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Vom Jordan bis zum Mittelmeer: Der Hass auf „Wonder Woman“

Spielfilm – 141 min., USA 2017
Regie: Patty Jenkins / Drehbuch: Jason Fuchs, William M. Marston

Die Comicverfilmung „Wonder Woman“ wird in einigen arabischen Staaten boykottiert. Nicht nur die Parteinahme der Hauptdarstellerin für Israel, auch die feministische Perspektive sowie die historischen Querverweise des Plots könnten ein Grund für diese Haltung sein.

Die Comicverfilmung „Wonder Woman“ feiert derzeit weltweit Erfolge. Kurz nach dem Kinostart Anfang Juni stand bereits fest, dass die Einspielergebnisse die Erwartungen der Produzenten um ein Vielfaches übersteigen werden. Dies überrascht umso mehr, als dass es bisher nicht selbstverständlich war, weiblichen Superhelden einen eigenen Film zu widmen und darüber hinaus mit Patty Jenkins auch noch einer Frau die Regie anzutragen. Die Reaktionen auf „Wonder Woman“ zeigen, dass Hollywoods Traumfabrik ganz offensichtlich einen Nerv getroffen hat.
In einigen arabischen Staaten stieß der Film jedoch schon im Vorfeld auf Ablehnung und wurde mit einem Bann belegt. Ausschlaggebend hierfür war die Unterstützung der Hauptdarstellerin Gal Gadot für die israelischen Streitkräfte. Gal Gadot, gebürtige Israeli und Nachkomme eines Shoah-Überlebenden, hatte während des Libanon-Krieges 2006 ihren 2-jährigen Wehrdienst absolviert und war als Ausbilderin der Israel Defense Forces tätig. Als Skandal wertet die Boykottbewegung einen 2014 geposteten Facebook-Eintrag, in dem die Schauspielerin ihre Unterstützung für Israel während der „Operation Protective Edge“ und ihre Abneigung gegen die Kriegsführung der Hamas zum Ausdruck brachte.
Während Gadot in sozialen Medien unablässig beschimpft und diffamiert wird, setzten sich von Algier bis Beirut staatliche Stellen, Boykott-Aktivisten und private Akteure bereits erfolgreich für ein Verbot des Films ein. In Algier wurde die „Wonder Woman“-Premiere während des Fastenmonats Ramadan vom Filmfestival „Nuits du cinéma“ verbannt. Nach einer Online-Petition «Non! Pas en Algérie», die unterstellt, Gal Gadot würde Phosphorbomben gutheißen, hatte man sich auf „administrative Zwänge“ berufen und zunächst einmal Verwertungsrechte klären wollen. Zuvor regte offenbar die Organisation „Campaign to Boycott Supporters of Israel-Lebanon“ die libanesischen Behörden dazu an, ein staatliches Verbot zu verfügen. Im Libanon sind Kontakte zwischen Libanesen und Israelis sowie der Handel mit israelischen Waren seit jeher verboten. Das Wirtschafts- und Handelsministerium soll diesen Boykott durchsetzen und „jeden Versuch des Feindes, unsere Märkte zu infiltrieren“, verhindern. Im arabisch-frühlingshaften Tunesien, einem Staat mit implizit antisemitischer Verfassung, waren mit einer Rechtsanwaltsvereinigung, politischen Parteien und staatlichen Stellen unterschiedliche Akteure am Vorführungsverbot beteiligt. „Es muss mobil gemacht werden in dieser Angelegenheit, sowie bezüglich allem, was zur Normalisierung mit der zionistischen Entität beiträgt“ ließ auch die linke „Front Populaire“ verlautbaren. In Ramallah, Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde, wurden die Kinobetreiber des Palestine Towers Cinema von sich aus aktiv und nahmen den Film gar nicht erst ins Programm. Auch in Jordanien prüften zuständige Stellen ein Verbot. Anzunehmen, dass den Beispielen weitere Staaten folgen werden. Jedenfalls sprechen schon die offiziellen Release Dates für Afrika und den Mittleren Osten eine deutliche Sprache.
Doch mit dem vordergründig Israel-feindlichen Verbot könnten noch weitere Motive verwoben sein, die in der bisherigen Berichterstattung noch keine Erwähnung fanden. So dürfte Gegnern und Zensoren des Film vermutlich auch die feministische Perspektive nicht allzu genehm gewesen sein. In den patriarchalen Gesellschaften jener arabischen Staaten werden wehrhafte und angriffslustige Superfrauen wie „Wonder Woman“ auch kaum auf eine Willkommenskultur treffen. Als Verkörperung individueller, sexueller und politischer Autonomie würde „Wonder Woman“ dort ganz augenscheinlich auch ohne Gal Gadot schon eine Provokation darstellen. Zugleich wird den Boykotteuren und Tugendwächtern der Film aber nicht nur als aggressiver Einbruch des „Westens“ in ihre patriarchale Ordnung erscheinen. Denn dass die Hauptrolle eben nicht einfach nur irgendeine Frau, sondern eine Israeli übernimmt, dürfte wiederum jenes antisemitische Ressentiment vom kulturzersetzenden Juden bestärken, welches sich auch in der Rede von Israel als „Fremdkörper“, als“ Gebilde“, als „Krebsgeschwür“ oder als „Brückenkopf des US-Imperialismus“ nicht nur im Nahen Osten Luft macht. Von aufklärenden Debatten und öffentlichen Auseinandersetzungen wie die um die CinemaxX-“Männerabende“ in Deutschland, die Diätwerbung und Putzschwämmchen in den Präsenttütchen belgischer Kinos oder die „Women only“-Vorführungen in den USA sind oben genannte Boykott-Staaten also meilenweit entfernt. Für das heimische Publikum holt man sich lieber von US-amerikanischen BDS-Aktivistinnen praktische Haushaltstipps, wie man mit antisemitischen Drecklappen die Normalität sexistischer Gewalt sauberwaschen kann. Diejenigen tunesischen Frauen beispielsweise, die nach ihrer Vergewaltigung mit ihrem Peiniger verheiratet wurden, damit der Täter straffrei ausgehen kann, werden sich für die Kritik an „Wonder Womans imperialen Feminismus“ bei Leuten wie Susan Abulhawa ganz bestimmt herzlichst bedanken.

Analogie zur Shoah: WK1-General Erich Ludendorff an der Schwelle
zur Gaskammer | © Warner Bros. Entertainment Inc. 2017

Des Weiteren könnte beim Verbot auch noch die geschichtspolitische Dimension des Plots hinzukommen. Neben der Personalie Gadot reizen einige Rezensenten anscheinend schon die Anordnung der Hauptfiguren und die historischen Konstellationen im Film bis aufs Blut. Bei Al Jazeera phantasieren antisemitische Paradiesvögel wie Hamid Dabashi in das mythische Amazonen-Eiland Themyscira sogleich den Staat Israel hinein. Dass „Wonder Woman“ dann auch noch mit einem US-amerikanischen Agenten in den Ersten Weltkrieg zieht, ist für den Professor der Columbia-University bestimmt auch nur die Bestätigung für die „United States of Israel“. Mehr noch: Da „Wonder Woman“ später an der Seite der Briten in die Schlacht zieht, lassen bei Antisemiten sicher schon bald Baron Rothschild und Lord Balfour grüßen. Schließlich schreiben wir das Jahr 2017 und somit 100 Jahre Balfour-Declaration. Dürften die ehemals Kolonisierten „Wonder Woman“ zu sehen bekommen, sie würden sich deshalb auch wohl eher auf der gegnerischen Seite der Front verorten: Im Film wird die Allianz zwischen dem Osmanischen Reich und dem Deutschen Kaiserreich schon recht frühzeitig ins Bild gesetzt. Und der kundige Zuschauer weiß, dass nach dem Sieg der Briten über die Osmanen an der Palästinafront auch die Neuordnung des Nahen Ostens folgte.
Aber was treiben eigentlich die Deutschen so im Film? Verdienterweise kriegen sie von „Wonder Woman“ und den Briten gehörig auf den Sack! Im Film tun die Stahlhelm-Deutschen eben genau das, was sie auch in der Geschichte bisher am weitesten trieben: Pardon wird nicht gegeben! In der Person des Generals Erich Ludendorff beschreiten sie den deutschen Sonderweg, deportieren Zwangsarbeiter und perfektionieren die Vernichtung durch Gas. Dass dabei die Shoah auch die Vernichtungsphantasien postnazistischer Antisemiten anregt, dürfte seit dem Jahr 2014 auch hierzulande hinlänglich bekannt sein. Dass sie schon im Film auf der Verliererseite stehen würden, das mochten wohl auch die Zensoren dem Publikum nicht zumuten.
Insofern ist der Boykott „Wonder Womans“ also vor allem eines: Eine Synthese aus radikalem Antifeminismus und Antisemitismus. Vor dem Hintergrund brutaler Unterdrückung von Frauen und eines mörderischen Hasses auf Israel und die Juden kann deshalb „Wonder Womans“ finaler Versöhnungskitsch auch leider nur verpuffen. Denn anders als in den Phantasien dieses Film wird ein erfolgversprechender Kampf um Humanität (oder wie sagt man hier immer so schön: „ums Ganze“?) derzeit nur selten geführt. Kurz: In der Realität hat Liebe offenbar ihre Grenzen. Die Verantwortung dafür, die tragen Antisemiten allerdings immer noch selbst.

X-Men: Magneto, der ewige Rächer

Spielfilmreihe – AUS/USA 2000-2017
Regie: Singer, Ratner, Mangold, u.a.

Ob Holocaust, Kalter Krieg, atomares Wettrüsten oder Nahostkonflikt – immer wieder eröffnet der Film Assoziationsspielräume, in denen das Gesehene ins Außerfilmische weitergedacht werden kann, ohne die Unterhaltung zu beschädigen.“

(Augsburger Allgemeine zu X-Men: Apocalypse)

Seit der äußerst erfolgreichen Verfilmung der X-Men-Comics gilt auch Magneto als einer der herausragenden Superhelden des Marvel-Universums. Im Gegensatz zu Spider-Man & Co. besteht bei Magneto allerdings eine Besonderheit: Magneto ist der klassische Antiheld… und er ist Jude. Dafür verantwortlich zeichnet X-Men-Autor Chris Claremont, der schon in den 80er Jahren aus dem einstigen Superschurken Magneto eine tragische Figur machte, die sich nach der Erfahrung von Auschwitz von der Menschheit abwendet und diese mittels (elektro-)magnetischer Superkräfte ebenso gnadenlos bekämpft wie all jene Mutanten, die auf friedliche Koexistenz mit den Menschen setzen. In der aktuellen Ausstellung „The Holocaust and comics“ im Pariser Mémorial de la Shoah wird ihm daher einiges an Raum und Bedeutung zugemessen. Zur Ausstellungseröffnung erläutert Chris Claremont im arte-journal kurz und prägnant, Magneto sei „nicht unbedingt [soll heißen: nicht grundlos; Anm.d.R.] ein böser Mensch. Er war durch seine Erfahrungen geprägt und kämpfte verzweifelt [soll heißen: affektiv, ohne Sinn und Verstand; Anm.d.R.] dafür, dass so etwas nie wieder passiert. Ähnlich wie David Ben-Gurion, Elie Wiesel oder Menachem Begin“.
Als Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz macht Magneto daher nicht einfach nur coole Antifa-Action gegen deutsche „Schweinebauern“ (was X-Men – First Class so etwas wie den Nimbus eines inoffiziellen Inglourious Basterds 2 eingebracht haben könnte), in klassischer Täter-Opfer-Umkehr hat er der gesamten Menschheit den Kampf angesagt und gründet dafür im Verlauf eine quasirassistische Bruderschaft der Mutanten. Dabei zeigt Magneto nicht nur eine kaum zu übertreffende Destruktivität, auch bei der Wahl der Waffen ist er nicht zimperlich. Er greift denn auch nicht beispielsweise zu einem US-amerikanischen Kulturgut, welches wahrscheinlich Woody Allen dem „Bärenjuden“ in Tarantinos Inglourious Basterds in die Hände legte: Neben dem charakteristischen Stahlhelm, den Magneto seinem ehemaligen KZ-Peiniger abgekupfert hat, setzt er im Extremfall als Mordwerkzeug lieber SS-Dolch, eine Pistole Marke „Walther“ oder auch die kleine 5-Reichsmark-Münze ein, die er als Andenken an Auschwitz mit sich herumträgt wie einen Talisman.
Dass Magneto letztlich nichts aus der Shoah gelernt hat, wird mit wuchtiger Unmissverständlichkeit treffend ins Bild gesetzt, wenn er vor dem apokalyptischen Vernichtungsfeldzug gegen die Menschheit die Überreste von Auschwitz, und damit symbolisch eben auch jede Erinnerung an die nazistische Barbarei zerstört. In der Szene der vereitelten Hinrichtung/Opferung Mystiques in Paris wiederum wird er vor Delacroix‘ berühmten Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ je nach Lesart entweder in die Tradition des revolutionären, des despotischen, oder vielleicht doch nur der Einfachheit halber in die eines irgendwie „totalitären“ Terrors gestellt. Selbstredend, dass auch Folter von Gefangenen bei Magneto auf dem Programm steht.
Dem unversöhnlichen Rache-Engel Magneto wird als Gegenspieler allerdings sein Freund Professor Xavier beigestellt, welcher das Gute, das Geistig-Moralische und die Hoffnung verkörpert und ihm in etlichen Dialogen die Werte der Menschenliebe zu vermitteln sucht. Neben seinen psionischen und telepathischen, Mensch wie Mutant erfassenden Superkräften ist er zudem zu extremer Empathie und Mitleid fähig. Der Vergleich Xaviers mit Christus liegt da nicht fern. Auch wenn Xavier durch Magnetos Eigenwilligkeit zwar nicht gleich ans Kreuz geschlagen, dafür aber in sein selbiges geschossen und seitdem an den Rollstuhl gefesselt wird. Die Mission, seinen Freund Magneto zu bekehren, wird Professor Charles Francis Xavier, wie er mit vollem Namen heißt, dennoch nicht aufgeben. (An dieser Stelle ist die Randbemerkung, dass der von Namenspatron Franz Xaver mitbegründete Jesuitenorden seine fast 400-jährige judenfeindliche Aufnahmepraxis im Jahr 1946 abgeschafft hat, für das Verhältnis Xavier/Magneto vielleicht gar nicht so unerheblich.) Denn auch wenn Magneto sich der mentalen Auf- und Eindringlichkeit Xaviers noch mittels seines Helms zu erwehren weiß: Zu guter Letzt kann dann schließlich doch ein finaler Appell an Magnetos Nächstenliebe die Menschheit vor der totalen Vernichtung retten.
Nimmt man Chris Claremonts Bezugnahme auf Ben-Gurion & Co ernst, dann verengt sich der Assoziationsspielraum aber auch in Filmszenen, die auf die Weltpolitik ganz direkt anspielen: Die besondere Herausstellung Israels auf einer internationalen Antirassismus-Konferenz beispielsweise sowie die Subsumierung Israels unter die Atom- und Supermächte des Jahres 1983 mögen noch so subtil daher kommen, zufällig sind solche Details in einem durchkomponierten Spielfilm nie. Die Verknüpfung des Rassismus und der Bedrohlichkeit Magnetos mit ähnlich lautenden Vorurteilen gegenüber Israel dürfte dem Publikum nicht sonderlich schwer fallen. Mit der Zuschreibung eines übermächtigen Potentials an Destruktivität, der Unverhältnismäßigkeit seiner Gewalt, der ewigen Unbelehrbarkeit wie einer stereotypen Vergeltungssucht bieten beide – Magneto wie Israel – eine für Antisemiten ideale Projektionsfläche.
Mit X-Men ist Hollywood und Marvel also nicht nur eine effektvolle Übertragung antizionistischer Diskurse auf die Leinwand gelungen, die Filmreihe zeigt auch mehr als deutlich, wie stark der Antizionismus dem antijüdischen wie antisemitischen Ressentiment verhaftet ist. Dabei den Zivilisationsbruch Auschwitz gegen Israel und die Juden in Stellung zu bringen, kleine Nazi-Vergleiche inklusive, gehört zwar auch schon länger zum Standardrepertoire sogenannter „Israelkritik“, in ihrer Bildgewaltigkeit bleibt die Inszenierung vom unverbesserlichen Juden(-staat) jedoch bisher unübertroffen. Dem Superhelden Magneto da auch noch Ausstellungfläche im Mémorial de la Shoah zur Verfügung zu stellen, könnte man daher eigentlich fast nur noch mit Kopfschütteln begegnen. Oder mit einem anderen Superhelden!

So würde man ihn gern sehen, den jüdischen Übermenschen von
heute: Wegen Ausschwitz zahlt Magneto mit gleicher Münze heim
| © 20th Century Fox

Defiance

Spielfilm – 137 Min., USA 2008
Ein Film von Edward Zwick

Vergesst den ‚guten Deutschen‘ Oskar Schindler, schlagt euch den Mythos von den Schafen auf dem Weg zur Schlachtbank (Hannah Arendt) aus dem Kopf: Hier kommen die Bielski-Brüder und machen den Deutschen und ihren Helfershelfern Feuer unter ihren arischen Ärschen. Und dabei retten sie noch über 1000 Juden! Noch bevor dieser Film über die Bielski-Brüder überhaupt angefangen wurde zu drehen, hagelte es in Polen bereits Kritik, so Gabriele Lesser in der Jüdischen Allgemeinen: Tuvia Bielski sei in Wirklichkeit ein Bandit gewesen, er und seine Leute hätten das polnische Dorf Naliboki dem Erdboden gleichgemacht. Der Film, so der Vorwurf, werde dieses Massaker nicht zeigen, denn er stütze sich auf das Buch Bewaffneter Widerstand: Jüdische Partisanen im Zweiten Weltkrieg von Nechama Tec – einer Überlebenden von Bielskis Gruppe.
Tec und all die anderen hatten überlebt, indem Tuvia Bielski sie zu sich nahm, obwohl viele von ihnen keine Kampferfahrung hatten oder nicht kämpfen konnten. Zusammen befreiten sie Juden aus den umliegenden Ghettos, führten Sabotageaktionen gegen die Deutschen durch und organisierten das Zusammenleben einer immer größer werdenden Gruppe. Über die Zeit war eine regelrechte Stadt im Wald mit Schule, Krankenstation und einer Synagoge entstanden.
Als der Film dann in Polen in die Kinos kam, legte sich die Aufregung wieder, denn Polen kommen in Defiance schlichtweg nicht vor, weder als Täter noch als Opfer oder als Bystander. Der verschwörungsideologische Vorwurf, wonach in dem ‚antipolnischen Machwerk aus Hollywood‘ jüdische Gewalt gegen Polen unter den Teppich gekehrt werden soll, entbehrt zudem jeder Grundlage, wie Zeithistoriker nach Erscheinen des Films in der linksliberalen Gazeta Wyborcza deutlich machten: Nicht die Bielski-Gruppe war für den Überfall auf das Dorf verantwortlich, sondern drei sowjetische Partisanen-Abteilungen der Stalin-Brigade.
Laut einer Rezension nimmt es das Buch mit der historischen Wirklichkeit genauer als der Film, der schließlich dramaturgischen Anforderungen genügen muss: Das Leben im „Jerusalem in den Wäldern“ sei nicht immer solidarisch gewesen – was der Film gleichwohl nicht verschweigt –, und für die Szene mit den deutschen Flugzeugen gebe es keine Belege. Dass das Leben im Wald unter den gegebenen Bedingungen – Vernichtungsdruck durch die Deutschen und ihren Kollaborateuren, Antisemitismus durch sowjetische und polnische Partisanen, Gruppenkonflikte und allumfassender Mangel an Ressourcen – kein Zuckerschlecken gewesen ist, sollte klar sein. Umso irritierender waren die an in permanenter Todesangst lebende Menschen gerichteten Vorwürfe aus Polen, wo der Mythos des nationalen Leidens bereits seit einiger Zeit Gegenstand von erbitterten identitätspolitischen Kämpfen geworden ist.

Animal Farm – Aufstand der Tiere

Zeichentrickfilm – 72 min., GB 1954
Nach einer Fabel von George Orwell

Als Nachtrag zum „Tag der Arbeit“ möchten wir hier auf Stephan Grigats bereits 2013 gehaltenen Vortrag zur „Kritik der Arbeit“ hinweisen, der sich unter anderem am Beispiel der Verfilmung von George Orwells „Animal Farm“ mit dem Zusammenhang zwischen Arbeitsfetischismus und Antisemitismus beschäftigte. Die hier leicht gekürzten Ausführungen Grigats sollen sogleich als Einführung dienen: Der Film ignoriere „in seiner Stalinismus-Kritik nicht nur den Stellenwert des Antisemitismus in den realsozialistischen Ländern; ein Antisemitismus, der eines der Resultate von Produktivitätsideal, Arbeitsethos und einer proletarischen Moral war, die sich natürlich immer irgendwie gegen sie torpedierende, zersetzende Kräfte zur Wehr setzen musste. Sondern „Animal Farm“ bleibt über weite Strecken selbst einer Denkart verhaftet, die nie und nimmer etwas zu einer Emanzipation oder auch nur Aufklärung wird beitragen können. Es wird dort nicht einfach nur Herrschaft kritisiert, sondern es wird die Herrschaft der dekadenten, in Luxus schwelgenden, auch noch Alkohol trinkenden Führungselite kritisiert – und zwar im Namen des ehrlich arbeitenden, sich natürlich in Abstinenz übenden Volkes. Unterschwellig richtet sich die Kritik somit gegen Luxus und Reichtum selbst, gegen Luxus und Reichtum, der aber doch das ganze Ziel jeder ernsthaften emanzipativen Bestrebung sein müsste. Bei solch einer Denkfigur, welche also die stalinistische Vergötterung der „schaffenden Arbeit“ selbst noch in die Kritik am Stalinismus integriert, und also übernimmt, da ist es überhaupt kein Wunder, dass auch antisemitische Stereotypen in der Verfilmung von „Animal Farm“ nicht fehlen dürfen. Man denke nur an die Figur des Wempel, ein völlig auf das Geld fixierter, sich nicht um die Allgemeinheit scherender Händler, der mit einer schlafwandlerischen Sicherheit mit einer Physiognomie ausgestattet wurde, wie Antisemiten sie für Juden reserviert haben.“

Lauernd, raffend und wurzellos: Händler Wempel beim Geldzählen
| © Halas and Batchelor Production

Das Geständnis

Spielfilm – 133 min., F 1970
Ein Film von Constantin Costa-Gavras

Verfilmung des Berichts von Artur London, der als Überlebender des sogenannten Slánský-Prozesses im Jahr 1952 mit 13 weiteren hochrangigen Funktionären der tschechoslowakischen KP wegen Hochverrat verurteilt worden war. Unter Hervorhebung ihrer „jüdischen Abstammung“ und aufgrund von unter Folter abgepressten Geständnissen wurden gegen die „staatsfeindlichen Verschwörer“ u.a. insgesamt 11 Todesurteile gesprochen und vollstreckt. Zur antisemitischen Dimension dieses und anderer stalinistischer Schauprozesse wird hier auf einen Vortrag von Jan Gerber, einen Vortrag von Olaf Kistenmacher und die Dokumentation „Stalin hat uns das Herz gebrochen“ verwiesen.

Die Kommissarin

Spielfilm – 104 min., SU 1967/1987
Ein Film von Aleksander Askol‘dov

In der Sowjetunion einen anspruchsvollen und vielschichtigen Revolutionsfilm ohne jedes Pathos zu produzieren und darin das Schicksal der jüdischen Bevölkerung während des Russischen Bürgerkrieges (1917 – 1922) herauszuheben, ja nebenbei noch die Shoah zu thematisieren, das war in der Breschnew-Ära ein unmögliches Unterfangen. Insbesondere für einen Film, der einen Roman des in Ungnade gefallenen Schriftstellers Wassili Grossman zur Grundlage nahm. Als „antisowjetisch“ verboten, wurde „Die Kommissarin“ erst 1987 auf den Moskauer Filmfestspielen uraufgeführt, alsbald auf internationalen Filmfestivals ausgezeichnet und weiterhin durch TV-Ausstrahlungen einem breiten Publikum bekannt.

Persepolis

Zeichentrickfilm – 95 min., F 2007
Buch/Regie: Vincent Paronnaud, Marjane Satrapi

Die Regisseurin erzählt die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend während und nach der islamistischen Revolution in Iran. Nach dem gleichnamigen Comic.

Der Untertan

Spielfilm – 109 min., DEFA 1951
Buch/Regie: Fritz Staudte, Wolfgang Staudte

Bissige Satire auf das Wilhelminische Kaiserreich am Vorabend des 1. Weltkrieges. Nachdem schon die gleichnamige Romanvorlage von Heinrich Mann 1933 auf den Scheiterhaufen der Deutschen Studentenschaft verbrannte, wurde der Film in der Bundesrepublik bis 1969 als verfassungsfeindliche Publikation verboten.