Tag-Archiv für 'tobias-ebbrecht-hartmann'

Mullah-Diktatur Iran: Stolz wie Oscar

Bei der diesjährigen Oscar-Preisverleihung für den besten fremdsprachigen Film an „The Salesman“ hat Regisseur Asghar Farhadi dem modernen iranischen Kino einen Bärendienst erwiesen. Farhadi nahm die Einreisebeschränkungen der Trump-Administration zum Anlass, die Veranstaltung zu boykottieren und bei der stellvertretenden Entgegennahme des Preises eine an die Adresse Trumps gerichtete Protestnote verlesen zu lassen. Wie Kazem Moussavi auf seinem Iran Appeasement Monitor ausführt, habe es der als „regimekritisch“ gelabelte Regisseur Farhadi bei aller berechtigten Kritik an Trump jedoch versäumt, „umso deutlicher die Schicksale der Millionen Iraner, der Minderheiten, der oppositionellen Filmemacher und der kritischen Schauspielerinnen sowie der LSTB an(zu)klagen, die vom antisemitischen Regime inhaftiert, gefoltert oder ermordet wurden oder aus dem Land fliehen mussten und noch im Ausland vom Regime bedroht und terrorisiert werden“. Dementsprechend nahm das Mullah-Regime, dessen staatlich kontrollierte Medien über die Oscar-Preisverleihung (selbstverständlich in zensierter Form) ausführlich berichteten, Farhadis Film sowie seine Botschaft gegen den „Extremismus und fanatisches Verhalten“ der Trump-Regierung mit Wohlwollen und Freude zur Kenntnis.
Dabei wäre spätestens seit dem preisgekröntem Film „Taxi Teheran“ von Jafar Panhahi eine kritische internationale Öffentlichkeit für die Repression gegen iranische Filmschaffende und die restriktiven iranischen Produktionsbedingungen schon einigermaßen sensibilisiert gewesen. Schweigen zu den Verhältnissen im Iran kann für die Betroffenen sehr gefährlich werden. Wahrscheinlich wird auch der bereits mit Berufs- und Ausreiseverbot belegte Jafar Panahi nur noch wegen seines internationalen Bekanntheitsgrades vor dem direkten Zugriff islamistischer Tugendwächter geschützt. Weniger, nicht über ein Fachpublikum hinaus bekannte KünstlerInnen waren und sind dagegen ganz direkt von Gefängnis und Folter betroffen. Stellvertretend für viele weitere verfolgte KünstlerInnen im Iran sei an den Regisseur Keywan Karimi erinnert, der seit November 2016 wegen seines Films „Writing on the City“ zu 1 Jahr Gefängnis sowie 223 Peitschenhieben verurteilt worden ist. Ein ähnliches Schicksal dürfte bei Rückkehr in den Iran wohl auch die beiden Musiker erwarten, die in dem illegal produzierten Dokumentarfilm „Raving Iran“ die Hauptrolle spielten und dabei glücklicherweise Zuflucht in der Schweiz gefunden haben. Die Liste ließe sich fortsetzen. Mit seinem sehr einseitigen Protest hat Asghar Farhadi all diesen Menschen nicht nur keinen Dienst erwiesen. Er hat mit seinem Filmerfolg auch zur Aufwertung des islamistischen Massenmörder-Regimes beigetragen und durch seinen Boykott dem iranischen Antiamerikanismus Vorschub geleistet. Da Farhadi seine persönlichen künstlerischen Freiheiten im Iran offenbar ausreichend verwirklicht sieht, könnte die Schlussfolgerung an dieser Stelle also auch lauten: Boykottiert „The Salesman“!

Einen tieferen Einblick in den Themenkomplex „Iranisches Kino“ bietet Tobias Ebbrecht-Hartmann mit seinem bei extrablatt erschienenen Text „Europäische Sehnsucht und iranischer Kulturexport“ sowie sein Beitrag „Faszinierende Ambivalenz – Die Liebe zum iranischen Kino und die kulturelle Bedeutung des Appeasements“, der in dem Buch „Iran im Weltsystem“ erschienen ist.

Das Mädchen Marion – Preis der Nationen

Spielfilm – 88 min., BRD 1956
Film von Felix Lützgendorf und Wolfgang Schleif

Carl Raddatz, Winnie Markus und Brigitte Grothum spielen die Hauptrollen in diesem gefühlvollen Melodram aus dem Jahr 1956.“ ( 3Sat-Filmbesprechung von 2010)

Was kommt heraus, wenn der Cutter des antisemitischen Hetzfilms „Jud Süß“ sowie des Durchhaltefilms „Kolberg“ mit einem ehemaligen Kriegsberichterstatter der Leibstandarte SS Adolf Hitler zusammentrifft und im Nachkriegsdeutschland einen Film dreht? Ein echter deutscher Rassefilm! Und wenn dieser Film dann vielleicht noch auf dem „Mitteldeutschen Rundfunk“ ausgestrahlt wird, kann man vermuten, worum es gehen wird. Denn da, wo es rechts der Mitte nichts mehr gibt, muss folglich irgendetwas fehlen: Nämlich die durch „Flucht und Vertreibung“ verlorengegangenen Ostgebiete.
Hier lag einst auch das kleine ostpreußische Edelgestüt Trakehnen, angestammter Boden einer ganz besonders warmblütigen deutschen Rasse ( wie auch Schoß eines berühmten Sohnes). Die Blutslinie unseres Leithengstes „Prusso“ lässt sich gar direkt auf Wotan zurückverfolgen. Dass er auf dem strapaziösen Treck gen Westen nicht endgültig schlapp macht, liegt an seinem robusten Rassecharakter, denn so ein urdeutsches Zuchtvieh „steht immer wieder auf“. Und wenn es gegen eine Übermacht „nichts mehr zu gewinnen“ gibt, wird zunächst zwar „nicht nur die Heimat, sondern auch das Recht auf die Heimat“ hintangestellt. Aber mit Hilfe des einfachen Volkes und Rückbesinnung auf zünftiges deutsches Hand- und Bauernwerk gelingt auch andernorts ein Neuanfang. Nur gegen die lüsternen Nachstellungen sowie Enteignungen durch nachsetzende Schieber- und Schacherbanden muss deutsches Veterinärwesen das Recht doch noch einmal selbst in die Hand nehmen. Dabei reicht die reine Tierliebe vom Wunsch nach Todesstrafe bis zu „Blondie“. Und während die verwitwete, heimatlose Gutsherrin sich unablässig um den Wiederaufbau bemüht, treibt der zukünftige Gatte die Wiederherstellung der deutschen Haus- und Geschlechterordnung weiter voran. Von da an ist es mit ein wenig „Zuckerbrot und Peitsche“ für unsere rassige deutsche Jugend nur noch ein kurzer Ritt zur nationalen Wiedergeburt: Sie gewinnt den „Preis der Nationen“. Und dabei hat man den „Spanischen Reiter“ wie Franco-Faschisten („… gleiche Fehler, gleiche Zeit!“) ebenso schön stehen lassen wie schon zwei Jahre zuvor die Ungarn beim „Wunder von Bern“.
Und weil uns die Deutschen hier bis heute immer wieder was vom Pferd erzählen, stimmen wir mit der abschließenden Frage auch gleich wieder das alte Lied an: Wo blieb eigentlich die ultimative antideutsche Rosskur?

Nachtrag: Weitere Heimatfilme mit echt deutschem Stallgeruch sind dem Text „Die große Zerstreuung: Heimat-TV im deutschen Geschichtsfernsehen“ von Tobias Ebbrecht-Hartmann zu entnehmen.

Ruhig Brauner, ruhig!: „Das is ’ne starke Rasse. Die stehen immer
wieder auf!“ | © Schorscht Filmverleih GmbH

Kampfplatz Kino

Ausgehend von den Ereignissen am 04.03.2016 um das Berliner Kino Moviemento, als es parallel zu einer Filmvorführung im Rahmen der Israeli Apartheid Week erwartbar zu antisemitischen Anfeindungen gekommen war, möchten wir hier nur in gewohnter Kürze auf den sehr lesenswerten Beitrag „Kampfplatz Kino – Filme als Gegenstand politischer Gewalt in der Bundesrepublik“ von Tobias Ebbrecht-Hartmann hinweisen. Unter anderem greift der Autor darin die „antizionistischen“ Aktionen der Revolutionären Zellen gegen den Film „Victory at Entebbe“ sowie die des Internationalen Zentrums B5 gegen den Film „Warum Israel“ auf. Zur Illustration und Einstimmung auf den Text lag natürlich die folgende Szene nahe…

Die Berlinale und die europäisch-iranische Kulturpolitik

Dokumentation eines 2009 gehaltenen Vortrags von Tobias Ebbrecht-Hartmann zum unkritischen Umgang der Berlinale mit iranischen Filmproduktionen. Ein weiterer Vortrag von Kia Kiarostami beschäftigt sich mit den Produktionsbedingungen für Filme im Iran und den Protesten während der Berlinale 2009. Das aktuelle Programm der Berlinale findet sich hier.

Tobias Ebbrecht: Historische Filmdokumente als Quelle

yad vashem german 24.01.2013