Tag-Archiv für 'stalinismus'

Stalins letzte Säuberungen

Dokumentation – 45/80 min., D/F 2009
Ein Film von Philippe Saada

Am 13. Januar 1953 verkündete die Prawda die Aufdeckung eines ungeheuerlichen Komplotts: Neun bekannte sowjetische Ärzte, sechs davon Juden, sollten die Ermordung der Kremlführung geplant haben. Dies war der Auftakt zu einer landesweiten antisemitischen Pressekampagne, die sich nahtlos in die Kontinuitäten eines Sowjetantisemitismus einfügte. Die angeblichen „zionistischen Verschwörer“ wurden festgenommen, brutal verhört, tausende Juden und Jüdinnen entlassen. Wohin Stalins antisemitische Politik schlussendlich steuerte, ist umstritten: Sollten die sowjetischen Juden ermordet oder „nur“ nach Sibirien deportiert werden? Mit dem Tode Stalins am 5. März 1953 endete die unmittelbare Gefahr für Juden in der Sowjetunion, der Antisemitismus bestand fort. Die Beschäftigung mit linkem Antisemitismus heute muss seine historischen Wurzeln im Osten Europas der Nachkriegszeit in den Blick nehmen. L‘chaim, comrade Stalin!

Die Partei hat immer recht: Die Wahrheit über eine „internationale
jüdisch-zionistische Organisation“ und „Gift verabreichende Ärzte“
| © ZDF/ ROCHE Productions 2009

300 Juden gegen Franco (Madrid before Hanita)

Dokumentation – 58 Min., ISR 2006
Ein Film von Eran Torbiner

Dokumentation über jüdische Freiwillige bei den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Durch die zum Teil sehr bewegenden Schilderungen der (zum Zeitpunkt des Filmdrehs letzten noch lebenden) jüdischen ‚SpanienkämpferInnen‘ aus dem Jischuw/Palästina und von Familienangehörigen einstiger Freiwilliger werden insbesondere ihre politischen Motivationen, nach Spanien zu gehen, herausgearbeitet. Der englische Titel deutet darauf bereits hin: Madrid before Hanita. Der Regisseur Eran Torbiner:

„Zu den Aktionen der zionistischen Bewegung in dieser Zeit gehörte die Gründung der Siedlungen unter dem Motto ‚Mauer und Turm‘ mitten in arabischen Regionen – mit dem Ziel, Fakten im Blick auf eine mögliche Teilung des Landes zu schaffen. Chanita im Norden Palästinas … war das Symbol für diese Aktion. Als Ja‘akov Chasan, einer der Führer der linken Zionisten in Palästina 1938 sah, dass sich einige Zionisten im Lande an den Brigaden in Spanien beteiligten oder beteiligen wollten, anstatt immer mehr Siedlungen aus einer Mauer und einem Turm zu errichten, prägte er das Codewort ‚Chanita vor Madrid‘.“

Torbiner hat mit seinem Film den jüdischen Freiwilligen aus dem Jischuw ein Denkmal gesetzt, das daran erinnert, dass es eben nicht nur KommunistInnen und undogmatische Linke aus Deutschland, Großbritannien usw. waren, die zur Waffe gegriffen haben, um die Spanische Republik gegen den Putsch des Generals Franco zu verteidigen.
Das Zitat zeigt jedoch auch den Antizionismus Torbiners, der sich durch seinen ganzen Film zieht und vor allem dadurch deutlich wird, was der Film nicht erwähnt: Zum Beispiel, dass 1938 in Palästina der Arabische Aufstand unter der Führung des Großmuftis von Jerusalem Amin Al-Husseini, einem Bündnispartner der Nazis, tobte und dem von 1936-1939 Hunderte Jüdinnen und Juden sowie AraberInnen (den Teilungsplan unterstützende „unislamische AbweichlerInnen“) zum Opfer fielen. Chanita before Madrid war also nicht einfach nur eine kolonialistische Parole! Kein Wort auch zur Palästinensischen Kommunistischen Partei, der viele jüdische Freiwillige angehörten und die den Aufstand ganz im Sinne der Komintern-Linie unterstützte und KritikerInnen ihres Kurses aus der Partei ausschloss – alles nachzuhören in diesem Vortrag von Stephan Grigat oder bezüglich des Muftis nachzulesen bei Matthias Küntzel. Schließlich erfährt man auch nichts über die stalinistischen Säuberungen in Spanien, auf die Torbiner vor kurzem auf einer Konferenz in Warschau nur ausweichend antwortete, es wäre eben Krieg gewesen.

Ein Großteil der jüdischen Freiwilligen aus Palästina kämpfte in der
rein jüdischen Botwin-Brigade – benannt nach Naftali Botwin, einem
zum Tode verurteilten jüdischen Kommunisten aus Polen, der hier
abgebildet ist | © WDR

Animal Farm – Aufstand der Tiere

Zeichentrickfilm – 72 min., GB 1954
Nach einer Fabel von George Orwell

Als Nachtrag zum „Tag der Arbeit“ möchten wir hier auf Stephan Grigats bereits 2013 gehaltenen Vortrag zur „Kritik der Arbeit“ hinweisen, der sich unter anderem am Beispiel der Verfilmung von George Orwells „Animal Farm“ mit dem Zusammenhang zwischen Arbeitsfetischismus und Antisemitismus beschäftigte. Die hier leicht gekürzten Ausführungen Grigats sollen sogleich als Einführung dienen: Der Film ignoriere „in seiner Stalinismus-Kritik nicht nur den Stellenwert des Antisemitismus in den realsozialistischen Ländern; ein Antisemitismus, der eines der Resultate von Produktivitätsideal, Arbeitsethos und einer proletarischen Moral war, die sich natürlich immer irgendwie gegen sie torpedierende, zersetzende Kräfte zur Wehr setzen musste. Sondern „Animal Farm“ bleibt über weite Strecken selbst einer Denkart verhaftet, die nie und nimmer etwas zu einer Emanzipation oder auch nur Aufklärung wird beitragen können. Es wird dort nicht einfach nur Herrschaft kritisiert, sondern es wird die Herrschaft der dekadenten, in Luxus schwelgenden, auch noch Alkohol trinkenden Führungselite kritisiert – und zwar im Namen des ehrlich arbeitenden, sich natürlich in Abstinenz übenden Volkes. Unterschwellig richtet sich die Kritik somit gegen Luxus und Reichtum selbst, gegen Luxus und Reichtum, der aber doch das ganze Ziel jeder ernsthaften emanzipativen Bestrebung sein müsste. Bei solch einer Denkfigur, welche also die stalinistische Vergötterung der „schaffenden Arbeit“ selbst noch in die Kritik am Stalinismus integriert, und also übernimmt, da ist es überhaupt kein Wunder, dass auch antisemitische Stereotypen in der Verfilmung von „Animal Farm“ nicht fehlen dürfen. Man denke nur an die Figur des Wempel, ein völlig auf das Geld fixierter, sich nicht um die Allgemeinheit scherender Händler, der mit einer schlafwandlerischen Sicherheit mit einer Physiognomie ausgestattet wurde, wie Antisemiten sie für Juden reserviert haben.“

Lauernd, raffend und wurzellos: Händler Wempel beim Geldzählen
| © Halas and Batchelor Production

Das Geständnis

Spielfilm – 133 min., F 1970
Ein Film von Constantin Costa-Gavras

Verfilmung des Berichts von Artur London, der als Überlebender des sogenannten Slánský-Prozesses im Jahr 1952 mit 13 weiteren hochrangigen Funktionären der tschechoslowakischen KP wegen Hochverrat verurteilt worden war. Unter Hervorhebung ihrer „jüdischen Abstammung“ und aufgrund von unter Folter abgepressten Geständnissen wurden gegen die „staatsfeindlichen Verschwörer“ u.a. insgesamt 11 Todesurteile gesprochen und vollstreckt. Zur antisemitischen Dimension dieses und anderer stalinistischer Schauprozesse wird hier auf einen Vortrag von Jan Gerber, einen Vortrag von Olaf Kistenmacher und die Dokumentation „Stalin hat uns das Herz gebrochen“ verwiesen.

Stalin hat uns das Herz gebrochen

Dokumentation – 53 min., D 2000
Ein Film von Eduard Erne und Minka Pradelski

Deutschland 1945: Das Land zerstört, befreit. Im Exil verstreut in der ganzen Welt von Mexiko bis Palästina warten Sozialdemokraten und Kommunisten, die vor Hitler geflohen waren, auf die Rückkehr – um einen Traum zu verwirklichen: ein besseres, ein friedliches, ein demokratisches, ein sozialistisches Deutschland.“

Nun, dieser Prolog ist geeignet, einem, noch bevor der Film richtig begonnen hat, die Laune zu verderben. Andererseits steht er symptomatisch für das geistige Unvermögen vieler Linker, auf das Wesen des Staates zu reflektieren – damals wie heute. Der Prolog ist also insofern wahr, als dass er dem Selbstverständnis der im Film Porträtierten entspricht. Das Misstrauen, was den Kommunisten, die die Nazibarbarei in der westlichen Emigration überlebt hatten und nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt sind, entgegenschlug, war für viele ein Schock; aus heutiger Perspektive gleichwohl nur ein Vorzeichen noch Schlimmerem: einer antisemitischen Säuberungswelle in den Kommunistischen Parteien Osteuropas. Im Film geht es zuvorderst um den nach dem bewährten Muster der Moskauer Prozesse in Ungarn abgehaltenen Rajk-Prozess und in der Folge um die Säuberung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) von zumeist missliebigen Exilanten, die auch schon mal als „Feinde des Deutschen Volkes“ bezeichnet wurden – nun zum zweiten Mal nach dem NS. Während des Slańsky-Prozesses in der Tschechoslowakei wurde der Antisemitismus noch deutlicher. Seine semantische Verschleierung als „Antizionismus“ ist von ungebrochener Aktualität. In der Folge stieg der Druck auf jüdische Parteimitglieder auch in der SED. Stalins Tod kam einem Schauprozess in der DDR jedoch zuvor; eine vollständige Rehabilitierung der von den stalinistischen Verfolgungen Betroffenen gab es dennoch bis zum Ende der DDR nicht, wofür sicherlich auch der nunmehr latente Antisemitismus verantwortlich war.
Wir danken dem AK „Stalin hat uns das Herz gebrochen“ der NFJ Berlin für den Vortrag zum Film, erinnern mit Bini Adamczak an das Schicksal der in die Sowjetunion emigrierten Kommunisten und schließen mit einem ohne jeden Zweifel berechtigten: Nie wieder Deutschland!

© NDR