Tag-Archiv für 'stummfilm'

Jüdisches Glück

Stummfilm – 100 min., SU 1925
Regie / Buch: Alexander Granowski / Isaak Babel

„Der Film JÜDISCHES GLÜCK, nach dem Briefroman „Menachem Mendel“ von Sholem Alejchem, schildert die restriktiven Lebens- und Arbeitsbedingungen im jüdischen Schtetl des zaristischen Russland. Dessen zentrale Problemfelder verliefen entlang der Kluft zwischen Arm und Reich, sie entstanden aus der Situation der Unterbeschäftigung, aus der Sorge um den Unterhalt der Familie sowie um die einträchtige Verheiratung der Kinder. Nur in der nostalgischen Retrospektive jüdischer Auswanderer wurden die ärmlichen Siedlungen zu ihrer Heimat. Mit halbdokumentarischem Blick auf die Stadt Berdičev zeigt der Film ein realistisches Bild der Schtetlkultur. Zum Inbegriff des jüdischen Leidens und Lebensmuts wird der Familienvater Menachem Mendel, dessen Dasein einerseits durch Armut und Erwerbslosigkeit, andererseits durch familiäre Herzlichkeit und einfache Lebensfreuden innerhalb der Gemeinschaft geprägt ist. In der Hoffnung auf gewinnbringende Geschäfte verlässt Menachem sein Schtetl. Vergebens versucht er sein Glück im Versicherungsgeschäft, als Miederverkäufer und schließlich als Heiratsvermittler. Wirklich erfolgreich wird der sympathische Pechvogel nur in seinen Träumen, wo er zum Retter Amerikas emporsteigt. Neben die Tragik des archetypischen Verlierers tritt die Komik eines unerschöpflichen Überlebenskünstlers auf seiner Suche nach dem Glück.“ (Carolin Viehl im Rahmen des 2009 veranstalteten Filmsymposiums „Auf der Suche nach dem Glück – Jüdisches Leben im sowjetischen Film 1917 bis 1999″)

+++ Eine lesenswerte Analyse des Films im Kontext der sowjetischen Judenpolitik der 1920er Jahre findet sich in „Glücksuchende? Conditio Judaica im sowjetischen Film“. Darin beschreibt Christoph Maier als Autor des Kapitels „Auf den krummen Wegen des jüdischen Glücks“ den Film einerseits als Teil der kulturpolitischen „Anti-Schtetl-Kampagne“, die auf die Assimilation der sowjetischen Juden im Sinne des „Neuen Menschen“ zielte. Weiterhin wird die ideologische Stoßrichtung des Films anhand Mendels „Amerikanischen Traum“ herausgearbeitet. +++

„Jüdisches Glück“: Der Hauptdarsteller Solomon Michoels wird 1948
als Repräsentant sowjetischer Juden und Präsident des Jüdischen
Antifaschistischen Komitees von Stalins Geheimpolizei ermordet

Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens

Stummfilm – 94 min., D 1922
Film von Friedrich Wilhelm Murnau

Friedrich Wilhelm Murnau’s „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ gilt gemeinhin als Klassiker des Weimarer Kinos sowie als Wegbereiter des Horrorfilm-Genres. Die hiesige Filmkritik lobt diesen sowie andere Filme „Made in Germany“ vor allem der Ästhetik und technischen Finesse wegen. Dass man jedoch Murnau’s Klassiker auch antisemitisch deuten kann, erscheint allenthalben als Randnotiz.

Schon bei Bram Stoker’s „Dracula“-Vorlage beschleicht einen das mulmige Gefühl antisemitischer Stereotypisierung. Doch folgt man der bereits im Jahr 1999 publizierten Studie „Der Vampir als Volksfeind“ von Jürgen Müller, kann man in „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ nicht nur die gängigen Bezüge zum 1.Weltkrieg entdecken, sondern auch handfeste antisemitische Konnotationen. Die Studie bescheinigt dem Film, Teil einer Kampagne gegen die ostjüdische Einwanderung gewesen zu sein, wobei der damalige Hass auf die „Ostjuden“ als Katalysator einer allgemeinen antisemitischen Organisation und Praxis diente. Dafür analysiert der Autor nicht nur die Bildsprache des Films sowie der begleitenden Werbekampagne, er untersucht ebenso das ursprüngliche, von Murnau schließlich entschärfte Drehbuch und ordnet den Film in den zeitgeschichtlichen Kontext der Weimarer Republik ein.

Antisemitische Gewalt, Judenhetze und Friedhofsschändungen standen auch schon in der Weimarer Republik auf der Tagesordnung. Die antisemitischen Morde an Vertretern der politischen Linken (Stichwort: „Novemberverbrecher“) oder an Liberalen wie Walther Rathenau (Stichwort: „Judenrepublik“) sprechen eine deutliche Sprache. Zudem richtete sich dieser Hass zunehmend gegen jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa. Die Politik ihrerseits reagierte auf die jüdische Zuwanderung mit entsprechenden Gesetzen und Initiativen wie Grenzschließungen oder der Einrichtung sogenannter „Konzentrationslager“ zur Durchführung zügiger Abschiebungen. Gleichzeitig wurden in mehrfacher Auflagenstärke nicht nur die verschwörungsideologischen „Protokolle der Weisen von Zion“ popularisiert. In völkischen Publikationen wurden bereits unverblümt und regelmäßig antisemitische Vernichtungsphantasien artikuliert. In diesem Klima feierte dann im Jahr 1922 in Berlin nicht nur der Film „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ Premiere, sondern ein Jahr später auch das erste Pogrom der jungen Weimarer Republik.

Auch wenn in Filmbesprechungen hier und da von einer ominöse „Gefahr aus dem Osten“ gesprochen wird: In den hiesigen filmpädagogischen Institutionen fand die antisemitische Lektüre des Films bisher keinen großen Nachhall. Bei der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, die als Sachwalterin deutschen Filmerbes – darunter auch die nationalsozialistischen Vorbehaltsfilme – auftritt, wird in Bezug auf „Nosferatu“ weiterhin nur vom „Einbruch des Dämonischen in die bürgerliche Idylle“ und einem düsteren „Spiegelbild kollektiver Ängste in der Weimarer Republik“ fabuliert. Es wäre ja auch mehr als peinlich, würde der Namensgeber der Stiftung in den Zusammenhang einer antisemitischen Kampagne gerückt. Mit besten Empfehlungen für den Schulunterricht zieht auch die Bundeszentrale für politische Bildung nur eine „gewisse Analogie zum Schrecken des Ersten Weltkriegs“. Vor allem aber feiert sie den Film als „Höhepunkt des expressionistischen Weimarer Kinos“, wofür „Nosferatu“ im hauseigenen BpB-Filmkanon dann auch an erster Stelle gelistet wird.

Anders als die um Kulturbeflissenheit bemühten Retrofilmfreunde der Gegenwart vermitteln, waren Filmproduktionen vor 1933 vielleicht technisch innovativ und künstlerisch anspruchsvoll, aber ideologisch unverdächtig waren sie dabei noch lange nicht. In dem Dokumentarfilm zu Siegfried Kracauers „Von Caligari zu Hitler“ allerdings wird immerhin die Frage nach „Nosferatus“ antisemitischen Gehalt gestellt – obgleich sie auch hier unbeantwortet bleibt. Den Schlüssel zum Verständnis dieser Ignoranz könnte der Film, wenn auch ungewollt, dennoch gleich mitgeliefert haben. Befragt zur deutschen Filmgeschichte äußerte sich nämlich Regisseur Volker Schlöndorf auch zu seinem ganz persönlichen Erweckungserlebnis: „Und erst in Paris habe ich überhaupt entdeckt, dass es so etwas gab wie den deutschen Stummfilm. Da habe ich zum ersten Mal Filme von Fritz Lang, von Murnau u.s.w. gesehen. Und war sofort Feuer und Flamme! Das heißt, nicht nur das, sondern: Endlich Väter, mit denen wir uns identifizieren konnten!“ Vielleicht ist es ja genau diese elende Sehnsucht nach einer ureigenen unbefleckten deutschen Kultur, die den kritischen Blick verstellt…

Ungeheuer plakativ: Landnahme deutschen Kleinstadtidylls durch
Blutsauger und Ratten aus dem Osten | © Prana Film

Die Stadt ohne Juden

Stummfilm – 80 min., A 1924
Ein Film von Hans Karl Breslauer nach einem Roman von Hugo Bettauer

Dass gerade ein Film wie „Stadt ohne Juden“ in Österreich, in Wien, gedreht wurde, ist ein Vermächtnis und eine ganz besondere Verantwortung. Es gibt weltweit keinen Film aus dieser Periode, der sich dieses Themas an sich so kompromisslos annimmt.“ (Film Archiv Austria, 2016)

Filme aus der Frühgeschichte des Kinos, die sich explizit mit Antisemitismus auseinandersetzen, sind rar gesät, werden heute nur noch selten gezeigt und sind dementsprechend auch nur wenigen Menschen bekannt. Stummfilme wie „Der gelbe Schein“ (1918) oder Carl Theodor Dreyers „Die Gezeichneten“ (1922) hatten dabei bereits nach ihren Premieren vor nun schon beinahe 100 Jahren nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit erregt – zumal der Antisemitismus in diesen Filmen nicht in der deutschen Gesellschaft verortet wurde. Für einige Aufwallungen dagegen sorgte Hans Karl Breslauers Verfilmung von Hugo Bettauers dystopischem Roman „Die Stadt ohne Juden“, der die Vertreibung der Juden aus einem „utopischen“ Staat beschreibt: Während die Kinoaufführungen wiederholt durch Nazis gestört oder von Kinobetreibern abgesagt wurden, fiel der Verfasser der Romanvorlage Hugo Bettauer 1925 in Wien gar dem Mordanschlag eines Nazis zum Opfer. Doch dass dies nicht unbedingt schon ein Qualitätsmerkmal für die kritische Analyse des Antisemitismus sein muss, deutet bereits der Klappentext der DVD-“Edition Der Standard“ an: Denn „tiefer noch als das Buch ist die Bearbeitung von H.K.Breslauer […] selbst vielen Annahmen verhaftet, aus denen sich das Ressentiment speist. Dass die Juden heimlich die Weltherrschaft anstreben oder schon innehaben, wird an der ganzen Konstruktion der Satire deutlich […]“. Oder wie es bereits Fritz Rosenfeld 1924 in der Arbeiter-Zeitung unumwunden ausdrückte: „Der antisemitelnde, gegen den Antisemitismus gerichtete Film ist auch rein filmmäßig miserabel. Die abgedroschendste Karikiererei wird herangezogen, die geschmacklosesten Mätzchen sind gut genug, um Lachen zu erzeugen.“ Mit der inhaltlichen Auseinandersetzung (z.B. der Dekonstruktion der „jüdischen Geldmacht“) ist es in der Tat nicht weit her – im Gegenteil besteht selbst bei wohlwollender Lesart des Films als Satire die Gefahr, mittels der ihr eigenen Übertreibungen den Wahn des Antisemiten nur noch zu bestätigen. Und der Film wird auch im Nachhinein nicht besser, nur weil er einige Bilder der Shoah „prophetisch“ vorwegzunehmen scheint. Man kann daher nur hoffen, dass der jüngst begonnenen Rekonstruktion des Originals eine kritische Edition nachfolgen wird, anstatt den Film als gelungenen, frühen Beitrag Österreichs im Kampf gegen (einen doch offensichtlich unverstandenen) Antisemitismus abzufeiern und dafür noch eine ebenso ominöse „Zivilgesellschaft“ beim Crowdfunding zu umwerben.

Siehe auch den Jungle World-Essay von Olaf Kistenmacher und Patricia Zhubi, der aus Anlass der Rekonstruktion des Films diesen und andere Versuche beschreibt, mit künstlerischen Mitteln gegen Judenfeindschaft zu kämpfen.

Metropolis

Stummfilm – 148 min., D 1927
Film von Fritz Lang und Thea von Harbou

„Metropolis“ ist der bekannteste deutsche Stummfilm. Die meisterhafte filmische Umsetzung eines architektonischen Zukunftsbildes der Stadt macht ihn zu einem einzigartigen Dokument des Menschheitserbes.“ ( Deutsche UNESCO-Kommission e.V.)

Wer erschuf unter dem okkulten Siegel des Satans und der Freimaurerei qua seines übermenschlichen Intellekts den „Moloch“ der modernen Großstadt – und hetzt gleichzeitig im Untergrund der Tiefbahn die ausgebeuteten Massen zur Revolution? Wem passt Hakennase und Einstein-Frise und wird das undurchdringlich Abstrakte und Unmenschliche der Wissenschaft ebenso zugeschrieben wie die Macht über das Kapital? Wer steht der Hölle näher als dem Leben, verkörpert Lüge, Rachsucht und Lüsternheit und trägt ursächlich die Verantwortung für Laster und sündigen Verfall? In welchem Hause, schrieb Thea von Harbou in ihrer Romanvorlage, hat man „das Gefühl, als hocke die Pest in jedem Winkel und spränge einem von hinten ins Genick“? Wer lenkt die Presse und steuert eine Unzahl von Zeitungen? Wessen perfide Geschöpfe gehören – mit Büchern angeheizt – auf Scheiterhaufen verbrannt? Wem wird die Kreuzigung und „Gottesmord“ unterstellt? Wer gehört also schlussendlich vom Dach der Kathedrale gestoßen, damit sich Arbeit und Kapital versöhnen und als Volksgemeinschaft vereinigen können?
Keine Frage: Mitte der 1920er Jahre, als Fritz Lang und Thea von Harbou ihr Science-Fiction-Machwerk „Metropolis“ ausheckten, hätte sich noch jeder Deutsche denken können, dass mit der Figur des Rotwang „der Jud“ gemeint war. Und so verwundert es schon, wie Wulf D. Hund in seiner Filmbesprechung unter dem Titel „Jüdische Weltverschwörung unter rotem Stern“ einleitend feststellt, dass „ganze Sammelbände zum Film erscheinen können, in denen noch nicht einmal das Wort ‚Antisemitismus‘ vorkommt“ – obgleich bereits schon Adolf Hitler über den Regisseur gesagt haben soll: „Das ist der Mann, der uns den nationalsozialistischen Film schenken wird.“ Und Hund pflichtet weiter Siegfried Kracauers Einschätzung bei, dass die volksgemeinschaftliche Versöhnung am Ende des Films „ohne weiteres von Goebbels“ hätte stammen können.
Laut nachdenken wollen die ach so geläuterten Deutschen darüber heute natürlich nicht mehr. Viel lieber wollen sie sich gemeinsam – wie beispielsweise 2010 im eiskalten Berlin vor nationaler Schicksalskulisse – endlich wieder unbeschwert für deutsches Kulturgut erwärmen dürfen ( und nebenbei gleich der benachbarten französischen Botschaft die deutsche Interpretation der Marseillaise zukommen lassen). Potsdam, die redlich treue Landeshauptstadt und Geburtsstätte des deutschen Films, gibt dem „Klassiker“ heute im Landtag die höchsten politischen Weihen und „stellt sich“ – in gleichem Hause gern mal der deutschen Verbrechen wegen in Sakko und Asche gehend – nun endlich auch seinem UNESCO-Weltdokumen­ten­erbe… das Zertifikat „Schwarz-Rot-Geil“ aus. Das Prädikat „Künstlerisch und staatspolitisch wertvoll“ hätte damals vielleicht schon die Filmprüfstelle verliehen, aber der Film war im Jahr 1927, anders als „Der Herrscher“ ( ebenfalls nach Harbou-Drehbuch), seiner Zeit noch um wenige Jahre voraus.
In unverbrüchlicher Nibelungentreue haben die Deutschen also auch über dieses antisemitische Meisterstück wieder zueinandergefunden. Wobei, wie der beiderseits nach dem Motto „Kotzen statt Kleckern“ geführte Arbeitskampf im Berliner Stummfilmkino „Babylon“ zeigte, der Wille zur betriebsgemeinschaftlichen Versöhnung sich nicht immer gleich zu erkennen gibt. Und auch wenn Goebbels und der Führer schon tot, die „12 dunklen Jahre“ lange vorbei sind und die Nazis ja auch und so… : Dem über jeden Verdacht erhabenen, großen deutschen Filmschaffenden, Exilanten und „Halbjuden“ Fritz Lang und seiner „Herzensbotschaft“ dürfen und können sie problemlos folgen. Fritz bleibt Fritz! Lang leben die Deutschen! Und die deutsche Sozialpartnerschaft! Und deutsches Werk und Schaffen!

Heil Mittler!

Nachtrag: Den Anstoß zu diesem Beitrag gab uns Klaus Thörner mit seinem Vortrag „Arbeit macht frei – Über den Zusammenhang zwischen deutschem Arbeitswahn und Antisemitismus“.

Flimmern statt Fackeln: Zur 60. Berlinale 2010 durfte am deutschen
Filmwesen wieder die Welt genesen | © Sean Gallup, Getty Images

L‘Affaire Dreyfus

Stummfilm – 11 min., F 1899
Film von Georges Méliès

Bereits in den frühesten Anfängen der Filmgeschichte wurde deutlich, dass das Kino nicht nur Unterhaltungswert, sondern auch politische Dimension besitzt – und deshalb schon immer auch umkämpftes Terrain war. Der französische Filmpionier Georges Méliès ergriff 1899 als sogenannter „Dreyfusard“ mit seinen Aktualitätenfilmen „L‘Affaire Dreyfus“ eindeutig Partei für den 1894 zu Unrecht wegen Geheimnisverrats verurteilten jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus. Die Affäre löste nicht nur eine über Jahre andauernde Staatskrise in Frankreich aus, sie war darüber hinaus für den demokratischen Prozess in Europa ebenso von Bedeutung wie für die Entstehung des Zionismus als Reaktion auf den modernen Antisemitismus. Und damit wirkt sie, wiewohl es keine Dreyfusards mehr gibt, bis in die Gegenwart. Da Méliès‘ heute nicht mehr vollständig erhaltene Filmreihe anscheinend auch gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Dreyfusards und republikfeindlich gesinnten antisemitischen Schlägern provozierte, nutzte die Pariser Polizeibehörde die Gelegenheit für ein Verbot des Films.

Trotz Folter und Isolation: Alfred Dreyfus wird „Das Bagne“ – Frank-
reichs Strafkolonie
– 1899 lebend verlassen | © British Film Institute

Die Gezeichneten

Stummfilm – 95 min., D 1922
Ein Film von Carl Theodor Dreyer

Wer verschiedene Versionen von Sergei M. Eisensteins Revolutionsklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925) kennt, dem dürfte vielleicht die seltsame Leerstelle im 3. Akt aufgefallen sein, die die sowjetische Zensur in einer späteren Fassung des Films hinterlassen hat: Eisensteins Anspielung auf den Antisemitismus und die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung um das Revolutionsjahr 1905. Der 1922 in Berlin entstandene Stummfilm „Die Gezeichneten“ greift dagegen das Thema ganz unmittelbar auf: In Abwehr der revolutionären Erhebungen steigerte das zaristische Regime Nikolaus II. mittels seines Geheimdienstes Ochrana den traditionellen Judenhass der kaisertreuen, christlich-orthodoxen Mehrheit zum tausendfachen Judenmord. Wie in der Schlusssequenz mit der Rettung der Hauptfigur Hanne-Liebe dargestellt, entflohen in der Folge russische Juden massenhaft dem Terror im sogenannten Ansiedlungsrayon. Sie emigrierten meist in westliche Staaten oder als Olim in die osmanische Provinz Palästina. Ob der Film zeitnah in sowjetischen Kinos gezeigt wurde, ist uns nicht bekannt – die russischsprachige Fassung allerdings wurde erst 1960 in sowjetischen Archiven unter dem treffenden Titel „Погром“ wiederentdeckt. Im Jahr 2006 wurden „Die Gezeichneten“ vom Dänischen Filminstitut rekonstruiert. Weitere Informationen anlässlich der TV-Erstausstrahung 2009 gibt es hier zu lesen.

Mit Gruß an den Zaren und dem Segen der Kirche geht der Mob
zum Pogrom über | © Primus Film GmbH