Tag-Archiv für 'zionismus'

Matzpen

Dokumentation – 54 Min., ISR 2003
Ein Film von Eran Torbiner

Matzpen (hebr. Kompass) war eine sozialistische, antizionistische Gruppierung in Israel in den sechziger und siebziger Jahren, die von ehemaligen Mitgliedern der Kommunistischen Partei Israels, Maki gegründet wurde und die sich eine zeitlang einer großen Beliebtheit bei verschiedenen linken europäischen Antizionisten erfreute. So hatten einige ihrer Kader intensiven Kontakt zu trotzkistischen Gruppen in London. Eran Torbiner lässt ehemalige Mitglieder von Matzpen und von Organisationen, mit denen sie zusammen gearbeitet haben wie der DFLP (Demokratische Front zur Befreiung Palästinas), ausführlich zu Wort kommen. Die DFLP, laut Stephan Grigat lange Zeit für einen gemäßigten Antizionismus stehend, war 1974 für eine gescheiterte Geiselnahme in der nordisraelischen Stadt Ma‘alot verantworlich, in deren Verlauf über zwanzig israelische Schüler getötet wurden. Der Teil, in dem es um die DFLP geht, ist dann auch der einzige in der Doku, in der überhaupt Zweifel an der eigenen politischen Ideologie und den sie teilenden Bündnispartnern geäußert werden. Für Nayef Hawatmeh, dem ehemaligen Generalssekretär der DFLP scheint die Tat jedoch kaum Anlass zur Selbstkritik zu geben. Die politische Führung einer Organisation könne nun mal nicht immer volle Kontrolle über ihre Kämpfer ausüben. Ansonsten gibt es das volle antizionistische Programm: Forderung nach einer Einstaatenlösung und nach einem unverhandelbaren Rückkehrrecht aller Palästinenser, Täter-Opfer-Umkehr etc. Daniel Cohn-Bendit kommt auch vor. Für ihn war noch 2003, also während die Zweite Intifada tobte, Matzpen „the honor of Israel“. So weit, so schlecht. Nun, Matzpen gibt es nicht mehr. Einige ihrer ehemaligen Kader machen jedoch weiterhin Politik. Und viele linke Antizionisten außerhalb Israels, die immer auf der Suche nach jüdischen Kronzeugen sind, halten Matzpen in ehrbarer Erinnerung.

Zur weiteren Lektüre empfehlen wir Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung von Grigat.

Bomben in einen Supermarkt werfen? Heißt Oded Pilavsky
nicht gut, ist für ihn jedoch „legitimer Widerstand“ | © Torbiner

Al Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser

Dokumentation – 45 min., D 2008
Film von Richard C. Schneider

Eine vordergründig facettenreiche und krampfhaft um Differenziertheit bemühte Dokumentation, die ihre Scheinobjektivität ob der überrepräsentierten palästinensischen Narrative und der subtilen Unterstützung eines Rechts auf Rückkehr aber kaum zu verhüllen vermag. Die unkommentierten und unhinterfragten Widersprüche, Halbwahrheiten, Beiläufigkeiten und Auslassungen im Film hätten hier eine umfangreichere Besprechung verdient – wäre da nicht der von uns sehr geschätzte Alex Feuerherdt mit seinem Vortrag zum Mythos „Nakba“. Ebenso unverständlich bleibt das Ausblenden des „Rückkehrrechts“ als Politikum, sprich der unnachgiebigen Haltung arabischer Führer bei „Nahost-Friedensgesprächen“, deren Maximalforderungen gleichsam auf die Zerstörung des Staates Israel zielen wie die Shahids auf das Leben der Juden. Dass es nach dem Abzug von Richard C. Schneider aus dem ARD-Studio Tel-Aviv im Jahr 2016 anscheinend noch einseitiger und manipulativer zugeht, zeigt Susanne Glass mit ihrem Beitrag „Nakba – Palästinenser gedenken der Katastrophe“ für den ARD-Videoblog „Nahost ganz nah“. Zur Durchdringung des israelisch-arabischen Verhältnisses empfiehlt sich der aktuell erschienene „Guide for the Perplexed“ sowie weiterhin „Israels Existenzkampf – Eine moralische Verteidung seiner Kriege“ von Yaakov Lozowick.

Unkommentierte Schlüsselszene: „Ich wünsche, dass Israel zer-
fällt. Mit Gottes Willen. Aber erst, wenn Amerika zerfällt.“ | © BR

L‘Affaire Dreyfus

Stummfilm – 11 min., F 1899
Film von Georges Méliès

Bereits in den frühesten Anfängen der Filmgeschichte wurde deutlich, dass das Kino nicht nur Unterhaltungswert, sondern auch politische Dimension besitzt – und deshalb schon immer auch umkämpftes Terrain war. Der französische Filmpionier Georges Méliès ergriff 1899 als sogenannter „Dreyfusard“ mit seinen Aktualitätenfilmen „L‘Affaire Dreyfus“ eindeutig Partei für den 1894 zu Unrecht wegen Geheimnisverrats verurteilten jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus. Die Affäre löste nicht nur eine über Jahre andauernde Staatskrise in Frankreich aus, sie war darüber hinaus für den demokratischen Prozess in Europa ebenso von Bedeutung wie für die Entstehung des Zionismus als Reaktion auf den modernen Antisemitismus. Und damit wirkt sie, wiewohl es keine Dreyfusards mehr gibt, bis in die Gegenwart. Da Méliès‘ heute nicht mehr vollständig erhaltene Filmreihe anscheinend auch gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Dreyfusards und republikfeindlich gesinnten antisemitischen Schlägern provozierte, nutzte die Pariser Polizeibehörde die Gelegenheit für ein Verbot des Films.

Trotz Folter und Isolation: Alfred Dreyfus wird „Das Bagne“ – Frank-
reichs Strafkolonie
– 1899 lebend verlassen | © British Film Institute

Menschenrechte, ein ewiger Kampf

Dokumentation – 53 min., F 2009
Ein Film von Caroline Fourest und Flammetta Venner

Doc en stock-Produktion zur Entstehung, Zusammensetzung und Arbeitsweise des UN-Menschenrechtsrates (UNHRC) unmittelbar vor der Neuauflage der berüchtigten Durban-Konferenz in Genf. Wenn auch sehr vorsichtig und zuweilen nebulös verstehen es die Filmemacherinnen ihrer kritischen Betrachtung eines Gremiums, das in seiner Mehrheit der Durchsetzung von Menschenrechten, Demokratie und Säkularismus feindlich gegenübersteht, einen treffenden Rahmen zu geben: Das die meisten Teilnehmerstaaten einigende Moment der obsessiven Beschäftigung mit vermeintlichen Menschenrechtsverletzungen durch Israel. Anschaulich brächte dies auch ein kleiner Clip des World Jewish Congress zum Ausdruck. Wobei sich diese Fokussierung bis heute noch deutlich verschärft hat. Letztlich müssten beim konstatierten Elend der Vereinten Nationen das hilflos wirkende Plädoyer des Films zur Diskussion gestellt und eher deutlichere Formen von Gegenwehr entwickelt werden.

Müssten doch zufrieden sein: „Heiliger Stuhl“ und „Staat Palästina“
mit Beobachterstatus in Genf | © Doc en stock, Arte France