Tag-Archiv für 'nationalismus'

Off Frame aka Revolution bis zum Sieg

Dokumentation – 62 min., PSE 2016
Film von Mohanad Yaqubi

Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa hieß die Dokumentation, die der deutsch-französische Kultursender Arte im Juni 2017 nicht ausstrahlen wollte. Als Begründung für den letztlich missratenen Boykottversuch wurden handwerkliche Mängel angeführt. Der Film, der sich schwerpunktmäßig mit israelbezogenen Antisemitismus auseinandersetzte, sei zudem nicht ergebnisoffen und nicht multiperspektivisch genug gewesen. Gleichzeitig veranstaltete Arte in seinem Programm wochenlang ein anti-israelisches Trommelfeuer. Und bis heute werden weiterhin fast ausschließlich Reportagen und Dokumentarfilme ausgestrahlt, die „Israelkritikern“ dann die Munition liefern, um den israelischen Staat zu delegitimieren.
Ein besonders markantes Beispiel für die „ausgewogene“ Programmgestaltung zum Nahost-Konflikt ist der Propagandafilm Off Frame – Revolution bis zum Sieg, der das sogenannte palästinensische Widerstandskino der 1960er und 70er Jahre abfeiert. Der Beitrag lief 2017 auf der Berlinale, Arte stellt ihn uns seit Oktober 2017 ein ganzes liebes langes Jahr in seiner Mediathek zur Verfügung. Von der Einzigartigkeit dieser „Bilder eines Traums von Freiheit“ und der „Suche eines Volkes nach sich selbst“ waren die Programmverantwortlichen anscheinend schwer begeistert. Vielleicht hat man sich über jenes Genre auch schon genügend beim antisemitischen Webportal The Electronic Intifada informiert? Oder Arte empfindet es bereits als ausreichende Referenz, dass Regisseur Mohanad Yaqubi die antisemitische Boykottbewegung BDS unterstützt?
Die Bilder dieses Widerstandskinos jedenfalls gehören heute zum Standardrepertoire von Israelhassern jeglicher Couleur: die angeblich von Israel zu verantwortenden Vertriebenen und Getöteten, insbesondere die Darstellung notleidender Kinder und Frauen als Opfer „zionistischer Aggressionen“ sind ein Evergreen und ebenso beliebt wie Genozid-Vorwürfe und die Relativierung der Shoah. Hier kommt der Verlust des palästinensischen Filmarchivs nach dem Libanonkrieg 1982 einem „kulturellen Völkermord“ gleich. Wir sehen Bilder vom militärischen Drill palästinensischer Kindersoldaten, unterlegt mit völkischem Liedgut. Am Ende klingt der Film gar mit einem Schulhofappell und der Intonation der palästinensischen Blut-und-Boden-Hymne aus. Für Arte offenbar alles so anrührend und unschuldig wie die salbungsvollen Worte des für Palästina „gefallenen“ Judenmörders Jassir Arafat. Auch scheint die antisemitische Inszenierung vom jüdisch-amerikanischen Kapital dem Weltbild des europäischen Kulturkanals Arte genauso wenig entgegenzulaufen wie die medienwirksame Sprengung von Passagierflugzeugen unter der Parole „Down with Imperialism, Zionism & Israel“.
Der größte Mediencoup palästinensischer Revolutionäre wird in Off Frame allerdings nur beiläufig abgehandelt: Dabei konnten sie doch ihre Botschaft beim Terroranschlag auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972 in München über die TV-Bildschirme live in alle Welt tragen und ernteten dafür – allen voran Ulrike Meinhof – auch in der deutschen Linken viel Solidarität. Eingehend gewürdigt wird dagegen aber selbstverständlich das Wirken des antizionistischen, sich ebenfalls als links verstehenden Filmemachers und Terrorunterstützers Jean-Luc Godard. Im „Kampf gegen die zionistische Propaganda“ tat er Hier und Anderswo, was er nur konnte. Für den bewaffneten Kampf gegen Israel sammelte er auch schon mal Geld beim ZDF. Ein europäischer TV-Kanal mit ausreichender Sendezeit stand ihm und der PLO da allerdings noch nicht zur Seite.

+++ Der Film Off Frame aka Revolution bis zum Sieg ist noch bis zum 17.10.2018 bei Arte abrufbar +++ Seit Mitte Mai 2018 stellt Arte den Film auf seinem Youtube-Kanal zur Verfügung +++

Antiimperialistisches Agitprop-Theater: Mit Leib und Seele gegen
die „JewSA“? | © Arte 2017

Concerning Violence – Neun Szenen der anti-imperialistischen Selbstverteidigung

Dokumentation – 87 min., SWE 2014
Film von Göran Hugo Olsson

„Frantz Fanon wurde schon einmal in einem Film zitiert: in »Weekend«, Jean-Luc Godards Abrechnung mit der französischen Bourgeoisie und dem narrativen Kino, dessen Erzählweise er ins Assoziative, Allegorische auflöst. Göran Hugo Olsson geht in »Concerning Violence« konventioneller vor. Wie bereits in »The Black Power Mixtape« hat der schwedische Regisseur 16-Millimeter-Archivmaterial aus den Sechzigern und Siebzigern zusammengetragen, für seinen aktuellen Film Aufnahmen aus Camps antikolonialistischer Befreiungsbewegungen in Angola und Mozambique, ein Interview mit Missionaren in Tansania, Bilder aus Krankenhäusern, von Kampfhandlungen, aus der Blase weißer Siedler in Rhodesien, dem heutigen Simbabwe. Dazu spricht Lauryn Hill von den Fugees Auszüge aus Fanons bekanntester Arbeit `Die Verdammten der Erde` von 1961, die gleichzeitig eingeblendet werden.
Ein »kinematographischer Essay« soll so entstanden sein, dazu allerdings fehlt es dem Film an einer klaren argumentativen Struktur. Olsson hat letztlich eine – durchaus beachtliche – Materialsammlung montiert und mit Imperativen Fanons unterlegt. Wer diesem Vordenker der Entkolonialisierung, wie es etwa Jean-Paul Sartre tat, die Rechtfertigung von Gewalt unterstellt, sagt Gayatri Spivak, die Theoretikerin des Postkolonialismus, im 2013 aufgenommenen Prolog des Films, der lese nicht zwischen den Zeilen: Die Verdammten dieser Erde seien vielmehr unverschuldet durch die Gewalt anderer in eine Konstellation geraten, aus der sie sich bedauerlicherweise nur noch durch Gegengewalt befreien könnten. Dieser Prolog ist der einzige offensichtliche Bezug, den Olsson zur Gegenwart herstellt. Dabei wäre vieles gar nicht unbedingt historisch, sondern eher politisch erklärungsbedürftig: die Ablehnung des westlichen Individualismus etwa, der die Nation als positiven Gegenbegriff zur Kolonisation behaupten muß. Den Fanon-Fan Godard führte diese Denkweise bekanntlich auf Abwege und direkt in die Arme der PLO […]“ (Tim Slagman in konkret 9/2014)

Im Fall von Regisseur Olsson, der Literaturwissenschaftlerin Gayatri Spivak als auch bei Sprecherin Lauryn Hill führte diese Denkweise anscheinend direkt zum antisemitischen BDS-Movement. Auch wenn Olssons Film den Nahost-Konflikt ausspart: Vor dem Hintergrund eines solchen Engagements ist es mehr als naheliegend, dass im Kampf gegen den als rassistisch halluzinierten „Apartheid“-Staat Israel nicht nur Boykottaktionen favorisiert werden, sondern mit Rückgriff auf Fanon auch der antisemitische Terror sogenannter palästinensischer „Befreiungsbewegungen“ als antikoloniale Selbstermächtigung verklärt werden kann. Wie man die Legitimation von Terror jedenfalls betreiben kann, hat Gayatri Spivak bereits im Prolog des Films angedeutet: Mit dem Satz „Ihre Leben zählen nichts im Vergleich zu denen der Kolonialherren – uneingestandene Hiroshimas gegenüber sentimentalisierten 9/11.“ bagatellisiert Spivak nicht einfach nur den bis dato größten islamistischen Terroranschlag. Indem sie gleichzeitig die Opfer von 9/11 den „Kolonialherren“ zurechnet, betreibt sie Täter-Opfer-Umkehr auf das Widerlichste.

+++ Der Film hat es mittlerweile sogar ins Programm der Bundeszentrale für politische Bildung geschafft und kann dort in voller Länge abgerufen werden +++

Liza ruft ! ליזאַ רופט

Dokumentation – 113 min., D 2015
Ein Film von Christian Carlsen und Philipp Jansen

Denn du kannst nicht einerseits sagen, dass die Überlebenden Kriminelle seien, und andererseits mit deinen Krokodilstränen kommen, um die Diplomaten und die ausländischen Medien zu beeindrucken.“

(Dovid Katz)

„Fania Yocheles-Brantsovskaya war 19 Jahre alt, als die Wehrmacht am 24. Juni 1941 in ihre Heimatstadt Vilnius einfiel, die bis dahin als „Jerusalem Litauens“ galt. Fania wurde mit ihrer Familie ins Ghetto getrieben, musste Zwangsarbeit leisten und wurde Zeugin der „Aktionen“, in deren Folge die Deutschen und ihre litauischen Kollaborateure 70 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder im nahen Ponar erschossen. Sich der deutschen Vernichtungspläne bewusst, schloss sich Fania der jüdischen Widerstandsgruppe Fareinikte Partisaner Organisatzije (FPO) an. „Liza ruft!“ wurde die Losung für ihren Kampf. Kurz bevor die Deutschen das Ghetto liquidierten, entkamen die FPO-Mitglieder und schlossen sich der sowjetischen Partisan_innenbewegung in den nahen Wäldern an. Fania führte Sabotagemissionen aus und beteiligte sich an der Befreiung von Vilnius durch die Rote Armee. Obwohl die Deutschen mithilfe ihrer litauischen Handlanger ihre gesamte Familie ermordet hatten, blieb Fania in ihrer Heimat und beteiligte sich an deren Wiederaufbau unter kommunistischer Führung. Nach dem Tod ihres Ehemanns, den sie im Kampf kennengelernt hatte, und dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden ihr die Erinnerung an den Holocaust und die Würdigung des jüdischen Widerstands zur Lebensaufgabe. Brachte ihr das im Ausland Anerkennung, wurde sie in ihrer Heimat zur Zielscheibe von nationalistischen und antisemitischen Gruppierungen. Nachdem lokale Medien die Memoiren ihrer Freundin Rachel Margolis ausgeschlachtet hatten, die Fanias Teilnahme an der Zerstörung Kaniūkais erwähnen, ein Dorf, das die sowjetischen Partisan_innen bekämpft hatte, ließ die Staatsanwaltschaft die damals 86jährige Fania wegen der mutmaßlichen Beteiligung an Kriegsverbrechen vernehmen. Erst auf internationalen Druck wurden die Ermittlungen auf Eis gelegt. Daraufhin begann die litauische Politik, Fanias Potential als Aushängeschild zu entdecken und sie zu vereinnahmen. Fanias Engagement ist seither eine Gratwanderung: einerseits drohen die Entpolitisierung ihrer Gedenkarbeit und eine Entfremdung von ihren Weggefährt_innen, anderseits läuft sie ständig Gefahr, neue antisemitische Angriffe und eine Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens zu provozieren.“ (Aus dem Presseheft zum Film „Liza ruft!)

© Kassiber Films

Antisemitismus in Polen

3Sat-kulturzeit vom 26.09.2017

Opfersehnsucht und Judenneid: „Die Blumen von gestern“ von Chris Kraus

Spielfilm – 126 Min, D 2017
Film von Chris Kraus


In „Die Blumen von gestern“ lässt der Regisseur Chris Kraus einen unter Impotenz leidenden Holocaustforscher auf eine neurotische französische Jüdin treffen, deren Oma vom Opa des Holocaustforschers umgebracht wurde – und die beiden verlieben sich ineinander. Diese kitschige Versöhnungsgeschichte hat auch mit der Familiengeschichte Kraus‘ und seinem Verhältnis zur deutschen Nation zu tun.

Chris Kraus ist ein deutscher Regisseur, ein Regisseur, der eine ganz genaue, unverkrampfte Vorstellung davon hat, was deutsch ist. In seinem Film „Die Blumen von gestern“ geht es um den Holocaustforscher Totila „Toto“ Blumen und sein Leiden. Dieser ist „traumatisiert“ (Kraus) davon, dass sein Opa SS-General in Riga war. Begleiterscheinungen dieses Traumas: Er schlägt seinen Chef, der ihn von der Organisation eines „Auschwitz-Kongress‘“ entbinden möchte, in einer völlig überzeichneten Szene am Anfang des Filmes brutal krankenhausreif, kommuniziert hauptsächlich in Vulgärsprache („Scheisse“, „Nutten“) und – Wie auch sonst männliches Leid möglichst ausdrucksstark symbolisieren? – kriegt keinen mehr hoch. Ihm zu Seite gestellt wird Zazie, eine neurotische französische Jüdin, deren Oma von Blumens Opa ermordet wurde. Sie verlieben sich ineinander und, man ahnt es schon, Blumen gerät wieder in den vollen Besitz seiner „Männlichkeit“. Laut Kraus in einem Interview zum Film war es:

„von Anfang an klar, dass es eine Versöhnungsgeschichte werden soll. Also eine Geschichte über die Chancen, die Menschen einer unmöglich erscheinenden Versöhnung einräumen. Diese absolute Trennung zwischen „Juden“ und „Deutschen“, die der Holocaust gezeitigt hatte, schien ja auf alle Zeiten das Verhältnis der Völker zueinander festgelegt zu haben. Vor diesem Hintergrund ist eine Liebesgeschichte zwischen einer Jüdin und einem Deutschen, dessen Großvater die Großmutter der Jüdin ins Gas geschickt hat, am denkbar weitesten weg von der Trennung, die die Nazis verbrochen haben. In dem damit verbundenen Wunsch nach Versöhnung liegt auch die Legitimation des Komödiantischen, des Leichten, wie ich finde.“

Dieser Wunsch ist zuvorderst ein deutscher, eingebettet in globale Konstellationen, in denen der Holocaust Chiffre für Menschenrechtsverletzungen jeder Art geworden ist (Kraus: „Es ist nicht vorbei. Im Augenblick erleben wir furchtbare Zeiten, in Syrien, in Libyen. Man hat fast den Eindruck, die halbe Welt brennt. Bestialität stirbt nicht aus, sie ist ein Teil unserer mentalen Ausstattung. An dieser Stelle wollte ich ansetzen.“) Kraus‘ Film zeigt ganz deutlich, an wen dieser Wunsch gerichtet ist: Es sind die Holocaust-Überlebenden und ihre Angehörigen, die die Deutschen mit ihrer Geschichte zu versöhnen haben. Dass der Patient längst geheilt ist, hat Katrin Antweiler dabei unlängst in der Jungle World festgestellt. Kraus‘ Wunsch nach Entkrampfung ist so neu, wie „Die Blumen von gestern“ lustig ist. Bereits 1946 hat Wolfgang Staudte in „Die Mörder sind unter uns“ der dreisten Nötigung nach Versöhnung vermittels der Liebesbeziehung zwischen einem Ex-Landser und einer Holocaustüberlebenden filmischen Ausdruck verliehen.
Muss Toto Blumen im Film erst noch geheilt werden, so ist Chris Kraus bereits unheilbar gesundet. Entgegen eines großen Teils der dritten Tätergeneration, die daran festhält, dass Opa kein Nazi war, bekennt er sich zu seiner Familiengeschichte: Sein Opa war Offizier der SS-Einsatzgruppe A. (Diesen in einen Widerstandskämpfer umzumünzen, dürfte aber auch ungleich schwerer fallen.) Die negative „Geschichtslast“ jedoch, so Kraus, sei mit der positiven Gegenwart unauflösbar zu einem großen Ganzen verschmolzen, zu einer „Kultur, die nicht zu verorten ist“. Denkt Kraus an Deutschland, dann denkt er an etwas, aus dem er „nicht entkommen kann.“ Deutschland als Schicksalszusammenhang? Der Gang der Geschichte wäre demnach vorbestimmt, nach individuellen Verantwortlichkeiten zu fragen, folglich sinnlos. Alle sind unterschiedslos Opfer des Krieges! Die deutsche Opfersehnsucht wird dann auch in einer Filmbesprechung der Welt ganz unverfroren ausgedrückt:

„Deutschland hat sich lange bequem in der Büßerrolle eingerichtet, man könnte auch sagen: in seinem Holocaust-Kult. Die Unfähigkeit, um die Toten vom Breitscheidplatz richtig zu trauern, hat auch damit zu tun, dass man sich in der Opferrolle gar nicht mehr vorstellen konnte.“

Der Autor Hanns-Georg Rodek hat die letzten Jahre offensichtlich in einem Erdloch ohne TV-Anschluss und Internetverbindung zugebracht. Wir empfehlen ihm aus der schieren Unzahl deutscher Filmproduktionen, die sich den deutschen Opfern widmen, „Wolfskinder“ (2014) von Nick Ostermann und damit ein besonders widerwärtiges Machwerk unverkrampfter neuer deutscher Filmgeschichte, in die Kraus mit „Blumen von gestern“ noch mehr Unverkrampftheit hineingeschrieben hat, falls das überhaupt möglich ist.

„Denke ich an Deutschland…“ – Wer dabei nicht wie Heinrich Heine um den Schlaf gebracht wird, den empfehlen wir zur nächtlichen Lektüre „Opfersehnsucht und Judenneid – ein Kommentar zur Nationalisierung der Erinnerung“ von Eike Geisel.

Ungarns Ultrarechte – Der Traum von der Volksgemeinschaft

ZDF auslandsjournal vom 28.06.2017

Deportation Class – Protokoll einer Abschiebung

Dokumentation – 45/88 min., D 2017
Ein Film von Carsten Rau und Hauke Wendler

Über den titelgebenden Begriff „Deportation“, den man im deutschen Sprachraum ja auch vor allem mit der Vernichtung des europäischen Judentums während des Nationalsozialismus verbunden wissen sollte, kann man sich streiten. Dennoch: „Rückführungsmanagement, Sammelcharter- und aufenthaltsbeendende Maßnahmen – Bürokraten haben viele Worte kreiert, um den Charakter der Abschiebung von Asylbewerbern zu verschleiern. Die Beamten, die solche Begriffe in diesem Dokumentarfilm benutzen oder als Schriftzug auf Westen tragen, werden wohl nie auf die Idee kommen, dass sie die Brutalität noch unterstreichen.
Die einprägsamsten Szenen entstehen nachts in einer Unterkunft in Mecklenburg-Vorpommern: Der Albaner Gezim J. steht um 2.30 Uhr in Unterwäsche im Flur, um ihn herum Polizisten, die ihm deutlich machen, dass seine Familie sofort ihre Sachen zu packen habe. Auch Lorenz Caffier, der Innenminister, ist vor Ort. Wenn sich J. schnell füge, sei das »doch für alle Beteiligten viel einfacher, auch für meine Mitarbeiter«, sagt der Mann von der christlichen Partei. Offenbar glaubt er, die Zuschauer hätten vor allem Mitleid mit den Staatsdienern, die Nachtschicht schieben müssen.
»Deportation Class« entstand während des Landtagswahlkampfs 2016, eine 45minütige Fassung (»Protokoll einer Abschiebung«) lief zunächst im NDR. Der Minister lässt den Dreh nicht nur genehmigen, er mischt auch mit, weil er glaubt, dass es ihm nützlich sein kann. Der joviale – für einen Schnack mit den Beamten bleibt stets Zeit – und empathiefreie Caffier agiert nach dem Motto: Was die AfD kann, können wir besser. […]“ (René Martens in konkret 6/2017)

(Auf Radio Corax ist ein Interview zum Dokumentarfilm mit dem Filmemacher Hauke Wendler nachzuhören)

Algier – Mekka der Revolutionäre

Dokumentation – 56 min., F 2014
Film von Ben Salama

Ich erinnere mich noch gut daran, was Kampfgenossen während der algerischen Revolution sagten: Wir werden nicht sagen können, Algerien sei frei, solange Palästina noch ein besetztes Gebiet ist.“

(Jassir Arafat)

Arte kann es einfach nicht lassen: Nachdem nun schon mehrmals angemerkt worden ist, dass Arte seine Zuschauer lieber mit „Israel-kritischen“ Dokumentationen unterhalten, als über gegenwärtigen Antisemitismus aufklären möchte, hat der Sender einmal mehr „antizionistischer“ Propaganda Raum gegeben und mit „Algier – Mekka der Revolutionäre“ diesmal ein von Pathos triefendes, antiimperialistisches Schmierenstück abgeliefert.
Die Arte-Hommage an die algerische Hauptstadt wird wie folgt angekündigt: „Nach Erringung der Unabhängigkeit im Jahr 1962 unterstützte Algerien bis Mitte der 1970er Jahre weltweit antikolonialistische und revolutionäre Bestrebungen. Die Staatspräsidenten Ahmed Ben Bella und Houari Boumedienne öffneten Algiers Tore für die, die gegen koloniale Unterdrückung und Rassismus kämpften.“ Filmemacher Ben Salama hat dabei die europäischen Kolonialmächte, die USA, das rassistische Apartheid-Regime in Südafrika und – wie sollte es anders sein – auch den Staat Israel in einen großen Topf gerührt und der algerischen Unterstützung des südafrikanischen ANC oder der afro-amerikanischen Black Panther Party deshalb genauso gehuldigt wie der Förderung des palästinensischen „Befreiungskampfs“. Obwohl der Nahost-Konflikt als ein Kampf von vielen im Film nicht besonders herausgestellt wird, lohnt es dennoch, sich den entsprechenden Szenen zu widmen.
Die quälend oberflächliche „Dokumentation“ scheint dabei das Wissen des Zuschauers um den angeblich kolonialistischen und rassistischen Charakter Israels einfach schon vorauszusetzen. Im Falle Israels bedarf es ja wie immer keines Belegs, sondern nur eines vagen ressentimentbehafteten Anstoßes. Vollkommen verkürzt wird daher der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 denn auch als israelische Aggression dargestellt, damit daraufhin in Algier eine Demonstration mit Parolen wie „Tod dem Imperialismus und Zionismus“ durchs Bild ziehen und die Kriegstreiberei Algeriens gerechtfertigt werden kann. Die 1973 von Algerien handfest unterstützte Vernichtungswut arabischer Staaten gegen Israel im Yom-Kippur-Krieg wird natürlich nicht gezeigt, dafür aber wiederum die herausragende Rolle Algeriens bei der diplomatischen Anerkennung der PLO bei den Vereinten Nationen gewürdigt, wo Judenmörder Jassir Arafat im Jahr 1974 in seiner „Ölzweig-Rede“ den Friedensbotschafter mimen durfte. Der Logik von Israelhassern folgend hätte der Film auch noch erwähnen können, dass Algerien bereits in der Bewegung Bündnisfreier Staaten eine Vorreiterrolle einnahm, wenn es um die internationale Isolierung und Delegitimierung des Staates Israel ging. Die 1975 verabschiedete UN-Resolution 3379 beispielsweise, die infam Zionismus und Rassismus gleichsetzte, folgte dem algerischen Vorsitz der UN-Vollversammlung unmittelbar, hatte jedoch schon zuvor ihre Entsprechung auf einer Konferenz der Bündnisfreien Staaten in Algier gefunden.
Doch für Differenzierungen bleibt im Film weder Zeit noch Raum, denn schließlich gaben sich in Algier Revoluzzer à la couleur sprichwörtlich die Klinke in die Hand. Fallstricke nationaler Befreiung, in Algerien wie anderswo, werden nicht einmal im Ansatz ausgeleuchtet. Ob der spätere notorische Verteidiger von Nazikriegsverbrechern, Holocaustleugnern und Diktatoren Jacques Vergés, der Antisemit und Terrorist Ilyich Ramírez Sánchez, genannt „Carlos“, oder die Fatah Jassir Arafats: Jeder, der im „Mekka der Revolutionäre“ landete, bekommt in diesem Film seinen Ehrenplatz. Den Reigen angeblich fortschrittlicher Befreiungsbewegungen darf dann im Film auch die Japanische Rote Armee abschließen. Arte verschweigt hier, dass diese Terror-Organisation nicht erst durch Hijacking bekannt geworden ist, sondern sich zuvor schon in ganz besonderer Weise für die „Befreiung Palästinas“ eingesetzt hatte. So hatten drei ihrer Mitglieder 1972 einen blutigen Anschlag auf den israelischen Flughafen in Lod verübt und dabei wahllos 24 Menschen ermordet. Wer letzten Endes dann also auch noch diese Mordkommandos als „Rebellen“ gegen „Rassismus und Kolonialherrschaft“ adelt, der scheint endgültig nicht mehr alle Rollen im Archiv zu haben! Da Arte sein Verhältnis zum antiisraelischen Terror anscheinend nicht geklärt hat, bleibt der Sender in dieser Hinsicht vor allem eines: das Mekka antizionistischer Filmemacher. Aber vielleicht fragt Arte bei Ben Salama einfach mal nach, wie er denn selbst diesen krönenden Abschluss seines Films verstanden wissen will?

+++ Die Arte-Pilgerreise ins „Mekka der Revolutionäre“ darf noch bis 24.05.2017 auf der Arte-Mediathek bestaunt werden. Aber schon am 23.05.2017 hat Arte sogar einen ganzen Filmabend im Programm, auf den wir in unseren Ankündigungen unter „Die lange Nacht gegen Israel“ bereits aufmerksam gemacht hatten. Obwohl wir ja dennoch hoffen, damit vielleicht etwas zu viel versprochen zu haben… +++

Keine Liebeserklärung: Bei dieser antiisraelischen Solidaritäts-
Demonstration im Juni 1967 in Algier ging es ganz offensichtlich
um ganz „Palästina“ | © Arte 2014