finden. Lizas Welt berichtete bereits 2008 über offenen Antisemitismus nicht weniger Deutschrapgrößen, auch über die Verharmlosung seitens des Feuilletons. Selbst der Satiriker Jan Böhmermann versagt bei diesem Thema völlig. Erst rappte der in einem Pullover einer palästinensischen Entwicklungshilfeorganisation auftretende Prinz Pi in seiner Sendung folgende Zeilen:

„Ich hab ein Mikroskop, gib mir dein Telefon/ Wie Ahmadinedschad mach ich eine Kernfusion.“

Dann lud er den selbsternannten „Boss“ Kollegah, mit bürgerlichem Namen Felix Antoine Blume, in seine Sendung ein, um mit ihm laut Teaser über die Antisemitismusvorwürfe, die zur seiner Ausladung vom diesjährigen Hessentag geführt hatten, zu sprechen, brachte jedoch kein einziges kritisches Wort heraus. Im von Böhmermann angeregten Gespräch zwischen dem nach eigener Auskunft „deutschesten Juden der Welt“ Shahak Shapira und der russisch-jüdischen Autorin Kat Kaufmann zeigte der Jura-Student Kollegah dann erneut, wie notwendig es ist, ihm nicht auch noch eine Bühne zu geben.
Dazu müsste man jedoch wohl leider das Internet abschalten. Marius Mocker nimmt in seinem hörenswerten Vortrag über Antisemitismus im deutschen Rap die Produktionsbedingungen desselbigen in den Blick. Plattformen wie Youtube machten neuere Produktionen immer und überall verfügbar. In jeder dritten Veröffentlichung findet sich ihm zufolge Antisemitismus, amalgamiert mit anti-westlichem Furor und Sexismus. Halbherzigen und moralisierenden Interventionen wie die eines Markus Staiger setzt er eine ideologiekritische Reflexion entgegen, die die gesellschaftlichen Bedingungen, auf denen Deutschrap gedeiht, in den Blick bekommt. Der im arte journal zu Wort kommende jüdische Rapper Ben Salomo hält den Zusammenhang, dass sich ein antisemitisches Publikum mit seinem antisemitischen Idol vergemeinschaftet, ebenso fest.
Rapper wie Edgar Wasser und Fatoni zeigen, dass auf deutsch zu rappen nicht gleichbedeutend mit Deutschrap sein muss. Dass der so notwendige, wenn auch nicht mit Ideologiekritik zu verwechselnde Diss des antisemitischen und verschwörungsideologischen Deutschraps leider (fast) immer mit behindertenfeindlichem Vokabular erfolgt, zeigt erneut die Notwendigkeit auf, sich mit den gesellschaftlichen Produktionsbedingungen der Ware Rap zu beschäftigen.

Hat es leider nicht in den Kurzbeitrag von Arte geschafft: „Boss“ Kollegah
noch vor dem Bundespräsidenten am Grab des Friedensnobelpreis deko-
rierten Judenmörders Jassir Arafat
in Ramallah | © streetcinema 2016

X-Men: Magneto, der ewige Rächer

Spielfilmreihe – AUS/USA 2000-2017
Regie: Singer, Ratner, Mangold, u.a.

Ob Holocaust, Kalter Krieg, atomares Wettrüsten oder Nahostkonflikt – immer wieder eröffnet der Film Assoziationsspielräume, in denen das Gesehene ins Außerfilmische weitergedacht werden kann, ohne die Unterhaltung zu beschädigen.“

(Augsburger Allgemeine zu X-Men: Apocalypse)

Seit der äußerst erfolgreichen Verfilmung der X-Men-Comics gilt auch Magneto als einer der herausragenden Superhelden des Marvel-Universums. Im Gegensatz zu Spider-Man & Co. besteht bei Magneto allerdings eine Besonderheit: Magneto ist der klassische Antiheld… und er ist Jude. Dafür verantwortlich zeichnet X-Men-Autor Chris Claremont, der schon in den 80er Jahren aus dem einstigen Superschurken Magneto eine tragische Figur machte, die sich nach der Erfahrung von Auschwitz von der Menschheit abwendet und diese mittels (elektro-)magnetischer Superkräfte ebenso gnadenlos bekämpft wie all jene Mutanten, die auf friedliche Koexistenz mit den Menschen setzen. In der aktuellen Ausstellung „The Holocaust and comics“ im Pariser Mémorial de la Shoah wird ihm daher einiges an Raum und Bedeutung zugemessen. Zur Ausstellungseröffnung erläutert Chris Claremont im arte-journal kurz und prägnant, Magneto sei „nicht unbedingt [soll heißen: nicht grundlos; Anm.d.R.] ein böser Mensch. Er war durch seine Erfahrungen geprägt und kämpfte verzweifelt [soll heißen: affektiv, ohne Sinn und Verstand; Anm.d.R.] dafür, dass so etwas nie wieder passiert. Ähnlich wie David Ben-Gurion, Elie Wiesel oder Menachem Begin“.
Als Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz macht Magneto daher nicht einfach nur coole Antifa-Action gegen deutsche „Schweinebauern“ (was X-Men – First Class so etwas wie den Nimbus eines inoffiziellen Inglourious Basterds 2 eingebracht haben könnte), in klassischer Täter-Opfer-Umkehr hat er der gesamten Menschheit den Kampf angesagt und gründet dafür im Verlauf eine quasirassistische Bruderschaft der Mutanten. Dabei zeigt Magneto nicht nur eine kaum zu übertreffende Destruktivität, auch bei der Wahl der Waffen ist er nicht zimperlich. Er greift denn auch nicht beispielsweise zu einem US-amerikanischen Kulturgut, welches wahrscheinlich Woody Allen dem „Bärenjuden“ in Tarantinos Inglourious Basterds in die Hände legte: Neben dem charakteristischen Stahlhelm, den Magneto seinem ehemaligen KZ-Peiniger abgekupfert hat, setzt er im Extremfall als Mordwerkzeug lieber SS-Dolch, eine Pistole Marke „Walther“ oder auch die kleine 5-Reichsmark-Münze ein, die er als Andenken an Auschwitz mit sich herumträgt wie einen Talisman.
Dass Magneto letztlich nichts aus der Shoah gelernt hat, wird mit wuchtiger Unmissverständlichkeit treffend ins Bild gesetzt, wenn er vor dem apokalyptischen Vernichtungsfeldzug gegen die Menschheit die Überreste von Auschwitz, und damit symbolisch eben auch jede Erinnerung an die nazistische Barbarei zerstört. In der Szene der vereitelten Hinrichtung/Opferung Mystiques in Paris wiederum wird er vor Delacroix‘ berühmten Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ je nach Lesart entweder in die Tradition des revolutionären, des despotischen, oder vielleicht doch nur der Einfachheit halber in die eines irgendwie „totalitären“ Terrors gestellt. Selbstredend, dass auch Folter von Gefangenen bei Magneto auf dem Programm steht.
Dem unversöhnlichen Rache-Engel Magneto wird als Gegenspieler allerdings sein Freund Professor Xavier beigestellt, welcher das Gute, das Geistig-Moralische und die Hoffnung verkörpert und ihm in etlichen Dialogen die Werte der Menschenliebe zu vermitteln sucht. Neben seinen psionischen und telepathischen, Mensch wie Mutant erfassenden Superkräften ist er zudem zu extremer Empathie und Mitleid fähig. Der Vergleich Xaviers mit Christus liegt da nicht fern. Auch wenn Xavier durch Magnetos Eigenwilligkeit zwar nicht gleich ans Kreuz geschlagen, dafür aber in sein selbiges geschossen und seitdem an den Rollstuhl gefesselt wird. Die Mission, seinen Freund Magneto zu bekehren, wird Professor Charles Francis Xavier, wie er mit vollem Namen heißt, dennoch nicht aufgeben. (An dieser Stelle ist die Randbemerkung, dass der von Namenspatron Franz Xaver mitbegründete Jesuitenorden seine fast 400-jährige judenfeindliche Aufnahmepraxis im Jahr 1946 abgeschafft hat, für das Verhältnis Xavier/Magneto vielleicht gar nicht so unerheblich.) Denn auch wenn Magneto sich der mentalen Auf- und Eindringlichkeit Xaviers noch mittels seines Helms zu erwehren weiß: Zu guter Letzt kann dann schließlich doch ein finaler Appell an Magnetos Nächstenliebe die Menschheit vor der totalen Vernichtung retten.
Nimmt man Chris Claremonts Bezugnahme auf Ben-Gurion & Co ernst, dann verengt sich der Assoziationsspielraum aber auch in Filmszenen, die auf die Weltpolitik ganz direkt anspielen: Die besondere Herausstellung Israels auf einer internationalen Antirassismus-Konferenz beispielsweise sowie die Subsumierung Israels unter die Atom- und Supermächte des Jahres 1983 mögen noch so subtil daher kommen, zufällig sind solche Details in einem durchkomponierten Spielfilm nie. Die Verknüpfung des Rassismus und der Bedrohlichkeit Magnetos mit ähnlich lautenden Vorurteilen gegenüber Israel dürfte dem Publikum nicht sonderlich schwer fallen. Mit der Zuschreibung eines übermächtigen Potentials an Destruktivität, der Unverhältnismäßigkeit seiner Gewalt, der ewigen Unbelehrbarkeit wie einer stereotypen Vergeltungssucht bieten beide – Magneto wie Israel – eine für Antisemiten ideale Projektionsfläche.
Mit X-Men ist Hollywood und Marvel also nicht nur eine effektvolle Übertragung antizionistischer Diskurse auf die Leinwand gelungen, die Filmreihe zeigt auch mehr als deutlich, wie stark der Antizionismus dem antijüdischen wie antisemitischen Ressentiment verhaftet ist. Dabei den Zivilisationsbruch Auschwitz gegen Israel und die Juden in Stellung zu bringen, kleine Nazi-Vergleiche inklusive, gehört zwar auch schon länger zum Standardrepertoire sogenannter „Israelkritik“, in ihrer Bildgewaltigkeit bleibt die Inszenierung vom unverbesserlichen Juden(-staat) jedoch bisher unübertroffen. Dem Superhelden Magneto da auch noch Ausstellungfläche im Mémorial de la Shoah zur Verfügung zu stellen, könnte man daher eigentlich fast nur noch mit Kopfschütteln begegnen. Oder mit einem anderen Superhelden!

So würde man ihn gern sehen, den jüdischen Übermenschen von
heute: Wegen Ausschwitz zahlt Magneto mit gleicher Münze heim
| © 20th Century Fox

Cohen on the Bridge – The Entebbe Rescue

Animationsfilm – 21 min., USA 2012
Ein Film von Andrew Wainrib

Der semidokumentarische Animationsfilm „Cohen on the Bridge“ ist einer der jüngsten Beiträge in einer ganzen Reihe von Dokumentar- und Spielfilmen zur sogenannten „Operation Thunderbolt“: Am 27. Juni 1976 entführte ein gemeinsames Kommando aus je zwei Mitgliedern der PFLP und der deutschen Revolutionären Zellen (RZ) eine Air France-Maschine auf ihrem Flug von Tel Aviv nach Paris und leitet sie nach Entebbe in Uganda um. Ihr Ziel ist die Freipressung von inhaftierten Gesinnungsgenossen vor allem in Israel und Westeuropa. Dass dafür gerade die deutschen Geiselnehmer die vermeintlich jüdischen und israelischen, noch dazu einige Überlebende der Shoah, von den übrigen Passagieren trennten und ihnen mit Erschießungen drohten, weckte finsterste Erinnerungen an die deutsche Vergangenheit. Die spektakuläre und weitgehend erfolgreiche Befreiungsaktion des israelischen Militärs wird in der israelischen Gesellschaft bis heute als wichtiges, identitätsstiftendes Moment wahrgenommen.
Weiterführend ein jüngst in Jungle World (5/17) erschienener Artikel zur Diskussion der erinnerungspolitischen und popkulturellen Bedeutung des antiisraelischen Terrors der siebziger Jahre… und des linken Antisemitismus.