Tag-Archiv für 'religionskritik'

Gefährliche Allianz: Grüne Esoterik und braune Philosophie?

Dokumentation – 45 min., D 2017
Film von Susanne Roser

Die Esoterikszene ist für manche vielleicht etwas verwunderlich: Sie glaubt an Übernatürliches, predigt Liebe und fordert die Rückbesinnung auf altes Wissen. Die meisten halten sie für unpolitisch. Aber ist sie das wirklich? Bei genauem Hinsehen findet man in dieser Szene auch politische Inhalte und immer öfter sogar extremes und antisemitisches Gedankengut.“

(Sendungsankündigung Bayerischer Rundfunk)

Nun könnte man ja oben genannte Einordnung der Esoterik auch für das Christentum vornehmen. Aber durch diese Dokumentation der ARD-Themenwoche „Woran glaubst Du?“ begleitet uns ein „Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche“. Er ist Fachmann für braune Esoterik. Und als ein moderner Teufelsaustreiber beobachtet er in Vollzeit, wie die zunehmend erfolgreichere Konkurrenz ihre Seelenheilprodukte mit Blut-und-Boden-Ideologie und antisemitischen Verschwörungstheorien anreichert. Ganz ungeachtet dessen, dass die Evangelische Kirche im Nationalsozialismus eine beeindruckende Anpassungsleistung vollbrachte, bietet sich hier eine famose Gelegenheit, sich als Teil des demokratischen Spektrums von extremistischen Auswüchsen abzugrenzen und als Hort der Freiheit und Vernunft darzustellen.
Aber im Kampf gegen die rechte Öko- und Esoterikszene braucht es Verbündete! Der Bund der Freien Waldorfschulen kriegt zwar hier und da immer noch Probleme mit den eigenen Lehrkräften, hat aber mittlerweile die Deutsch-Lektion auch schon gelernt: Nachdem auffällig gewordene Mitarbeiter widerwillig gekündigt wurden, präsentiert man an anderer Stelle pflichtschuldigst eine Aufklärungsbroschüre zum Thema „Reichsbürger“. Darin muss sich allerdings der Bund der Freien Waldorfschulen mit dem autoritären, rassistischen und antisemitischen Gedankengut der Anthroposophie Rudolf Steiners genauso wenig auseinandersetzen wie vor der Kamera. Das macht die konsultierte Mobile Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus schließlich auch nicht: Anstatt einer Mutter von Waldorfschülern zu raten, den Schulvertrag zu kündigen, reicht es scheinbar aus, über Infiltrationsstrategien von Nazis aufzuklären. Lancieren Reichsbürger ihre Ideen in unschuldigen kleinen Öko-Heftchen oder nutzen „alternative“ Räumlichkeiten für Zusammenkünfte eines neonazistischen „Polizei-Hilfswerks“, muss dann endlich auch mal der Verfassungsschutz in die Pflicht genommen werden. Der ist ja schließlich bekannt dafür, dem Naziproblem so richtig tief an die Wurzel zu gehen. Und der bayerische Rechtsaußen-Innenminister darf das Problem dann gern wieder etwas runterrechnen. Die altbewährte Rhetorik des Joachim Herrmann und seiner Parteikollegen von der CSU hat natürlich nichts mit dem bayerischen Dorf Bolsterlang zu tun, wo „besorgte Bürgervertreter“, die die Zwangsenteignung ihrer Ferienwohnungen zugunsten Geflüchteter phantasierten, sich lieber gleich der Reichsbürgerbewegung zuwandten. Ein Jahr später haben „die Bolsterlanger“ Haltung gewahrt und die erste Demonstration in Deutschland gegen Reichsbürger organisiert. Was für ein Erfolg! Demokratisches Bildungsfernsehen at its best!
Wir lernen: Der Nazi kommt immer aus der Fremde. Er zersetzt die deutsche Gemeinschaft und besetzt die deutsche Scholle. Er platziert seine Botschaften geschickt auf „harmlosen“ Esoterik-Messen oder in einem Seminarzentrum namens „Sonnenstrahl“. Er agitiert als Schamane auf „pazifistischen“ Anti-Nato-Protesten gegen die Kriegstreiberei der Amis oder infiltriert das „freie Geistesleben“ der Waldorfschulen. Er gründet nach Art der „Wedrussen“ ganzheitliche Familienlandsitze und pflanzt Kartoffeln auf dem „unbelasteten“ Boden deutscher Ökos. Oder er macht mit seinen verrückten „Reichsflugscheiben“ Zwischenlandung in bayerischen Dorfgemeinschaften. Dabei nutzt er für seine perfide Propaganda nicht nur Stammtische, sondern auch „alternative“ Medien! Aber kaum macht man eine Broschüre oder organisiert eine Demo, dann ist er auch schon wieder weg. Diese Nazis sind einfach nicht zu fassen! Das riecht nach Verschwörung! Aber Gott sei Dank gibt’s noch staatliches Fernsehen!


„Blut und Boden“ oder „Letztlich sind wir beide Verwandte!“: Ein
deutscher Bauer spricht mit braunem Klumpen Erde. | © BR 2017

Gott hat den Größten

Irgendein, besser hier namenlos bleibender Unsympath hat irgendwann doch mal einen ganz guten Satz gesagt: „Religionen sind ein einziger feuchter Männertraum!“ Passend dazu ein Filmchen zu einem wahrlich blasphemischen Ereignis, das Ende März 2017 in einem kleinen Vorort der nordtürkischen Stadt Kastamonu stattfand und unter anderem bei mena-watch Erwähnung fand: Über die Lautsprecher einer Moschee rief die Tonspur eines Pornos zum Morgengebet! Wir hoffen auf weitere Nachahmer, besser noch auf guten, einvernehmlichen Live-Sex in jedem menschverlassenen Gotteshaus dieses Planeten.

Menschenrechte, ein ewiger Kampf

Dokumentation – 53 min., F 2009
Ein Film von Caroline Fourest und Flammetta Venner

Doc en stock-Produktion zur Entstehung, Zusammensetzung und Arbeitsweise des UN-Menschenrechtsrates (UNHRC) unmittelbar vor der Neuauflage der berüchtigten Durban-Konferenz in Genf. Wenn auch sehr vorsichtig und zuweilen nebulös verstehen es die Filmemacherinnen ihrer kritischen Betrachtung eines Gremiums, das in seiner Mehrheit der Durchsetzung von Menschenrechten, Demokratie und Säkularismus feindlich gegenübersteht, einen treffenden Rahmen zu geben: Das die meisten Teilnehmerstaaten einigende Moment der obsessiven Beschäftigung mit vermeintlichen Menschenrechtsverletzungen durch Israel. Anschaulich brächte dies auch ein kleiner Clip des World Jewish Congress zum Ausdruck. Wobei sich diese Fokussierung bis heute noch deutlich verschärft hat. Letztlich müssten beim konstatierten Elend der Vereinten Nationen das hilflos wirkende Plädoyer des Films zur Diskussion gestellt und eher deutlichere Formen von Gegenwehr entwickelt werden.

Müssten doch zufrieden sein: „Heiliger Stuhl“ und „Staat Palästina“
mit Beobachterstatus in Genf | © Doc en stock, Arte France

Es ist hart, von Idioten verehrt zu werden

Dokumentation – 100 min., F 2008
Ein Film von Daniel Leconte

Zum Kinostart des Dokumentarfilms „L‘humour à mort. Je suis Charlie“ 2016 wurde in den Filmbesprechungen öfter darauf hingewiesen, dass Regisseur Daniel Leconte schon während des Prozesses gegen Charlie Hebdo im Jahr 2006 wohlwollend mit der Kamera zugegen war, während die meisten Medien dem Blatt und seinem blasphemischen Programm bis zuletzt ihre Solidarität verweigerten. Die Satirezeitschrift hatte sich damals mit dem Abdruck der Mohammed-Karikaturen der dänischen Jyllands-Posten, sowie eigener Karikaturen, nicht der Selbstzensur unterworfen und sah sich in der Folge mit einer Klage des Rates der Muslime Frankreichs – nicht wegen Blasphemie, was in Frankreich keinen Straftatbestand darstellt – jedoch wegen Beleidigung konfrontiert. Aus heutiger Perspektive zeigt der Dokumentarfilm zu jenem Prozess die Vorgeschichte der Terroranschläge in Paris vom Januar 2015 und ist hier deshalb mit Hinweis auf die Opfer in einer aktualisierten Fassung zu sehen.

Die beanstandete Ausgabe vom 08.02.2006 | © Charlie Hebdo