Tag-Archiv für 'nationalsozialismus'

Der Letzte der Ungerechten

Dokumentation – 218 min., F 2013
Ein Film von Claude Lanzmann

Im Rahmen seines Filmes „Shoah“ (1985) führte Claude Lanzmann 1975 ein langes Interview mit Benjamin Murmelstein, dem überlebenden, letzten sog. „Judenältesten“ des Ghetto Theresienstadt. Letztendlich entschied er sich aber dagegen, das Material in „Shoah“ zu verwenden, denn, so Lanzmann in einem Interview, „Shoah“ sei „ein Film in Erzählform, der allgemeine Ton ist von einer schrecklichen Tragik. Wenn man Benjamin Murmelstein zuhört, merkt man, dass das nicht zu ihm passt. Er ist von einem anderen Schlag.“ In ihrem „Bericht von der Banalität des Bösen“ über den Eichmann-Prozess bezeichnete Hannah Arendt Leute wie Murmelstein als „Verräter“, einem Urteil, dem Gershom Scholem entschieden widersprach. In einem Punkt war er jedoch mit Arendt einig: „Gewiss, […] Murmelstein in Theresienstadt hätte […] verdient, von den Juden gehängt zu werden.“ Hätte man Murmelstein vor Gericht in Jerusalem als Zeugen geladen, so hätte dieser davon berichten können, dass Eichmann, den Arendt als „Hanswurst“ bezeichnete, während des Novemberpogroms selbst zur Tat geschritten ist. Lanzmanns Film ist so wichtig, weil er diesem und anderen Fehlurteilen widerspricht. Gleichwohl ist es von einer besonderen Tragik, dass Murmelstein, der 120.000 österreichischen Juden zur Ausreise verholfen hat, seine Rehabilitation nicht mehr erleben durfte. Er starb 1989 ohne je einen Fuß nach Israel gesetzt zu haben, obwohl das seinem Wunsch entsprochen hätte. Lanzmanns Film ist eine späte, aber würdige Rehabilitation dieser beeindruckenden Person.

+ Der Film ist noch bis 22.03.2018 auf der arte-Mediathek abrufbar. +

© Synecdoche, Le Pacte, DOR Film, Les Films Alephe, France 3
Cinéma

Berichterstattung über Rechtsextremismus und unselige Wehrmachtstraditionen in der Bundeswehr

Zusammenstellung einiger kontraste-Berichte zur Pflege von Wehrmachtstraditionen in der Bundeswehr

Tödliche Rache – Vom Holocaust-Opfer zum Mörder

Dokumentation – 56 Min., ISR 2015
Ein Film von Natalie Assouline Terebilo

Ein gehetztes Atmen, Schüsse peitschen, ein Mensch fällt zu Boden – „Judenjagd“. Die im Stil einer Graphic Novel gehaltene und mit Sound unterlegte gezeichnete Anfangsszene zeigt den jugendlichen Mosche Knebel, wie er Zeuge an dem Mord seines eigenen Vaters wird. 86-jährig begibt sich der Shoah-Überlebende Knebel mit seiner Familie ins östliche Polen, wo er ihr seinen Herkunftsort, Krasnobród und die Wälder der Umgebung zeigt, in denen er sich zunächst vor den Deutschen und den mit ihnen kollaborierenden Polen versteckt hielt. Außerdem berichtet er ihr von seiner dunklen Seite – „The Dark Side“ lautet der im Deutschen wohl nicht sensationslüstern genug klingende englische Titel: Er hatte sich nach Kriegsende vom UB (Urząd Bezpieczeństwa, kommunistische Geheimpolizei im Nachkriegspolen) rekrutieren lassen und Vergeltung geübt einerseits an denjenigen, die für den Tod seiner Familie verantwortlich waren und andererseits an seinen ehemaligen Freunden, die ihn nach seiner Rückkehr nach Krasnobród in einen Hinterhalt gelockt und halb tot geschlagen hatten.
Die Doku wird dieses Jahr erneut zu Anlass des Holocaustgedenktages auf Arte ausgestrahlt, und damit auf jenem deutsch-französischen Sender, der insbesondere im vergangenen Jahr durch tendenziöse Israel-Berichterstattung, sowie den Unwillen, über Antisemitismus zu berichten, aufgefallen ist. Daher darf die, jedenfalls im postnazistischen Deutschland immer auch schuldabwehrende, „Faszination“ für eine vermeintliche „jüdische Rachsucht“ als Entscheidung für die Ausstrahlung zumindest vermutet werden. In der Programmankündigung heißt es dann auch reißerisch: „Im Geheimen beginnt Mosche […] einen gnadenlosen Rachefeldzug gegen alle, die seine Familie auf dem Gewissen haben. Auge um Auge.“
„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, so wissen Hobbytheologen zu berichten, sei ein biblisches Prinzip, seit alttestamentarischen Zeiten eine Art verbindliche Handlungsanleitung für Juden, wenn ihnen Unrecht widerfährt. Das Bild des „rachsüchtigen Juden“ ist dabei für Antisemiten jeglicher Couleur von ungebrochener Aktualität. Es findet sich camoufliert als „Israelkritik“ – man werfe nur einen Blick in die Süddeutsche Zeitung oder in die Kolumnen des Jakob Augstein – , als sekundär-antisemitische „Anklage“ an die um finanzielle „Entschädigung“ kämpfenden Shoah-Überlebenden oder eben im wohligen, da schuldentlastenden Gruseln vor den Vergeltung übenden und somit selbst zu Tätern gewordenen Opfern. In der jüdischen Tradition hieß der erwähnte Rechtssatz übrigens „Auge für Auge“ und sollte verhältnismäßige finanzielle Entschädigungen für ein erlittenes Unrecht regeln. In der Übersetzung der Bibel durch den Antisemiten und 2017 aus Anlass der halbtausendjährigen Reformation besonders gefeierten Martin Luther wurde daraus dann „Auge um Auge“.
Wenn Knebel von seiner Zeit bei den russischen Partisanen und später bei der Roten Armee berichtet, fallen Sätze, die für das deutsche Publikum seltsam vertraut klingen dürften: „So lautete der Befehl“, „Wir konnten keine Gefangenen machen“, „Hitler [oder eben wahlweise Stalin] hat genau das gleiche getan“. Der deutsche Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion wurde bereits vor dem Überfall in einer Reihe verbrecherischer Befehle der Wehrmachtsführung ausgearbeitet. Insbesondere die sog. Politkommissare galten als Inbegriff des „Judäo-Bolschewismus“ und somit als zu „vernichtende Träger einer feindlichen Weltanschauung“. In den Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare (Kommissarbefehl) vom 6. Juni 1941 findet sich das Motiv einer spezifischen „Grausamkeit“ der Sowjetsoldaten:

Im Kampf gegen den Bolschewismus ist mit einem Verhalten des Feindes nach den Grundsätzen der Menschlichkeit oder des Völkerrechts nicht zu rechnen. Insbesondere ist von den politischen Kommissaren aller Art als den eigentlichen Trägern des Widerstandes eine haßerfüllte, grausame und unmenschliche Behandlung unserer Gefangenen zu erwarten.“

Dass Politkommissare in der antisemitischen Vorstellung des „Judäo-Bolschewismus“ zumeist jüdisch seien, brauchte hier offensichtlich nicht extra verdeutlicht zu werden, anders in den „Mitteilungen für die Truppe“ der Abteilung Wehrmachtspropaganda.
Die „jüdische Rachsucht“: grausam und haßerfüllt für das OKW, „gnadenlos“ für Arte/ARD.

+++ Bis zum 01.03.2018 in der Arte-Mediathek +++

Mosche Knebel nach dem schweren Angriff auf ihn in Sicherheit beim
UB – für viele Polen nur ein weiterer Beweis für die Existenz einer ver-
meintlichen „Judäo-Kommune“ | © Arte 2015

„That one’s for Hitler!“ – Baer vs. Schmeling

Aufzeichnung – 24 min., USA 1933

Aufzeichnung des Kampfes „Max Baer vs. Max Schmeling“ in New York 1933. Während in Deutschland bereits der Ausschluss jüdischer Sportler aus den Verbänden betrieben wurde, zeigte Max Baer mit dem Davidstern auf der Hose eine einmalige solidarische Geste. In einem eindrucksvollen Kampf siegte Baer nach technischem KO in der 10. Runde und verpasste damit dem deutschen Sportwesen auf symbolischer Ebene eine verdiente Abreibung.
Max Baer, der einen jüdischen Großvater hatte, als US-amerikanischer Staatsbürger jedoch noch nicht unmittelbar von den Deutschen bedroht war, musste allerdings auf einem anderen Feld einen Tiefschlag hinnehmen. Denn neben dem Boxsport versuchte Baer auch im Filmbusiness zu punkten. Seinen ersten großen Auftritt als Hauptdarsteller hatte er 1933 in der US-amerikanischen Filmkomödie „The Prizefighter and the Lady“. Der Film sollte auch in Deutschland unter dem Titel „Männer um eine Frau“ im Kino gezeigt werden, wurde jedoch verboten. Den deutschen Sportsfreunden dürfte Max Baer als Sieger über Max Schmeling noch in schlechter Erinnerung geblieben sein, als sie dann bald jene Nachricht lasen, die der Völkische Beobachter am 29.4.1934 veröffentlichte. Unter der Überschrift „Bestätigtes Filmverbot“ stand dort zu lesen:

Berlin, 28.4. Gegen die Entscheidung der Prüfstelle, die dem Film „Männer um eine Frau“ wegen der Mitwirkung des amerikanischen Boxers Max Baer als Hauptdarsteller die Zulassung versagte, hatte die Metro Goldwyn Mayer-Film AG Beschwerde eingelegt. Die Oberprüfstelle hat in ihrer heutigen Sitzung diese Beschwerde zurückgewiesen und das Verbot aufrechterhalten. In Übereinstimmung mit der Prüfstelle und dem von dieser Stelle vernommenen Sachverständigen des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda hält die Oberprüfstelle daran fest, dass die Zensur nicht einfach an der Tatsache vorbeigehen könne, dass das deutsche Volk die Vorführung von Filmen mit jüdischen Hauptdarstellern als Provokation empfinde. An diese Art Filme müsse daher ein besonders strenger Maßstab gelegt werden. Vorwiegend sei es das Verhältnis des jüdischen Darstellers, der nach Ansicht der Oberprüfstelle obendrein ein durchaus negroider Typ sei, zu den in dem Film mitspielenden nichtjüdischen Frauen, das eine Verletzung des nationalsozialistischen Empfindens im Sinne des neuen Lichtspielgesetzes vom 16. Februar 1934 enthalte. Aus diesem gesetzlichen Verbotsgrunde sei die fernere Vorführung des Films, und zwar sowohl in der Originalfassung wie in der deutschen Fassung nicht mehr angängig.“

(aus Joseph Wulf: „Kultur im Dritten Reich“)

Max Baer ist heute nahezu vergessen. Max Schmeling dagegen avancierte trotz seiner Funktion als NS-Werbe-Ikone zu einer Art „Oskar Schindler des deutschen Boxsports“. Bestärkte er 1936 im WM-Ausscheidungskampf mit seinem Sieg über den afro-amerikanischen Boxer Joe Louis den deutschen Rassenwahn, so wurde sein Leben mit „Max Schmeling – Eine deutsche Legende“ posthum als nationales Feel-good-Movie verhunzt. Da war er also wieder: Der gute Deutsche! Die Ehre jedoch, der deutschen Volksseele frühzeitig nicht nur aufs Maul zu schauen, sondern auch zu geben, die gebührt ganz unzweifelhaft Max Baer.

„Hail Hitler!“: Baer siegt nach technischem KO in der 10. Runde
| © ACME Newspictures. Quelle: Archiv Buschbom.

Opfersehnsucht und Judenneid: „Die Blumen von gestern“ von Chris Kraus

Spielfilm – 126 Min, D 2017
Film von Chris Kraus


In „Die Blumen von gestern“ lässt der Regisseur Chris Kraus einen unter Impotenz leidenden Holocaustforscher auf eine neurotische französische Jüdin treffen, deren Oma vom Opa des Holocaustforschers umgebracht wurde – und die beiden verlieben sich ineinander. Diese kitschige Versöhnungsgeschichte hat auch mit der Familiengeschichte Kraus‘ und seinem Verhältnis zur deutschen Nation zu tun.

Chris Kraus ist ein deutscher Regisseur, ein Regisseur, der eine ganz genaue, unverkrampfte Vorstellung davon hat, was deutsch ist. In seinem Film „Die Blumen von gestern“ geht es um den Holocaustforscher Totila „Toto“ Blumen und sein Leiden. Dieser ist „traumatisiert“ (Kraus) davon, dass sein Opa SS-General in Riga war. Begleiterscheinungen dieses Traumas: Er schlägt seinen Chef, der ihn von der Organisation eines „Auschwitz-Kongress‘“ entbinden möchte, in einer völlig überzeichneten Szene am Anfang des Filmes brutal krankenhausreif, kommuniziert hauptsächlich in Vulgärsprache („Scheisse“, „Nutten“) und – Wie auch sonst männliches Leid möglichst ausdrucksstark symbolisieren? – kriegt keinen mehr hoch. Ihm zu Seite gestellt wird Zazie, eine neurotische französische Jüdin, deren Oma von Blumens Opa ermordet wurde. Sie verlieben sich ineinander und, man ahnt es schon, Blumen gerät wieder in den vollen Besitz seiner „Männlichkeit“. Laut Kraus in einem Interview zum Film war es:

„von Anfang an klar, dass es eine Versöhnungsgeschichte werden soll. Also eine Geschichte über die Chancen, die Menschen einer unmöglich erscheinenden Versöhnung einräumen. Diese absolute Trennung zwischen „Juden“ und „Deutschen“, die der Holocaust gezeitigt hatte, schien ja auf alle Zeiten das Verhältnis der Völker zueinander festgelegt zu haben. Vor diesem Hintergrund ist eine Liebesgeschichte zwischen einer Jüdin und einem Deutschen, dessen Großvater die Großmutter der Jüdin ins Gas geschickt hat, am denkbar weitesten weg von der Trennung, die die Nazis verbrochen haben. In dem damit verbundenen Wunsch nach Versöhnung liegt auch die Legitimation des Komödiantischen, des Leichten, wie ich finde.“

Dieser Wunsch ist zuvorderst ein deutscher, eingebettet in globale Konstellationen, in denen der Holocaust Chiffre für Menschenrechtsverletzungen jeder Art geworden ist (Kraus: „Es ist nicht vorbei. Im Augenblick erleben wir furchtbare Zeiten, in Syrien, in Libyen. Man hat fast den Eindruck, die halbe Welt brennt. Bestialität stirbt nicht aus, sie ist ein Teil unserer mentalen Ausstattung. An dieser Stelle wollte ich ansetzen.“) Kraus‘ Film zeigt ganz deutlich, an wen dieser Wunsch gerichtet ist: Es sind die Holocaust-Überlebenden und ihre Angehörigen, die die Deutschen mit ihrer Geschichte zu versöhnen haben. Dass der Patient längst geheilt ist, hat Katrin Antweiler dabei unlängst in der Jungle World festgestellt. Kraus‘ Wunsch nach Entkrampfung ist so neu, wie „Die Blumen von gestern“ lustig ist. Bereits 1946 hat Wolfgang Staudte in „Die Mörder sind unter uns“ der dreisten Nötigung nach Versöhnung vermittels der Liebesbeziehung zwischen einem Ex-Landser und einer Holocaustüberlebenden filmischen Ausdruck verliehen.
Muss Toto Blumen im Film erst noch geheilt werden, so ist Chris Kraus bereits unheilbar gesundet. Entgegen eines großen Teils der dritten Tätergeneration, die daran festhält, dass Opa kein Nazi war, bekennt er sich zu seiner Familiengeschichte: Sein Opa war Offizier der SS-Einsatzgruppe A. (Diesen in einen Widerstandskämpfer umzumünzen, dürfte aber auch ungleich schwerer fallen.) Die negative „Geschichtslast“ jedoch, so Kraus, sei mit der positiven Gegenwart unauflösbar zu einem großen Ganzen verschmolzen, zu einer „Kultur, die nicht zu verorten ist“. Denkt Kraus an Deutschland, dann denkt er an etwas, aus dem er „nicht entkommen kann.“ Deutschland als Schicksalszusammenhang? Der Gang der Geschichte wäre demnach vorbestimmt, nach individuellen Verantwortlichkeiten zu fragen, folglich sinnlos. Alle sind unterschiedslos Opfer des Krieges! Die deutsche Opfersehnsucht wird dann auch in einer Filmbesprechung der Welt ganz unverfroren ausgedrückt:

„Deutschland hat sich lange bequem in der Büßerrolle eingerichtet, man könnte auch sagen: in seinem Holocaust-Kult. Die Unfähigkeit, um die Toten vom Breitscheidplatz richtig zu trauern, hat auch damit zu tun, dass man sich in der Opferrolle gar nicht mehr vorstellen konnte.“

Der Autor Hanns-Georg Rodek hat die letzten Jahre offensichtlich in einem Erdloch ohne TV-Anschluss und Internetverbindung zugebracht. Wir empfehlen ihm aus der schieren Unzahl deutscher Filmproduktionen, die sich den deutschen Opfern widmen, „Wolfskinder“ (2014) von Nick Ostermann und damit ein besonders widerwärtiges Machwerk unverkrampfter neuer deutscher Filmgeschichte, in die Kraus mit „Blumen von gestern“ noch mehr Unverkrampftheit hineingeschrieben hat, falls das überhaupt möglich ist.

„Denke ich an Deutschland…“ – Wer dabei nicht wie Heinrich Heine um den Schlaf gebracht wird, den empfehlen wir zur nächtlichen Lektüre „Opfersehnsucht und Judenneid – ein Kommentar zur Nationalisierung der Erinnerung“ von Eike Geisel.

Unsere Mütter, unsere Väter

TV-Spielfilm, 3 × 90 min., D 2013
Regie: Philipp Kadelbach / Drehbuch: Stefan Kolditz

Auszug einer Filmbesprechung aus „The Aftermath of the Allied Victory Over Germany“ (Eine Broschüre der antifaschistischen 70YEARS-Kampagne):

„Fünf Stunden Selbstmitleid für die Jugend des Dritten Reichs“ – so lautete eine der wenigen treffenden Kritiken des ZDF-Spektakels. Doch die kam natürlich nicht aus Deutschland. Die US-amerikanische Unterhaltungsseite „A.V. Club“ fasst die Botschaft des TV-Events des Jahres 2013 weiterhin folgendermaßen zusammen: „Ja, eure Großeltern mögen Nazis gewesen sein. Aber vielleicht waren sie auch so nett wie die Leute in dem Film.“ Die New York Times ging sogar noch weiter und verglich das Kriegsdrama mit einem NS-Propagandafilm. Die deutschen Kritiken sahen hingegen ganz anders aus. In Feuilletons und Talkshows war man sich weitgehend einig: Der Film wurde als Tabubruch und großartiges Historienepos mit Aufklärungscharakter gehandelt. Das ZDF empfahl ihn für den Geschichtsunterricht; Historiker, Antisemitismusexperten, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung und Gedenkstättenleiter gaben dem Film insgesamt Bestnoten. Endlich würde man die ganze Wahrheit über den schrecklichen Krieg erfahren, die Grausamkeit würde schonungslos dargestellt und sollte Pflichtprogramm für die deutsche Familie werden. Die schaute brav zu: Der Dreiteiler erreichte im Schnitt sieben Millionen Zuschauer und hatte einen Marktanteil von 20 bis 25 Prozent. Begleitet wurde der Film von einem regelrechten Medienhype. Zwar wurde hier und da kontrovers diskutiert, aber grundsätzlich kam „Unsere Mütter, unsere Väter“ in Deutschland gut an. Der Spiegel verklärte den dreiteiligen Spielfilm zum „neuen Meilenstein deutscher Erinnerungskultur“.
Dies konstatierte [bereits] der Publizist Eike Geisel 1993 zur Erinnerungspolitik des vereinten Deutschland. Anlässlich der Einweihung der Neuen Wache, die „Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ die der Krieg von Helden sein soll, beschrieb er die „Rückkehr zur Normalität“ für das Land der Täter: „Bei Nacht, sagt man, sind alle Katzen grau, und so soll es nun Helden verwandelt auch den Toten gehen, die hinter der Losung ‚Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft‘ in einem Nebel standardisierter Trauer verschwinden.“ Irgendwie waren doch alle Opfer – ja, auch die Deutschen. Opfer der Verhältnisse, Opfer des Krieges und zuletzt natürlich Opfer des alliierten Bombenhagels. Neu aufgelegt und in Blockbuster-Format wird diese deutsche Opfertümelei in „Unsere Mütter, unsere Väter“ präsentiert, in dem es um das Schicksal fünf naiver, deutscher Freunde geht, die der Krieg von Helden in Schweine und wieder in Helden verwandelt; mit denen man fünf Stunden lang mitfiebern und mitfühlen soll, von denen man zwar angeekelt ist, aber zugleich gar nicht anders kann, als Verständnis für ihr Handeln aufzubringen.
Das Hauptmotiv des Films schallt als Mantra fortwährend aus dem Off: „Der Krieg wird das Schlechteste in uns hervorbringen.“ In dem Satz schwingen Widerstand und Ohnmacht mit. Man wollte eigentlich gar nicht, aber man musste, und machte sich ganz unfreiwillig schuldig. Doch von Schuld will man heute (wie damals) nicht sprechen. Schließlich habe der grausame Krieg, den doch niemand wollte, vor allem nicht die Protagonisten des Films, auch genug Opfer auf deutscher Seite gebracht. Arnulf Baring, deutscher Historiker mit einer Position rechtsaußen, sprach es bei „Markus Lanz“ ganz offen aus: „Ganz großartig ist ja in dem Film, dass man sieht, dass die ganze Teilung, von der wir seit Jahrzehnten reden, nämlich zwischen Opfern und Tätern, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer.“
Auch in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“, in der man im Jahr 2015 anlässlich des 70. Jahrestages der deutschen Niederlage über „Das Erbe von 1945: Deutsche Schuld, deutsche Opfer“ diskutierte, wurden Täter und Opfer stets als eins gedacht. In der Sendung ging es dann hauptsächlich um deutsche Opfer. Sandra Maischberger und der Großteil ihrer Studiogäste waren davon überzeugt, dass es an der Zeit sei, endlich über diese zu reden. Nico Hofmann, der Regisseur (eigentlich der Produzent; Anm. d. R.) von „Unsere Mütter, unsere Väter“, hatte das mit seinem Film geschafft. Nach eigener Aussage wollte er mit der „unglaublichen Schuld-Sühne-Pädagogik“ – als ob es so etwas je gegeben hätte – Schluss machen und zeigen, wie „fehlgeleitet unsere historische Aufklärungsarbeit gewirkt hat. Eine Kollektivschuld gäbe es schließlich nicht, und so versucht der Film dann auch, diese durch seinen Fokus auf individuelle deutsche Schicksale zu dekonstruieren. „Schicksal“ meint hier tatsächlich: von jeglicher Handlungsmöglichkeit befreite Protagonistinnen und Protagonisten. So zumindest stellt es der Film dar. Der Unterton, der latent mitschwingt, ist, dass die Deutschen anders gehandelt hätten, wenn sie nur gekonnt hätten. Doch die Verhältnisse, der Krieg, haben sie zu unmenschlichen Taten gezwungen. Passend dazu schrieb Bild: „Ein Entrinnen aus der Hölle dieses Krieges gab es für die deutschen Soldaten nicht.“ Der deutsche Soldat wird hier nicht nur zum Opfer der äußeren, als unveränderlich dargestellten Verhältnisse, er wird so auch nachträglich von jeder Schuld freigesprochen. Zwar werden auch die fünf Freunde im Laufe des Dramas zu grausamen Arschlöchern. Doch es gibt immer eine trennende Linie zwischen ihnen, die stets von Gewissensbissen geplagt sind und selbst am meisten unter ihrem unmenschlichen Verhalten leiden, und jenem sadistischen SS-Offizier, der das kleine jüdische Mädchen skrupellos und mordlüstern abknallt, oder den durch und durch antisemitischen polnischen Partisanen. Letztere sind im Übrigen neben einer einfältigen Deutschen die einzigen, die als explizit antisemitisch dargestellt werden…“

Deutsches Volksmärchen: „Einer meiner besten Freunde ist Jude.“
| © ZDF 2013

Bildersturm (Tatort 388)

Spielfilm – 88 min, D 1998
Buch: Robert Schwentke, Jan Hinter/ Regie: Nikolaus Stein

Es ist eine Schuld, die durch nichts getilgt werden kann.“

(Trailer zum Film)

Aus Anlass der aktuellen Diskussion um Neonazis und Wehrmachtsgedenken in der Bundeswehr und den zweifelhaften Aktionismus der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sei hier wieder an eine geschichtspolitische Debatte erinnert, die damals mit einer Verspätung von gut 50 Jahren endlich den Mythos der „sauberen Wehrmacht“ ins Wanken brachte: Die Ausstellung, die ab 1995 mit dem Titel „Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1944″ durch dutzende Städte in Deutschland und Österreich tourte, provozierte in der breiten Öffentlichkeit heftige Reaktionen. Im Verein mit vor allem christlich-konservativen Politikern empörten sich ehemalige deutsche und österreichische Wehrmachtsveteranen lauthals und konnten dabei auf enormen Zuspruch bauen. Entgegen der historischen Faktenlage leugneten sie mit Verweis auf einen angeblichen „Befehlsnotstand“ oder die „Unseriosität“ der Ausstellung ihre Beteiligung bzw. die Verbrechen rundweg – ihre Kinder und Enkel inszenierten derweil über Jahre hinweg ein wahres Schuldabwehrspektakel und organisierten zahlreiche Aufmärsche unter dem Motto „Opa war kein Nazi“.
Die Debatte um die Wehrmachtsausstellung hatte 1998 auch der Tatort-Krimi „Bildersturm“ aufgegriffen. Dabei ging es um eine fiktive Fotoausstellung mit dem Titel „Verbrannte Erde“, die ebenfalls Verbrechen der deutschen Wehrmacht behandelt und starken öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt ist. Die Filmemacher fanden jedoch nicht nur einen geeigneten Dreh, um im Film das Täter-Opfer-Verhältnis umzukehren und zu relativieren. Auch das Original der Ausstellung selbst wurde thematisch aufgeweicht, indem der durch die Kommissare identifizierte Ort eines Wehrmachtsmassakers nicht in der Sowjetunion lokalisiert, sondern in die belgische Kleinstadt St. Vith verlegt wurde. Dabei könnte man die Wahl dieses Ortes durchaus auch als einen den Krieg rechtfertigenden Hinweis auf den Versailler „Schandvertrag“ lesen, wurde doch das vormals reichsdeutsche St.Vith im Jahr 1920 dem belgischen Staat angegliedert. (Oder gar als einen Hinweis auf das, was Alt- und Neonazis allgemein als „alliierten Bombenterror“ erinnern? – die Stadt wurde Weihnachten 1944 in Abwehr der deutschen Ardennen-Offensive durch amerikanische Bomber fast vollständig zerstört.) Jedenfalls spielen Hoheitsrechte und Landesgrenzen bei den Ermittlungen offenbar keine Rolle.
Die polizeiliche Aufklärungsarbeit der Tatort-Kommissare führt zwar auch zur Aufklärung jenes fiktiven Kriegsverbrechens der deutschen Wehrmacht, an dem der Onkel des Kommissars Schenk nach langem Schweigen schließlich doch beteiligt gewesen sein will. Doch im diesem Tatort scheint der Mord des Onkel Richard einfach zu verjähren: Die Strafverfolgung gilt jenem Täter, der durch die Identifizierung der Wehrmachsangehörigen auf den Fotos der Ausstellung in Eigenregie mörderische Selbstjustiz übt – und es damit den deutschen Mördern seiner Familie irgendwie gleichtut. Wenn Kommissar Schenks Tochter dem Wehrmachts-Onkel im Wissen um seine Taten Blumen ans Krankenbett bringt und Schenk am Ende des Films dem reumütig heulenden Onkel wieder näherkommt, so geht hier letztendlich nicht nur die deutsche Familienbande wieder gestärkt hervor.
Seit die Krokodilstränen der 2. und 3. Tätergeneration die ideologischen Motive der Mörder verwässert und weggespült haben, die Taten der Deutschen eingemeindet sowie die „deutschen Opfer“ des Krieges gewürdigt werden, darf spätestens seit 1998 auch mit einer rot-grünen Koalition das deutsche Kollektiv als geläutertes Ganzes wieder zusammenrücken und am neuen deutschen Gedenkwesen wieder die Welt genesen. Demonstriert hatte das alsbald schon die Bundeswehr im Kosovo: Bald nachdem das Kabinett Schröder-Scharping-Fischer im Jahr 1999 in Priština ein KZ sowie „serbische SS“ halluzinierte und „wegen Ausschwitz“ wider aller Tatsachen mit deutscher Waffengewalt einen Völkermord verhindern wollte, erstrahlte dann ab 2001 auf dem Schreibtisch von Kanzler Gerhard Schröders Amtssitz ein Foto seines Vaters in Schwarzweiß. Beziehungsweise in Feldgrau mit Reichadler und Hakenkreuz. Aber er war ja schließlich kein SS-Mann, der Papa – nur als deutscher Landser in der Sowjetunion im Einsatz. Und wenn in aktueller Debatte nicht nur deutschnationale Politiker, sondern auch Sozialdemokraten wie der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping die Beanstandung einer Fotografie des ehemaligen Vernichtungskriegers und sozialdemokratischen Bundeskanzlers Helmut Schmidt in einer Einrichtung der Bundeswehr als „bilderstürmerische Aktion“ geißeln, dann bleibt mit Alexander Nabert in Jungle World 21/2017 schlicht festzustellen, dass selbst „72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs […] die Abgrenzung von der Armee, die den Vernichtungskrieg führte, den Holocaust ermöglichte und sich daran beteiligte, keine Selbstverständlichkeit“ zu sein scheint. Und dazu haben eben auch solche Filme wie „Bildersturm“ aus der Tatort-Reihe ihren kleinen Beitrag geleistet.

(Hier sei auch auf die Filme „Jenseits des Krieges“ und „Der unbekannte Soldat“ verwiesen, die sich beide aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Wehrmachtsausstellung befasst haben.)

Strafvereitelung im Amt beim Tatort „Bildersturm“ | © WDR 1998

Die 6. Armee – Der Weg nach Stalingrad

Dokumentation – 75 min., D 2015
Film von Heinrich Billstein

„Eine Armee wie andere auch innerhalb des Krieges gegen die Sowjetunion“, kommentiert der Historiker Dieter Pohl in dieser Dokumentation, die angetreten ist, die zum Teil bis heute überdauernden Mythen über die 6. Armee auseinander zu nehmen, was ihr auch im Großen und Ganzen gelingt, leider jedoch nicht ohne dabei eine irritierend-verkürzende Darstellung von Täterschaft innerhalb der Wehrmacht zu liefern.
Bereits durch das Einsatzgebiet der 6. Armee – auf ihrem Weg nach Osten lagen Kiew und Charkiw – war von Beginn an klar, dass ihre Soldaten mit dem verachteten „Großstadtgesindel“ in Berührung kommen würden. Der ebenfalls ausführlich zu Wort kommende Historiker Johannes Hürter muss nun diesen Zusammenhang von Antisemitismus und Großstadtfeindschaft als „Ideologie Hitlers“ bezeichnen, ganz so als ob der ‚gemeine Landser‘ davon eh nichts verstanden hätte und deshalb frei von Ideologie zur Untat geschritten wäre. Zwar wird die ‚effektive‘ Arbeitsteilung zwischen 6. Armee, SS-Sonderkommando 4A und dem Bremer Polizeibatallion 303 insbesondere beim Massaker von Babyn Jar – dem größten Massaker unter Verantwortung der Wehrmacht während des deutschen Vernichtungsfeldzugs – erwähnt, gleichzeitig bekommt man jedoch den Eindruck, als ob die mordenden Wehrmachtssoldaten nur ‚blind‘ Befehle des kommandierenden „überzeugten Nationalsozialisten“ Walter von Reichenau ausführten. „Der Eroberer Reichenau und seine Armee“ lautet dann auch der O-Ton. Auch wenn die Kameraden der 6. Armee im rückwärtigen Heeresgebiet mitgemordet hätten, „an der Front“, so der auch an anderer Stelle eine merkwürdige Differenzierung vertretende Hürter, „ging es einfach nur um das tägliche Überleben“. Die Doku nimmt sich den bereits arg in Mitleidenschaft gezogenen Mythos einer „sauberen“ Wehrmacht vor, schreibt dabei jedoch implizit denjenigen der Trennung zwischen vermeintlich normaler Kriegsführung und Verbrechen im Rücken der Front fort – und das zwanzig Jahre nach der Wehrmachtsausstellung. Da überrascht es auch wenig, dass dem mit leuchtenden Augen vom „schneidigen Hund“ Reichenau sabbernden Wehrmachtsopa so viel Platz in der Doku eingeräumt wird und er schuldabwehrend sagen darf, dass sie die sowjetischen Kriegsgefangenen „ja nicht versorgen konnten“. Zwar wird die zentrale Rolle der Wehrmacht bei der systematischen Aushungerung der „slawischen Untermenschen“ später in den Blick genommen, jedoch eben verkürzend einer ‚verbrecherischen Führungsebene‘ angelastet. Ein leider nur kurz zu Wort kommender ebenfalls Beteiligter bringt den überlegenen deutschen Blick auf die hungerleidende Zivilbevölkerung hingegen treffend auf den Punkt: „So verkommen sind wir da hinmarschiert“.

Die offensichtliche Armut der russischen und ukrainischen Zeit-
zeugen ist vor allem im Kontrast zu den wohlstandsgesättigten
Wehrmachtsopas immer wieder beschämend | © WDR